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Das neue Jahr des Schweins
Wenn ich es schaffe, gibt es hier übrigens auch noch Updates, und zwar aus den bisher unveröffentlichten Reisetagebuchnotizen.
Samstag, 31. Januar 2009
Dienstag, 27. Januar 2009: Nicht enden wollendes Glueck im Schnee
Kaum dass wir ausgestiegen sind, setzen sich zahlreiche Bettler in Bewegung, die hier vor dem Tempeltor auf milde Gaben warten und die auch aktiv fordern. Herrje! In Nullkommanix ist das Kleingeld weggegeben, mehr gibt's nicht. Mit der 10 RMB-Eintrittskarte in der Hand steigen wir ueber die erste Schwelle dieses buddhistischen Tempels. Dieses groessten buddhistischen Tempels hier im Norden weit und breit, heisst es. Es gibt nicht viel Besonderes hier auf den ersten Blick: eine Halle nach der anderen, ganz gute Buddhastatuen, Himmelskoenige, natuerlich auch eine GuanYin. Auf dem Altar davor breitet jemand mit Sorgfalt und Andacht einen langen roten Seidenschal aus, und dann wird mit Hilfe des Staebchenorakels der hoffentlich rechte Ausgang der Angelegenheit beschworen. Als wir spaeter zurueckkommen, ist der Schal wieder weg. - Als Opfergaben fallen mir hier mehr als anderswo gedaempfte Broetchen auf, die mit einer oder zwei roten chinesischen Datteln, auch als Jujube bekannt, aufgewertet sind. Ebenfalls rot sind die Feuerwehrwerkzeuge: da gibt es einen speziellen, selbst auch rotlackierten Staender mit Eimerchen und Stangen und aehnlichem Geraet. 119 steht auf den Eimerchen - ist wahrscheinlich auch besser, da anzurufen, denn die sind so furchtbar klein ...!
Die gaertnerisch gestalteten Flaechen zwischen den Hallen sind jetzt alle von ziemlich schmutzigen Schneehaufen bedeckt. Alles wirkt recht grau ... graue Steinloewen in grauem Schnee. Allerdings haben sie rote Schleifen um den Hals. Die Steinloewen. Und gefuettert werden sie zum Teil auch, ebenso mit gedaempften Dattelbroetchen und Mandarinen. Klar - im buddhistischen Tempel sind auch die Loewen Vegetarier. Die bronzene Kroete, die bestimmt wegen des Feng Shui irgendwo im Beet sitzt, wird aber nicht gefuettert. Sie soll wohl mit ihrem Gift das Boese abwehren, das aus der entsprechenden Himmelsrichtung kommen koennte. - Im letzten Hof sind die Waende des Umgangs mit einem grossen umlaufenden kupferfarbenen Relief geschmueckt. Szenen aus der buddhistischen Ueberlieferung sollen das wohl sein, ich weiss aber nicht, was fuer welche. Jedenfalls nicht Buddhas Lebensgeschichte.
Wenn man seitlich von diesem Bereich weggeht, kommt man in ein weiteres Tempelareal. Das hat nun ein ganz besonderes Flair. In der Mitte eines relativ grossen offenen Platzes steht ein mehrere Meter hoher goldener Buddha, der mildtaetig auf die herumwuselnden Menschen herunterschaut. Die zwei vorderen Ecken werden von 1000-Buddha-Kegeln markiert, aber diese hier sind besonders eindrucksvoll, da sehr hoch und schwarz, mit goldenen Mini-Buddhas. An den beiden hinteren Ecken stehen kleine Glockenpavillons - Tuerme wuerde ich das nicht nennen, zwei Geschosse mit Dach, und kleiner als fast alles andere hier auf dem Platz. Hinter dem grossen Buddha steht eine siebenstoeckige Pagode, Qiji Futu Ta. Rechts und links daneben sind zwei grosse Hallen, die einen sehr schoenen Bodenbelag aus Serpentin-Steinplatten haben und mir noch eisiger vorkommen als die Luft draussen. Das kann ja wohl gar nicht ... In jeder der Hallen haben 250 lebensgrosse goldene Arhats ihren Platz. Die sitzen auf Podesten, damit der Normalsterbliche zu ihnen aufblicken kann - und wenigstens haben sie es dann nicht so fusskalt. Eine andere Halle ist offenbar fuer die Toten. Es wirkt wie ein Schulgebaeude oder so etwas Aehnliches: Im Foyer des Treppenhauses steht ein weiterer Altar, und rechts und links fuehren Gaenge ins Haus, mit Tueren wie zu Klassenzimmern. In den Raeumen sind aber kleine Glastuerchen in den Waenden, und dahinter stehen die Ahnengedenktafeln. Hier sieht alles recht bunt aus.
