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Das neue Jahr des Schweins
Wenn ich es schaffe, gibt es hier übrigens auch noch Updates, und zwar aus den bisher unveröffentlichten Reisetagebuchnotizen.
Mittwoch, 8. Oktober 2008
Mittwoch, 6. August 2008: Heimflug
Nun sind wir so frueh da und haben eingecheckt, duerfen aber nicht durch die Sicherheitskontrolle gehen - die hat noch gar nicht geoeffnet. Wir loten die Moeglichkeiten fuer "Shou-ping" aus, denn sonst kann man hier gar nichts machen, aber die sind auch sehr limitiert. Uns wuerde vielleicht noch ein Buch ueber Yulin interessieren, aber mei you. Bestickte Taschentuecher und Plueschkamele und "Spezialfutter" in Tueten sind nicht unser Ding. Wir haengen also nur herum und freuen uns, dass unsere Reise uns gerade das richtige Wetter beschert hatte. Wie berichtet waren die Tage vor dem 1. August, SoFi's Tag, regnerisch oder mindestens verhangen, und heute Morgen ist es auch wieder ganz grau. Fernsicht gibt's nicht, und wo ist der lan lan de tian, der ach so blaue Himmel?
Schliesslich oeffnet die Sicherheitskontrolle doch, und Helen kann uns unserem Schicksal ueberlassen. Wir muessen noch ein bisschen warten und koennen dann entdecken, dass der ach so blaue Himmel ueber den Wolken ist (also da, wo angeblich auch die Freiheit grenzenlos sein soll, man aber immer angeschnallt sitzen muss). Umsteigen muessen wir wieder in Xi'an, wobei wir a) unser Gepaeck aufnehmen und b) das Terminal wechseln muessen, wobei die Wege grottenschlecht ausgeschildert sind. Am Abflugterminal sind die Schlangen unglaublich lang. Es ist also nervig, aber alles klappt gut, und am fruehen Abend (oder sagen wir am spaeten Nachmittag) kommen wir hoch zufrieden wieder daheim an. Es geht halt ein ganzer Tag fuer die Reise drauf.
P.S. Wie sich hinterher herausstellte, deckt das Buch, das wir an den (und vermeintlich ueber die) Mogao-Hoehlen gekauft hatten, auch die "Grotten" von Yulin ab. Insofern war dann keine Spezialaktion mehr noetig, die Helen uns angeboten hatte.
Dienstag, 7. Oktober 2008
Dienstag, 5. August: Sandwichtag
Das ist also der erste Kamelritt meines Lebens (glaube ich jedenfalls). Das ist relativ komfortabel (vor allem, wenn man es mit dem unsanften Elefantenritt rund um den Bayon vergleicht). Wenn es aufsteht, muss man sich gut festhalten – zuerst steht es mit den Hinterbeinen auf, dann mit den Vorderbeinen. Natuerlich schwankt es ein bisschen beim Gehen, und nach dem Start muss so ein Kamel erst einmal in den richtigen Tritt kommen (auch, wenn es unterwegs mal stolpert). Aber es ist warm und freundlich, ich denke, ich mag Kamele! Burkhards hat allerdings schlechte Manieren: es schlurft und furzt. Na so was! (Auf boesen Zungen liegt jetzt ein altes deutsches Sprichwort: Wie der Herr, so 's G'scherr!)
An dem Weg, ueber den wir jetzt reiten, reiht sich eine Kamelstallung an die naechste. Um diese Zeit sind deren Bewohner/innen noch zu Hause, aber bald schon kommen uns die ersten Minigrueppchen von Kamelen (2-5 Tiere) entgegen, die zumeist von einem motorisierten Zweiradfahrer gefuehrt werden. Wohin des Wegs um diese fruehe Stunde? Mittlerweile ist es schon ein bisschen hell. Unterwegs dichte ich mal rasch ein Haiku:
Die alte DueneNach etwa einer Stunde werden unsere Kamele endlich auf die Duene gefuehrt, nachdem der Weg lange parallel zu ihrem Fuss verlief. Oh! Das macht einen Unterschied! Auf dem Wuestensand ist der Tritt der Kamele viel weicher und runder als auf der Strasse oder dem Schotterweg, interessant, dass das so einen Unterschied macht! Ein Stueck weit die Duene hinauf sehen wir etwas: beim Naeherkommen erkennen wir ein kleines "Kuechenzelt" und einen gedeckten Fruehstueckstisch in den Duenen. Ein Koch, ein Kuechenjunge und eine Serviererin sind schon da und haben alles fuer uns vorbereitet. Na, wenn das nicht dekadent ist ... ;-)).
Scharf geschnittene Sandkanten.
Das Kamel schlurft.
Der Tisch ist so gedeckt, dass wir einen Blick auf die Duenenkante haben, auf der sicher gleich die Sonne aufgehen wird. Es ist naemlich jetzt schon recht hell. Ich wundere mich schon ein bisschen – da wird man doch geblendet?! Aber egal, wir wenden uns jetzt erst einmal dem Fruehstueck zu. Es gibt Pfirsichsaft, Toast, ein Croissant mit Butter und Marmelade, zwei gebratene Eier mit Speck und (etwas ominoesen) Wuerstchen und Congee (das ist ein duenner Reisbrei) mit Kuerbis, das lecker aussieht, aber irgendwie nach gar nichts schmeckt - man muss schon Zucker hineinschuetten. (Es war so neutral, dass Salz vielleicht auch gegangen waere, es war aber keins verfuegbar.) Kurzzusammenfassung: wegen der kulinarischen Qualitaeten des Fruehstuecks macht man diese Tour nicht, sondern wegen seiner Umstaende!
Nachdem die Eier gebraten und serviert sind, wird's dem Koch zu langweilig, und er faengt an, ein bisschen in der Duene kamelzureiten. Die Serviererin kommt auch mit. Beide haben offensichtlich Spass! Seltener Anblick: ein junger Mann mit weisser Kochjacke und -muetze und eine Serviererin in der weinroten Hotelangestelltenuniform hoch zu Kamel auf ziellosen Wegen inmitten eines grossen Sandhaufens …
… und dann geht die Sonne auf, ganz ohne Zarathustras Dramatik. Es ist schon etwa 7:20 Uhr. Zwar ist offiziell Sonnenaufgang gegen 6:40 Uhr, aber das ist der Effekt des Duenentals. Die Duenenkanten hinter uns waren dementsprechend schon deutlich zuvor in ein rosiges Morgensonnenlicht getaucht worden. Nachdem wir diesen heiss erwarteten Moment genossen haben, streunen wir auch noch ein wenig durch die Mikro-Hoehen und –Tiefen der Duene, aber zu Fuss. Dabei kann ich noch eine von diesen kleinen Sandechsen ausmachen, die so witzig und auffaellig laufen. Mit hochgestelltem Schwanz und irgendwie breitbeinig. Vermutlich kann man so besser mit der Hitze des Sandbodens umgehen, aber zu dieser fruehen Morgenstunde ist der noch eher kuehl. Man kann diese auch nur dann entdecken, wenn sie laufen – solange sie still auf dem Sand sitzen, sind sie zu gut getarnt. Ein wenig spaeter laeuft uns noch ein zweites, etwas groesseres Exemplar ueber den Weg. Vielleicht handlang von der Nasen- bis zur Schwanzspitze, also definitiv nicht viel Tier.
Dann ist es Zeit zum Aufbruch. Wir besteigen noch einmal unsere Kamele, die uns aber diesmal nicht bis zum Hotel zuruecktragen, sondern bloss von der Duene herunter. Unten ist ein kleiner Weingarten (Wingert also, eins meiner Lieblingswoerter), und offenbar ist schon Erntezeit, denn unter einem offenen Vordach sitzen einige nicht mehr ganz junge Leute und verpacken Trauben in Kisten. Ich rede noch ein bisschen mit den Kamelen, waehrend Burkhard Wein fotografieren geht, und dann steigen wir in den bereitstehenden Jeep. Ich frage den Fahrer irgendwas ueber das Hotel und benutze das (in Shanghai gaengige) Wort dajiudian, wobei die Komponente da 'gross' bedeutet. Neinnein, wehrt der Fahrer ab, dieses Hotel sei doch kein dajiudian (halbfrei uebersetzt etwa "grosser Alkoholausschank"). Schliesslich sei es ein shanzhuang, und das bedeutet Bergdorf. Viel schlichter klingt das – dabei ist das Hotel definitiv gross. Zu unserer Ueberraschung sind die Kamelstallungen uebrigens jetzt (gegen acht Uhr) schon alle leer, Dienstbeginn auf der Duene duerfte also spaetestens 8 Uhr sein. Bei kurzem Nachdenken kein Wunder: man kann eigentlich nur fruehmorgens und spaetnachmittags auf der Duene herumreiten, sonst ist es viel zu heiss.
Im Hotel haben wir jetzt noch ein bisschen Zeit, denn zur Abfahrt zu den Yulin-Grotten haben wir uns fuer 9:30 Uhr verabredet. Da wir noch die regulaeren Fruehstuecksgutscheine haben, trinken wir noch mehr Tee und Wassermelonensaft auf der Terrasse, mit Blick auf die morgensonnenbeschienenen Duenen. Die Angestellten koennen gar nicht verstehen, dass wir nichts essen wollen, und servieren uns aus lauter Verzweiflung noch ein bisschen Obst. Auch gut, das hatte beim Duenenfruehstueck ja gefehlt!
Dann beginnt die lange Fahrt zu den Yulin-Hoehlen. Nach gut zwei Stunden und 180 Kilometern kommen wir gegen 11:40 Uhr dort an. Unterwegs geht es durch die Wueste bis nach Melonenstadt (frueher hiess dieser Ort mal Anxi, aber jetzt kommen leckere Melonen von dort, und daher lautet der offizielle Name jetzt Guazhou), dann biegen wir in die Berge ab. Eine wahre Mondlandschaft ist das da, einfach nackte Erde … nach einem kurvigen Strassenstueck oeffnet sich dann eine Ebene mit Gruenzeug vor uns, Graeser wachsen da und Tamarisken wohl auch. Die bluehen violett und setzen so ein paar Farbtupfer in die Landschaft. Schoen sieht das aus!
An einer ziemlich wuesten Stelle heisst es ploetzlich "wir sind da!". Wie denn, wo denn, was denn? Nach ein paar Schritten wird klar, dass wir hier oberhalb eines Canyons stehen, den ein Fluss in die Wueste geschnitten hat – vom Auto aus war das nicht auszumachen. Am Grunde des (nicht sehr tiefen) Canyons fliesst ein kleiner Fluss, und an seinem Ufer stehen Ulmen, die dem Ort seinen Namen gegeben haben. Yulin: Ulmenwald. Nun, einen richtigen Wald wuerde ich das nicht nennen, aber an den Flussufern ist es schon idyllisch gruen. Da wir gerade so zur Mittagszeit angekommen sind, ist es erstens ziemlich heiss und zweitens muessen wir warten, denn unsere Fuehrerin ist (oder schreibt man das dann mit Doppel-s?) zu Tisch. Meine erste Tat nach der langen Fahrt: einen Ort aufsuchen, an dessen Tuer (auch) die lateinischen Buchstaben WC prangen. Das ist hier ganz neu interpretiert: die kleinen Haeuschen befinden sich ueber dem Fluss und im Boden fehlt einfach eine Planke. Oben auf Haeuschenhoehe gibt es ueberhaupt kein Wasser.
Wir verbringen die Wartezeit im Flussbett, weil es da noch am frischesten ist. Und man kann bewundern, mit welcher Phantasie das Wasser den Boden ausspuelt. Nach gar nicht sehr langer Zeit ist unsere Fuehrerin dann da. Diese spricht kein Deutsch, und selbst das Englisch koennte besser sein. Aber irgendwie klappt das schon – sie fuehrt uns in die Hoehlen 13, 12, 15, 16, 17 und zum grossen Buddha (24,5 Meter), der sich hinter den Tueren 19 und 23 verbirgt. 19 ist auf Augenhoehe, 23 auf Knie- und Fusshoehe des Buddha, der im Lotussitz vor sich hin meditiert. Irgendwie sind diese Hoehlenstaetten mit ihren nummerierten Tuerchen ein bisschen wie ueberdimensionale Adventskalender.
Auch hier sind Galerien vor die Wand gebaut worden, aber erst in den 1990er Jahren. Vorher gab es einen innen liegenden Wandelgang. Hier in Yulin ist das Gefuehl irgendwie besser als in den Mogao-Hoehlen, ich weiss nicht einmal recht warum. Ob es daran liegt, dass hier natuerlich viel viel weniger los ist? Oder dass Helen in einen regen Dialog mit der Fuehrerin verwickelt ist (meist auf Englisch) und wir so mehr diskutieren, was wir sehen? Oder sind die ausgewaehlten Hoehlen irgendwie besser? An den Waenden prangen gut erhaltene Originalfarben (viel Malachit, und blauer Lasurit), die Zeichnungen erscheinen mir feiner als die, die ich in Mogao gesehen habe, und vor allem sind die "tausend Buddhas" irgendwie individueller und sehen nicht so aus wie in Mogao, wo sie teilweise den Eindruck pflichtbewusst ausgefuehrter Flaechenfuellung (neben den Hauptgemaelden) erwecken. Hier sehe ich auch ein paar der beruehmten fliegenden Apsaras, die hier wie in Kambodscha den Himmel grazioes mit Musik und Tanz fuellen, aber hier einen ganz anderen Stil haben als dort.
