Um 12:50 Uhr geht unser Flug von Hongqiao nach Taiyuan, der Haupstadt von Shanxi, dieser Provinz "westlich der Berge", so die Bedeutung des Namens. Sie liegt gewissermassen im Nordwesten des chinesischen Ostens. Am Flughafen, der noch fast brandneu ist, erwartet uns Sue. Sie spricht recht gut Englisch und ist auch gar nicht mehr so ganz jung, wirkt entsprechend erfahren und aufgeschlossen und vielseitig interessiert. Ja, den Flughafen haetten die olympischen Spiele letztes Jahr der Stadt beschert. Und ueberhaupt habe sich Shanxi in den letzten zehn Jahren sehr stark entwickelt. Frueher sei es wirklich hinter den sieben Bergen gelegen, abgeschieden und abgeschnitten vom Fortschritt. Dann habe der Provinzgouverneur den Slogan ausgegeben, dass, wer den Reichtum ins Land holen wolle, erst einmal Strassen bauen muesse, weshalb es jetzt eine hervorragend ausgebaute Strasseninfrastruktur gebe. Stimmt, die Strassen sind hier recht gut. Ansonsten sei Shanxi eine Provinz mit Schwerindustrie, ein Tummelplatz fuer Hubertus Schmoldt: Bergbau, Chemie, Energie. Die Felder werden auch bestellt, ueberwiegend mit Mais, aber auch mit Weizen. Der Mais ist gerade geerntet worden, und im Spaetnachmittagslicht leuchtet uns sein sattes Gelb vielfach an. Entweder als Maiskornschicht auf dem Standstreifen, wo die Koerner zum Trocknen ausliegen (nicht sehr appetitlich), oder in Form von geschuetteten oder saeuberlich geschichteten Kolben vor den Haeusern.
Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Wohnkomplex "Qiao Jia Da Yuan" der Familie Qiao, der aus dem 18. Jahrhundert stammt. Seit 1991 hat er grosse Beruehmtheit erlangt und ist ein wahrer Touristenmagnet geworden. Da hatte naemlich Zhang Yimou diesen Ort als Drehort fuer seinen Rote-Laterne-Film ausgemacht, in dem Gong Li als Si Taitai, Ehefrau No. 4, ein wenig schoenes Schicksal ereilt. Jetzt fuehrt eine von Verkaufsstaenden gesaeumte laaaaange Strasse hin. Es gibt viele Nuesse und Sonnenblumenkerne und Suessigkeiten, die daraus gemacht werden. Einige Suessigkeiten werden mit dem Vorschlaghammer auf Baumstuempfen zurechtgearbeitet! Ein anderes Kuriosum sind die "Kieselkuchen", shitoubing. Das sind flache Fladen in den Geschmacksrichtungen natur, schwarzer Sesam und Fruehlingszwiebel, die aussehen wie … ja, wie was? Wie unregelmaessiges Waffelpikee? Oder wie gehaemmertes Metall, nur groeber? Dazu werden erst eingeoelte Kiesel tuechtig gebraten, bis sie recht heiss sind. Dann kommt der Teigfladen dazu, der zwischen den heissen Kieseln gebacken wird. Daher die unregelmaessigen Vertiefungen!
Schliesslich erreichen wir den Eingang des riesigen Komplexes. Gegenueber liegt eine "Geisterschutzwand" mit den hundert Formen des Wortes shou, Langlebigkeit. Innerhalb der Mauern befinden sich 5 Wohnhoefe mit insgesamt 313 Zimmern sowie ein Gartenhof. Der Ahnherr der Familie stammte aus armen Verhaeltnissen und hat sich als frueher "Selfmademan" zu einem reichen Geschaeftsmann und Wohltaeter hochgearbeitet. Vorwiegend mit Tofuhandel. - In den meisten Raeumen werden irgendwelche mehr oder weniger folkloristischen Exponate gezeigt. Ausserdem gibt es die drei Schaetze des Hauses zu sehen: einen grossen runden Spiegel in einer kunstvollen (Ebenholz?-)Fassung namens "Rhinozeros, den Mond betrachtend" (dabei sieht das Tier sehr wenig wie ein Nashorn aus - ich halte es fuer ein normales Rindvieh), eine Zehntausend-Leute-Betrachtungskugel, die angeblich das Spiegelbild von so vielen Leuten fein saeuberlich und ohne grosse Verzerrung zurueckwerfen kann, und die Neun-Drachen-Lampe, ein Geschenk der Kaiserinwitwe Cixi, die hier nach ihrer Flucht aus der Verbotenen Stadt ein paar Tage Station machte und ob ihrer freundlichen Aufnahme so erfreut war, dass sie der Familie einige Geschenke machte.
Ueberhaupt ist alles recht reich verziert. Es gibt Holzschnitzereien und auch feinteilige Ziegel- und Steinmetzarbeiten, und ueberall haengen die typisch chinesischen roten Laternen. Im schwaecher werdenden Licht der Nachmittagssonne hat sich der Ort trotz der vielen Touris eine schoene Atmosphaere bewahrt.
Gegen sechs Uhr wird es dunkel, und wir brechen auf nach Pingyao, das wir nach einer knappen weiteren Stunde erreichen. Die Stadt darf tagsueber nicht mit Autos befahren werden, und auch abends haben nur die Anwohner eine Einfahrgenehmigung. Wir beschliessen, zu Fuss zu gehen, und kommen durch einige ganz schoen finstere Gassen, bevor wir unser HongShanYi-Hotel erreichen, dass mit seinen Hoefen und roten Laternen so aehnlich aussieht wie der Qiao Jia Da Yuan. Bloss, dass hinter den Holzfenstern und -tueren klimatisierte Gastraeume mit fliessend warmem und kaltem Wasser liegen. So weit, so gut!
Jaja, ich weiß, manche/r hätte gern mehr Fotos aus Shanghai und von unterwegs gesehen ... insgesamt sind in den vergangenen dreieinhalb Jahren ca. 45.000 Stück entstanden. Aber das hat man eben nur zum Teil meiner Faulheit zu verdanken - zu einem mindestens genau so großen Teil der chinesischen Regierung mit ihrer "great firewall". Hoch lebe das freie Internet!
Wer weiterhin meine Bemerkungen über Gott und die Welt lesen möchte, klickt bitte hier:
Das neue Jahr des Schweins
Wenn ich es schaffe, gibt es hier übrigens auch noch Updates, und zwar aus den bisher unveröffentlichten Reisetagebuchnotizen.
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Mittwoch, 14. Oktober 2009
Dienstag, 13. Oktober 2009
Freitag, 2. Oktober 2009: Zwischen Berg (Peak) und tiefem tiefem Tal (Ballsaal)
Nach unserer Abfahrt vom Victoria Peak lassen wir uns in den westlichen Teil von Hong Kong City bringen, zur Des Voeux Road (W). Sheung Wan heissen das Viertel und die westliche Endstation der Island Line, die im Norden der Insel Hong Kong, also unter den zentralen Stadtbezirken, eine MTR-Verbindung zwischen Westen und Osten herstellt. Das Viertel scheint sich um den "Western Market" zu gruppieren, ein Gebaeude aus der Kolonialzeit, das ein wenig an ein Kastell erinnert und mit hellen und dunklen Ziegeln vielleicht auch ein bisschen maurisch aussieht. Bevor wir den erreichen, kommen wir zuerst durch eine Strasse mit einem TCM-Geschaeft neben dem anderen, wobei der Schwerpunkt des Sortiments hier auf getrockneter Meeresmedizin liegt. Das meiste hat diese typische gelbbraeunliche "Un-Farbe": diese Meerestiere sind buchstaeblich verblichen. Reichlich vorhanden sind auch getrocknete Seegurken, die zum Teil auch schon wieder eingeweicht angeboten werden. Die sehen wirklich nicht appetitlich aus - irgendwie muss ich immer an …haufen mit Noppen denken. Es gibt auch Seepferdchen und Seenadeln und diese paarweise gekreuzigten und am Kreuz getrockneten Echsen. Sie werden meist mit netten roten Schleifen daran befestigt. Hier hat man auch schon die ersten dieser luftig-leicht aussehenden "Schaelchen", die wir jetzt noch nicht zu deuten wissen. Auch die dicken schwarzen Platten, deren Struktur ein wenig an Luffah erinnert, bleiben uns ein Geheimnis.
Bevor wir den westlichen Markt erreichen, kommen wir noch an ein paar Schaufenstern vorbei, die man heutzutage fuer nicht mehr moeglich gehalten haette. Das eine scheint eine Art Drogerie- oder Apothekenfenster mit suedostasiatischen Mittelchen zu sein, die in einem kleinen Fenster in mehreren Reihen uebereinander ausgestellt sind. Das Design der Verpackungen sieht zum Teil doch sehr nostalgisch aus, so dass ich mich frage, ob dies nicht vielleicht eher ein kleines privates Museum ist?! - Das andere Schaufenster enthaelt Pyramiden von verblichenen Konservendosen, die schon selbst aussehen wie Ueberbleibsel aus den 1950er Jahren. Und nichts weiter! Wer soll das denn auch nur entfernt attraktiv finden?? - Im Western Market gibt es eine deutsche Baeckerei namens "Das Gute", die auch eine Café-Ecke hat. Schade eigentlich, dass wir noch vom Saftladen auf dem Victoria Peak "bedient" sind! Ansonsten gibt es da diverse Futtergeschaefte und Kramlaeden, und im ersten Obergeschoss befindet sich ein Stoffmarkt. Das zweite OG, unterm Dach juchhe, ist gesperrt: hier sind schon die Tische fuer ein Hochzeitsbankett aufgebaut.
Die Strasse namens Bonham Strand unweit von hier ist das Zentrum des Handels mit Ginseng - und mit Vogelnestern. Ach so! Die erwaehnten luftig-leicht aussehenden "Schaelchen" sind Vogelnester. Klar; wenn man das einmal weiss … ist das sehr plausibel, und man fragt sich, wieso man nicht direkt selbst darauf gekommen ist.
Wir folgen weiter der Route, die uns die Lonely-Planet-Autoren vorgeschlagen haben, und kommen bald darauf in die Hollywood Road, die nicht direkt in das beruehmte Stadtviertel von Los Angeles gleichen Namens fuehrt. Vielmehr haben hier wohl frueher zahlreiche "Holderbuesche" (in Wirklichkeit aber Stechpalmenbuesche) gestanden. Auch wenn heute nichts mehr sticht, biegen wir schnell wieder von ihr ab zur Taipingshan-Strasse, deren Strassenecke von einem grossen rosafarbenen "Toilettenpalast" dominiert wird. (Waehrend ich das so schreibe, beginne ich mich zu fragen, ob das wohl die sanitaeren Anlagen fuer die Bewohner der umliegenden Haeuserblocks sind?) Aber natuerlich ist nicht das die Sehenswuerdigkeit, sondern vielmehr die kleinen Tempelchen, die sich hier ganz unpraetentioes in die Mietskasernen eingereiht haben, ohne schnoerkelige Daecher oder Torbalken. Einer hat eine Art Drahtverhau-Loggia, in der zahlreiche Raeucherspiralen haengen, so dass der Rauch sich ungehindert verziehen kann. Wenn man bis ganz nach hinten durchgeht, entdeckt man, dass es sich um einen Ahnentempel handelt, in dem zahlreiche Verstorbenen-Andenkentaefelchen aufbewahrt werden, die die Erinnerungen wach halten sollen. Der andere Tempel oeffnet sich einfach garagentorweit zur Strasse hin und ist Kwun Yam gewidmet, wer auch immer das sein mag. Ein paar Meter weiter findet sich noch ein Tempel mit einem schoen geschnitzten, vergoldeten Holzdekor ueber dem Eingang.