Es sind heute nicht seeehr viele Leute im Tempel, so dass die kleine Tempel-Tierwelt halbwegs ungestoert ist. Ausser Schneeloewen und -elefanten (gut gemacht!) gibt es Tauben (igitt!), haufenweise Plusterspaetzchen (wie suess!), Haustiger, die beides belauern, und einen Falken, der ebenfalls sowohl auf Tauben wie auf Spatzen Jagd zu machen scheint.
Nachdem ich bei den Arhats handschuhlos fotografiert habe, brauche ich wieder einen von den "heissen Schaetzen" - wir hatten diese kleinen Handwaermer dabei, die aus einer Fluessigkeit bestehen, die man durch Knicken eines Metallplaettchens darin zum Kristallisieren bringen kann, wobei dann die Kristallisationswaerme allzu klamme Finger wieder erwaermt. Das tut gut!
Zurueck am Hotel haben wir noch etwa eine Stunde Zeit. Huch, ich habe ja vergessen, die Reiseschweine auf Eis zu fotografieren! Gut, dass das Shangri-La auch ein paar Eisskulpturen hat, da kann ich das noch nachholen. Ganz schoen dreckig sind die, wenn man sie mal so aus der Naehe betrachtet ... Es ist noch Zeit fuer einen Kaffee, dann geht's zum Flughafen. Von wegen "mindestens eine Stunde einplanen", wie es im Reisefuehrer heisst. Wir sind wieder in einer guten halben Stunde da. Am Himmel gibt es eine Art Regenbogen zu sehen, der in diesem Fall fast ein vollstaendiger Regenkreis ist. Aber leider sehr schwach.
Unser Flug ist puenktlich, als Essen gibt es zur Auswahl "Harbiner Wurst mit Reis" und "Reis mit Harbiner Wurst". Mjam. Allzu koestlich. - Daheim in Shanghai wird's uns gleich zu warm. Plus 9 °C oder so aehnlich, das ist ja ein Unterschied von mehr als 20 °C! Da kann einem ja glatt der Schweiss ausbrechen!
Freitag, 30. Januar 2009
Montag, 26. Januar 2009: Disney on Ice
Heute hat der Laden geoeffnet, der Yahoo heisst (ja wirklich!) und angeblich russisches Kunstgewerbe anbietet. Fuer mich sieht das aber alles aus wie russischer Massenfabrikkitsch. Da ist ja nicht mal ein Mitbringsel dabei fuer Yang XiaoLi - bis auf die ja-es-haengt-allen-schon-zum-Hals-heraus-beruehmte russische Schokolade. Dann kehren wir in Ermangelung besserer Optionen wieder im Café Russia 1914 ein, wo wir heute das Restaurant testen und eine warme Mahlzeit zu uns nehmen wollen. Es gibt allerhand russische Spezialitaeten auf der Speisekarte, wie Kohlroulade und Hamburger (das Spezielle daran ist, dass das laut Foto bloss Buletten mit Sauce sind, kein Broetchen, kein Salatblatt). Aber alles ist mei you. Na dann nehme ich halt eine russische Suppe und Kartoffelpueree. Toll. Der Service ist heute noch ueberforderter als gestern, denn der Laden ist gerammelt voll, und einige Kunden muessen gleich wieder rueckwaerts aus der Tuer heraus.