Letztlich weiss ich nicht, warum es mir hier in Yulin fast besser gefaellt als in Mogao, aber ich empfehle die Tour hierher auf jeden Fall. Kunstgeschichtlich gehoeren die Hoehlen von Yulin ohnehin zu den Mogao-Grotten dazu.
Wir haben gut 1,5 Stunden Zeit fuer die Besichtigung, keiner hetzt uns. Hier gibt's uebrigens nicht einmal Souvenirbuden! Gegen 14:30 h fahren wir ab zum naechsten Dorf, denn jetzt sind wir ein bisschen hungrig. Im Sichuan-Restaurant ist die Mittagszeit schon vorbei, deshalb essen wir in einem muslimischen Restaurant (Nudeln mit Rindfleisch, Bohnen und gruenem Paprika) - fuer 4 Personen deutlich unter 50 RMB. An einem anderen Tisch sitzt eine Gruppe von Gaesten, die vielleicht noch nie Langnasen gesehen haben – wir werden mehr oder weniger verstohlen beaeugt und sind eine echte Attraktion. Und vice versa, versteht sich – ja, wie essen die denn? Hier werden die Knochen noch auf den Tisch gespuckt … Helen amuesiert sich.
Nach dem Essen machen wir uns wieder auf den Rueckweg nach Dunhuang, unser Fahrer muss wach bleiben – der Rest von uns nickt zwischendurch immer mal wieder ein. Gegen 17:10 Uhr erreichen wir das Hotel. Dort goennen wir uns erst einmal eine Stunde Fussmassage. Ah, das tut gut und vitalisiert uns wieder ein bisschen. Danach sind wir also fit fuer die Fahrt zur Mingsha-Duene. Na ja, genau betrachtet haette man da auch zu Fuss hingehen koennen, aber das dauert uns jetzt zu lange. Dort muss man Eintritt bezahlen, um den grossen Sandhaufen zu betreten, und zwar nicht zu knapp: 120 RMB pro Nase! Wir diskutieren, ob wir den langen Kamelritt oder bloss einen kurzen oder gar keinen machen sollen, aber weil Kamele so nett sind und ich gern nach oben auf eine ca. 200 m hohe Duene moechte, entscheiden wir uns fuer die lange Tour. Helen kann es gar nicht begreifen, wo wir doch am Morgen schon ausfuehrlich kamelgeritten sind. Ausserdem sei es viel zu windig, deshalb sei es da oben viel zu sandig. Sie meint, wir koennten doch besser eins dieser laermigen Squads (?) nehmen, aber diesen Vorschlag koennen wir gar nicht begreifen. Also noch mal Kamel bis zu einer Art "Bergstation", und das letzte Stueck muessen wir auf einer "Treppe", die aus einer Art in den Sand gelegten Leiter besteht, selber hochkraxeln. Schon mit der Treppe ist es anstrengend, ich glaube, ohne wuerde man es in dem losen Sand ueberhaupt nicht schaffen.
Wie man schon von unten ahnen konnte, werden wir hier oben sandgestrahlt. Ein starker Wind weht eine konstante Sandfahne ueber die Duenenkante, das sieht beeindruckend aus. Und dass trotz zweitausendjaehrigen Windwehens die Duene immer noch da ist …! Von der Kante oben hat man einen Blick ueber Wueste und Landschaft. Leider haben wir jetzt keinen hohen blauen Himmel mehr, aber trotzdem ist es gut und es tut mir gar nicht leid, heraufgekommen zu sein. Von der Kante zur Bergstation soll man dann herunterrodeln, dazu gibt es so eine Art Kisten, in die man sich hineinsetzt. Aber das fluppt gar nicht richtig und artet auf der unteren Haelfte gar in Arbeit aus, muss man sich doch mit den Haenden abstossen und abstossen und abstossen … hatte ich mir einfacher vorgestellt.
Dann heisst es wieder aufsteigen, die Karawane zieht weiter. Denn die Kamele laufen natuerlich nicht frei herum, sondern sind in einer Reihe hintereinander gebunden. Das ist also unser Sandwichtag: morgens Kamelritt, abends Kamelritt, dazwischen buddhistische Hoehlen angucken. Die Stimmung jetzt am Abend mit reichlich Wind und ziemlich grosser Hitze ist auch voellig anders als in der ruhigen, kuehlen Morgenluft. So bekommt man einen gaaaanz kleinen Eindruck davon, wie furchtbar es frueher gewesen sein muss, als Haendler auf der Seidenstrasse die Wueste Gobi zu durchqueren. Heute ist das ja alles sehr komfortabel, aber wenn man morgens nicht weiss, ob und wo man abends ankommt und ob man unterwegs verdurstet und ob ein Sandsturm aufkommen wird und ob die Wasservorraete bis zur naechsten Wasserstelle (wo??) reichen und ob man Schurken in die Haende faellt … dann ist das schon schrecklich. Aber offenbar hat es sich ja gelohnt.
Wir reiten jetzt um die Duene herum zum Mondsichelsee (Yueya). Unterwegs geht die Sonne im Dunst hinter einer Wolke unter, auch schoen. Das einzige Problem: jetzt wird es rasch dunkel, wir haben gar nicht mehr genuegend Zeit. Aber sie reicht noch, um eine weitere Duene auf diesen Leitern zu besteigen. Gut 20 Minuten brauchen wir, aber dann kommen die letzten 5 Meter bis zum Duenenkamm ohne Leiter – ich dachte schon, ich schaffe die nicht mehr!
Von hier oben hat man einen Blick auf die Mondsichelseeoase, die sich sehr idyllisch in ein Duenental schmiegt. Schade, dass das Fotografierlicht schon nachlaesst! Von der Duene herunter kommen wir ganz schnell, in hoechstens 3-5 Minuten, wuerde ich sagen. Das meiste laufen wir (hui, da kann ich schnell laufen!), und auf dem unteren Stueck soll noch einmal gerodelt werden. Diesmal nehme ich etwas mehr Schwung und es geht halbwegs. Burkhard bringt es irgendwie fertig, sich im Sand zu ueberschlagen – was weiter nicht schlimm ist, aber dafuer sorgt, dass er hinterher UEBERALL Sand hat.
Am Mondsichelsee setze ich mich am Ufer hin und bewundere die schmale Mondsichel, die jetzt am Himmel steht und sich schon bald anschickt, hinter der Duenenkante wieder unterzugehen. Leider ist die Oase nicht illuminiert, schade. Das koennte man ja sooo stimmungsvoll in Szene setzen dort! - Ich plaudere ein bisschen mit einigen chinesischen Touristen und es klappt erstaunlich gut. Das sind offenbar welche, die verstehen wollen, was diese Langnasen so sagen …
Als es ganz dunkel und die Mondsichel verschwunden ist, fahren wir zurueck zum Hotel. Es ist schon etwa 22 Uhr, zum Glueck sind wir wegen des spaeten Mittagessens gar nicht hungrig. Stattdessen beschliessen wir einfach, den letzten Abend auf der Dachterrasse bei einem der leckeren Fruchtcocktails ausklingen zu lassen. Gesagt, getan!
Montag, 6. Oktober 2008
Montag, 4. August: Die Mogao-Hoehlen und der Jadetorpass
Es gibt in einer langgestreckten Felswand ueber einem Flusstal 493 bemalte und/oder mit Skulpturen geschmueckte Hoehlen, insgesamt sind es weit ueber 500. (In den meisten Quellen ist von 492 bemalten die Rede, aber man hat wohl kuerzlich noch eine weitere buchstaeblich aufgetan.) Im Rahmen eines Besuchs kann man mit etwa 10 Hoehlen nur einen verschwindend geringen Teil davon sehen, und man weiss auch nicht vorher, in welche man gefuehrt werden wird. Denn selbstverstaendlich kann man sich hier, schon aus konservatorischen Gruenden, nur mit Fuehrer/in bewegen. Jedenfalls in den eigentlichen Hoehlen. Wir sind recht frueh da und koennen die Aussenansicht mit noch wenigen Besuchern und im schoenen Morgenlicht geniessen und nach Herzenslust fotografieren. Aber auch hier sind wir vor Olympia nicht sicher. Noch vier Tage bis zum "Anpfiff", sagt eine der zahllosen Countdown-Tafeln, die auch hier aufgestellt ist. Und damit nicht genug! Plakatwaende zeigen, dass Olympische Spiele eigentlich auch eine chinesische Erfindung sein muessen: Detailausschnitte aus ich weiss nicht wie vielen Quadratmetern bemalter Hoehlenwaende zeigen alle moeglichen Sport- und Spielarten, sozusagen. Oder vielleicht olympische Sportarten in altchinesischer Spielart.
Irgendwie scheint es ein paar Probleme zu geben; waehrend wir lange vor den Hollaendern gekommen sind (ja, die auch …), verschwinden die schon viel frueher als wir hinter den ersten Tueren. Ja, vor die Felswand hat man irgendwann Galerien gebaut, und die einzelnen Hoehlen sind mittlerweile zum Schutz vor Wind, Wetter, Leuten und anderem Unheil mit Tueren versehen. Schliesslich taucht eine deutschsprachige Fuehrerin auf, die in ihrer biederen Uniform mit Faltenrock (die muessen hier alle so herumlaufen) und mit festgebombter Dauerwellenfrisur aussieht, als waere sie "schon alt auf die Welt gekommen", wie das bei Loriot heisst. Sie ist leider ohne jeglichen Hauch von Enthusiasmus bei der Sache, aber wohl hinreichend professionell. Und sie hat einen grossen Schluesselbund.
Wir beginnen die Besichtigung mit den Hoehlen Nr. 96 und 130, in denen riesenhafte Buddhastatuen sitzen, die ca. 36 resp. 26 Meter hoch sind. Frustrierend fuer so'nen Buddha: eingemauert! Eine Tuer in Augenhoehe reisst es ja auch nicht heraus. Dann besuchen wir die
Hoehlen 148, 173, 428, 427, 419, 16/17, 323(-325), die alle fast vollstaendig ausgemalt sind. Da der Fels hier rau und broeselig ist, mussten die Felswaende erst mit einem Malgrund versehen werden und wirken wie "normale" Innenraeume – mit weitgehend rechteckigem Grundriss und ziemlich ebenen Waenden. Ich hatte jedenfalls keine "Hoehlengefuehle". Die Malereien sind einerseits sehr unterschiedlich und andererseits irgendwie alle gleich, es geht halt um buddhistische Themen, Geschichten aus Sutren, auch um das westliche und oestliche Paradies. Ersteres ist das "Reine Land des Buddha Amitabha", letzteres ist das Reich des Medizin-Buddha. Alles sehr kompliziert fuer Buddhismusunkundige wie mich … Aber man kann ja einfach mal hingucken und sehen, dass hier typisch chinesische Architektur dargestellt ist, die jeweiligen Hoehlenmalereien sind also definitiv zu einer Zeit entstanden, als der Buddhismus in China schon eine weitere Heimat gefunden hatte. (Fruehere Malereien in anderen Hoehlen zeigen noch indischen Stil, sagen die Kunsthistoriker.) Ausser Architektur gibt es auch viele Musikinstrumente zu sehen, wenn die Bilder mit Ton waeren, wuerde in den Mogao-Hoehlen ein Hoellenlaerm herrschen, so viel wird darauf musiziert (und dazu getanzt).
Die Hoehlen 16/17 sind angeblich ganz besonders wichtig – aber wenn man kommt, um die Malereien zu sehen, ist man enttaeuscht. Wichtig sind sie auch nicht so sehr wegen der Bemalung, sondern weil hier (unter anderem) das beruehmte Diamant-Sutra gefunden wurde. (In Mogao habe ich das aber nicht gesehen.) Ich bin von einem unwichtigen Detail beeindruckt: Vor der Hoehlenwand meditiert ein Buddha, und hinter ihm an einem gemalten Baum haengt eine gemalte Schultertasche, die an jedem Hippie auch gut ausgesehen haette. Witzig!
In einer Hoehle fehlt ein besonders schoenes Stueck Wandmalerei – Tang-Grazien auf einem Boot, wenn ich mich recht erinnere. Dieses Stueck hat ein amerikanischer – ja, was? Abenteurer? Entdecker? Archaeologe? als besonders schoen empfunden und einfach saeuberlich auf einem rechteckigen Ausschnitt vom Untergrund geloest und mitgenommen. Man kann es ja nicht so richtig uebelnehmen – so waren wohl die Zeiten und es hat auch vermutlich keinen vor Ort gestoert, damals. Aber wenn man heute davor steht, ist es doch etwas frustrierend.
Damit ist unser Besuch auch schon um, und unsere beiden Fuehrerinnen fuehren uns noch zum Spezialgeschaeft, in dem es Buecher und Repliken der Malereien zu kaufen gibt. Und hier muessen wir ja auch ein Buch kaufen, denn – eine Quelle tiefer Frustration fuer Burkhard – Fotografieren war selbstredend streng verboten. Wer die Wahl hat, hat die Qual – aber nach langem Hin- und Hergucken und Vergleichen und Diskutieren koennen wir uns fuer ein franzoesisch-deutsches Werk entscheiden. Hier scheint die Themenabdeckung breit und die Bildqualitaet recht gut zu sein.