Nun geht es zurueck zur Hollywood Road. Dies ist die Strasse der Antiquitaetenhaendler; hier reiht sich ein Geschaeft mit Tang San Cai (der dreifarbig glasierten Keramik aus der Tang-Dynastie) und allerhand anderen altertuemlichen Chinoiserien, wie zum Beispiel vergoldetem Schnitzwerk, ans naechste. Auf Hoehe der Ladder Street ("Leiter-Strasse", keine Ahnung, warum die so heisst ;-) ... die besteht aus einer breiten Treppe) liegt der Man Mo-Tempel, der einem Kriegsgott und einem zivilen Gott gewidmet ist. Letzteren erkennt man am Schreibpinsel, ja, das ist Kultur! Leider wird der Tempel aussen wie innen renoviert, weshalb die Atmosphaere weniger von duftendem Rauch und mehr von beissendem Lackgeruch getraenkt ist. Unter anderem werden naemlich die dicken Saeulen neu rot lackiert. Ich kaufe ein "Tempelpamphlet" fuer 10 HKD, also etwa einen Euro, das sich (gemaess der Bedeutung des Wortes Pamphlet im Englischen) keineswegs als laesterliche Schmaehschrift, sondern ganz harmlos als kleine Infobroschuere fuer die Touris entpuppt.
Damit ist der Rundgang schon so gut wie beendet - wir gehen nur noch einmal den Cat Street Market auf und ab, einen Strassenmarkt fuer Antik-Kitsch à la Dongtai Lu - aber wenn man die Dongtai Lu hat, ist das laengst nicht so spannend, wie wenn man aus der Ferne kommt und sich zum ersten Mal mit solchem Asia-Troedel konfrontiert sieht. Da brauchen wir jetzt nur noch die Metro-Station Sheung Wan zu finden und zum Hotel zu fahren - der naechste Programmpunkt heisst, wie schon berichtet: sich aufdonnern. Denn gleich geht es ja Hochzeit feiern!
Bevor wir den westlichen Markt erreichen, kommen wir noch an ein paar Schaufenstern vorbei, die man heutzutage fuer nicht mehr moeglich gehalten haette. Das eine scheint eine Art Drogerie- oder Apothekenfenster mit suedostasiatischen Mittelchen zu sein, die in einem kleinen Fenster in mehreren Reihen uebereinander ausgestellt sind. Das Design der Verpackungen sieht zum Teil doch sehr nostalgisch aus, so dass ich mich frage, ob dies nicht vielleicht eher ein kleines privates Museum ist?! - Das andere Schaufenster enthaelt Pyramiden von verblichenen Konservendosen, die schon selbst aussehen wie Ueberbleibsel aus den 1950er Jahren. Und nichts weiter! Wer soll das denn auch nur entfernt attraktiv finden?? - Im Western Market gibt es eine deutsche Baeckerei namens "Das Gute", die auch eine Café-Ecke hat. Schade eigentlich, dass wir noch vom Saftladen auf dem Victoria Peak "bedient" sind! Ansonsten gibt es da diverse Futtergeschaefte und Kramlaeden, und im ersten Obergeschoss befindet sich ein Stoffmarkt. Das zweite OG, unterm Dach juchhe, ist gesperrt: hier sind schon die Tische fuer ein Hochzeitsbankett aufgebaut.
Die Strasse namens Bonham Strand unweit von hier ist das Zentrum des Handels mit Ginseng - und mit Vogelnestern. Ach so! Die erwaehnten luftig-leicht aussehenden "Schaelchen" sind Vogelnester. Klar; wenn man das einmal weiss … ist das sehr plausibel, und man fragt sich, wieso man nicht direkt selbst darauf gekommen ist.
Wir folgen weiter der Route, die uns die Lonely-Planet-Autoren vorgeschlagen haben, und kommen bald darauf in die Hollywood Road, die nicht direkt in das beruehmte Stadtviertel von Los Angeles gleichen Namens fuehrt. Vielmehr haben hier wohl frueher zahlreiche "Holderbuesche" (in Wirklichkeit aber Stechpalmenbuesche) gestanden. Auch wenn heute nichts mehr sticht, biegen wir schnell wieder von ihr ab zur Taipingshan-Strasse, deren Strassenecke von einem grossen rosafarbenen "Toilettenpalast" dominiert wird. (Waehrend ich das so schreibe, beginne ich mich zu fragen, ob das wohl die sanitaeren Anlagen fuer die Bewohner der umliegenden Haeuserblocks sind?) Aber natuerlich ist nicht das die Sehenswuerdigkeit, sondern vielmehr die kleinen Tempelchen, die sich hier ganz unpraetentioes in die Mietskasernen eingereiht haben, ohne schnoerkelige Daecher oder Torbalken. Einer hat eine Art Drahtverhau-Loggia, in der zahlreiche Raeucherspiralen haengen, so dass der Rauch sich ungehindert verziehen kann. Wenn man bis ganz nach hinten durchgeht, entdeckt man, dass es sich um einen Ahnentempel handelt, in dem zahlreiche Verstorbenen-Andenkentaefelchen aufbewahrt werden, die die Erinnerungen wach halten sollen. Der andere Tempel oeffnet sich einfach garagentorweit zur Strasse hin und ist Kwun Yam gewidmet, wer auch immer das sein mag. Ein paar Meter weiter findet sich noch ein Tempel mit einem schoen geschnitzten, vergoldeten Holzdekor ueber dem Eingang.
Nun geht es zurueck zur Hollywood Road. Dies ist die Strasse der Antiquitaetenhaendler; hier reiht sich ein Geschaeft mit Tang San Cai (der dreifarbig glasierten Keramik aus der Tang-Dynastie) und allerhand anderen altertuemlichen Chinoiserien, wie zum Beispiel vergoldetem Schnitzwerk, ans naechste. Auf Hoehe der Ladder Street ("Leiter-Strasse", keine Ahnung, warum die so heisst ;-) ... die besteht aus einer breiten Treppe) liegt der Man Mo-Tempel, der einem Kriegsgott und einem zivilen Gott gewidmet ist. Letzteren erkennt man am Schreibpinsel, ja, das ist Kultur! Leider wird der Tempel aussen wie innen renoviert, weshalb die Atmosphaere weniger von duftendem Rauch und mehr von beissendem Lackgeruch getraenkt ist. Unter anderem werden naemlich die dicken Saeulen neu rot lackiert. Ich kaufe ein "Tempelpamphlet" fuer 10 HKD, also etwa einen Euro, das sich (gemaess der Bedeutung des Wortes Pamphlet im Englischen) keineswegs als laesterliche Schmaehschrift, sondern ganz harmlos als kleine Infobroschuere fuer die Touris entpuppt.
Damit ist der Rundgang schon so gut wie beendet - wir gehen nur noch einmal den Cat Street Market auf und ab, einen Strassenmarkt fuer Antik-Kitsch à la Dongtai Lu - aber wenn man die Dongtai Lu hat, ist das laengst nicht so spannend, wie wenn man aus der Ferne kommt und sich zum ersten Mal mit solchem Asia-Troedel konfrontiert sieht. Da brauchen wir jetzt nur noch die Metro-Station Sheung Wan zu finden und zum Hotel zu fahren - der naechste Programmpunkt heisst, wie schon berichtet: sich aufdonnern. Denn gleich geht es ja Hochzeit feiern!
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Sonntag, 11. Oktober 2009
Gongqing-Waldpark, oder: Braeutemeute im Biotop
Gestern war ein schoener Herbstsamstag, mit leicht blauem Himmel und noch angenehm warmen, nicht heissen Temperaturen. Gerade richtig fuer diesen Waldpark, oben im Norden der Stadt am Huangpu gelegen, jenseits der Universitaet (welcher? weiss ich gerade nicht so genau). Das ist zwar noch im Stadtgebiet, aber man braucht schon ein Weilchen, um dort anzukommen. Aber noch vor zwei Uhr nachmittags hat Han Shifu uns dort abgesetzt. Fuer 15 RMB Eintrittsgeld pro Person laesst man uns ein. Hier im Eingangsbereich ist es etwas trubelig, was vor allem an einer Schuelerinnenschar liegt. Ansonsten ist es genau das, was der Name verspricht: ein Waldpark. Denn man ist eben nicht nur im Wald, sondern auch im Park, mit befestigten Wegen und, wie ungewoehnlich, jeder Menge Parkbaenken. Und es ist nicht mal voll! Natuerlich sind einige Leute da, aber die verlaufen sich rasch im Gelaende. Zwar reicht es nicht fuer Waldeinsamkeit, aber es gibt auch schon mal Wegabschnitte, die man sich mit niemandem teilen muss. Es gibt ausserdem nicht nur Wald, sondern auch Wiese, Rasen, an einigen Stellen ein paar Beete und reichlich Wasserflaechen.
Schon am Eingang entdecken wir die erste Braut, die mit Braeutigam und dem ganzen Team von Fotografen und Schminkfrau und Umkleide- und anderen Hiwis gerade einen der kleinen offenen Elektro-Busse besteigt, die fuer schnelle Transporte im Park sorgen. Wie wir noch bemerken werden, brettern die ganz schoen ueber die Wege ... als Fussgaenger springt man besser vorher beiseite. Aber das war ja nur die erste Braut von bestimmt fast zwei Dutzend! Der Wald scheint das gruene Aussenstudio fuer die Hochzeitsfotografen zu sein. Was ja immer furchtbar ist, sind erstens die Brautkleider aus der Naehe und zweitens das Braut-Schuhwerk. Was die Kleider betrifft: Meister Proper hilf! O Meister, reiss den Himmel auf, bzw. den Grauschleier weg! Und der Dreck ueberall - kein Wunder, wenn diese Braeute sich auf dem Boden herumsuhlen. Eines der Standardbilder ist Braut auf dem Boden liegend, Rock scheibenfoermig um sie herum drapiert, um diese Jahreszeit gern mal mit ein paar dekorativ hingestreuten Herbstblaettern auf dem Kleid. Dann natuerlich die unvermeidlichen Brautpaar-auf-einem-Steg-Bilder mit Spiegelbild im Teich. Statt Steg darf es auch mal Stein sein, und auch schon mal so, dass man barfuss hinwaten muss. Kein Wunder, wenn das Kleid da schmutzig wird. Und schicke Brautschuhe sind auch nicht zweckmaessig, derbe Sportschuhe gehen auch. Auf dem Foto sieht man es nicht. Auch nicht, dass der Brautstrauss aus kuenstlichen Blumen ist, und auch nicht, dass das Kleid im Ruecken mit Sicherheitsnadeln passend gesteckt wurde, und auch nicht, dass der Schleier schon ein paar Loecher hat. Weitere vielleicht nicht Muss-, aber Gerne-Auch-Varianten von Hochzeitsfotos: mit Plueschtieren und wehendem Schleier. Fuer letzteres muss dann immer ein Hiwi den Schleier hochhalten und auf Yi, Er, San loslassen.