Als es auf vier Uhr zugeht, machen wir uns wieder auf den Weg. Der kleine Park unweit von hier enthaelt ebenfalls Eisskulpturen. Der Zaun ist zusaetzlich mit einer Eismauer umgeben, in die auf jedem Abschnitt eine Mickeymauskopfsilhouette gesaegt oder gefraest wurde. Soso ... hier sieht alles nach Disney aus! Der Park ist mit Eispalaesten gefuellt, in denen allerhand Figuren aus Disneyfilmen herumstehen. Die sind aber groesstenteils nicht aus Eis, sondern aus Plastik - vermutlich wegen der Farbe. Die Spielzeuge aus "Toy Story", das unvermeidliche Schneewittchen, der blaue Geist aus Aladdins Wunderlampe und viele mehr bevoelkern den winterlichen Park. Aufs Riesenradfahren verzichten wir, aber wir sausen auch hier eine Eisbahn hinunter. Hier laeuft sie einfach eben aus, und man landet ohne Schneedusche. Schon besser! Als Unterlage gibt es auch nur einen roten Lappen, aber alles ist schoen glatt und ohne groessere Buckel, so dass der Hintern keinen Schaden nimmt ...
Das Wichtigste hier sind aber die Eisskulpturen aus dem internationalen Eisbildhauerwettbewerb. Es gibt mehrere Teams aus Russland und China, und auch sonst sind allerhand Nationalitaeten am Start gewesen. Gleich eine der ersten Skulpturen ist recht kunstvoll: eine eis-erne Lady mit einem Netz aus Eis und allerhand Beiwerk. Das soll wohl die Personifikation von Harbin sein, jedenfalls lautet so der Name des Kunstwerks. Mir ist auch noch das intergalaktische Stueck "Galaxy" in Erinnerung, irgendwie mit Kreisbahnen und Planeten und explosiv. Von einem koreanischen Team, glaube ich. Nicht schlecht! [Uebrigens bin ich beim Bildergoogeln gerade auf einen anderen Blog gestossen, der mit vielen Fotos ueber einen vergleichbaren Harbin-Urlaub berichtet: guckstu hier. Das Rumsuchen hat ein bisschen gedauert, denn das Bloede ist, dass man mit den Stichworten eisskulpturen harbin fast nur Schneeskulpturen findet. Als ob Eis und Schnee dasselbe waeren!] Nebenan gibt es noch einen Gang mit zweitklassigen Werken: die stammen von den Teams aus der Gegend, die sich offenbar nicht fuer den internationalen Wettbewerb qualifizieren konnten. Selbst ich sehe den Qualitaetsunterschied ... obwohl auch diese Skulpturen gar nicht uebel sind.
Dann ist da noch ein Eishaus, an dem "pengpengche" steht - frei uebersetzt Rumsrumsauto. Aha, ein "Autoselbstfahrer". Da kein Extra-Eintrittsgeld verlangt wird, muss ich mal einen nostalgischen Ausflug in Kindheit und fruehe Jugend unternehmen. Hier gibt es keine bunten Lichter, aber man kann auch hier wie bloed herumkurven und andere Leute anfahren. ;-))
Dann haben wir aber auch genug und fahren zurueck zum Hotel. Same procedure as yesterday? Same procedure as everyday! Dampfbad, Schwimmen, Jacuzzi, Lobby Lounge. Diesmal ist die noch voller als gestern: aha, da sitzen ja auch allerhand Kollegen aus der Shanghaier Chefetage und nehmen an der allgemeinen Luftverpestung mit Hilfe dicker Zigarren teil. Auch sonst ist hier die Langnasendichte extrem hoch, und aus manchen Gespraechen bekommt man mit, dass auch viele Shanghai-Expats wie wir die freien Tage fuer einen Ausflug in den Norden genutzt haben.