Dann wartet noch das Museum auf uns. Beziehungsweise warten Helen und ich erst einmal vor dem Museum auf Burkhard, der etwas huegelan kraxeln will, um ein paar Bilder von der Hoehlenwand zu machen. Auf dem gegenueberliegenden Huegel stehen naemlich einige Stupas, die sich prima als Vordergrund eignen. Waehrend wir so warten, erzaehlt mir Helen, dass die Hollaender noch ein paar Hoehlen extra sehen, fuer extra Geld. Ich muss ja sagen, dass es mich ein bisschen aergert, dass uns das niemand vorher angeboten hat. Helen findet das gar nicht schlimm, man koenne das ja sowieso alles gar nicht auseinanderhalten, und 10 seien dicke genug. Na, die kennt uns aber nicht! Ein paar mehr gibt's dann noch im Museum als Repliken zu sehen, und zwar die Hoehlen 003, 217, 419, 276 und 275. Zur Bestaetigung des Frusts ist sogar in den Repliken das Fotografieren verboten, was soll denn das? Na ja, egal, wir haben ja jetzt das Buch.
Waehrend wir uns die Replik von Nummer 419 ansehen, faellt mir auf, dass ich die schon gesehen habe (s. oben – da war diese Nummer auch dabei). Ich sage das zu Helen, aber sie will mir nicht glauben – die sei normalerweise fuer Besucher gesperrt, die koenne ich also gar nicht gesehen haben. Ich war schon selbst ein bisschen verunsichert … wie gut, dass wir die Nummern aufgeschrieben hatten. Natuerlich hatte ich dieses sehr typische Bild schon gesehen! Da will die mir das nicht glauben! Sowohl die Bildstrukturen (es erzaehlt "comicartig" – bei den Franzosen heisst das ja sehr treffend bande dessinée – in einzelnen Szenen unter anderem die Geschichte eines Prinzen, der sich selbst einem Tiger als Nahrung anbietet) als auch die Farben (leuchtendes Blau, kaltes, mineralisches Gruen, Braun, dazu kraeftige Akzente in Schwarz und Weiss) waren mir aufgefallen und auch im Gedaechtnis geblieben.
In der Ausstellung werden Ausgrabungen aus den noerdlichen Hoehlen gezeigt: Texte in vielen verschiedenen Sprachen und Schriften, ein paar sehr alte Scherenschnitte (sieh mal an! - und dass diese Papierstueckchen erhalten geblieben sind, grenzt an ein kleines Wunder), Miniatur-Stupas aus Lehm, die aussehen wie Familienverwender, aeh, -benutzer, und verschiedene sehr alte Textilien aus diversen Materialien (mindestens Wolle, Seide, Baumwolle).
Danach fahren wir zurueck in die Stadt nach Dunhuang – die Grotten liegen ein bisschen ausserhalb. Helen fuehrt uns zum Mittagessen in eine Dumpling-Bude. So ein Laden, den wir uns allein bestimmt nicht zu betreten getraut haetten. Wir nehmen zwei Sorten mit Pilzen und Hackfleisch und Shrimps, oder so aehnlich, dazu gibt es eine Sauce aus Essig, Chili und Knoblauch. Die Dumplings sind gekocht und schmecken nicht direkt uebel, aber da weiss man doch, was man an den gedaempften xiaolongbao von Din Tai Fung hat …
Am Nachmittag steht eine Extratour auf dem Programm, fuer die unser Fahrer auch ein bisschen was extra bekommt. Es geht zum Yumenguan, dem Jadetorpass, der auf der noerdlichen Seidenstrassenroute Sicherheit verbreitete. Wir fahren wieder durch die Wueste und sehen die Hitzespiegelungen, die Wasser vortaeuschen – aha, das ist also eine Fata Morgana. Helen versichert mehrfach, dass sie Besuchern den dringenden Wunsch abschlagen musste, "am Ufer des Sees" eine Rast einzulegen.
Wir erreichen den Yumenguan – aber entgegen Helens Behauptung, dass davon ja sehr viel mehr erhalten sei als vom Yangguan gibt's auch hier bloss einen alten Ziegelklotz, der zwar ein bisschen besser erhalten ist als jener am Yangguan, aber so viel besser nun auch nicht. Zunaechst fahren wir aber noch ein Stueck weiter. Hier steht ploetzlich eine Art Klotz aus Wuestenbeton in der Landschaft, daneben prangt auf einem Blechschild ein grosses blaues P auf weissem Grund. Der Rost hat es schon halb aufgefressen, aber eigentlich scheint es auch egal, wo genau man hier haelt. Wir sind weit und breit die einzigen Besucher eines sehr alten Stuecks der Grossen Mauer. Es stammt aus der Han-Zeit und ist somit etwa 2000 Jahre alt. Das Bauwerk besteht hier aus gestampftem Lehm mit Stroh und weist jetzt eine Rippenstruktur auf, die wohl dadurch entstanden ist, dass der Wind zwischen den einzelnen Strohschichten im Laufe der Jahrhunderte mehr Teilchen weggeblasen hat als dort, wo das Stroh liegt. Ein Stueck Mauer ist eingezaeunt, irgendwie absurd ... Burkhard geht bis zu einem Signalturm ein paar hundert Meter weiter, aber mir ist die Wueste zu heiss. Helen erzaehlt mir, dass dort in der Naehe ein Haufen versteinertes (?) Holz liegen soll, aber Burkhard meint hinterher, dass es doch eher nach Stroh aussieht. Ich bin schon ein bisschen in Sorge, dass er da zu lange herumlaeuft, der Wuestenboden ist bestimmt 50 °C heiss, und von kuehlendem Windhauch kann auch nicht die Rede sein. Nicht dass er da mit einem Sonnenstich umkippt …!
Aber er kommt heil zurueck, und wir fahren (natuerlich nur mit Tempo 30, wie es ein einsames Strassenschild mitten in der Wueste vorschreibt), zum Ziegelklotz-Hauptgebaeude zurueck. Noerdlich der Strasse liegt einer der Wuestenfluesse. Waehrend ich mit Helen den Klotz umrunde und eine ganze Menge Schwalben entdecke, die das historische Gemaeuer zu ihrem Wohnplatz erkoren haben, geht Burkhard zum Fluss hinunter. Da ist der Boden ganz salzig – er kommt mit einem Foto von Queller zurueck! Oder jedenfalls von einer Pflanze, die genauso aussieht und ein Habitat mit extrem hohem Salzgehalt zu besiedeln in der Lage ist, vielleicht heisst die hier ja anders als im norddeutschen Wattenmeer. Und dass es salzig ist, beweisen die Kristalle an einem Halm daneben. Ich waere ja auch gern hingegangen, aber mir knallt die Sonne gar zu unbarmherzig auf die Ruebe – da hilft auch kein Sonnenhut.
Gegenueber vom Klotz gibt es ein Gebaeude, wohl um das Gelaende zu "managen" - waehrend wir seinem Schatten zustreben, reibt Helen sich mit weissender Sonnenschutzmilch ein. Na ja, bisschen spaet wohl – das haette sie wohl besser vor der Abfahrt gemacht. Ausserdem hat sie ohnehin nicht gerade einen hellen Teint und berichtet, dass ihr Ehemann mit ihrem Job ganz unzufrieden ist. Der beinhaltet nun mal viel Bewegung unter der Wuestensonne, so dass das mit der vornehmen Blaesse nicht funktioniert, die er gern an ihr sehen moechte. Aber sie habe ihm gesagt "I like this job", und basta. ;-))
Im Gebaeude gibt es Toiletten, aber die sind abgeschlossen. Kein Wasser, heisst es zuerst, aber dann schliesst man uns doch auf und es gibt doch Wasser. Was war das denn wieder? Im ueberdachten Innenhof haelt jemand Wuestenrosen aus der Wueste Gobi feil. Burkhard kauft eine, Helen ist ganz beeindruckt. Die hat sie noch nie wahrgenommen, genauso wenig wie den Queller uebrigens, und das, obwohl sie doch oft herkommt. Sie will sich auch noch eine kaufen, aber der Haendler scheint mit uns ein hinreichend gutes Geschaeft gemacht zu haben, so dass sie ihr auserwaehltes Stueck geschenkt bekommt. Alle sind zufrieden, ist doch prima!
Dann geht es zurueck nach Dunhuang. Dort oeffnet um fuenf Uhr der "night market", sagt Helen. Aber viele Staende sind noch nicht bestueckt. Egal, wir lassen erst einmal unsere Schuhe putzen, nach dem wir so nachdruecklich dazu genoetigt werden. Mit Wasser, Seife, Schuhcreme, Zahnbuerste und allerhand Lappen wird dem Wuestenstaub zu Leibe gerueckt, und hinterher sehen unsere Schuhe wieder zivil aus. Mittlerweile haben auch schon ein paar mehr Haendler ihre Waren ausgebreitet. Es gibt viel Souvenirkitsch, aber auch ein paar Laeden mit Mineralien und Gelehrtensteinen. An einer "Stempelbude" will ich mir einen Stempel aus Wuestenholz (populus diversifolia?) machen lassen. Lange diskutieren wir, welches Stueckchen Holz wohl das beste sei, und als wir uns endlich entschieden haben, kommt die naechste Frage: was soll denn draufstehen? Am Ende einige ich mich mit mir selbst auf den ersten Vier-Woerter-Ausdruck, den ich gelernt habe (den mit dem highway, insofern kann ich mir den ja auch immer gut merken): si hai wei jia heisst der, auf allen vier Weltmeeren zuhause. Oder so aehnlich.
In einer Strasse, die von der Haupt-Marktstrasse abzweigt, befindet sich der Gemuesemarkt. Es gibt auch ein wenig Fisch, Fleisch und Gewuerze, aber hauptsaechlich werden Feldfruechte aller Art angeboten, frisch oder auch getrocknet. Egal wo auf der Welt – Gemuesestaende sind immer toll. Ich frage nach ominoesen schwarzen Dingern in grossen Saecken. Ob das wohl Pilze sind? Daraufhin holt Helen ihren Vokabelblock hervor; ich krieg’ mich kaum ein: genau wie Burkhard mit seinem Vokabelbuechlein! Viele Eintraege, mehr oder weniger thematisch sortiert, hier und da noch thematisch Passendes irgendwo hin gequetscht, wo eigentlich schon kein Platz mehr ist – und sie blaettert genau so verzweifelt hin und her. Das gesuchte Wort muss doch da sein! Der einzige Unterschied: Burkhards Buch ist links geheftet, ihr Block hat oben eine Spiralbindung. Am Ende findet sie doch noch die Antwort: nein, das seien keine Pilze, das sei black fungus. Ich glaube, so ganz nimmt sie es uns nicht ab, dass fungus ein anderes Wort fuer Pilz ist …
Nachdem wir uns an allem incl. Tee und Trockenfruechten (nicht nur Rosinen) sattgesehen haben, gehen wir ein paar Meter weiter zum Platz mit der Apsara inmitten eines Kreisverkehrs. Die schon ziemlich weit unten stehende Sonne taucht eine sehr repraesentative Hausfront in schoenes Abendlicht. An einer anderen Hauswand prangt ein Relief mit Seidenstrassen-Thema, und ein paar Meter weiter ist eine Landkarte der Seidenstrasse, in Granit graviert, in den Buergersteig eingelassen.
Wir ueberlegen, wie wir den Abend verbringen sollen, und beschliessen, heute einfach im Hotel zu essen. Vorher halten wir noch an einem Baumwollfeld – ich habe noch nie Baumwollpflanzen "live" gesehen. Sie bluehen zum Teil noch (weisslich), einige Pflanzen haben schon "Baumwollaepfelchen" angesetzt, die bis zur Erntezeit noch anschwellen und dann die begehrten Pflanzenfasern freigeben werden. Irgendwie unspektakulaer, und dabei ist das doch eine weltweit verbreitete Pflanze, die auf ich weiss nicht wie vielen Quadratkilometern in verschiedenen Kontinenten angebaut wird! (Ob ich meine Phantasie von den Baumwollschafen nun aufgeben muss? Aber nein, solange Gary Larsons Cartoon von den Stahlwollschafen, die bekanntlich keine natuerlichen Feinde haben, in der Welt ist, halte ich auch an meinen Baumwollschaefchen fest.) Ich philosophiere ein wenig mit Helen ueber die touristischen Aspekte des Baumwollanbaus. Wir stiefeln hier jetzt am Rande eines ganz normalen Feldes herum. Viele Touristen wuerden sich dafuer interessieren, sagt Helen. Besonders natuerlich zur Erntezeit, wenn voll mit Baumwolle beladene Autos zur Fabrik fahren, wo die Ernte weiterverarbeitet wird. Viele wuerden fragen, ob sie nicht die Fabrik besichtigen koennten, aber nein, das ginge natuerlich gar nicht. Da wuerde ja gearbeitet, und die ganze Sache sei buchstaeblich brandgefaehrlich (oder genauer: -det, nicht –lich). Na, mit dieser Einstellung kann man natuerlich keine neuen Touristenattraktionen herbeizaubern. Dass Besucher nicht einfach mit brennenden Zigaretten zwischen den Arbeitern herumlaufen koennen, ist mir auch klar. Aber hier scheint man noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen zu sein, dass man mit einem geeigneten Konzept auch den Baumwollanbau touristisch vermarkten koennte.