Aber genug von den Braeuten, auch sonst tobt das Leben, vor allem im Kleinen. Die Baeume werden von Scharen von Spinnraupen geplagt, ausserdem gibt es riesige Wanzen (fast 2 cm lang, ohne die Fuehler), an einem der Teichufer wurstelt ein Flusskrebs durch den Schlamm, dicke Libellen fliegen in der Nachmittagssonne, und interessante Spinnen sind auch zahlreich vertreten. Eine ist ganz weiss, ihr Hinterleib ist opak und wirkt dadurch besonders weiss, der vordere Teil und die Beine wirken leicht transparent. Sie hat etwas eckige Formen und nimmt gleich eine Drohhaltung ein, bei der sie die beiden vorderen Beinpaare weit gespreizt in die Luft reckt. Sie wirkt fast wie ein Krebs. Und ist uebrigens so schlecht getarnt auf dem gruenen Blattwerk, dass ich im Vorbeigehen aus ein, zwei Metern Entfernung auf sie aufmerksam wurde. So eine habe ich definitiv noch nie gesehen. Gleich in der Naehe finde ich noch eine, deren Leib smaragdgruen schimmernde Streifen hat. Ach ja, noch eine zahlreich vertretene Tierart: Kulturdinger, sprich Muecken, die mich wieder mal fuer ein gefundenes Fressen halten. :-((
Wir gehen erst zur Huangpu-Panoramaplattform, die aber recht enttaeuschend ist. Schade, dass sie da nicht einen kleinen Aussichtsturm gebaut haben. So sieht man nur ein paar Schiffe, die direkt vor der Plattform liegen, und das war's schon. Dann finden wir den relativ weit verzweigten See. Ein recht moderner Pavillon, trotzdem mit Mondtor, wird von einem Bambusfloetisten als Konzerthalle genutzt. Das klingt gut! Wir essen ein Eis und machen uns, auf diese Weise gestaerkt, auf zu einer Bootsfahrt. Hier gibt's sogar Tretboote, fuer 20 RMB die Stunde. Alternativ kann man rudern oder elektrisch fahren. Waehrend wir auf dem See herumschippern, wird einige Male am Seil Drachen geflogen. Und an einem der Ufer galoppiert ploetzlich eine Pferdeherde heran, die dann anfaengt, friedlich in der Nachmittagssonne zu grasen. Eine Kutsche und ein paar Reiter haben wir auch noch ausgemacht. Als wir von der Wasserseite her an besagtem Pavillon vorbeikommen, hat der Musikant die Floete gegen ein(e?) Erhu (?) vertauscht - oder der Musikant ist ausgetauscht, das kann wohl auch sein. Auch diese Musik verbreitet hier eine schoene Stimmung.
Und dann ist der Nachmittag schon um - wir gehen erst mal zum falschen Tor, dem Westtor, und entscheiden uns dann, erneut falsch, fuer das Nordtor. Oh! Als wir dort ankommen und merken, dass es auch nicht das richtige ist, ist es schon fuenf Uhr, und die Sonne schickt sich an unterzugehen. Nun geht es raschen Schrittes einmal ganz durch den Park, bis zum Suedtor: ja, das ist richtig, hier wartet Han Shifu auf uns. Unterwegs entdecken wir den Teil des Parks, der weniger Wald- sondern mehr Vergnuegungspark ist. Mit Achterbahn, Kettenkarussell und ich weiss nicht was noch. Hier liegen auch Schienen fuer einen Mini-Zug. Am jetzt vereinsamten Bahnhof ist immer noch ein Brautpaar zugange, à la Einfahrt in den Bahnhof der Ehe, oder so aehnlich. Die Fotografen haben schon kleine Scheinwerfer angemacht, denn es ist jetzt unter den Baeumen bereits ein bisschen zu dunkel zum Fotografieren.
Wir sind's zufrieden: Alles in allem ist der Gongqing-Waldpark ein Geheimtipp fuer stadtnahes Gruen ohne allzu grosses Gedraenge. Angeblich soll in diesem Park am 1. Mai immer ein Schweinerennen stattfinden ... ja, das hat jetzt noch gefehlt, ein paar suesse Schweinchen. Aber bestimmt denken Chinesen dabei nur ans Essen. Ts, ts, ts!
Schon am Eingang entdecken wir die erste Braut, die mit Braeutigam und dem ganzen Team von Fotografen und Schminkfrau und Umkleide- und anderen Hiwis gerade einen der kleinen offenen Elektro-Busse besteigt, die fuer schnelle Transporte im Park sorgen. Wie wir noch bemerken werden, brettern die ganz schoen ueber die Wege ... als Fussgaenger springt man besser vorher beiseite. Aber das war ja nur die erste Braut von bestimmt fast zwei Dutzend! Der Wald scheint das gruene Aussenstudio fuer die Hochzeitsfotografen zu sein. Was ja immer furchtbar ist, sind erstens die Brautkleider aus der Naehe und zweitens das Braut-Schuhwerk. Was die Kleider betrifft: Meister Proper hilf! O Meister, reiss den Himmel auf, bzw. den Grauschleier weg! Und der Dreck ueberall - kein Wunder, wenn diese Braeute sich auf dem Boden herumsuhlen. Eines der Standardbilder ist Braut auf dem Boden liegend, Rock scheibenfoermig um sie herum drapiert, um diese Jahreszeit gern mal mit ein paar dekorativ hingestreuten Herbstblaettern auf dem Kleid. Dann natuerlich die unvermeidlichen Brautpaar-auf-einem-Steg-Bilder mit Spiegelbild im Teich. Statt Steg darf es auch mal Stein sein, und auch schon mal so, dass man barfuss hinwaten muss. Kein Wunder, wenn das Kleid da schmutzig wird. Und schicke Brautschuhe sind auch nicht zweckmaessig, derbe Sportschuhe gehen auch. Auf dem Foto sieht man es nicht. Auch nicht, dass der Brautstrauss aus kuenstlichen Blumen ist, und auch nicht, dass das Kleid im Ruecken mit Sicherheitsnadeln passend gesteckt wurde, und auch nicht, dass der Schleier schon ein paar Loecher hat. Weitere vielleicht nicht Muss-, aber Gerne-Auch-Varianten von Hochzeitsfotos: mit Plueschtieren und wehendem Schleier. Fuer letzteres muss dann immer ein Hiwi den Schleier hochhalten und auf Yi, Er, San loslassen.
Aber genug von den Braeuten, auch sonst tobt das Leben, vor allem im Kleinen. Die Baeume werden von Scharen von Spinnraupen geplagt, ausserdem gibt es riesige Wanzen (fast 2 cm lang, ohne die Fuehler), an einem der Teichufer wurstelt ein Flusskrebs durch den Schlamm, dicke Libellen fliegen in der Nachmittagssonne, und interessante Spinnen sind auch zahlreich vertreten. Eine ist ganz weiss, ihr Hinterleib ist opak und wirkt dadurch besonders weiss, der vordere Teil und die Beine wirken leicht transparent. Sie hat etwas eckige Formen und nimmt gleich eine Drohhaltung ein, bei der sie die beiden vorderen Beinpaare weit gespreizt in die Luft reckt. Sie wirkt fast wie ein Krebs. Und ist uebrigens so schlecht getarnt auf dem gruenen Blattwerk, dass ich im Vorbeigehen aus ein, zwei Metern Entfernung auf sie aufmerksam wurde. So eine habe ich definitiv noch nie gesehen. Gleich in der Naehe finde ich noch eine, deren Leib smaragdgruen schimmernde Streifen hat. Ach ja, noch eine zahlreich vertretene Tierart: Kulturdinger, sprich Muecken, die mich wieder mal fuer ein gefundenes Fressen halten. :-((
Wir gehen erst zur Huangpu-Panoramaplattform, die aber recht enttaeuschend ist. Schade, dass sie da nicht einen kleinen Aussichtsturm gebaut haben. So sieht man nur ein paar Schiffe, die direkt vor der Plattform liegen, und das war's schon. Dann finden wir den relativ weit verzweigten See. Ein recht moderner Pavillon, trotzdem mit Mondtor, wird von einem Bambusfloetisten als Konzerthalle genutzt. Das klingt gut! Wir essen ein Eis und machen uns, auf diese Weise gestaerkt, auf zu einer Bootsfahrt. Hier gibt's sogar Tretboote, fuer 20 RMB die Stunde. Alternativ kann man rudern oder elektrisch fahren. Waehrend wir auf dem See herumschippern, wird einige Male am Seil Drachen geflogen. Und an einem der Ufer galoppiert ploetzlich eine Pferdeherde heran, die dann anfaengt, friedlich in der Nachmittagssonne zu grasen. Eine Kutsche und ein paar Reiter haben wir auch noch ausgemacht. Als wir von der Wasserseite her an besagtem Pavillon vorbeikommen, hat der Musikant die Floete gegen ein(e?) Erhu (?) vertauscht - oder der Musikant ist ausgetauscht, das kann wohl auch sein. Auch diese Musik verbreitet hier eine schoene Stimmung.
Und dann ist der Nachmittag schon um - wir gehen erst mal zum falschen Tor, dem Westtor, und entscheiden uns dann, erneut falsch, fuer das Nordtor. Oh! Als wir dort ankommen und merken, dass es auch nicht das richtige ist, ist es schon fuenf Uhr, und die Sonne schickt sich an unterzugehen. Nun geht es raschen Schrittes einmal ganz durch den Park, bis zum Suedtor: ja, das ist richtig, hier wartet Han Shifu auf uns. Unterwegs entdecken wir den Teil des Parks, der weniger Wald- sondern mehr Vergnuegungspark ist. Mit Achterbahn, Kettenkarussell und ich weiss nicht was noch. Hier liegen auch Schienen fuer einen Mini-Zug. Am jetzt vereinsamten Bahnhof ist immer noch ein Brautpaar zugange, à la Einfahrt in den Bahnhof der Ehe, oder so aehnlich. Die Fotografen haben schon kleine Scheinwerfer angemacht, denn es ist jetzt unter den Baeumen bereits ein bisschen zu dunkel zum Fotografieren.
Wir sind's zufrieden: Alles in allem ist der Gongqing-Waldpark ein Geheimtipp fuer stadtnahes Gruen ohne allzu grosses Gedraenge. Angeblich soll in diesem Park am 1. Mai immer ein Schweinerennen stattfinden ... ja, das hat jetzt noch gefehlt, ein paar suesse Schweinchen. Aber bestimmt denken Chinesen dabei nur ans Essen. Ts, ts, ts!
Freitag, 9. Oktober 2009
Gnurhafrerutluk Ehcsinaerok - Koreanische Kulturerfahrung rueckwaerts
Nun sitze ich, viel zu frueh: noch zwei volle Stunden bis zum Abflug, am Ausgang 31 im schicken Flughafen von Incheon. Draussen daemmert es, und die Lichter des Flugbetriebs und der Terminals beginnen, sich auf dem regennassen Boden zu spiegeln. Die vergangenen drei Tage waren mit weitgehend blauem Himmel gesegnet, aber eben auf dem Weg zum Flughafen hat es zu regnen begonnen, obwohl noch irgendwo die Sonne schien. Sicher gab es aus irgendeiner Richtung einen Regenbogen …
Wie auch immer, zwischen den Ausgaengen 31 und 33 befindet sich eine "Traditional Korean Cultural Experience Zone" (klingt so aehnlich wie Selbsterfahrungszone, gell? ;-) ), in der gerade ein Gratiskonzert gegeben wird. Das erste Stueck, das ich hoerte, war ja nun mal extrem schwer "verdaulich" fuer meine Ohren. (Es klang eher nach Selbstzerstoerung, vielleicht eine Extremform der Selbsterfahrung?) Das naechste war schon besser, sanft und melancholisch, insofern sehr passend zur Stimmung der geschilderten Situation. Jetzt ist Pause.