Donnerstag, 29. Januar 2009
Montag, 26. Januar 2009: Schneemaenner fuer Angeber
Nach diesem "Dorfplatz" kann man ueber baumbestandene Spazierwege den Park erkunden. Die Wege sind jetzt von allerhand Schneemaennern fuer Angeber, sprich: kuenstlerisch wertvollen Schneeskulpturen, gesaeumt. An der ersten Kreuzung stehen riesige Mumins, "nilpferdartige Trolle", schreibt ein Wikipedia-Autor, haha! (Zur Erinnerung, falls man es vergessen hat: so sehen die aus.) Und dann kommt allerhand mehr oder weniger Kuenstlerisches mit mehr oder weniger esoterischen Namen. Und dann gibt es auch den Garten mit preisgekroenten Schneeskulpturen aus vergangenen Jahren. Stutz?! Ach so, weiss gestrichener Beton! Faellt auf den ersten Blick gar nicht auf. Ist aber wartungsintensiv, denn der Anstrich muss immer halbwegs perfekt sein.
Dann kommen wir an die "Indoor Ice and Snow Sculpture Hall" - ich fragte mich schon, warum man bei diesen Temperaturen sowas braucht. Die Halle ist aber geschlossen, und ich vermute jetzt mal, dass sie nur im Sommer geoeffnet hat, damit die Touristen trotz warmen Wetters das sehen koennen, wofuer Harbin so beruehmt ist. Davor steht eine Eisskulptur, die in der Sonne glaenzt und uebrigens keineswegs vor sich hin schmilzt. Eis ist schon irgendwie toll, und die Eisquader finde ich total faszinierend. Oft sind sie ganz klar, manchmal auch eingetruebt, zum Teil mit irgendwelchen eingeschlossenen Blasen in den seltsamsten Formen, auch deutlich erkennbare Trennflaechen (was trennen die?) - aber vermutlich ist es sowas Banales wie die schiere Groesse, die fuer die Faszination sorgt. Fuer mich, die ich Eis eigentlich bloss als laestige Schicht auf der Windschutzscheibe oder als Minizapfen an der Dachrinne oder als Eiswuerfel im dann zu kalten Getraenk kenne, ist so ein halbkubikmetergrosser Quader einfach riesig!
Von hier aus gehen wir ueber den obligatorischen See (kein chinesischer Park ohne See!), der natuerlich zugefroren ist. Selbst ich Feigling gehe angstfrei, denn erstens ist sogar der riesige Fluss so massiv zugefroren, dass man mit Autos, Kutschen etc. darauf fahren kann, und zweitens sind auch auf diesem See (koennte ja von einer warmen Quelle gespeist sein oder durch kosmische Strahlung oder von gaengebauenden Eistermiten am soliden Zufrieren gehindert werden ...) Reifenspuren auf der Oberflaeche zu sehen. Ja dann! Im Hintergrund prangt eine riesige Schneelandschaft: Santa Claus Village soll das sein. Hier kann man wieder rodeln (fuer Geld, Frechheit, der Inseleintritt kostete doch auch schon 120 RMB pro Nase!) und sich auch im Pferde- oder Hundeschlitten fahren lassen oder selbst mit einem Schneemobil herumkurven. Diesmal verzichten wir darauf.
Nach einigem Suchen finden wir auch noch die Ausstellungshalle, in der mit Fotos dokumentiert wird, dass die Leute von Harbin schon immer mit Eis und Schnee leben und sich damit bestens arrangiert haben. Je eine Fotosequenz zeigt, wie das Rohmaterial fuer Eis- und Schneeskulpturen gewonnen wird. Die Eisquader werden tatsaechlich einfach aus dem Fluss geschnitten, der Schnee kommt allerdings aus der Kanone. Vermutlich bekommt man nur so die richtige Konsistenz hin. - Ein altes Foto von 1963 zeigt das erste Eislaternenfestival. Da waren die Skulpturen noch wirkliche Laternen in normaler Lampiongroesse, die an einer Art Waescheleine aufgehaengt waren! Die Schneeskulpturen gibt es seit den 1980er Jahren.
Auf den Suedausgang des Parks zu faehrt die Nikolaus-Eisenbahn aus Schnee. Genau betrachtet steht sie, und zwar zwischen plastisch ausgearbeiteten finnischen Muenzen und Geldscheinen, ebenfalls aus Schnee. Seit wann hat denn der Nikolaus eine Eisenbahn? Ich dachte immer, der faehrt mit dem Rentierschlitten?!