Im Hotel angekommen, suchen wir nach kurzer Rast das Restaurant auf. Hinterher stellen wir fest, dass wir wohl das falsche gefunden hatten. Es gibt ein "westliches" und ein chinesisches, und wir wollten natuerlich ins chinesische. Aber da wir selbst im "westlichen" solche Dinge wie Tofu nach Dunhuang-Art und Kamelbeinsuppe suess-sauer serviert bekamen, auch ein bisschen shashlick mit offenem Brennpastenfeuer, war’s nicht so schlimm. Der Tofu nach Dunhuang-Art war sicher keine kulinarische Erleuchtung, sieht aber gut aus und schmeckt nicht schlecht: weisse Tofu-Scheibchen wechseln sich mit bunten Moehren-, Gurken- und Pilzscheiben ab. Die Suppe aus dem grossen Topf (viel zu viel!) schmeckt recht gut und schien uns auch weniger "experimentell" als Kamelhoecker, der auch auf der Karte stand. Stell’ ich mir nicht gut vor, was ist das ueberhaupt? Muskelfleisch ja wohl kaum …
Nach dem Essen ueberlegen wir, noch einen Nachttrunk in der besagten starry lounge, also auf der Dachterrasse zu nehmen. Aber auf den Tischen liegen keine Tischdecken, sie scheint heute fuer den allgemeinen Publikumsverkehr geschlossen zu sein wg. einer ebensolchen Veranstaltung: im Pavillon auf der Terrasse herrscht hinter geschlossenen Vorhaengen offensichtlich und –hoerbar high life. Nun gut, dann gehen wir also gleich ins Bett – schliesslich muessen wir ja wieder einmal in aller Herrgottsfruehe aufstehen. Genau betrachtet mitten in der Nacht.
Sonntag, 5. Oktober 2008
Sonntag, 3. August: Nach Dunhuang und zum Sonnenpass
Um halb sieben ist niemand da, um uns abzuholen und zum Bahnhof zu bringen und uns die Tickets zu geben - wir werden nervoes, schliesslich wissen wir nicht, wie lange man zum Bahnhof braucht. Wir klingeln eine der Ansprechpartnerinnen von unserem Reiseplan wach (tut mir ja auch leid). Um 6:37 Uhr erscheint so ein Maedel mit dem Taxi. Na dann. Zeit genug, in den Sonnenaufgang hinein zum Bahnhof zu fahren, das ist nicht weit, wie wir jetzt merken.
Im Bahnhof herrschen Gedraenge und Ellenbogenmethoden. Die Bahnhofshalle ist mit allzu vielen Sitzbaenken zugestellt, und auf den Bahnsteig wird man nur gelassen, wenn der eigene Zug aufgerufen wird. Erst rufen sie unseren Zug auf, dann doch noch zuerst einen vorher verspaetet gemeldeten, und die Leute draengen sich mit ihrem sperrigen Gepaeck durch. Wer anfaellig ist fuer blaue Flecken, zieht sich besser eine Eishockeyausruestung an.
Schliesslich duerfen wir auf den Bahnsteig. Das altbekannte Bahnprinzip "Die Benutzung der Toiletten waehrend des Aufenthalts im Bahnhof ist verboten" scheint, der Nase nach, hier nicht zur Anwendung zu kommen. Insofern war es vielleicht doch das kleinere Uebel, in der Halle zu warten?
Der Zug ist recht voll, wir finden unsere Plaetze in einer Schar junger Maenner. Der Mechanikstudent, der uns schon in der Warteschlange angesprochen hatte, taucht auch bald wieder auf. Selbst fuer mich, die ich mich nicht gerade zu denen zaehle, die zu jedermann/frau leicht Kontakt findet, ist es hier nicht so schwierig, mit Wildfremden (interessantes Wort!) Ins Gespraech zu kommen. Eine ganz neue Erfahrung fuer mich!
Hauptaktivitaeten im Zug sind Doesen/Schlafen und Essen/Trinken. (Was sonst? ;-) ) Wem das nicht genuegt, der kann sich fuer 5 RMB ein buntes kleines Spielzeug kaufen, eine Art Tangram am Stueck. Auf einem kleinen Zettelchen sind Figuren vorgegeben, die man aus diesen beweglich verbundenen Prismen zurechtwursteln kann. Wir kaufen auch eins. Burkhard versucht (erfolgreich) sich an dem dreidimensionalen Achteck und findet sich unversehens in einer Traube von Zuschauern, darunter auch die Spielzeugverkaeuferin, die ihre Ware sehr gut kennt und die "Prismenschlange" ziemlich fix in Form bringen kann. Schon dafuer hat sich die Investition gelohnt! Und natuerlich zum Zeitvertreib (schlimmes Wort!), denn der Hexi-Korridor ist lang und wir muessen Hunderte von Kilometern zurucklegen in einem Zug, der gerade mal etwas schneller ist als ein Bummelzug. TGV - tourt ganz vergnuegt, oder was heisst das noch gleich?
Wir kommen puenktlich auf dem pompoesen neuen Bahnhof von Dunhuang an. Eine gewisse Helen nimmt uns in Empfang und faehrt mit uns zum Dunhuang-Seidenstrassenhotel. Ein schoenes Hotel ist das, mit einigem Flair. Wir checken aber nur rasch ein und fahren um ein Uhr gleich wieder ab, zunaechst nur bis zu Charley Johng's (sic!) Café, wo wir Nudeln mit Eselfleisch essen – das schmeckt lecker, ist aber nicht sehr "chinesisch". Dazu gibt's feurigen Ingwer"tee".
Dann fahren wir durch die Wueste Gobi zum Yangguan, dem Sued- oder Sonnenpass. Helen fragt sich laut, warum wohl die Reiseanbieter ihre Kunden immer zum Yangguan fahren lassen, da sei doch gar nichts mehr original erhalten, der Jadetorpass (Yumenguan) sei doch viel interessanter. Ich frage sie, warum sie das den Reiseanbietern nicht sagt … aber neee, das will sie lieber nicht. Wir werden spaeter herausfinden, dass man am besten zu beiden faehrt, was man auch an einem Tag gut bewaeltigen kann.
In Dunhuang teilt sich naemlich die Seidenstrasse in eine noerdliche und eine suedliche Route. Strategisch zwischen zwei Fluessen gelegen, schuetzte der Yangguan die suedliche Seidenstrassenroute und der Yumenguan die noerdliche. Unterwegs sehen wir diverse Signalturmreste und "Dunhuang Old Town", eine Filmkulisse, in der unter anderem der Film "Dunhuang" sowie Teile von Zhang Yimou's "Hero" gedreht wurden. Wir kommen an einigen Oasen vorbei. Es gibt auch ein paar Wuestenfluesse, die vom Schmelzwasser aus den Bergen gespeist werden und dann irgendwann buchstaeblich im Sand verlaufen. An einem Flussufer machen wir halt und entdecken nicht nur einige Eselchen, sondern auch Ameisenloewentrichter. Wenn "Ameisenloewe" auch irgendwie nach Saeugetier klingt, so handelt es sich doch bloss um eine Insektenlarve – einmal geschluepft, wird daraus eine Ameisenjungfer. Leider haben wir auch keinen gesehen.
In Yangguan angekommen, haben wir zuerst entdeckt, dass dort Wein angebaut wird. Die Beeren werden in zahlreichen Trockenhaeusern zu Rosinen verarbeitet, ob auch gekeltert wird, weiss ich gar nicht. Wir erreichen das Fort – hier ist alles neu. Es beherbergt ein zweiteiliges Museum. Ein Teil befasst sich mit der chinesischen Mauer, einer mit der Seidenstrasse. Im Hof thront Zhang Qian, der Gesandte "nach dem Westen", hoch zu Ross. Das Museum ist irgendwie nicht sehr ansprechend gestaltet, ein bisschen duester, und zeigt vielfach nur Fotos von Exponaten. Im Museumsgaertchen wachsen Populus diversifolia (Euphrat-Pappeln) mit interessanten, archaisch aussehenden Blaettern.
Mit einem kleinen Bus fahren wir zum alten Signalturm hinauf, dem einzigen echten Ueberbleibsel vom alten Yangguan. (Das mit dem Bus nehmen wir sehr dankbar an – es ist total heiss, und, wenig ueberraschend, ist die Zahl der schattenspendenden Baeume in der Wueste gleich null. Durch halbwegs losen Sand in praller Sonne bergauf stapfen? Och noe ... ) Ausser dem Ziegelhaufen, der einmal der Signalturm war, gibt es noch einen kleinen chinesischen Pavillon auf einem Huegelchen mit Rundumblick und einen langgezogenen Wandelgang, der mit mehreren Gedichtsteinen geschmueckt ist. Der Yangguan ist einer von diesen Orten, den bestimmt fast jeder Chinese kennt, auch wenn er nie in seinem Leben hinkommt. Es genuegt, in der Schule das beruehmte Gedicht aus der Tangzeit zu lernen – das kann jede/r halbwegs Gebildete auch im Erwachsenenalter noch auf "Knopfdruck" abspulen:
wèi chéng zhāo yŭ yì qīng chén
kè shè qīng qīng liŭ sè xīn
quàn jūn gèng jìn yī bēi jiŭ
xī chū yáng guān wú gù rén.
Uebersetzt laut meinen "Perlen der Tang- und Song-Dichtung":
A morning rain clears the dust in Wei city,
The willows at the inn look fresh and saucy.
Drink one more cup of wine, since out of
The west of Yang Pass, no old friends you'll see.
Und meine eigene Uebertragung ins Deutsche lautet (versuchsweise):
Der Morgenregen waescht den Staub der Stadt Wei weg,
die Weiden vor dem Gasthaus sehen frisch-gruen und saftig aus.
Trink noch ein Glas Wein, denn
Westwaerts vom Yang-Pass gibt es keine zivilisierten Menschen.
Fuer mich ist dieser Ort nun wirklich seeehr chinesisch: Mitten in der Wueste ein saeulenbestueckter Wandelgang mit Steintafeln und Gedichten drauf, und nach Sueden hin sieht man ueber die Wueste hinweg die sagenhafte Kulisse der schneebedeckten Berge. Damit man auch weiss, an welchem hervorragendem Ort man sich befindet, wird die Szenerie noch durch eine Felssaeule "verbessert", auf der in roten kalligraphierten Buchstaben "Altertuemer des Yang Guan" (oder so) steht. Aber chinesisch hin oder her: die Kulisse ist sagenhaft, und ein schattenspendender Wandelgang ist sehr bequem. In der Ferne sieht man einige "Sanddrachen", wie die kleinen Windhosen hier genannt werden, die aus dem gelben Wuestensand trichterfoermige Kreisel formen, die sie dann ueber den Wuestenboden treiben.
Am Pavillon treffen wir das hollaendische Paar wieder, das in Shanghai wohnt, bei der Sonnenfinsternis-Tour dabei auch war und sich vom selben Anbieter "landverschicken" laesst wie wir. Nach einem kleinen "Schnack" geht die Fahrt weiter (oder, genau betrachtet, zurueck Richtung Dunhuang) in ein Oasendorf. Unterwegs kann man zahlreiche Graeber irgendwo in der Wueste ausmachen. In einer Flussaue am Dorfeingang weiden ein paar weisse Schaefchen – nein, wie idyllisch! Und definitiv unerwartet: dieses Bild wuerde irgendwo in la France profonde, sprich: der tiefsten franzoesischen Provinz, nicht ueberraschen – mitten in der Wueste Gobi aber doch. Im Dorf gibt es "wenige" Haeuser und viele Gaerten, alles ist gruen. Den Bewohnern dient ein kleiner Stausee als Reservoir fuer trockene Zeiten. Jetzt ist er recht leer, einige Jugendliche schwimmen, um sich am heissen Spaetnachmittag ein wenig Abkuehlung zu verschaffen, wir treffen die Hollaender wieder, und ein Grueppchen Erwachsener ist mit einem Boot und Netzen zugange. Helen faengt (mit Hilfe dieser Werkzeuge) einen Fisch und nimmt ihn (gegen Bezahlung, versteht sich) in einer Tuete mit etwas Wasser fuers Familienabendessen mit. Sie ist sehr begeistert von diesem Fang. Der Fisch weniger, man hoert ihn bei der Weiterfahrt im Kofferraum um sich schlagen …
Aber bevor wir abfahren, muessen wir erst das Wahnsinnsblau des hohen Himmels geniessen, das sich natuerlich auch im See spiegelt. Ein Pferd aus rosa Marmor (? Sandstein? Granit?), das gerade dabei ist, die Wueste zu ueberfliegen, und die wenigen weissen Woelkchen lassen das Blau noch ein wenig blauer erscheinen.
Bei unserer Rueckkehr nach Dunhuang kehren wir gar nicht erst ins Hotel zurueck, sondern lassen uns gleich fuers Abendessen von Helen ein Sichuan-Restaurant empfehlen. Wir essen mapodoufu ("scharfe Schlempe", wie ich das Tofugericht zu nennen pflege), Shrimps mit Cashew, "fischduftende" Auberginen und noch einmal Eselfleisch, mit Moehren und Gurken geschmort: das sei der "local flavor". Alles ist recht lecker. Aber Eselfleisch, wenn es in groesseren Stuecken kommt wie hier, ist trotzdem nicht die allerbeste Empfehlung, es ist wohl prinzipiell ein bisschen zaeh. Elastisch, nicht so fest wie zaehes Rindfleisch – aber eben etwas zaeh.