Gestern gab es auch koreanische Kultur zu erfahren, und zwar koreanische Arbeitskultur. Unser Workshop begann um neun Uhr. Mittags wurden Sandwiches in Cellophan und Sushirollen in Alufolie gebracht, die wir fast nebenbei verzehrt haben. Als es dann auf das geplante Ende (17:30 Uhr) zuging und wir auf wundersame Weise bemerken mussten, dass wir noch nicht fertig waren, wurden die vom "Loentsch" uebriggebliebenen Rollen und Brote irgendwie an die Teilnehmer verteilt und nun vollends nebenbei gegessen. Kurz vor zehn Uhr haben wir dann sozusagen aufgegeben. Mit der Planung fuer den Folgetermin, der Diskussion ueber ein kleines Saufgelage zum Tagesabschluss (ohne mich) und dem Auftreiben eines Taxis war schon die naechste halbe Stunde vorbei, und um kurz vor elf Uhr war ich dann "gluecklich" im Hotel Lotte.
Das Zimmer war allerdings recht schoen, geraeumig und modern eingerichtet, mit allerhand Fernbedienungen zum Beispiel fuer die Vorhaenge (bloss nicht versuchen, sie von Hand aufzuziehen!), im 29sten Stock mit Blick ueber Seoul gelegen. Zwei Waschbecken ganz fuer mich allein, aber nur ein Hi-Tech-Klo, ausserdem ein Duschbad mit einer absolut wasserverschwenderischen Whirlpool-Wanne und einer separaten Dusche, diese aber ohne eigene Duschkabine. Was mich dazu bewogen hat, jeden Morgen ein absolut wasserverschwenderisches Wannenbad zu nehmen, denn ohne Kabine ist es mir mit dem Klimaanlagenluftstrom einfach zu ungemuetlich. Und dass die Badewanne mit Aussicht war, hat das Baden nur attraktiver gemacht: am fruehen Morgen im wohlig-warmen, froehlich vor sich hinbrodelnden Wasser zu liegen und dabei die Morgenroete ueber Seoul-City zu beobachten, wie sie langsam einem zartblauen Vormittagshimmel Platz macht, das hat doch was! Das erwaehnte Hi-Tech-Klo war uebrigens mit Waschen und Foenen (ja, wirklich!): Waschen hinten, Waschen soft, Waschen vorn (ob soft also zwischen hinten und vorn liegt, Gruss aus Kalau?), Position verstellbar, Wasserdruck regelbar und wahlweise mit Oszillation und Pulsieren "aufzupeppen", Trocknen. Selbstverstaendlich war es sitzbeheizt, und die Funktionen Spuelen, Aufklappen, Zuklappen konnten alle vom Steuerpult auf Knopfdruck vorgenommen werden. Schade eigentlich, dass es fuer sowas in Europa keinen Markt zu geben scheint, wieso eigentlich nicht??
Am Mittwoch war es mit der Arbeitskultur vernuenftiger gewesen. Ich war laut Agenda zwar so eingetroffen, dass wir gleich mit der Nachmittagssitzung haette starten sollen, aber da waren die Kollegen schon verspaetet, so dass ich gerade recht kam zum Mittagessen. Einem richtigen Mittagessen, wohlgemerkt, in dem wohlbekannten Buffetrestaurant, in dem wir, glaube ich, noch jedes Mal waren, wenn ich in Korea war. Es nennt sich, wohl wegen des Ausblicks, Sky Salad Bar - da haben wir den (Himmels-)Salat. Am Nachmittag mussten wir auch puenktlich schliessen, denn die koreanischen Gastgeber hatten ein Abendprogramm geplant: erst traditionelles koreanisches Grill-Abendessen, dann Nanta Cookin'. Das Abendessen bestand aus Rindfleisch, das auf Tischgrills gegrillt wurde, und allerhand kalten Beilagen, die grossteils als Kimchi im weiteren Sinne kategorisiert werden koennten, jedenfalls von Ahnungslosen wie mir. Aber das ist alles nur die Vorspeise, das Hauptgericht sind Reis oder (kalte) Nudeln. Ich habe letztere genommen, in der Variante "spicy" (scharf gewuerzt). Na ja, sooo scharf war das ja nun nicht, dafuer aber ziemlich suess. Als ob die Shanghaier Kueche mir nicht schon genuegend suesse Gerichte bescheren wuerde! Daraufhin haben die Kollegen mir den Senf empfohlen, der zwar aussieht wie der gute alte Loewensenf, aber keinen Essig enthaelt und auch eher schmeckt wie Wasabi - bloss dass er nicht gruen ist. Die Suesse ging davon zwar nicht weg, aber jetzt schmeckte es doch deutlich peppiger - und gleichzeitig konnte ich noch die Kollegen beeindrucken, wie ich die Senfschaerfe ohne Traenen oder Wimpernzucken geniessen konnte. ;-))
Wir sind vom Restaurant aus zu Fuss zum Nanta-Theater gegangen - die Abendluft war schon fast ein bisschen (zu) kuehl. Es ging fuer mich so gerade noch; auf jeden Fall war es nach den Temperaturen in Hong Kong recht erfrischend. Nanta Cookin' scheint ein in Korea sehr beruehmter Kulturexportschlager zu sein, oder wie soll ich sagen? Es ist eine Art Musical mit 5 Akteuren, weitestgehend ohne Worte, in dem Kuechengeraete unversehens zu Musikinstrumenten werden. Die 5 Akteure: zwei Koeche, einer sexy, einer nicht, eine Koechin, der etwas fiese Manager, sein Neffe. Die Handlung: heute wird geheiratet, und der etwas fiese Manager gibt um fuenf Uhr dem Kochteam bekannt, was alles bis sechs Uhr fertig sein muss. Gleichzeitig bringt er mit seinem Neffen einen Stoerfaktor ins Team der Koeche. Vorher hat das Team in einer Art buddhistischen Zeremonie den Tag ganz ruhig begonnen, mit Wassergiessgeraeusch und Klangschalen. Aber dann wird losgewirbelt, mit viel Percussion und Rhythmus - weil naturgemaess Kuechengeraete wie Schoepfloeffel, Messer, Schneidbretter, Schuesseln, Eimer, Siebe, Besen usw. meist als Melodieinstrument weniger taugen. Zwischendurch kommt es immer mal zu messerwirbelnden Flirtszenen zwischen der Koechin und dem sexy Koch, besenschwingendem Kleinkrieg zwischen dem sexy Koch und dem Neffen des Managers, weil letzterer die Kochmuetze von ersterem bekommen hat und ersterer nun per Kuechenjungenmuetze quasi degradiert ist, und komischen Einlagen vom unsexy Koch. Oder was heisst "zwischendurch"? Das ist der Inhalt! Gar nicht so schlecht, viel Rhythmus und recht originell - und es erfordert keine Koreanischkenntnisse. Diese Show laeuft schon seit ueber 10 Jahren und war auch schon auf allen Kontinenten auf Tournee. Weil das natuerlich ein Team nicht allein bewaeltigen kann, gibt es derer fuenf oder sechs. Im Foyer haengen Fotos von allen, das heute aktive Team in der Mitte. - Angeblich ist das Stueck auf der Liste der Top 10-Sehenswuerdigkeiten von Seoul; dementsprechend ist der Saal auch an diesem gewoehnlichen Mittwoch gut gefuellt. Es sind auch einige Kinder da, denen es offensichtlich auch viel Spass macht. Insgesamt nicht schlecht. Hen bucuo, wuerden die Chinesen (vielleicht) sagen.
P.S.: Nur schade, dass mir kein mit K beginnendes Synonym zu 'Erfahrung' einfallen will!
Wie auch immer, zwischen den Ausgaengen 31 und 33 befindet sich eine "Traditional Korean Cultural Experience Zone" (klingt so aehnlich wie Selbsterfahrungszone, gell? ;-) ), in der gerade ein Gratiskonzert gegeben wird. Das erste Stueck, das ich hoerte, war ja nun mal extrem schwer "verdaulich" fuer meine Ohren. (Es klang eher nach Selbstzerstoerung, vielleicht eine Extremform der Selbsterfahrung?) Das naechste war schon besser, sanft und melancholisch, insofern sehr passend zur Stimmung der geschilderten Situation. Jetzt ist Pause.
Gestern gab es auch koreanische Kultur zu erfahren, und zwar koreanische Arbeitskultur. Unser Workshop begann um neun Uhr. Mittags wurden Sandwiches in Cellophan und Sushirollen in Alufolie gebracht, die wir fast nebenbei verzehrt haben. Als es dann auf das geplante Ende (17:30 Uhr) zuging und wir auf wundersame Weise bemerken mussten, dass wir noch nicht fertig waren, wurden die vom "Loentsch" uebriggebliebenen Rollen und Brote irgendwie an die Teilnehmer verteilt und nun vollends nebenbei gegessen. Kurz vor zehn Uhr haben wir dann sozusagen aufgegeben. Mit der Planung fuer den Folgetermin, der Diskussion ueber ein kleines Saufgelage zum Tagesabschluss (ohne mich) und dem Auftreiben eines Taxis war schon die naechste halbe Stunde vorbei, und um kurz vor elf Uhr war ich dann "gluecklich" im Hotel Lotte.
Das Zimmer war allerdings recht schoen, geraeumig und modern eingerichtet, mit allerhand Fernbedienungen zum Beispiel fuer die Vorhaenge (bloss nicht versuchen, sie von Hand aufzuziehen!), im 29sten Stock mit Blick ueber Seoul gelegen. Zwei Waschbecken ganz fuer mich allein, aber nur ein Hi-Tech-Klo, ausserdem ein Duschbad mit einer absolut wasserverschwenderischen Whirlpool-Wanne und einer separaten Dusche, diese aber ohne eigene Duschkabine. Was mich dazu bewogen hat, jeden Morgen ein absolut wasserverschwenderisches Wannenbad zu nehmen, denn ohne Kabine ist es mir mit dem Klimaanlagenluftstrom einfach zu ungemuetlich. Und dass die Badewanne mit Aussicht war, hat das Baden nur attraktiver gemacht: am fruehen Morgen im wohlig-warmen, froehlich vor sich hinbrodelnden Wasser zu liegen und dabei die Morgenroete ueber Seoul-City zu beobachten, wie sie langsam einem zartblauen Vormittagshimmel Platz macht, das hat doch was! Das erwaehnte Hi-Tech-Klo war uebrigens mit Waschen und Foenen (ja, wirklich!): Waschen hinten, Waschen soft, Waschen vorn (ob soft also zwischen hinten und vorn liegt, Gruss aus Kalau?), Position verstellbar, Wasserdruck regelbar und wahlweise mit Oszillation und Pulsieren "aufzupeppen", Trocknen. Selbstverstaendlich war es sitzbeheizt, und die Funktionen Spuelen, Aufklappen, Zuklappen konnten alle vom Steuerpult auf Knopfdruck vorgenommen werden. Schade eigentlich, dass es fuer sowas in Europa keinen Markt zu geben scheint, wieso eigentlich nicht??