Vor dem Parkeingang liegt das russische Dorf. Ein paar kleine Holzhaeuschen, weit voneinander entfernt, wie ich mir einbilde, dass es fuer russische Doerfer typisch sei. Warum eigentlich? Damit man das wodkageschwaengerte Gegroele der Nachbarn nicht immer gleicht hoeren muss? Hier gibt's in der Tat auch Wodka zu kaufen, ausserdem Matrjoschkas und die wie-schon-gesagt-beruehmte russische Schokolade. Darunter auch Milka (Fake? oder echt?) in typisch lilafarbener, aber russisch beschrifteter Verpackung. Ausserdem Oelbilder, na prima! Ich bin natuerlich total stolz, dass ich auch hier was lesen und verstehen kann. Wremja raboti, zum Beispiel, natuerlich auf kyrillisch: Времяа работу. Die Leute arbeiten hier angeblich alle von 9 bis 16 Uhr, zumindest sei das die Arbeitszeit. Lesen kann ich noch mehr, aber verstehen ... da kriegt der Stolz schon gleich wieder einen Daempfer. Sowohl auf Chinesisch als auch auf Russisch was entziffern und nix verstehen: so ein Frust. Als Eintrittskarte bekommt man ein Heftchen, das aussieht wie ein russischer Pass. Ob die Hauskatzen im Zwinger (warum???) und der ebenfalls eingekerkerte Geier auch einen haben?
Mittwoch, 28. Januar 2009
Sonntag, 25. Januar 2009: Zwei Michelinmaennchen unterwegs
Auf dem Platz um die Kirche herum steht ein weiteres Eiskastell, ansonsten ist nicht viel los. Als wir mit der Kirche durch sind, wuerden wir gern in einem der "zahlreichen Tee- und Kaffeehaeuser" einkehren, von denen im Reisefuehrer die Rede war. Wo denn? Wir gehen erst einmal in das vermeintliche Kaufhaus gegenueber, aber das ist mehr ein Lebensmittelmarkt. Es gibt Wuerste, fuer die Harbin angeblich beruehmt ist, ausserdem frische und getrocknete Seegurken (ich hab' ja nichts gegen Seegurken, aber die sehen einfach nicht appetitlich aus, oder?) und weitere Dinge, die mehr oder weniger essbar bzw. geniessbar aussehen. Aber es ist schoen warm hier drin!
Wir gehen weiter Richtung Zhongyang DaJie. Das ist die Hauptachse des alten Stadtkerns und, man hoere und staune, eine Fussgaengerstrasse! Sie ist aber ziemlich leer und wirkt zumindest halbtot - wahrscheinlich erschossen, denn permanent ballern Schuesse durch die Luft. Bollerschuesse, immer gleich zu Hunderten: allenthalben liegen auch die roten Papierfetzen, die davon uebrigbleiben, haufenweise auf den Strassen. Ich weiss nicht so ganz genau, wann denn nun das neue Mondjahr beginnt - wohl heute?!
Bald stossen wir auf ein grosses Kaufhaus, von dem es im Reisefuehrer hiess, man muesse unbedingt hineingehen, dort gebe es "ein spektakulaeres Oberlicht und eine Reproduktion eines Ausschnitts eines Freskos von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle an der Stirnwand", oder so aehnlich. Kommando zurueck - das war nun wirklich nicht spektakulaer. Und es besteht kein Zweifel, dass wir das richtige Kaufhaus erwischt hatten. Adresse und Name stimmten ...
Bald darauf finden wir das gesuchte Café Russia 1914. Ja, das ist ein Café und Restaurant so recht nach dem Geschmack von Langnasen, nostalgisch eingerichtet. Allerdings mit ziemlich traniger chinesischer Bedienung ... na ja. Und der russische Tee kommt auch aus dem Teebeutel. Als ich mir einen zweiten bestellen will, bekomme ich einfach nochmal Wasser auf den Beutel, fertig. Ich bin aber zu faul, eine Diskussion anzufangen - dann eben so. Es ist heiss und fluessig. Dazu haben wir Kekse bestellt und russische Schokolade, was hier eine beruehmte Spezialitaet zu sein scheint. Ich halte mehr von Schweizer Schokolade, aber die russische ist auch akzeptabel, nur ein bisschen zu suess.