Danach haben Fuehrerin und Fahrer Feierabend, und wir schicken uns an, den Abend auf der Hoteldachterrasse zu verbringen. Dort sehen wir – vor der Kulisse der grossen Duenen – zuerst einen Sonnenuntergang, dann gleich einen Mondsicheluntergang, der als Illustration fuer eine Prachtausgabe von 1001 Nacht taugt, und dann einen herrlichen Sternenhimmel. So viele Sterne, und die ganze Milchstrasse! Ewig nicht gesehen, das ist toll. Der Hotelprospekt uebertreibt nicht, wenn er das rooftop auch als starry lounge beschreibt. Ausser den Hollaendern sind heute Abend auch allerhand Hobbyastronomen da, die alle wegen der Sonnenfinsternis angereist waren. Einer hat ein Reiseteleskop dabei und zeigt uns einige der Jupitermonde. Ganz schoen leistungsstark, so ein Ding, das man einfach auf dem Tisch aufbaut. Er kann auch die anderen Sternbilder identifizieren, versteht sich – aber eigentlich interessiert mich das gar nicht so, ich geniesse lieber das Himmelszelt als Ganzes.
Mittwoch, 20. August 2008
Samstag, 2. August 2008: Jiayuguan Fort revisited
Das Licht ist jetzt natuerlich ganz anders als beim gestrigen Besuch am Vormittag und dementsprechend die Stimmung auch. Wir koennen in Ruhe den Wandelgang neben dem Hauptzugang und gegenueber vom Schiessplatz (falls ich die chinesische Beschriftung richtig interpretiert habe) betrachten und suchen dann den grossen Innenhof auf. Da liegt rechter Hand ein flacher Gebaeudekomplex. Wir finden jetzt heraus, dass das die Residenz des Generals ist. Sicher nicht uebertrieben prunkvoll, zwei Hoefe mit allerlei einstoeckigen Haeusern, die vorderen offizieller, die hinteren privater. Grosse Wasserbecken stehen im ersten Hof, auf dem Boden ist ein Wegekreuz markiert. Obwohl alles eigentlich recht oede aussieht - gelblichgraue Mauern und Ziegel, kein Gruen innerhalb der Residenz - herrscht eine wunderbar friedliche Stimmung in der heissen Spaetnachmittagssonne. Die mit Drachenkoepfen verzierten Dachenden werfen scharf geschnittene Drachenkopfschatten auf die Mauern, als ob diese als Projektionsflaeche dafuer gedacht waeren. In den Haeusern scheinen ein paar Wachsfiguren ihren Alltagstaetigkeiten nachzugehen. Weil es Alltagsgeschaeft von Generaelen ist, Strategien zu entwerfen und die naechsten Schritte zu planen, zeigt eine Szene den Hausherrn mit seinen Beratern in einer Strategischen Planungskonferenz. ;-))
Danach essen wir im Brunnenhaus ein Eis am Stiel, das schon bessere Zeiten erlebt hatte, und lassen die Atmosphaere des Ortes auf uns wirken. Der Brunnen ist jetzt wegen sinkenden Grundwasserspiegels versiegt - dann bedarf es wohl groesseren Aufwands, die Baeume und Straeucher zu bewaessern, von denen ich mich frage, ob sie urspruenglich auch da waren (zum Beispiel, um Reitern und Pferden Schatten zu spenden) oder erst spaeter hinzugefuegt wurden, Tribut an idyllhungrige Touristen.
Ich war gestern noch nicht auf der Westseite gewesen, die von einer vorgelagerten "Mauerschale" gebildet wird, welche ihrerseits mit dem dritten der typisch chinesischen dreistoeckigen Gebaeude bekroent ist. Waehrend die anderen beiden offenbar noch wenigstens teilweise original erhalten sind, ist dieses ganz neu. Aber wen stoert's - die Aus- und Anblicke sind spektakulaer (diese schneebedeckten Berge und davor die Wueste!), ich bin besonders von der Zweiteilung der Welt beeindruckt, die hier deutlich zu spueren ist: eine Welt liegt oben auf den Mauern, zu ihren Fuessen eine andere. Aber die "Oberwelt" ist trotz ihrer Einheitlichkeit unzusammenhaengend: von den Mauern der Westseite kommt man nicht auf die Westseite der Mauern, die den Haupthof umschliessen. Verteidigungstechnisch muss das natuerlich auch so sein - sollte der Feind es schaffen, in den ersten Hof einzudringen oder die aeussere Mauer zu erobern, so hatten die Verteidiger noch eine letzte Chance, die Angreifer in der tiefen "Schlucht" zwischen den beiden Mauern zu vernichten. Besichtigungstechnisch hingegen ist das ein bisschen laestig. Zum Glueck ist die Situation hier und jetzt friedlich, das Westtor steht gar offen. Davor warten ein paar Kamelbesitzer mit ihren Tieren, die aber um halb sechs, noch ehe ich dorthin komme, von dannen reiten. Und das Tor wird jetzt auch geschlossen. Hm, wieder kein Kamelritt.
Wir machen uns langsam auf den Rueckweg. Auf dem grossen Exerzierplatz im Innenhof legen die "Wachsoldaten" auch schon ihre Waffen nieder und Kostueme ab. Nachdem mich einer von ihnen "an-hallo-zt", mache ich ein bisschen Konversation zum Thema Feierabend. Mal einer, der sich gar nicht sehr wundert ueber eine Chinesisch stammelnde Langnase, und der sogar das meiste von meinen, zugegeben, recht trivialen Gespraechsbeitraegen versteht. Schon ein zweites kleines Erfolgserlebnis heute, wie schoen!
Vom Ausgang wuerden wir gern ein Elektroauto nehmen und uns zum Parkplatz fahren lassen, aber schwachsinnigerweise haben die auch schon Feierabend. Also zum n-ten Mal den bloeden Weg zu Fuss hinunter. Unsere Sorge, dass die Taxen auch schon Feierabend haben koennten, ist zum Glueck unbegruendet. Fuer 12,60 RMB lassen wir uns zum ShunGuan-Platz bringen. So heisst der grosse Hauptplatz der Stadt, das hatte ich extra vorher von den lokalen Reisefuehrerinnen in Erfahrung gebracht.
Der Fahrer setzt uns an der Ecke ab, auf der "das typisch chinesische Pferd" auf einer hohen Saeule ueber einer Kugel "schwebt". Wir beginnen also hier, zunaechst den Park auf dem Platz zu erkunden. Von den Bronzefiguren mache ich natuerlich zuerst das Schwein aus - dann entdecken wir, dass es sich bloss wieder mal um einen Tierkreis handelt. Als naechstes oeffnet sich vor uns ein kuenstlicher Teich mit einem chinesischen Pavillon mittendrin, den man auf mehr oder weniger abenteuerlichen Wegen erreichen kann. Wahrscheinlich soll das "traditionelle Architektur modern interpretiert" darstellen - ich finde es nur ein bisschen haesslich. Die Wege sind mir allemal zu abenteuerlich; wir suchen uns eine freie Parkbank in dem recht beliebten und gefahrlos erreichbaren schattigen Laubengang, ich blogge ein bisschen, und Burkhard sieht dem bunten Treiben zu. Irgendwann machen wir uns auf, ein Restaurant zu suchen - der Platz ist wirklich seeehr gross. Ausser echten Baeumen gibt es auch falsche aus aller Welt, uns fallen besonders ein riesenhafter Kaktus (na o.k., das ist kein Baum, aber dieser hier ist baumhoch) und mehrere Baobabs auf. Vermutlich sind das waehrend eines moeglicherweise langen Winters die einzigen gruenen Elemente hier - warum sonst sollte man sie aufstellen? Jetzt im Sommer erscheinen sie jedenfalls fehl am Platz. Auf einer glatten Flaeche sind ein paar Kinder mit Inline Skaters unterwegs - wuerde mich nicht wundern, wenn derselbe Platz im Winter eine Eislaufbahn waere.
Im Geschaeftshaus jenseits der Strasse suchen wir vergeblich nach einem Restaurant, und auch "die Strasse 'runter" ist keins zu sehen. Hm. Waehrend wir noch ueberlegen, wohin wir uns wenden sollen, hoeren wir ploetzlich ein Geburtstagsstaendchen. Aber was ist das? "Happy birthday to you" kommt offenbar naeher?! Und dann erkennen wir, was los ist: das ist die Warnmusik der Strassenreinigungsmaschine, und ihre Bedeutung ist "aus dem Weg mit euch Fussgaengern und Zweiradfahrern, sonst werdet ihr nassgespritzt!" Vielleicht kann man das ja auf Chinesisch zur besagten Melodie singen, haha!
Am Ende landen wir wieder bei dem Gebaeudekomplex, in dem schon die Abendveranstaltungen von Eclipse City stattgefunden hatten. Ausser dem naemlichen Hotel gibt es dort auch ein Restaurant, fuer chinesische Verhaeltnisse sehr nett eingerichtet, offenbar auch fuer langnasigen Geschmack. Und das Essen ist sehr lecker, aber irgendwie hatten wir wieder ein bisschen zu viel bestellt. Das ist ja immer ein Drama, weil man nie weiss, wie gross die Portionen ungefaehr sein koennten. Als unser Nachtisch serviert wird, kleine Klebreisbaellchen mit Sesam in leichter Weinsauce, guckt Burkhard sie mit leichtem Bedauern an und gibt zu Protokoll, dass davon dann wohl leider die meisten zurueckgehen muessten. Aber das war, bevor er sie probiert hatte … die waren wirklich lecker, und nur die Sorge, nicht mehr ins Taxi zu passen und folglich zum Hotel gerollt werden zu muessen, hat ihn am Ende davon abgehalten, sie ganz aufzuessen. ;-))
Zu Reiskuegelchenzeiten muessen wir uns auch schon ein bisschen sputen, draussen bricht die blaue Stunde an. Die bunt beleuchteten Wasserspiele sind schon in Betrieb. Was wir vom Restaurant aus nicht hoeren, ist die klassische Musik, die dazu aus grossen Lautsprechern droehnt. Wie ueblich ist tuechtig was los auf dem Platz, die Kinder wagen sich immer wieder zwischen die Duesen und versuchen, sich von den Wasserstrahlen nicht erwischen zu lassen - und das Gejohle ist natuerlich gross, wenn das wieder einmal nicht gelingt. Die teilweise etwas unzwingenden Skulpturen sind teilweise auch beleuchtet, so zum Beispiel ein stilisierter Weihnachtsbaum, so dass man "typisch chinesische" Bilder machen kann, die trotz Kitsch und auch sonst zweifelhaftem Niveau vor dem Himmel, der ueber Gelborange ins Tiefblaue changiert, irgendwie toll sind. Die Stimmung auf dem Platz ist gut - mir gefaellt das so. Immerhin ist das bloss eine kleine Provinzstadt, wieviel besser ist das lebhafte Treiben hier verglichen mit den oeden, menschenleeren Plaetzen in deutschen Staedten!
Ich bin auch wieder mal ein willkommenes Motiv fuers Familienalbum, aber da ist es schon ganz dunkel - was hier erst angenehm spaet irgendwann nach neun Uhr passiert (vermutlich erwaehnte ich das schon). Wir angeln ein Taxi und fahren zurueck ins Hotel, wo noch eine kleine Herausforderung auf uns wartet: da wir ja morgen schon um halb sieben Uhr frueh abreisen, haetten wir unser Fruehstueck gern in einer breakfast box zum Mitnehmen. Zaofan bao, erklaeren wir den Angestellten, deren Englischkenntnisse definitiv fuer den Umgang mit Langnasen nicht ausreichen. Aber wir erklaeren unser Anliegen immer wieder und bleiben beharrlich an der Rezeption stehen. Schliesslich kommt jemand mit einem Zettel, auf dem (auf Englisch) "we have a breakfast of beef, mustard, ham, steamed bread" steht. Nicht, dass das unseren normalen Fruehstuecksgewohnheiten entspraeche, aber wir sagen erfreut und dankbar ja. Vielleicht 20 Minuten spaeter, waehrend wir noch packen, klopft es an unserer Zimmertuer: eine Hotelangestellte steht davor und reicht uns zwei Plastiktueten mit je zwei Styroporboxen, Einmalstaebchen, einer ominoesen Wurst und einem undefinierbaren Folienbeutelchen herein. Und dazu denselben Zettel, den wir schon vorher gezeigt bekommen hatten, mit folgender wunderbaren Ergaenzung: "This is your breakfast tomorrow morning (wahrscheinlich, damit wir's nicht schon alles gleich sofort gierig auffressen und am Morgen ohne Futter dastehen. ;-)) ) Am glad you live in our hotels, if we do not have any place where you also please understanding, but also hope to see you. Thank you!" (sic) Das Lied von der Loreley - aber ist es nicht suess?!