Am Mittwoch war es mit der Arbeitskultur vernuenftiger gewesen. Ich war laut Agenda zwar so eingetroffen, dass wir gleich mit der Nachmittagssitzung haette starten sollen, aber da waren die Kollegen schon verspaetet, so dass ich gerade recht kam zum Mittagessen. Einem richtigen Mittagessen, wohlgemerkt, in dem wohlbekannten Buffetrestaurant, in dem wir, glaube ich, noch jedes Mal waren, wenn ich in Korea war. Es nennt sich, wohl wegen des Ausblicks, Sky Salad Bar - da haben wir den (Himmels-)Salat. Am Nachmittag mussten wir auch puenktlich schliessen, denn die koreanischen Gastgeber hatten ein Abendprogramm geplant: erst traditionelles koreanisches Grill-Abendessen, dann Nanta Cookin'. Das Abendessen bestand aus Rindfleisch, das auf Tischgrills gegrillt wurde, und allerhand kalten Beilagen, die grossteils als Kimchi im weiteren Sinne kategorisiert werden koennten, jedenfalls von Ahnungslosen wie mir. Aber das ist alles nur die Vorspeise, das Hauptgericht sind Reis oder (kalte) Nudeln. Ich habe letztere genommen, in der Variante "spicy" (scharf gewuerzt). Na ja, sooo scharf war das ja nun nicht, dafuer aber ziemlich suess. Als ob die Shanghaier Kueche mir nicht schon genuegend suesse Gerichte bescheren wuerde! Daraufhin haben die Kollegen mir den Senf empfohlen, der zwar aussieht wie der gute alte Loewensenf, aber keinen Essig enthaelt und auch eher schmeckt wie Wasabi - bloss dass er nicht gruen ist. Die Suesse ging davon zwar nicht weg, aber jetzt schmeckte es doch deutlich peppiger - und gleichzeitig konnte ich noch die Kollegen beeindrucken, wie ich die Senfschaerfe ohne Traenen oder Wimpernzucken geniessen konnte. ;-))
Wir sind vom Restaurant aus zu Fuss zum Nanta-Theater gegangen - die Abendluft war schon fast ein bisschen (zu) kuehl. Es ging fuer mich so gerade noch; auf jeden Fall war es nach den Temperaturen in Hong Kong recht erfrischend. Nanta Cookin' scheint ein in Korea sehr beruehmter Kulturexportschlager zu sein, oder wie soll ich sagen? Es ist eine Art Musical mit 5 Akteuren, weitestgehend ohne Worte, in dem Kuechengeraete unversehens zu Musikinstrumenten werden. Die 5 Akteure: zwei Koeche, einer sexy, einer nicht, eine Koechin, der etwas fiese Manager, sein Neffe. Die Handlung: heute wird geheiratet, und der etwas fiese Manager gibt um fuenf Uhr dem Kochteam bekannt, was alles bis sechs Uhr fertig sein muss. Gleichzeitig bringt er mit seinem Neffen einen Stoerfaktor ins Team der Koeche. Vorher hat das Team in einer Art buddhistischen Zeremonie den Tag ganz ruhig begonnen, mit Wassergiessgeraeusch und Klangschalen. Aber dann wird losgewirbelt, mit viel Percussion und Rhythmus - weil naturgemaess Kuechengeraete wie Schoepfloeffel, Messer, Schneidbretter, Schuesseln, Eimer, Siebe, Besen usw. meist als Melodieinstrument weniger taugen. Zwischendurch kommt es immer mal zu messerwirbelnden Flirtszenen zwischen der Koechin und dem sexy Koch, besenschwingendem Kleinkrieg zwischen dem sexy Koch und dem Neffen des Managers, weil letzterer die Kochmuetze von ersterem bekommen hat und ersterer nun per Kuechenjungenmuetze quasi degradiert ist, und komischen Einlagen vom unsexy Koch. Oder was heisst "zwischendurch"? Das ist der Inhalt! Gar nicht so schlecht, viel Rhythmus und recht originell - und es erfordert keine Koreanischkenntnisse. Diese Show laeuft schon seit ueber 10 Jahren und war auch schon auf allen Kontinenten auf Tournee. Weil das natuerlich ein Team nicht allein bewaeltigen kann, gibt es derer fuenf oder sechs. Im Foyer haengen Fotos von allen, das heute aktive Team in der Mitte. - Angeblich ist das Stueck auf der Liste der Top 10-Sehenswuerdigkeiten von Seoul; dementsprechend ist der Saal auch an diesem gewoehnlichen Mittwoch gut gefuellt. Es sind auch einige Kinder da, denen es offensichtlich auch viel Spass macht. Insgesamt nicht schlecht. Hen bucuo, wuerden die Chinesen (vielleicht) sagen.
P.S.: Nur schade, dass mir kein mit K beginnendes Synonym zu 'Erfahrung' einfallen will!
Mittwoch, 7. Oktober 2009
Freitag, 2. Oktober 2009: Se Wedding
Am Freitagabend werfen wir uns in Schale und schreiten gegen halb acht wuerdig und erhobenen Hauptes aus der Tuer des Excelsior - oha! Ein Ungetuem wartet da draussen: die Taxischlange! Wir disponieren rasch um und eilen weniger wuerdig zur MTR. Das geht ja auch, und praktischerweise kommt man voellig trockenen Fusses durch ueberdachte Gaenge (Walkways) und eine Mall zum Conrad International Hotel. Jedenfalls, wenn man es schon mal zur MTR-Station Causeway Bay gebracht hat. Heute haette man das nicht gebraucht, denn draussen ist es gluecklicherweise trocken … aber gut zu wissen.
Kurz vor acht Uhr betreten wir den Empfangsraum. Da ist es ganz schoen voll. Ich studiere spaeter den Tischplan: 28 runde Tische mit meist 12 Personen, also ca. 300 Hochzeitsgaeste. In China (und Hong Kong auch) ist halt alles ein bisschen groesser. Aus dem Off fuehrt eine Showtreppe in den Empfangsraum, die mit Sternen dekoriert ist. Im Moment spielt da aber nur ein kleiner Mann im weissen Anzug. Kjuuuut! - Fuer den grossen Auftritt ist auch eine ebenerdige Buehne da, die als Fotokulisse dient. Hier kann man sich von professionellen Fotografen mit der Braut oder dem Brautpaar ablichten lassen. Aber das ist jetzt noch nicht da. Wir gehen erst mal zum Empfangspult, wo wir unsere Hongbaos abgeben und auf einem horizontalen "Rollbild" mit einem Foto des Brautpaars unterschreiben duerfen.
Dann erscheint die Braut, und wir "muessen" mit ihr posieren. Ich bin die schoenste blonde Frau auf dieser Veranstaltung. (Allerdings zugleich die haesslichste - eben die einzige; wir sind hier ueberhaupt die einzigen Langnasen, scheint mir.) Die Braut traegt ein weisses Brautkleid im westlichen Stil, nicht etwa ein traditionelles rotes Hochzeitsgewand - da bin ich beruhigt, denn ich selber habe meinen rot-schwarzen Qipao mit Drachenmotiv angelegt. Auf einem Tisch liegt das Hochzeitsfotobuch aus - offenbar ist die Kostuemorgie in Hong Kong weniger ausgepraegt als in der Volksrepublik. Mit weissem Brautkleid in blauen und gelb-bunten Blumenwiesen, mit ausladendem Abendkleid in mattblau-bunt am Strand und mit magentafarbenem langen Kleid in schmaler Silhouette in Hong Kong City - das war's. Fuer die zukuenftigen Kinder posieren die beiden zu unserem Entzuecken mit einem Plueschschweinchen.
Irgendwann werden alle aufgerufen, nun aber in den grossen Ballsaal zu kommen und an den Tischen Platz zu nehmen. In der Mitte des Raums prangt eine weisse Buehne, rechts und links wird das Bild der Buehne projiziert, damit auch jede/r gut sehen kann, was dort vor sich geht. Zunaechst werden aber ausgewaehlte Bilder aus Kindheit und Jugend der Brautleute in Form einer Fotoshow praesentiert und auch schon reichlich Bilder aus dem vorehelichen Beisammensein, offenbar von gemeinsamen Reisen in waermere und kaeltere Gefilde. Dann wird die Eheschliessungszeremonie begangen (oder was macht man mit einer Zeremonie? feiern? abhalten?) - aber auf Kantonesisch. Wir verstehen Null Komma Nix. Bei Mandarin haetten wir sicher mehr verstanden - aber egal. Anschliessend sprechen die Brautleute Grussworte, und wir werden extra separat begruesst, weil wir doch den langen Weg aus Shanghai gemacht haben. Wie ruehrend! -
Und dann bricht unvermittelt das wilde Klappern los: es rappelt und dappert und klappert im Saal, oder wie heisst das noch bei Goethe? Das Hochzeitsbankett beginnt. Ganz untypisch stehen auf den runden Tischen keine Drehplatten fuers Essen, sondern Wasserbecken mit roten Rosen und Schwimmkerzen. Bald entdecken wir den Grund (auch den fuers Klappern): die 12 Gaenge werden alle einzeln tellerweise serviert, und zwar:
• Spanferkel mit knusprig gebratener Haut (oooaah!)
• Fritierte Milch-und-Mango-Rolle und Meeresfruechte-Tasche aus Taro-Pueree
• Sautierte Koenigskrabben mit Walnuessen (besonders lecker)
• Schmorgemuese mit einer Fuellung aus getrockneten Meeresfruechten??
• Haifischflossensuppe mit Huehnerfleisch und Bambus (darf ja wohl nicht fehlen … was finden die Chinesen noch gleich daran?)
• Abalonescheiben mit chinesischen Pilzen und Gemuesen (noch so eine Darf-nicht-fehlen-Sache)
• Gedaempfter gruener Garoupa (oder Grouper? ein Fisch, leider nicht gerade saeuberlich entgraetet)
• Fritiertes knuspriges Huhn
• Gebratener Reis mit Eiweiss und Meeresfruechten
• Eiernudeln mit gehacktem Yunnan-Schinken in erstklassiger Suppe (superior soup kann man ja wohl schlecht als ueberlegene Suppe uebersetzen, gell?)
• Rote-Bohnen-Creme mit Lotussamen und Lilienknospen
• Chinesische Petits Fours
Puh, viel zu viel! Ab der Haifischflossensuppe kann ich schon nichts mehr aufessen, probiere aber doch alles. Auch anderswo sehe ich mehr und mehr Essen zurueckgehen - insofern ist es natuerlich auch besser, dass die kulinarischen Hoehepunkte unter den ersten, nicht unter den letzten Gerichten waren.