Als wir lange genug herumgesessen und uns aufgewaermt haben, packen wir uns wieder ein und sehen jetzt dank der Steppung der Daunenjacke und der vielen Schichten Kleidung darunter so aus, wie es der Titel andeutet. Haette ich mal statt orange-grau eine weisse Jacke gewaehlt, dass waere authentischer ...
Wir gehen zunaechst bis zum Fluss. Da steht eine Saeule zum Gedenken an die Jahrhundertflut von ich-weiss-nicht-wann, und auf dem zugefrorenen Fluss selbst herrscht buntes Treiben. Wir fahren mit dem Stakeschlitten - sehr unbequem, weil zu klein fuer zwei, aber mit den Staken kommt man doch auf dem Eis unerwartet rasch voran. Permanent wird man angequatscht, weil einen alle Leute mit dem Pferdeschlitten oder der Pferdekutsche uebers Eis fahren wollen.
Dann versuchen wir ein Taxi zu ergattern, um rechtzeitig zum Sonnenuntergang an der Eis- und Schneewelt zu sein. Gar nicht so leicht, hier brauchen wir auch drei Anlaeufe, bevor wir einen finden, der den Taxameter auch benutzen will. Das nervt! Der dritte ist eine Sie, und die freut sich riesig ueber das Trinkgeld, nachdem sie uns prompt am Ziel abgeliefert hat. Es sei ihr gegoennt! Burkhard aergert sich, weil wir ein bisschen zu spaet sind wegen der ganzen Taxidiskussionen, aber eigentlich ist das fast egal. Die bunten Lichter sind jetzt an, und die Eishaeuser leuchten von innen. Eislaternen eben. Ich frage mich, wieviele Neonroehren hier in die Eisbloecke eingearbeitet sind - das muss man wohl sorgfaeltig planen. Irgendwie sieht es natuerlich toll aus. Im Hintergrund sieht man immer mal ein kleines Feuerwerk ueber den Eisskulpturen aufblitzen.
Es ist immer noch nicht sehr voll, aber eine nennenswerte Zahl von Gaesten ist doch da. Man kann auch auf einer Art runder Reifen rodeln, was ich gleich dreimal tue, und vom spanischen Schloss auf dem Berg im Eiskanal heruntersausen. Dafuer muss man allerdings Schlange stehen. Unter 14 und ueber 50 darf man nicht, also schnell noch jetzt erledigen ... Man bekommt eine flache Plastikschale - das ist der "Bob" - und muss sich ruecklings darauf legen und mit den Fuessen an der Wand fuer die richtige Fuehrung sorgen. Die Abfahrt ist rasant und die Landung unerwartet: hier wird man nicht einfach auf einer ebenen Strecke langsamer, sondern schlaegt mit voller Wucht in die schraege Schneeflaeche am Ende ein, wobei man schnell mal eine Schneedusche abbekommt und dann erstmal auf dem Ruecken liegen bleibt wie ein umgeworfener Kaefer. Huch! Und der Schnee aus der Wolke ist natuerlich anschliessend ueberall.
Wir streifen noch eine Weile herum, machen zum Abschluss eine Kutschfahrt uebers Gelaende, weil das so schoen an Jingle Bells erinnert (auch wenn es kein Schlitten ist, sondern eben eine Kutsche), und dann geht's zurueck zum Hotel. Also wieder mit den Taxifahrern feilschen - die bieten einem doch hier wirklich eine Fahrt zum Preis von 50 RMB an, wo wir schon wissen, dass der Taxameter so etwas wie 12 RMB anzeigen wird. Frechheit! Aber auch diesmal finden wir einen ehrlichen. Geht doch.
Am Hotel muss ich mir erst einmal die vielen Schichten Kleidung vom Leib reissen, das ist ja schrecklich! Mich sticht der Hafer, bzw. mir juckt das Fell! Wie gut, dass es hier ein Schwimmbad, ein Dampfbad und Jacuzzi gibt. Das tut jetzt sicher gut. Erst ins Dampfbad und richtig durchwaermen (obwohl, das moechte ich ausdruecklich zu Protokoll geben, ich nicht durchgefroren bin), dann 20 Minuten schwimmen, dann noch kurz im heissen Jacuzzi abhaengen, fertig!