Sonntag, 17. August 2008
Samstag, 2. August 2008: So long and thanks for all the fish
Nach dem Fruehstueck haben wir noch ueber eine Stunde Zeit und gehen in den Park gegenueber vom Hotel. Am Ende der Flanierflaeche wird noch gebaut: der etwas alberne Aussichts(?)turm in Form eines aufgerichteten Delphins, der einen Ball balanciert, ist noch gar nicht fertig, das hatten wir auf den ersten Blick gar nicht bemerkt. Im formgebenden Stahlgeruest sieht man erst auf den zweiten Blick eben auch Baugerueste. Und sofort habe ich das Lied der Delphine aus "Per Anhalter durch die Galaxis" im Ohr (s. Titel). Waehrend Burkhard noch fotografiert und ich auf einer halbschattigen Bank sitze und zwischen Rumkucken und Bloggen oszilliere, kommt ein mutiger kleiner Junge mit uns plaudern, soweit das halt geht.
Um 10 Uhr beginnt ein grosses Hupkonzert - oh, die Hochzeitsgesellschaft kommt schon jetzt angefahren! Na, dann sehe ich zumindest ein, warum das Fruehstueck zeitig abgeraeumt werden musste … Nach dem Hupen werden die Boeller gezuendet, dann ist zumindest der fuer uns hoerbare Laerm vorbei. Das Brautauto ist sehenswert: der Blumenschmuck auf der Kuehlerhaube ist so ueppig, dass der Fahrer kaum noch was sehen kann. Aber in Anbetracht der oertlichen Gegebenheiten braucht er das vielleicht nicht. Die Strassen sind recht leer und gross und breit und gerade. Da genuegt es sicher, sich vor der Abfahrt durch einen Blick zu ueberzeugen, dass alles frei ist - und dann geht's einfach geradeaus. Um zum Hotel abzubiegen, kann man aus dem Seitenfenster gucken - unn joot is'. ;-))
Dann ist aber auch um kurz nach zehn ein Bus da und Leute packen ihr Gepaeck hinein und steigen schon mal ein - sollte das der Eclipse City-Bus sein?! Wir werden etwas nervoes; um zehn nach zehn gehen wir doch mal lieber hin - oh, sieht aus, als waeren schon alle da und abfahrbereit?! Man bestaetigt uns zwar, Abfahrt sei um halb elf, aber als wir um 10:21 Uhr die beiden letzten freien Plaetze gefunden haben, faehrt der Bus direkt los. Nie im Leben haben die dem Rest der Mannschaft halb elf gesagt! Na ja, egal, einen halben Tag noch, dann sind wir die los.
Wir fahren zur so genannten (ueber-)haengenden Mauer. Das ist ein Stueck der grossen Mauer, in Sichtweite der Jiayuguan-Festung. Ein brandneues Stueck Mauer aus Lehm fuehrt von einem Berggipfel durch ein Flusstal auf den naechsten Gipfel - ich glaube nicht, dass daran irgendein Teil historisch ist - und hoert dann abrupt auf. Die Berge dahinter wirken voellig unberuehrt. Fuer den Archaeologenspezialblick mag das ja anders aussehen, aber mit normalen Augen ist nichts mehr auszumachen. Ausser grossen Charakteren aus Kieseln direkt am Fuss des letzten Wachturms.
Aber da oben am Ende bin ich ja noch gar nicht. Bei der Ankunft sieht man zuerst das Flusstor, chuanmen, wenn ich die etwas aeltlichen Schriftzeichen richtig interpretiere. Eine Mischung aus Gebaeude und Bruecke, die im Moment allerdings ein trockenes Tal ueberbrueckt, auch wenn alles den Anschein hat, als wuerden hier manchmal recht reissende Fluten herniederbrausen. Man kann nach rechts oder links gehen, irgendwie trotten alle nach rechts. Da geht es erst ein Stueck weit relativ flach am Talgrund entlang, danach warten ueber 500 Stufen in heissester Sonne darauf, erklommen zu werden. Linker Hand (Feindesland!) scheint eine herrenlose Betonkamelhorde oder -herde vorbeizuziehen, man sieht auch ein echtes Kamel herumsitzen, das mit seinem Begleiter auf reitwillige (jawohl, ohne be-) Touris wartet.
Puuuh, ist das heiss! Ich bin froh, im ersten Wachturm (bis dahin waren es sicher schon fast 400 Stufen plus steil-schraege Wege) ein bisschen im Schatten stehen zu koennen. Am zweiten Turm gibt es einen Auflauf auf der recht kleinen Wachplattform. Es sind schon viele Langnasen da, und immer mehr Leute, jetzt meist Chinesen, zwaengen sich die schmale, enge Treppe herauf, so dass die, die hinunter wollen, nicht hinunter koennen. Es hilft auch nichts, "Stop!" oder "Wait!" zu rufen und abwehrende Gesten zu machen. Zu Hilfe, der Fuellgrad der Plattform ist schon etwas bedenklich! Ich lege mir die chinesische Satzkonstruktion (Grammatik kann man das ja nicht wirklich nennen) aus einer der letzten Lektionen zurecht und keife "Wir gehen erst hinunter, dann kommt ihr herauf!" in den Treppenaufgang. Aha, diese Ansage war klar genug! Kaum macht man's richtig, schon geht's. Ich ernte einen aufgerichteten Daumen von den Mitreisenden und kann selber unten noch ein bisschen im Schatten verweilen, bevor ich den Rueckweg antrete. Wie schon erwaehnt hoert die Mauer hier oben im Nichts auf, und ein vergleichsweise luftiger Steinweg fuehrt zurueck ins Tal. Ob das jetzt eine Wetteraenderung ist? Ich tendiere eher dazu zu glauben, dass es sich um einen mikroklimatischen Unterschied handelt. Vermutlich schon allein aus dem Grund, dass man nicht zwischen halbhohen Mauern geht … Von dem Weg aus kann man die Mauer gut betrachten. Irgendwie hat keiner erklaert, warum sie (ueber-)haengend heisst - ich finde, sie steht ganz normal in der Landschaft herum. Ich muss das wohl nochmal im Reisefuehrer erforschen. Ansonsten muss ich bei Mauer ja immer an diesen bloeden Cartoon von (wieder einmal) Gary Larson denken, der ein offensichtlich vor die chinesische Mauer geknalltes Pferd zeigt, dessen mongolischer Reiter sich frustriert die Frage stellt, ob dies Ding gestern auch schon dagewesen sei.
Fast am Ende des Wegs, also beinahe im Tal, stehen scharenweise von sozialistischer Aesthetik gepraegte Skulpturen mit feudalen Themen - vermutlich die Protagonisten der Heldentaten bei der Landesverteidigung im fernen oder wilden Westen mit wehenden Kleidern und verklaertem Blick, vielleicht auch die beruehmten Gesandten gen Westen zu den potentiellen Handelspartnern. Irgendwie stehen sie da wie im Auslieferungslager eines Steinmetzes. Aber als Fotomotiv werden sie natuerlich dankbar angenommen.
Die Zeit fuer die Besichtigung ist ein bisschen knapp, die Pavillons und die blaugraue Pagode etwas flussaufwaerts sowie den linken Teil der Mauer koennen wir nicht mehr inspizieren. Vielmehr sammelt sich die Reisegruppe wieder im Bus, wo eMail-Adressen eingesammelt und ein paar Finsternis-Fotos gezeigt werden. Und Bilder des Brautpaars von heute Morgen. Zur allgemeinen Erheiterung gucken diese beiden besonders unfroh drein. Sie, recht drall, mit einem Ist-das-alles-doof!-Gesicht, er eher mit geschaeftsmaessigem Besitzerstolz: diese toll zurechtgemachte Frau ist meine, und guckt mal alle, was fuer ein tolles Hotel ich unsere Feier ausrichten lasse.
Wir fahren einige wenige Kilometer bis zur Jiayuguan-Festung und nehmen das Mittagessen in einem Restaurant dort ein. Das ist ueberraschend gut, in jeder Beziehung. Man betritt es durch einen unscheinbaren Eingang und landet in einem schattigen Innenhof mit Mini-Teich, Baeumen, Steintafel und den unvermeidlichen Feudeln, die malerisch herumhaengen. Vom ueberdachten Wandelgang zweigen einzelne Raeume ab, in denen die typischen runden Zehn-Personen-Tische stehen. Es ist angenehm kuehl. Das Essen ist auch recht lecker, mehrere Gerichte sind ziemlich scharf … einer der Franzosen am Tisch findet es gar zu scharf, der fragt nach den ersten brennenden Experimenten schon immer ganz aengstlich die Vorkoster des naechsten Gerichts, schmunzel.
Nach dem Essen gehen wir (das ist nicht weit) zum Mauermuseum neben der Festung. Burkhard mag es nicht so, ich finde es gar nicht so schlecht. Interessant ist schon gleich die leicht plastische Landkarte von China mit Straengen in verschiedenen Neonfarben drauf – es gibt ja gar nicht die chinesische Mauer, sondern mehrere! Vermutlich weiss das jeder, der sich mal auch nur ein bisschen damit befasst hat, aber fuer mich war das eben bisher noch neu. Ansonsten haben vor allem die Himmelsfelder (tian tian, natuerlich zwei unterschiedliche chinesische Zeichen: 天田) Eindruck bei mir hinterlassen. Das sind sandige Streifen, aus denen angespitzte duenne Holzstuecke (vielleicht 5 cm Durchmesser) hervor"wachsen". Am Rande wird der Sand schoen glatt geharkt, damit man ggf. Spuren schnell sehen kann. Irgendwie erinnert das schon ein bisschen an die deutsch-deutsche Grenze, es scheint nur, dass die Chinesen noch keine Selbstschussanlagen erfunden hatten. Komi'ch, die haben doch sonst alles auf der Welt erfunden (ausser vielleicht Ricola)?!
In Westchina, genauer gesagt im Hexi-Korridor, wird die chinesische Mauer meist in einem Atemzug mit der Seidenstrasse genannt. Hexi, das spricht man uebrigens nicht Hexy wie in Sexy Hexy, sondern eher hö-schi, wobei das ö mehr ein unbetontes e als ein o-Umlaut ist. He bezeichnet hier den HuangHe, den Gelben Fluss, und Xi heisst Westen. Das ist also die Gegend westlich des Gelben Flusses, und ein Korridor ist das, weil im Sueden die hohen, schneebedeckten Qilian-Berge und im Norden die weniger hohen und deshalb nicht schneeweissen Schwarzen Berge liegen. Waehrend es ja sein mag, dass die meisten Langnasen Hexy sagen, fand ich es unpassend anbiedernd, dass Reisefuehrerin Charlene, nachdem sie es einmal erklaert hatte, auch immer Hexy sagte. Sowas Bloedes! Durch den besagten Korridor mussten also die Handelskarawanen ziehen.
Im Mauermuseum sehe ich mir alles inklusive der Seidenstrassenexponate recht gruendlich an und entdecke auch ein Paar altertuemlich aussehender Schweine aus glatt poliertem schwarzem Stein. Burkhard hat sich wohl noch von der Reisegruppe verabschiedet, als ich mit meinem Rundgang fertig bin, sind die schon alle weg. So long, and thanks for the bus … ansonsten gilt der alte Sponti-Spruch, dass Reisegruppen wie Wolken sind: wenn sie sich rechtzeitig verziehen, kann der Urlaub noch richtig schoen werden!
Donnerstag, 7. August 2008
Freitag, 1. August 2008: Sofis Welt
Wie auch immer - nachdem wir unsere Maegen gefuellt haben, kommen wir sozusagen in die Ruettelmaschine (Barista-Jargon: Shaker), damit auch alles gut durchgemischt wird. Zwei Stunden Busfahrt in den Bezirk Jinta, an der gleichnamigen Stadt kommen wir auch vorbei. Das sei das Zentrum der chinesischen Raumfahrt und insofern sei hier alles "top secret". Eine der lokalen Reisefuehrerinnen hat uns bereits ein offizielles Anordnungsschreiben vorgelesen, in dem alle Besucher der "eclipse city" in der Wueste Gobi im Bezirk Jinta unter Androhung von Nachforschungen bei Zuwiderhandlung darueber informiert werden, dass die Benutzung von GPS strengstens verboten ist.
Die Strasse ist nicht besonders gut und die Fahrt also ganz schoen rumpelig. Und bei dem Gerumpele sollen wir noch einen Fragebogen ausfuellen, den Liu Si in seiner Doktorarbeit auswerten wird. So'n Quark, zumal die Fragen doof gestellt sind. Die ersten zwei Seiten sollen die Motive erforschen. Wiesu denn bluss? Selbst wenn ich ein wenig astronomisch interessiert bin, ist das doch nicht der Grund, die lange Reise zu unternehmen … man soll die Aussage "Ich nehme an dieser Sonnenfinsternis-Tour teil, weil …" bewerten - soll ich in der Frage danach also "trifft ein wenig zu" (astronomisches Interesse) ankreuzen oder "trifft gar nicht zu" (Grund fuer Reise)?? Und da das jede/r irgendwie anders auslegen wird, ist mir nicht klar, welche wissenschaftliche Aussagekraft die Auswertung haben soll. Aber mir soll's ja auch egal sein - der zweite Teil, nach der Verfinsterung auszufuellen, "erforscht" dann die Zufriedenheit.