Im Verlauf des Abends tritt dann noch ein Zauberkuenstler auf, der Flattertuecher aus dem Nichts zieht und Wasser in eine Zeitung giesst - und spaeter wieder heraus. Jungfrauen werden aber weder zum Schweben gebracht noch zersaegt. Bald darauf geht das Brautpaar an den Tischen herum. Die Braut traegt jetzt ein relativ schlichtes langes, champagnerfarbenes Kleid, das im Vergleich zum Brautkleid mit Schleier und Schleppe ihre Beweglichkeit merklich verbessert. Wenn der Brillantschmuck echt ist, den sie jetzt traegt (vorher zum "Traum in Weiss" war es, ganz klassisch, eine Perlenkette) … dann ist sie jetzt dringend versicherungswuerdig! Nun bekommen wir auch noch, nach irgendeiner Tradition, chinesischen Kuchen geschenkt. Nicht jeder, bloss wir! Ich schwanke zwischen Peinlich-Beruehrt-Sein und Ruehrung, das war doch alles gar nicht noetig! Man braucht doch kein Aufhebens zu machen, wir haben doch nichts Aufopferndes getan, ganz im Gegenteil!
Das Gute: es wird weder gesoffen (obwohl doch jeder auf das Paar trinkt) noch zwangsgeraucht wie in China. Es wird ueberhaupt nicht geraucht, im Saal ist rauchen verboten. Das ist echt super! So braucht man keine Klimmzuege zu veranstalten, um den Mief wieder aus der Kleidung herauszubekommen. - Zu trinken gibt es uebrigens Rotwein, Orangensaft und Cola; ich habe mich zu diesem Anlass auf letztere verlegt. Das Wasser ist naemlich Kranhaeger (oder billiges gereinigtes Wasser) und schmeckt nur unwesentlich besser als in Shanghai. Ichkann mich auch gar nicht an Bier erinnern: ob es wohl keins gab? Wir haben es
nicht vermisst.
Alsbald wird auch eine Fotoshow mit den schoensten Bildern dieses Abends (des ersten Teils jedenfalls) gezeigt, und dann koennen die Gaeste das Foto von sich mit der Braut oder den Brautleuten abholen, das in einer passend bedruckten Karte eingesteckt ist. Sehr nett gemacht, das alles! Leider ist mir am Ende uebel - liegt bestimmt an der Cola. Daher will ich eigentlich nur noch ins Bett. Das Bankett ist ja nun auch vorbei, und es ist schon elf Uhr durch. Eine Tanzflaeche gibt es nicht - dabei hatte die Kollegin, bei der ich mich zuvor nach Sitten, Gebraeuchen und Fettnaepfen erkundigt hatte, mich salomonisch mit der folgenden Aussage beschieden: "if they have a dancefloor, you can even try to have fun" (falls getanzt wird, koennt ihr Euch vielleicht sogar amuesieren). Sonst natuerlich nicht! Statt dessen findet auf der Fotobuehne die naechste Session statt, die Braut traegt jetzt blaugruen. Wir schaffen es aber doch, uns nett zu verabschieden und zum Taxi zu schleppen. Burkhard hat naemlich die falschen Schuhe an und ist nach den paar Schritten schon blasengeplagt. Insofern haben wir uns ja doch aufgeopfert, haha!
Kurz vor acht Uhr betreten wir den Empfangsraum. Da ist es ganz schoen voll. Ich studiere spaeter den Tischplan: 28 runde Tische mit meist 12 Personen, also ca. 300 Hochzeitsgaeste. In China (und Hong Kong auch) ist halt alles ein bisschen groesser. Aus dem Off fuehrt eine Showtreppe in den Empfangsraum, die mit Sternen dekoriert ist. Im Moment spielt da aber nur ein kleiner Mann im weissen Anzug. Kjuuuut! - Fuer den grossen Auftritt ist auch eine ebenerdige Buehne da, die als Fotokulisse dient. Hier kann man sich von professionellen Fotografen mit der Braut oder dem Brautpaar ablichten lassen. Aber das ist jetzt noch nicht da. Wir gehen erst mal zum Empfangspult, wo wir unsere Hongbaos abgeben und auf einem horizontalen "Rollbild" mit einem Foto des Brautpaars unterschreiben duerfen.
Dann erscheint die Braut, und wir "muessen" mit ihr posieren. Ich bin die schoenste blonde Frau auf dieser Veranstaltung. (Allerdings zugleich die haesslichste - eben die einzige; wir sind hier ueberhaupt die einzigen Langnasen, scheint mir.) Die Braut traegt ein weisses Brautkleid im westlichen Stil, nicht etwa ein traditionelles rotes Hochzeitsgewand - da bin ich beruhigt, denn ich selber habe meinen rot-schwarzen Qipao mit Drachenmotiv angelegt. Auf einem Tisch liegt das Hochzeitsfotobuch aus - offenbar ist die Kostuemorgie in Hong Kong weniger ausgepraegt als in der Volksrepublik. Mit weissem Brautkleid in blauen und gelb-bunten Blumenwiesen, mit ausladendem Abendkleid in mattblau-bunt am Strand und mit magentafarbenem langen Kleid in schmaler Silhouette in Hong Kong City - das war's. Fuer die zukuenftigen Kinder posieren die beiden zu unserem Entzuecken mit einem Plueschschweinchen.
Irgendwann werden alle aufgerufen, nun aber in den grossen Ballsaal zu kommen und an den Tischen Platz zu nehmen. In der Mitte des Raums prangt eine weisse Buehne, rechts und links wird das Bild der Buehne projiziert, damit auch jede/r gut sehen kann, was dort vor sich geht. Zunaechst werden aber ausgewaehlte Bilder aus Kindheit und Jugend der Brautleute in Form einer Fotoshow praesentiert und auch schon reichlich Bilder aus dem vorehelichen Beisammensein, offenbar von gemeinsamen Reisen in waermere und kaeltere Gefilde. Dann wird die Eheschliessungszeremonie begangen (oder was macht man mit einer Zeremonie? feiern? abhalten?) - aber auf Kantonesisch. Wir verstehen Null Komma Nix. Bei Mandarin haetten wir sicher mehr verstanden - aber egal. Anschliessend sprechen die Brautleute Grussworte, und wir werden extra separat begruesst, weil wir doch den langen Weg aus Shanghai gemacht haben. Wie ruehrend! -
Und dann bricht unvermittelt das wilde Klappern los: es rappelt und dappert und klappert im Saal, oder wie heisst das noch bei Goethe? Das Hochzeitsbankett beginnt. Ganz untypisch stehen auf den runden Tischen keine Drehplatten fuers Essen, sondern Wasserbecken mit roten Rosen und Schwimmkerzen. Bald entdecken wir den Grund (auch den fuers Klappern): die 12 Gaenge werden alle einzeln tellerweise serviert, und zwar:
• Spanferkel mit knusprig gebratener Haut (oooaah!)
• Fritierte Milch-und-Mango-Rolle und Meeresfruechte-Tasche aus Taro-Pueree
• Sautierte Koenigskrabben mit Walnuessen (besonders lecker)
• Schmorgemuese mit einer Fuellung aus getrockneten Meeresfruechten??
• Haifischflossensuppe mit Huehnerfleisch und Bambus (darf ja wohl nicht fehlen … was finden die Chinesen noch gleich daran?)
• Abalonescheiben mit chinesischen Pilzen und Gemuesen (noch so eine Darf-nicht-fehlen-Sache)
• Gedaempfter gruener Garoupa (oder Grouper? ein Fisch, leider nicht gerade saeuberlich entgraetet)
• Fritiertes knuspriges Huhn
• Gebratener Reis mit Eiweiss und Meeresfruechten
• Eiernudeln mit gehacktem Yunnan-Schinken in erstklassiger Suppe (superior soup kann man ja wohl schlecht als ueberlegene Suppe uebersetzen, gell?)
• Rote-Bohnen-Creme mit Lotussamen und Lilienknospen
• Chinesische Petits Fours
Puh, viel zu viel! Ab der Haifischflossensuppe kann ich schon nichts mehr aufessen, probiere aber doch alles. Auch anderswo sehe ich mehr und mehr Essen zurueckgehen - insofern ist es natuerlich auch besser, dass die kulinarischen Hoehepunkte unter den ersten, nicht unter den letzten Gerichten waren.
Im Verlauf des Abends tritt dann noch ein Zauberkuenstler auf, der Flattertuecher aus dem Nichts zieht und Wasser in eine Zeitung giesst - und spaeter wieder heraus. Jungfrauen werden aber weder zum Schweben gebracht noch zersaegt. Bald darauf geht das Brautpaar an den Tischen herum. Die Braut traegt jetzt ein relativ schlichtes langes, champagnerfarbenes Kleid, das im Vergleich zum Brautkleid mit Schleier und Schleppe ihre Beweglichkeit merklich verbessert. Wenn der Brillantschmuck echt ist, den sie jetzt traegt (vorher zum "Traum in Weiss" war es, ganz klassisch, eine Perlenkette) … dann ist sie jetzt dringend versicherungswuerdig! Nun bekommen wir auch noch, nach irgendeiner Tradition, chinesischen Kuchen geschenkt. Nicht jeder, bloss wir! Ich schwanke zwischen Peinlich-Beruehrt-Sein und Ruehrung, das war doch alles gar nicht noetig! Man braucht doch kein Aufhebens zu machen, wir haben doch nichts Aufopferndes getan, ganz im Gegenteil!
Das Gute: es wird weder gesoffen (obwohl doch jeder auf das Paar trinkt) noch zwangsgeraucht wie in China. Es wird ueberhaupt nicht geraucht, im Saal ist rauchen verboten. Das ist echt super! So braucht man keine Klimmzuege zu veranstalten, um den Mief wieder aus der Kleidung herauszubekommen. - Zu trinken gibt es uebrigens Rotwein, Orangensaft und Cola; ich habe mich zu diesem Anlass auf letztere verlegt. Das Wasser ist naemlich Kranhaeger (oder billiges gereinigtes Wasser) und schmeckt nur unwesentlich besser als in Shanghai. Ichkann mich auch gar nicht an Bier erinnern: ob es wohl keins gab? Wir haben es
nicht vermisst.
Alsbald wird auch eine Fotoshow mit den schoensten Bildern dieses Abends (des ersten Teils jedenfalls) gezeigt, und dann koennen die Gaeste das Foto von sich mit der Braut oder den Brautleuten abholen, das in einer passend bedruckten Karte eingesteckt ist. Sehr nett gemacht, das alles! Leider ist mir am Ende uebel - liegt bestimmt an der Cola. Daher will ich eigentlich nur noch ins Bett. Das Bankett ist ja nun auch vorbei, und es ist schon elf Uhr durch. Eine Tanzflaeche gibt es nicht - dabei hatte die Kollegin, bei der ich mich zuvor nach Sitten, Gebraeuchen und Fettnaepfen erkundigt hatte, mich salomonisch mit der folgenden Aussage beschieden: "if they have a dancefloor, you can even try to have fun" (falls getanzt wird, koennt ihr Euch vielleicht sogar amuesieren). Sonst natuerlich nicht! Statt dessen findet auf der Fotobuehne die naechste Session statt, die Braut traegt jetzt blaugruen. Wir schaffen es aber doch, uns nett zu verabschieden und zum Taxi zu schleppen. Burkhard hat naemlich die falschen Schuhe an und ist nach den paar Schritten schon blasengeplagt. Insofern haben wir uns ja doch aufgeopfert, haha!