Anschliessend gehen wir noch in die Lobby Lounge Bar und trinken ein heisses und ein kaltes Getraenk, und dann nichts wie ins Bett: das Wetter und das Dampfbad machen ganz schoen muede!
Dienstag, 27. Januar 2009
Sonntag, 25. Januar 2009: Habrrr!brrr!rbin
Vom Hotelzimmer aus soll man ja eigentlich einen Blick auf die Eislaternen haben, aber wir koennen nur auf ein weites schneebeglaenztes Feld gucken - Betrug?! Das ist der ganz schoen breite, zu dieser Jahreszeit massiv zugefrorene Songhua-Fluss. Um kurz nach zwei liegen wir jedenfalls im Bett. Leider nur ein Bett mit nur einer Decke - aber dafuer ist es wenigstens nicht so hart wie in den normalen chinesischen Hotels.
Am naechsten Morgen gibt es ein grosses Fruehstuecksbuffet, nach dem wir uns erst noch ein bisschen hinflegeln - ich behaupte aber: hinpflegen - muessen. Dann heisst es die fehlenden Schichten Kleidung ergaenzen - und dann nix wie raus, drinnen ist es damit ja viel zu warm! Wir haben beschlossen, uns gleich als erstes die "Eis- und Schneewelt" anzusehen. Aber nein, sagt der Portier, das sei was fuer abends - wir sind ein bisschen trotzig und wollen die Eisgebaeude dennoch schon mal im rechten Licht sehen. Das entpuppt sich als echter Geheimtipp - da geht tagsueber wirklich so gut wie niemand hin. Die Eis- und Schneewelt gibt es wohl erst seit 10 Jahren. Leider ist das Motto dieser Jubilaeumsausgabe nicht sooo inspirierend: "Let's welcome the 24th winter universiade", oder so aehnlich. Und leider kann man das Ticket nicht fuer den Abend desselben Tages weiterverwenden, aber egal. Die Sonne scheint, der Wind pfeift, die Fahnenmaste geben das typische Klickerklacker von sich. Hier wehen die Fahnen aller Herren Laender. Und es ist ha-brrr! brrr! kalt. Jetzt kann man sich in Ruhe die Eisgebaeude unter der Wintersonne ansehen. Wie gesagt, es ist so gut wie menschenleer.
Ich frage mich, ob beim Bau Wasser als Moertel benutzt wird. Die groesseren Gebaeude sind 20-25 Meter hoch - Laternen im engeren Sinn kann ich nicht ausmachen. Statt dessen eine kleine achteckige Kirche ("aus Frankreich"), eine Weltkulturerbe-Stabkirche aus Norwegen, chinesische Pagodentempel, ein spanisches "Kastell auf dem Berg", das aber nur aus Fassade besteht. Und eine ueberdimensionale Bierflasche, lokale Sorte, die heisst hapipijiu. Pijiu heisst Bier, was heisst pipi? - Es gibt auch ein Halmaspiel mit menschengrossen Spielfiguren, ausserdem ein paar Eisskulpturen (nix Besonderes aber) und einen riesenhaften angeblich tibetanischen Schneebuddha, der aber gar nicht die tibettypische (hihi, schoenes Wort. ;-) ) Spitzmuetze aufhat. Ausserdem gibt es eine grosse Glocke, an die man zwar nichts haengen soll, die man aber mit einem Baumstamm anschlagen darf - sie ist naemlich weder aus Schnee noch aus Eis, sondern aus ganz normaler Bronze. Das Problem ist nur, dem Stamm den rechten Schwung zu versetzen, denn da, wo man den Stamm zu fassen bekommt, ist der Boden ziemlich glatt. In Abwandlung des bekannten Sprichworts kann man auch sagen "wo gelaeutet wird, da fallen Spaene", denn mit jedem Schlag wird der Stamm ein bisschen weniger.
Nach etwa zwei Stunden haben wir genug gesehen und angeln uns ein Taxi in die Stadt.