Die Fahrt fuehrt zu guten Teilen durch gruenes Patchwork - hier vor allem Baumwolle, die ich noch nie in natura gesehen habe und auf den ersten Blick fuer komische Kartoffelpflanzen halte - und durch oede Wueste. Aber der Himmel ist so wunderbar blau, und die weissen Woelkchen machen ihn noch schoener. Lan lan de tian, bai bai de yun, blauer, blauer Himmel und weisse, weisse Wolken, wie die Chinesen sagen, die erste Haelfte erwaehnte ich schon. Sie sehen auch gar nicht bedrohlich aus, die Woelkchen, obgleich sie natuerlich die Beobachtung der Sonnenfinsternis sehr wohl bedrohen. Wer haette das gedacht, mitten in der Wueste!
Trotz manch gefaehrlicher Rumpelei (jedenfalls kam sie mir so vor) erreichen wir nach ueber zwei Stunden ein Tor. Mitten in der Wueste ueberspannt es einen provisorischen, mit blauen Flaggen abgesteckten Fahrweg, der von der Rumpelstrasse abzweigt. Es heisst uns in der "eclipse city" willkommen. Der Bus faehrt noch ein paar hundert Meter, dann muss eine Zeitlang mit irgendwelchen Offiziellen diskutiert werden, bevor wir aussteigen duerfen. Die Badges? Will keiner sehen, und den zugehoerigen Pass (dessen Nummer auf den Badges steht) erst recht keiner. Nachdem heute Morgen, als alle im Bus sassen, mitgeteilt wurde, dass man den doch auf jeden Fall mitnehmen solle, worauf einige noch mal zurueckrennen mussten (denn das kann man ja nicht etwa vorher mitteilen).
Das Camp - vielleicht ein Dutzend Tarnzelte hinter einer Absperrung, ein mit schwarz-transparenter Plane ueberschatteter schmaler Bereich mit ein paar Tischen und Hockern, ein aufblasbarer Bogen (der den Nachteil hat, dass ein Motor droehnt, der staendig nachblaest), gelbe Fahnen mit Entfernungsangaben zu diversen Staedten der Welt und noch ein paar Zelte ganz am Rand, die einen mir nicht bekannten Zweck erfuellen. Und vier Klohaeuschen, nicht zu vergessen. Ganz neue Methode uebrigens. Da wird ein langer Folienschlauch von aussen nach innen ueber die Klobrille gezogen, jeweils auf Pedaltritt, und dann stueckweise verschweisst, oder so. Nix Chemieklo.
Ja, das ist das Camp. Begleitaktivitaeten? Weder fuer Vergnuegungssuechtige noch fuer Wissensdurstige (oder Bildungshungrige?) gibt es was. Kamelreiten, Ballonfahren, beides in unserem Programm erwaehnt? Wissenschaftler, die ueber ihre aktuellen Arbeiten rund um Sonnenfinsternis oder, "fuer Dummies", ueber die Grundlagen erzaehlen? (Haette mir auch gutgetan, nicht nur eine Auffrischung, sondern auch eine Erklaerung der ganzen Parameter, mit denen eine Sofi genau beschrieben wird.) Ein Infostand mit Fotografiertipps? (Schliesslich sind nicht alle Anwesenden Experten mit Erfahrung, Spezialsoftware ["Eclipse Orchestrator" soll gut funktioniert haben] und allen Wassern gewaschen.) Oder auch nur eine "Last-Minute-Bastelecke" fuer den Folienfilter, den man fuer die partielle Finsternis benoetigt? Alles Fehlanzeige. Verkauft werden die besagten Rucksaecke und Klapphocker (zum Aerger mancher Leute, die etwas bei Eclipse City gebucht hatten und erwarteten, dass das im Preis inbegriffen sei), ausserdem Melonen, Wasser und Tee und Postkarten mit Tagesstempel. Alles gut und schoen, aber was habe ich jetzt von den erfolgreich hergekarrten dreieinhalb Tonnen Spezialausruestung? Absolut nix - die Dienstleistung von Eclipse City beschraenkt sich offenbar im Wesentlichen auf das Auskundschaften einer Lokation und den Transport. Man hoert ziemlich viel Gemaule unter den Anwesenden, und ich muss sagen, ich finde das Angebot recht enttaeuschend. Leider weiss ich nicht, welchen Anteil am Gesamtpreis dieser Teil ausmacht - bestimmt mehr, als er (mir) wert ist. Was nuetzt es, wenn die Firma auch internationale Wissenschaftler im Camp hat? Meinetwegen koennen sie auch den chinesischen Staatspraesidenten, Bill Gates & Clinton, George Clooney, die auferstandene Audrey Hepburn und (vermutlich am interessantesten fuer diesen Anlass) den Mann im Mond beherbergen. Das macht fuer mich keinen Unterschied, wenn ich strikt getrennt davon "aufbewahrt" werde.
Um 18:15:52 h beginnt die Finsternis - unmerklich. Zuerst hat der Mond nur eine kaum sichtbare Delle in die Sonnenscheibe geknabbert. Auf Position vier Uhr, etwa. Astronomen haben dafuer sicher eine praezisere Angabe. ;-) Lange Zeit merkt man nichts, wenn man nicht durch die Spezialbrille guckt. Ich wandere ein bisschen durch die Wueste, mitten in der Wueste Gobi erreicht mich um halb sieben ein dienstlicher Anruf, nae nae … Ueberall sind Gruppen von Finsternisguckern, die Eidgenossen unter ihnen haben sich einen der zahllosen Huegel mit ihren roten Weisskreuzfaehnchen abgesteckt - aber verweigern nicht den Zutritt. Auf einem anderen Huegel weht die chinesische Flagge in "richtiger" Groesse - als ich den besteige, kommt einer im Tarnanzug und verweist mich der Staette: dieser Huegel sei fuer Chinesen, fuer Auslaender "der Rest der Wueste". Was das soll, ist mir zwar nicht klar, aber sei's drum. Burkhard hat seine Kamera mit dem extra mitgebrachten sperrigen Stativ auf einem Huegelchen in den hinteren Raengen aufgebaut, so dass man auch einen schoenen Blick auf die vielen Grueppchen von "Verrueckten" hat. Neben ihm sind ein paar Oesterreicher (?) und eine Familie mit einer nervigen Kati. "Kati, du bist anstrengend", heisst es irgendwann entnervt. Ein kleiner Wind kommt auf und kreiert Miniatur-Sandstuerme. Erst kurz vor der totalen Finsternis nimmt die Lichtintensitaet merklich ab, gefuehlt ab etwa 19 Uhr. Es wird nicht dunkler, das Licht wird einfach nur schwaecher. Um 19:12:49 h ist es soweit: der Himmel verfinstert sich weitgehend. Im Suedwesten und -osten bleibt ein gelber Streifen ueber dem Horizont und darueber eine schoene blaue Zone. Der Perlschnureffekt, dann die schwarze Sonne. Wie immer sehe ich nicht genug, und diesmal kommen mir 1 Minute und 50 Sekunden gar kurz vor. Dann ein super "Diamantring", und um 19:14:39 h ist der Zauber vorbei, es ist schlagartig wieder hell, wenn auch noch mit verringerter Intensitaet. Kaum zu beschreiben - das muss man erleben. Etwas schneller geht die zweite Haelfte der partiellen Verfinsterung vorueber, ab 20:07:36 h gehen Sonnen- und Mondscheibe wieder beruehrungsfreie Wege. Zwischendurch verschwindet die teilverdunkelte Sonne kurzzeitig hinter Wolken: wir hatten also wirklich Riesenglueck!!
Das allgemeine Zusammenpacken beginnt, um halb neun soll die Abfahrt sein. Es wird dann doch fast neun Uhr. Unter anderem, weil ploetzlich noch Leute auf die Idee kommen, Kleingruppenfotos mit dem gelb behemdeten Team von Eclipse City machen zu muessen, na prima. Die Rueckfahrt durch die Wueste dauert sehr lange, der Weg zieht sich … Wir brauchen wieder ueber zwei Stunden - eigentlich nicht ueberraschend, nur dass im Programm von einer Stunde die Rede war. Da hiess es Ankunft im Hotel gegen halb zehn, Zeit zum Frischmachen, dann grosses Gala-Dinnerbuffet ab zehn Uhr. Wir kommen aber erst nach elf Uhr an, und zwar nicht an unserem Hotel, sondern am Restaurant. Nix frischmachen. Ich habe ein bisschen Kopfschmerzen, die in Kombination mit der Rumpelei im Bus zu leichter Uebelkeit gefuehrt haben. Zwar habe ich noch eine Aspirin genommen, aber davon ist es nicht viel besser geworden. Burkhard ist auch muede, wir wollen gar kein Dinnerbuffet. Zumal das auch gar keine Atmosphaere hat. Kein speziell dekorierter Saal, wie ich vielleicht erwartet haette, einfach Tische in einem grossen Hotelhallenrestaurant. Was soll daran "Gala" sein? Und die angekuendigten Vorfuehrungen von Volkstaenzen aus der Provinz Gansu (falls sie denn zu so vorgerueckter Stunde noch stattfinden) erscheinen uns auch absolut verzichtbar. Wir beschliessen, ein Taxi zu nehmen, und muessen nur noch ausfindig machen, wann morgen das Programm beginnt. Ihr muesst morgen auschecken, und um 10:30 Uhr fahren wir los, heisst es. Daraufhin geht dieselbe Diskussion wie am Vorabend los: nein, wir checken eben nicht aus! Schliesslich wollen wir nicht unversehens zum Flughafen gekarrt werden. Aergerlich ist das.
Dann steigen wir ins Taxi und sind wenige Minuten spaeter im Hotel.. Aaah, die Aspirin wirkt jetzt doch ein bisschen, Sachen vom Leibe reissen, fertigmachen, hinlegen, endlich! Das tut gut.
Aber ich will den Artikel nicht mit Aerger beschliessen - schliesslich habe ich auf dem Zufriedenheitsfragebogen zwar ungewoehnlich viele schlechte Noten verteilt, aber bei Gesamtzufriedenheit eine sehr gute, denn mit dem Erlebnis der Sofi, wie die "Verrueckten" diese Art von Ereignis liebevoll nennen, bin ich sehr zufrieden. Da kann Eclipse City nichts dafuer, aber nicht einmal was dagegen! ;-))
Waehrend der Busfahrt wurde es Nacht ueber der Wueste, die Sonne war um kurz nach halb neun hinter einem Huegel versunken. Eigentlich ein Erlebnis fuer sich. Uneigentlich auch, aber im Rumpelbus … Lange Zeit war noch ein gelb leuchtender Streifen am Horizont zu sehen, der ueber leuchtendes Blau in das Nachtschwarzblau des "Himmelszelts" ueberging, an dem nach und nach die Sterne sichtbar wurden. Die Experten hatten natuerlich ihre Sternkarten dabei und konnten Satelliten und Raumstationen identifizieren. Schade nur, dass wir aus dem Bus diesen tollen Sternenhimmel gar nicht richtig geniessen konnten!
Sonntag, 3. August 2008
Freitag, 1. August 2008: Der erste Signalturm, der Jiayu-Pass und die Weinquelle
Bei der Abfahrt haben wir eine schoene klare Sicht auf die Berge, zum ersten Mal seit Wochen, sagt Rico von Eclipse City. Sie haetten die Region im letzten und vorletzten Jahr "ausgekundschaftet", und da sei permanent gutes Wetter gewesen - aber dieses Jahr sei es seit Wochen schlecht. Na kein Wunder, wir sind mit den Reiseschweinen dabei, also Schwein gehabt!
Rico erzaehlt uns auch vom Reichtum von Jiayuguan: der beruht auf Stahl, JISCO heisst die Firma, in dieser Stadt sei alles von JISCO. Vor 50 Jahren gegruendet heisst die Stadt nur deshalb nicht JISCO-City, weil man sich entschieden hat, den guten alten Namen des Jiayu-Passes = Jiayuguan zu uebernehmen. Irgendwie muss ich an Leverkusen denken. Mit 50 Jahren ist die Stadt noch jung und muss noch wachsen und gross und stark werden: die Einwohnerzahl soll sich in den naechsten Jahren auf 300.000 verdoppeln.
Unser erster Programmpunkt ist es, den ersten Signalturm der Mauer zu besuchen - das ist ein hell-ockerfarbener Klotz aus ungebrannten Lehmziegeln, ohne weitere Strukturen. Man sieht auch seine spektakulaere Lage ueber dem Taolai-Fluss kaum, ich moechte fast sagen, ich haette sie gar nicht bemerkt, wenn da nicht ein speziell gestalteter Eingang zu einer "underground gallery" gewesen waere. Diese entpuppte sich als eine liebevoll gebastelte Hoehle mit einem Souvenirstand, ein paar im Boden mit Glasdeckel drapierte "Ausgrabungen" und einer Plattform fuer Mutige: weit ausladend mit Glasboden ueber dem relativ reissenden Fluss. Der versteckt sich in seiner Schlucht, die einfach nur aussieht wie aus dem Sand gespuelt. Aber 60 Meter tief, meine ich irgendwo gelesen zu haben. Es gibt eine Art Seilbahn, auf der man, in einer Aufhaengung "schwebend", den Fluss in luftiger Hoehe ueberqueren kann. Sie hat gerade geschlossen, aber ich haette sie wohl auch sonst nicht in Anspruch genommen. - Auf einer Plattform auf halber Hoehe stehen einige Meter flussabwaerts ein paar jurtenfoermige Gebaeude, sie wirken aber doch wie aus Beton.