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Sonntag, 4. Oktober 2009
Freitag, 2. Oktober 2009: Se Piiik
Heute Morgen sah es recht sonnig und halbwegs blau aus: klasse! Wir haben also nicht lange ueberlegt und gleich die Sehenswuerdigkeit No. 1 ins Programm genommen: The Victoria Peak. Aber zuerst sind wir natuerlich fruehstuecken gegangen - das Buffet im Excelsior ist nicht billig: 178 HKD pro Person. Aber es gibt so ziemlich alles, was das Herz begehren koennte. Auch frisch gepressten Saft auf Bestellung, so zum Beispiel Karotte-Ananas. Lecker! Bloss bei den pochierten Eiern gibt's was zu meckern: die sind gar nicht pochiert, sondern ohne Schale offenbar in einer Form gekocht.
Um halb zehn geht es bzw. gehen wir los. Erstmal um die Ecke. Da liegt, wie praktisch, gleich die U-Bahn-Station. MTR, heisst die U-Bahn hier: Mass Transit Railway. Wir probieren die Octopus-Karte aus, mit der man hier den oeffentlichen Nahverkehr bezahlen kann und noch manches andere. Auch sehr praktisch, so braucht man nicht fuer Tickets anzustehen und sich auch nicht jedesmal mit dem Kleingeld herumschlagen. Wie schlau von mir, die gestern am Flughafen schon gleich zusammen mit der Airport Express-Fahrkarte zu erwerben. Nur gegen Bargeld, aber ich hatte ja zum Glueck schon welches dabei.
Man braucht nur 3 Stationen weit zu fahren. Und im Zentralbahnhof muss man nur den richtigen Ausgang finden - ich weiss nicht, ob wir nur den falschen genommen oder die Schilder zur Peak Tram uebersehen haben. Mit Hilfe unseres Stadtplans haben wir den Weg dorthin aber doch leicht gefunden. Unterwegs hatten wir schon die zweite Gelegenheit, Hong Konger Architektur zu bewundern: blitzblanke Glaskaesten und saeuberlich gestrichene Kolonialbauten wie die St John's Cathedral. Sie hat nicht gerade "kathedrale" Ausmasse und wirkt - man kennt den Effekt - zwischen den Buerohochhaeusern noch kleiner. Aber eingeschuechtert wirkt sie nicht. Sie steht mit einem spuerbaren Selbstbewusstsein auf ihrem Platz und wirbt unter anderem fuer Frieden in der Welt. Auf einem anderen alten Gebaeude wehen - wohl zum 60sten Jubilaeum der Volksrepublik China - die beiden roten Fahnen eintraechtig im warmen Sommerwind. (Nach Herbst fuehlt es sich naemlich hier noch gar nicht an.) Die beiden roten Fahnen: die mit den gelben Sternen und die mit der weissen Bauhinia. Das ist irgendso'ne fuenfzaehlige Bluetenpflanze, die sich die Hongkongnesen als Nationalblume erkoren haben.
An der Talstation der beruehmten und traditionsreichen Gipfel"strassen"bahn stellen wir uns zunaechst an der Kartenschlange an. Aber Rumkucken hilft manchmal: da sind ja Octopus-Symbole an den Zugangsschranken! Also raus aus der Kartenschlange, rein in die Fahrschlange. Die bewegt sich dann aber doch so schnell, dass man kaum Zeit hat, sich die ganzen Informationen und Ausstellungsstuecke aus der mehr als hundertjaehrigen Geschichte dieser Bahn anzugucken. Und dann kommt so ein halb-historisches Gefaehrt angefahren. Brandneu im Nostalgielook, wuerde ich sagen - und ein Schild vorn tut kund, dass diese Bahn von einer Schweizer Firma hergestellt wurde. Das war ja hier in Asien schon oefter mal aufgefallen: wo immer es eine Seilbahn, Kabinenbahn oder dergleichen gibt, stecken entweder Schweizer oder Oesterreicher dahinter. Ich meine mich zu erinnern, dass dies sogar die erste Seilbahn ueberhaupt in Asien gewesen sei. Denn es ist keine normale Strassenbahn, sondern eine Seilbahn. Wir werden auch gleich merken, dass das noetig ist. Wir haben auf den letzten freien Holzbanksitzen Platz genommen (andere gibt's auch gar nicht, von ein paar Stehplaetzen abgesehen), und schon zuckelt die Bahn los. Bald nehmen die Gebaeude eine merkwuerdige Schieflage an, und wir behalten zwar unsere Sitzposition, werden aber zurueckgelehnt. Wow! DAS ist steil! Auf einem Stueck kommt es mir mehr wie ein schraeg fahrender Aufzug vor. Jetzt wird auch klar, warum der Fussboden quer zur Laufrichtung flache Taeler und Berggrate aufweist: damit die Stehplatzinhaber besser stehen koennen. Die Dame, die an uns vorbeigeht, hat einen merkwuerdigen Gang, bestimmt 30 Grad vornuebergeneigt.
Die Bahn kommt im Tiefgeschoss des sogenannten Peak Tower an. Das ist ein ziemlich modernes Gebaeude in Form eines Zylindersegments, oder wie nennt man das? Alternativ koennte man es als einen in die dritte Dimension ausgedehnten Wokquerschnitt bezeichnen. Ganz schoen schwer zu beschreiben, so eine eigentlich ganz einfache Form! Noch ein Versuch: man stelle sich ein grosses flaches Rechteck vor, an dessen Schmalseiten man einen Teppich befestigt, der laenger ist als das Rechteck, aber um weniger als den Faktor Pi. Wenn man nun noch mit magischen Kraeften dafuer sorgt, dass der Teppich nicht einfach nur prosaisch der Schwerkraft gehorcht, sondern seine Kanten schoen an einer gedachten Kreisbahn entlang ausrichtet: dann hat man die Form des Peak Tower. Wobei dieses Ding auf einem Sockel sitzt, damit es auch den Namen Turm verdient. Innendrin stapeln sich die Rolltreppen, und um von einer zur naechsten zu gelangen, muss man an allerhand Kramgeschaeften vorbei und an Restaurants, bei denen womoeglich in Anbetracht des spektakulaeren Ausblicks die Qualitaeten der Kueche weniger spektakulaer sind … wer weiss. Auf einer der Etagen gibt's eine Filiale von Madame Tussaud's, und ganz oben (auf dem flachen Rechteck) befindet sich die Aussichtsplattform. Mit dieser Bezeichnung kann man natuerlich nichts verdienen, darum nennt es sich Sky Terrace. Na, sowas Tolles ist einem doch Geld wert, dass man es nicht versaeumt! Wir zahlen brav unsere 20 HKD pro Nase, um uns in praller Sonne und mit zugegeben spektakulaerem Ausblick einen kleinen Sonnenbrand im Nacken einzuhandeln. Puh, ist das heiss hier oben! Die Sicht koennte zwar noch deutlich klarer sein, aber fuer chinesische Verhaeltnisse ist sie schon recht gut.
Erwaehnte ich es schon? Der Gipfel liegt gar nicht auf dem Gipfel, sondern auf ca. 370 m Hoehe, waehrend der hoechste Punkt bei fuenfhundertirgendwas liegt. Man kann auf einem angenehmen Weg drumherum spazieren, heisst es. Den suchen wir jetzt, finden ihn aber erst im zweiten Anlauf. Vorher haben wir ein exklusives Wohngebiet entdeckt, als wir der "Old Peak Road" folgten, die an einer Aussichtsplattform im chinesischen Stil vorbeifuehrt, mit allem Drum und Dran: Pavillon, mehrere Ebenen, Steingelaender und kleine Steinloewen auf den Pfosten, und natuerlich Heerscharen von grinsenden Chinesen, die mit oder ohne Victory-V fuers Foto posieren. Bald darauf landet man im Wald, der hier alles andere als natuerlich ist. Die Haenge sind alle massiv gesichert, zum Teil betoniert, zum Teil gepflastert, mit Aussparungen fuer jeden einzelnen Baum. Ausserdem hat jeder Hangabschnitt eine Nummer und ein Schild, auf dem ausser der Nummer auch noch die fuer Wartung und Instandhaltung zustaendige Abteilung steht.
Am Ende finden wir doch noch den Rundweg, der ueberraschend wenig frequentiert ist. Obwohl sich das Tourismusbuero grosse Muehe gegeben hat, die 2,8 km recht interessant zu machen. Auf der ersten Haelfte gibt es einen Trimm-Dich-Pfad, aber uns begeistern vor allem die grossen gruenen Grashuepfer, die man definitiv nicht sehen kann, solange sie sich nicht bewegen, selbst wenn sie einem direkt vor Augen sitzen.
Ansonsten wird auf alles hingewiesen, was auch nur irgendjemanden eventuell interessieren koennte. Bambus, ein indischer Gummibaum, ein Stausee unten am Hang, Schmetterlinge und Libellen … auf die tolle schwarz-weisse Spinne wird nicht hingewiesen. Andererseits ist das nicht noetig, denn es ist eine von denen, die ein grosses weisses X in ihr Netz einweben: Bitte hier gucken, hier sitze ich! Hier, wo die beiden Balken des X sich kreuzen!
Auf dem letzten Stueck braucht man sich dann keine Attraktionen mehr aus den Fingern zu saugen, da tun sich die Blicke aus dem schattigen Wald ueber Hong Kong und den Victoria Harbor auf. Und das alles auf einem bequemen Spazierweg, eben und mit kaum merklichen Hoehenunterschieden. - Wieder zurueck im Peak-Trubel besuchen wir erst noch den Saftladen da oben (ein Laden, der Saft verkauft, was sonst?!) und nehmen dann ein Taxi zurueck in die Stadt.
Um halb zehn geht es bzw. gehen wir los. Erstmal um die Ecke. Da liegt, wie praktisch, gleich die U-Bahn-Station. MTR, heisst die U-Bahn hier: Mass Transit Railway. Wir probieren die Octopus-Karte aus, mit der man hier den oeffentlichen Nahverkehr bezahlen kann und noch manches andere. Auch sehr praktisch, so braucht man nicht fuer Tickets anzustehen und sich auch nicht jedesmal mit dem Kleingeld herumschlagen. Wie schlau von mir, die gestern am Flughafen schon gleich zusammen mit der Airport Express-Fahrkarte zu erwerben. Nur gegen Bargeld, aber ich hatte ja zum Glueck schon welches dabei.
Man braucht nur 3 Stationen weit zu fahren. Und im Zentralbahnhof muss man nur den richtigen Ausgang finden - ich weiss nicht, ob wir nur den falschen genommen oder die Schilder zur Peak Tram uebersehen haben. Mit Hilfe unseres Stadtplans haben wir den Weg dorthin aber doch leicht gefunden. Unterwegs hatten wir schon die zweite Gelegenheit, Hong Konger Architektur zu bewundern: blitzblanke Glaskaesten und saeuberlich gestrichene Kolonialbauten wie die St John's Cathedral. Sie hat nicht gerade "kathedrale" Ausmasse und wirkt - man kennt den Effekt - zwischen den Buerohochhaeusern noch kleiner. Aber eingeschuechtert wirkt sie nicht. Sie steht mit einem spuerbaren Selbstbewusstsein auf ihrem Platz und wirbt unter anderem fuer Frieden in der Welt. Auf einem anderen alten Gebaeude wehen - wohl zum 60sten Jubilaeum der Volksrepublik China - die beiden roten Fahnen eintraechtig im warmen Sommerwind. (Nach Herbst fuehlt es sich naemlich hier noch gar nicht an.) Die beiden roten Fahnen: die mit den gelben Sternen und die mit der weissen Bauhinia. Das ist irgendso'ne fuenfzaehlige Bluetenpflanze, die sich die Hongkongnesen als Nationalblume erkoren haben.
An der Talstation der beruehmten und traditionsreichen Gipfel"strassen"bahn stellen wir uns zunaechst an der Kartenschlange an. Aber Rumkucken hilft manchmal: da sind ja Octopus-Symbole an den Zugangsschranken! Also raus aus der Kartenschlange, rein in die Fahrschlange. Die bewegt sich dann aber doch so schnell, dass man kaum Zeit hat, sich die ganzen Informationen und Ausstellungsstuecke aus der mehr als hundertjaehrigen Geschichte dieser Bahn anzugucken. Und dann kommt so ein halb-historisches Gefaehrt angefahren. Brandneu im Nostalgielook, wuerde ich sagen - und ein Schild vorn tut kund, dass diese Bahn von einer Schweizer Firma hergestellt wurde. Das war ja hier in Asien schon oefter mal aufgefallen: wo immer es eine Seilbahn, Kabinenbahn oder dergleichen gibt, stecken entweder Schweizer oder Oesterreicher dahinter. Ich meine mich zu erinnern, dass dies sogar die erste Seilbahn ueberhaupt in Asien gewesen sei. Denn es ist keine normale Strassenbahn, sondern eine Seilbahn. Wir werden auch gleich merken, dass das noetig ist. Wir haben auf den letzten freien Holzbanksitzen Platz genommen (andere gibt's auch gar nicht, von ein paar Stehplaetzen abgesehen), und schon zuckelt die Bahn los. Bald nehmen die Gebaeude eine merkwuerdige Schieflage an, und wir behalten zwar unsere Sitzposition, werden aber zurueckgelehnt. Wow! DAS ist steil! Auf einem Stueck kommt es mir mehr wie ein schraeg fahrender Aufzug vor. Jetzt wird auch klar, warum der Fussboden quer zur Laufrichtung flache Taeler und Berggrate aufweist: damit die Stehplatzinhaber besser stehen koennen. Die Dame, die an uns vorbeigeht, hat einen merkwuerdigen Gang, bestimmt 30 Grad vornuebergeneigt.
Die Bahn kommt im Tiefgeschoss des sogenannten Peak Tower an. Das ist ein ziemlich modernes Gebaeude in Form eines Zylindersegments, oder wie nennt man das? Alternativ koennte man es als einen in die dritte Dimension ausgedehnten Wokquerschnitt bezeichnen. Ganz schoen schwer zu beschreiben, so eine eigentlich ganz einfache Form! Noch ein Versuch: man stelle sich ein grosses flaches Rechteck vor, an dessen Schmalseiten man einen Teppich befestigt, der laenger ist als das Rechteck, aber um weniger als den Faktor Pi. Wenn man nun noch mit magischen Kraeften dafuer sorgt, dass der Teppich nicht einfach nur prosaisch der Schwerkraft gehorcht, sondern seine Kanten schoen an einer gedachten Kreisbahn entlang ausrichtet: dann hat man die Form des Peak Tower. Wobei dieses Ding auf einem Sockel sitzt, damit es auch den Namen Turm verdient. Innendrin stapeln sich die Rolltreppen, und um von einer zur naechsten zu gelangen, muss man an allerhand Kramgeschaeften vorbei und an Restaurants, bei denen womoeglich in Anbetracht des spektakulaeren Ausblicks die Qualitaeten der Kueche weniger spektakulaer sind … wer weiss. Auf einer der Etagen gibt's eine Filiale von Madame Tussaud's, und ganz oben (auf dem flachen Rechteck) befindet sich die Aussichtsplattform. Mit dieser Bezeichnung kann man natuerlich nichts verdienen, darum nennt es sich Sky Terrace. Na, sowas Tolles ist einem doch Geld wert, dass man es nicht versaeumt! Wir zahlen brav unsere 20 HKD pro Nase, um uns in praller Sonne und mit zugegeben spektakulaerem Ausblick einen kleinen Sonnenbrand im Nacken einzuhandeln. Puh, ist das heiss hier oben! Die Sicht koennte zwar noch deutlich klarer sein, aber fuer chinesische Verhaeltnisse ist sie schon recht gut.
Erwaehnte ich es schon? Der Gipfel liegt gar nicht auf dem Gipfel, sondern auf ca. 370 m Hoehe, waehrend der hoechste Punkt bei fuenfhundertirgendwas liegt. Man kann auf einem angenehmen Weg drumherum spazieren, heisst es. Den suchen wir jetzt, finden ihn aber erst im zweiten Anlauf. Vorher haben wir ein exklusives Wohngebiet entdeckt, als wir der "Old Peak Road" folgten, die an einer Aussichtsplattform im chinesischen Stil vorbeifuehrt, mit allem Drum und Dran: Pavillon, mehrere Ebenen, Steingelaender und kleine Steinloewen auf den Pfosten, und natuerlich Heerscharen von grinsenden Chinesen, die mit oder ohne Victory-V fuers Foto posieren. Bald darauf landet man im Wald, der hier alles andere als natuerlich ist. Die Haenge sind alle massiv gesichert, zum Teil betoniert, zum Teil gepflastert, mit Aussparungen fuer jeden einzelnen Baum. Ausserdem hat jeder Hangabschnitt eine Nummer und ein Schild, auf dem ausser der Nummer auch noch die fuer Wartung und Instandhaltung zustaendige Abteilung steht.
Am Ende finden wir doch noch den Rundweg, der ueberraschend wenig frequentiert ist. Obwohl sich das Tourismusbuero grosse Muehe gegeben hat, die 2,8 km recht interessant zu machen. Auf der ersten Haelfte gibt es einen Trimm-Dich-Pfad, aber uns begeistern vor allem die grossen gruenen Grashuepfer, die man definitiv nicht sehen kann, solange sie sich nicht bewegen, selbst wenn sie einem direkt vor Augen sitzen.
Ansonsten wird auf alles hingewiesen, was auch nur irgendjemanden eventuell interessieren koennte. Bambus, ein indischer Gummibaum, ein Stausee unten am Hang, Schmetterlinge und Libellen … auf die tolle schwarz-weisse Spinne wird nicht hingewiesen. Andererseits ist das nicht noetig, denn es ist eine von denen, die ein grosses weisses X in ihr Netz einweben: Bitte hier gucken, hier sitze ich! Hier, wo die beiden Balken des X sich kreuzen!
Auf dem letzten Stueck braucht man sich dann keine Attraktionen mehr aus den Fingern zu saugen, da tun sich die Blicke aus dem schattigen Wald ueber Hong Kong und den Victoria Harbor auf. Und das alles auf einem bequemen Spazierweg, eben und mit kaum merklichen Hoehenunterschieden. - Wieder zurueck im Peak-Trubel besuchen wir erst noch den Saftladen da oben (ein Laden, der Saft verkauft, was sonst?!) und nehmen dann ein Taxi zurueck in die Stadt.
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Donnerstag, 1. Oktober 2009
Donnerstag, 1. Oktober 2009: Premiere!
Nun bin ich schon so relativ oft in Hong Kong gewesen, aber noch nie auf Besichtigungstour, wenn man von einem Samstag vor 8 Jahren absieht. Nu' aber! Der Ausloeser war die Einladung einer Kundin zu ihrer Hochzeit. (Nett, gell? Nun ja, die deutschen Kollegen in Hong Kong haben gleich darauf hingewiesen, dass eine Hochzeitsfeier ein "fund-raising event" sei, also eine Spendensammlung - aber andererseits kostet das natuerlich auch, so dass ich meine Zweifel habe, ob man sich nach seiner Hochzeit gleich zur Ruhe setzen kann.) Wie auch immer: jetzt oder nie, habe ich gedacht, zumal diese Reise ohne den Verbrauch von Urlaubstagen vonstatten gehen kann. Haben wir doch ab heute "gelbgoldene Woche",wie die Chinesen sagen: allgemeine Auszeit vom 1. - 8. Oktober. Wobei der 7. und 8. mit Sonntagsarbeit vorher und Samstagsarbeit nachher erkauft werden, ich berichtete anlaesslich der Blockwarterfahrung. Weshalb wir auch schon am 6. wieder heimfliegen werden.
Um 13:15 Uhr hat uns Han Shifu abgeholt. Mit Auto, Maglev, Transportband, Flugzeug, Airport Express und Hotel-Shuttle haben wir die verschiedenen Etappen der Reise bewaeltigt und sind nach 21:00 Uhr im Excelsior eingetroffen. Ganz schoen langwierig; schliesslich kann man aus deutscher Sicht ja schon mal versucht sein zu glauben, dass Shanghai gleich nebenan liegt. Jedenfalls war es zu spaet fuer das grosse Mutterland-Geburtstagsfeuerwerk, denn das fand um acht statt. Wir haben die Massen wegstroemen sehen auf unserer kleinen Gratis-Stadtrundfahrt, die uns von einem der grossen internationalen Hotels zum naechsten fuehrte. Hier gilt wohl, wie ueberall sonst, das Prinzip "Zeit ist Geld", denn ausser uns wollte niemand die Gratis-Bustour: alle Welt hat eins der roten Toyota-Taxis vorgezogen. Egal: wir hatten ja heute nichts mehr vor.
Auch wenn wir nichts mehr vorhatten, haben wir doch noch die laengliche, da mit Umsteigen verbundene Reise in die 34ste Etage auf uns genommen. ToTT's heisst die Hotelbar hier, talk of the town. Dabei kann man hier gar nicht "talken", viel zu laut! Statt dessen kann man trinken und gucken: Auf die Skyline von Kowloon, auf die live aufspielende Band, auf die mehr oder weniger "hippen" Gaeste. Und vom vielen Gucken drohen mir jetzt die Augen zuzufallen. Gute Nacht!
Um 13:15 Uhr hat uns Han Shifu abgeholt. Mit Auto, Maglev, Transportband, Flugzeug, Airport Express und Hotel-Shuttle haben wir die verschiedenen Etappen der Reise bewaeltigt und sind nach 21:00 Uhr im Excelsior eingetroffen. Ganz schoen langwierig; schliesslich kann man aus deutscher Sicht ja schon mal versucht sein zu glauben, dass Shanghai gleich nebenan liegt. Jedenfalls war es zu spaet fuer das grosse Mutterland-Geburtstagsfeuerwerk, denn das fand um acht statt. Wir haben die Massen wegstroemen sehen auf unserer kleinen Gratis-Stadtrundfahrt, die uns von einem der grossen internationalen Hotels zum naechsten fuehrte. Hier gilt wohl, wie ueberall sonst, das Prinzip "Zeit ist Geld", denn ausser uns wollte niemand die Gratis-Bustour: alle Welt hat eins der roten Toyota-Taxis vorgezogen. Egal: wir hatten ja heute nichts mehr vor.
Auch wenn wir nichts mehr vorhatten, haben wir doch noch die laengliche, da mit Umsteigen verbundene Reise in die 34ste Etage auf uns genommen. ToTT's heisst die Hotelbar hier, talk of the town. Dabei kann man hier gar nicht "talken", viel zu laut! Statt dessen kann man trinken und gucken: Auf die Skyline von Kowloon, auf die live aufspielende Band, auf die mehr oder weniger "hippen" Gaeste. Und vom vielen Gucken drohen mir jetzt die Augen zuzufallen. Gute Nacht!
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