Der Ziegelklotz wird durch eine grau-polierte Steintafel veredelt, die in kalligraphierten Lettern versichert, dass dies auch wirklich der erste Signalturm des Verteidigungsgesamtkunstwerks "Chinesische Mauer" sei. Und hier beginnt dann die Mauer. Waehrend die ersten 20 m tipptopp restauriert sind (wie der Signalturm aus Lehm), folgt ein langes Stueck im natuerlichen Verfallsgrad. Schnurstracks fuehrt es auf Jiayuguan (die Festung) zu, mitten durch die Wueste. Die Wueste - das ist hier graubrauner Sand und Steine, und alle paar Meter ein graublaugruenliches Wuestengestruepp, vielleicht 30 oder 40 cm hoch. Wenn's nicht ganz hell mattgelb ist und vertrocknet.
Das Schoenste hier sind die Kulisse und die Farben: die hell-ockergelben Bauwerke unter dem hohen, tiefblauen Himmel, im Hintergrund die schneebedeckten Berge und ein paar weisse Woelkchen - ich kann mich kaum sattsehen. Lan lan de tian, wie die Chinesen sagen, blue, blue sky. Nur wenn man in Richtung Jiayuguan-Stadt guckt, kann man einen gelblichen Smogstreifen sehen - und den Dampf von Kuehltuermen und grauschwarzen Rauch aus diversen Schornsteinen. Die sollen bloss aufpassen, schliesslich soll doch auch hier der Tourismus tuechtig ausgebaut werden.
Dann fahren wir weiter zum befestigten Fort am Jiayu-Pass. Das ist nur eine kurze Fahrt, etwa 8 km. Der Eingangsbereich weist das Fort als AAAAA-Sehenswuerdigkeit aus, wir wuerden das vermutlich 5 Sterne nennen. Je Stern gibt man uns 24 Minuten Zeit fuer die Besichtigung. Die Fuehrerinnen machen nicht gerade einen besonders guten Job, erklaeren kaum was und managen weder die Gruppe (die folglich als disziplinloser Haufen erscheint) noch die Zeit. Als erstes kommen wir zu einer kleinen Theaterbuehne, gegenueber ist ein Tempelchen zwischen die Militaerarchitektur geklemmt. Das war's dann auch mit dem Angebot fuer Geist und Seele, der Rest ist Fest-ung. Durch dicke Mauern mit schweren Toren geht es in einen ersten Vorhof, und dann stehen wir vor einem hohen Bogendurchgang durch eine noch dickere Mauer, die hier von einem dreistoeckigen, "typisch chinesischen" Gebaeude bekroent wird. Das Emblem von Jiayuguan sozusagen, eine Ikone, die in stilisierter Form auch unserem Hotel als Logo dient.
Nach diesem Durchgang kommt man in den ziemlich grossen Innenhof, linker Hand befindet sich eine Art Exerzierplatz, der mit weissen und gelben dreieckigen Fahnen abgesteckt ist, rechts liegen flache Gebaeude. Wir biegen aber um die (konvexe) Ecke und kommen zu einer weiteren (konkaven), in der immer irgendwelche Leute Steine aufeinanderklopfen. Fuer mich klingt das, wie wenn Steine aufeinandergeklopft werden, aber auf einer Tafel wird eine alte Legende erzaehlt. Das Englisch war so ein bisschen unverstaendlich, aber irgendwie hat es damit zu tun, dass die vielen Schwalben, die in der Festung nisteten, eines Abends von ihrem Tagewerk/Beutezug zu spaet heimgeflogen waren und vor die geschlossenen Tore geknallt sind und so verstorben - denn die Festung war selbst fuer Voegel unueberwindlich, so die Botschaft. Ihre Seelen aber konnten keine Ruhe finden und flattern noch umher und druecken sich mit dem Tschirpen aus, das entsteht, wenn Steine aufeinandergeschlagen werden. Wie heisst noch der passende Titel eines Cartoon-Bands von Gary Larson? Dumme Voegel.
Wir steigen dann auf die Mauerkrone - die Aufgaenge sind breit und bestehen aus etwa zwei Dritteln Rampe und einem Drittel Treppe. Ob das fuer die Berittenen war? Sehr breit ist die Mauerkrone aber nicht. Waehrend wir dort entlangbummeln und uns jemand im Norden die haengende Mauer zeigt, ich sie aber nicht wirklich ausmachen kann, patrouillieren kleine Trupps von je 6 Mann in Uniformen aus tuerkisblauem Stoff und Silberblech (incl. Helm) im Gleichschritt ueber die Mauer. Mindestens zwei Trupps sind das - wie schaffen die es bloss, in der Montur keinen Sonnenstich zu kriegen? Jaja, es gibt schon die komischsten Jobs.
In dem Hof hinter dem zweiten der insgesamt drei "typisch chinesischen" dreistoeckigen Gebaeude auf der Mauer liegt auf einem Sims ein einzelner Ziegelstein, zu dem es eine weitere Legende gibt. Der Baumeister habe nicht nur die Plaene entworfen, sondern auch das Baumaterial geplant. Und weil natuerlich ein so hervorragendes Bauwerk von einem hervorragenden Meister geplant worden ist, war am Ende genau ein Ziegel uebrig. Der ist dann an besagter Stelle platziert worden. Je nach Lesart geht die Legende noch weiter: Als jemand anweisen wollte, den Ziegel wegzunehmen, habe der Meister kundgetan, dann drohe das gesamte Bauwerk einzustuerzen. Und wenn er nicht zu Staub zerfallen ist, der Ziegelstein, so liegt er da noch heute - und das tut er. Allerdings ist er vermutlich genau so neu wie der Rest des Gebaeudes, denn so wie das alles aussieht ist es (hoffentlich) originalgetreu rekonstruiert.
Wir machen uns dann eine halbe Stunde vor der Abfahrt auf den Rueckweg, weil Rico uns gesagt hatte, dass man nicht auf demselben Weg zurueckgehen koenne, auf dem man gekommen sei, sondern weit aussen herum gehen muesse. Das ist auch so, und echt bloed. Und schlecht ausgeschildert, so dass wir immerzu in Sorge waren, ob wir noch auf dem rechten Weg seien. Aber wir finden den Bus rechtzeitig - was natuerlich nicht fuer alle gilt, so dass wir dennoch warten muessen. Na ja.
Als wir die Kasperlefrage endlich bejahen koennen, geht die Fahrt nach Weinquelle (ja, der Ort heisst so, also ist diese Praeposition richtig), Jiuquan auf Chinesisch, wo wir den oertlichen Park besuchen. Das ist so ein chinesischer oeffentlicher Garten mit allen Versatzstuecken, die dazugehoeren. Das Besondere hier: die periodische Benebelung der zentralen Allee und eines Brunnens dahinter, der auf diese Weise etwas Magisches bekommt. Im Prinzip ist es hier auch was fuer Wortfixierte - ueberall sind Zeichen in den Stein gearbeitet, es ist schon misslich, wenn man Analphabet ist.
Auf dem Hauptplatz des Parks, vor einem See, sind massive Steinfiguren aufgestellt und ein Trueppchen von Bronzesoldaten mit langen Lanzen. Oberhalb befindet sich die besagte Quelle, mit einer Art Omphalus gefasst in einem quadratischen Becken. Der Boden glaenzt von "Silberlingen", denn angeblich hat man Glueck, wenn man es schafft, eine Muenze in die Quelle zu werfen. Ich bin gar nicht sicher, wie das moeglich sein koennte, glaube ich doch, dass die Stroemung die Muenze davontraegt. Man muesste also die Stroemung beim Wurf mit beruecksichtigen … oder schon vorher grosses Glueck haben, das dann damit wahrscheinlich schon aufgebraucht ist. ;-))
Irgendwie konnten die Fuehrerinnen die Ueberlieferung zur Weinquelle nicht richtig 'rueberbringen, im Nachhinein habe ich Folgendes verstanden: der General Huo Qubing, der es in jungen Jahren (mit 20) schon zum General gebracht hatte, war siegreich gewesen und hatte vom Kaiser ein paar Faesser besten Weins bekommen. Er wollte sie mit seinen Soldaten teilen - aber wie? Also hat er sie in die Quelle geschuettet und alle aus der Quelle trinken lassen. Es ist nicht ueberliefert, ob bei diesem Saufgelage jemand betrunken geworden ist. Dafuer war es gut fuer den General, alles schon frueh in seinem Leben erreicht und getan zu haben - im Alter von 23 ist er wohl schon verstorben.
Nach dem etwas plan- und ziellosen Besuch des Parks fahren wir ein paar hundert Meter weiter zu einem Hotel, in dem uns ein "Loentsch" serviert wird. Das Essen ist nicht weiter erwaehnenswert, neben allerhand Chinesischem gab es ein Lammkotelett mit Puree (nicht aufgebraten) und blasse, so gut wie ungesalzene Fritten. Vom Service rede ich gar nicht - die Suppe kam an unserem Tisch nur troepfchenweise an und fuer die Haelfte gar nicht. Erwaehnenswert ist eigentlich nur das rote Spruchband ueber dem mit rotem Teppich ausgelegten Eingang: "Welcome Honored Guest Observing the Total Solar Eclipse to JiuQuan Hotel".
Samstag, 2. August 2008
Donnerstag, 31. Juli 2008: Ankunft in Jiayuguan und die Freuden von Gruppenreisen
Der Flughafen von Jiayuguan ist im wesentlichen eine grosse Betonflaeche, lange Zeit haben wir nicht mal das Terminalgebaeude ausmachen koennen. Es gibt aber doch eins, davor stehen kugelrunde Weihnachtsbaeume. Ja, Fichten wohl, aber mit einer kugelfoermigen Wuchsform. Drinnen gibt es auch ein Gepaeckband, an dem mit uns vorwiegend Langnasen warten. Mit dem Laestern muessen wir uns zurueckhalten, "gefuehlt die meisten" sind Deutsche.
In der Empfangshalle wartet keine/r mit einem Schild oder dem besagten Poster von Ivy, schon komisch. Dann finden wir den Bus, der bis auf den letzten Platz besetzt ist und in dem wir dann mindestens eine Viertelstunde auf die besagte Ivy warten muessen, die auf der Jagd nach irgendeinem verlorenen Handy ist. Oder so. Von gruenen Diamanten war jedenfalls nicht die Rede. Unsere lokale Reisefuehrerin nennt sich Charlene und erzaehlt uns ein bisschen was ueber Jiayuguan und die schneebedeckten Berge, von denen 16 Fuenftausender sind. Allerdings ist die relative Hoehe geringer, denn Jiayuguan und Umgebung liegen auf einer Hochebene etwa in 1000-1500 Metern ueber dem Meeresspiegel. Wir kommen an einer Kiiirche und an einer Moschee vorbei und erreichen dann einen bunten Platz mit Skulpturen und Wasserspielen und Neondeko - offenbar der zentrale Platz des Ortes. Leider halten wir da auch und sollen in so einem oeden Hotel unser Dinner einnehmen - erstens gehoert das nicht in unser Programm, zweitens gab's auf dem Teilstueck von Xi'an hierher schon eine warme Mahlzeit und drittens bin ich ziemlich kaputt und will ins Bett. Letzteres trifft noch auf mehrere Teilnehmer zu, weshalb sich dann der Bus, schaetzungsweise zu einem Drittel gefuellt, schon einmal zu unserem Hotel aufmacht. Im Bus hatte Charlene auch schon ein Programm fuer morgen angekuendigt, das nicht unseres war. O je, und das soll um 7:30 Uhr beginnen. Abfahrt, meine ich.
Beim Check-in ist ein Deutsch sprechender Mitarbeiter von Eclipse City zugegen, dem Spezialreiseveranstalter fuer Sonnenfinsternistouristen, mit dem unser Anbieter kooperiert. Die Zusammenarbeit war aber doch wohl nicht so reibungslos, denn ploetzlich hiess es, fuer uns seien zwei Naechte gebucht, dabei sollten es drei sein. Lange Diskussion, unser Ansprechpartner in Shanghai wurde trotz leicht fortgeschrittener Stunde (kurz vor zehn) "dazutelefoniert", am Ende wurde dem Hotel Bescheid gegeben, dass wir drei Naechte bleiben, und wir bekamen einen dritten Fruehstuecksgutschein. Was das Programm betraf, hatte der besagte Mitarbeiter von Eclipse City fuer uns folgende Optionen: entweder ihr macht beim Standardprogramm mit, oder ihr koennt im Hotel bleiben, aber das eigentlich auch nicht, weil wir ja dann keinen Transport zur "eclipse city" haetten, dem Finsternisbeobachtungscamp in der Wueste Gobi. Vor diese supertollen Alternativen gestellt, haben wir uns fuer das Standardprogramm entschieden. Es hiess jetzt doch Abfahrt "erst" um 8 Uhr. In der Zwischenzeit haben wir noch den Eclipse City-Rucksack bekommen, mit T-Shirt und Baseballkappe, keiner Sonnenbeobachtungsfolienbrille (die eigentlich dabei sein sollte), einem "desert stool" genannten Klapphocker und einem Programm, das ich besser nicht gelesen haette. Darin stand, man muesse auf jeden Fall puenktlich um 7 Uhr morgens den Spezialausweis in Empfang nehmen, ohne den man das Camp nicht betreten koenne. Auf Zuspaetkommer koenne keine Ruecksicht genommen werden. Kein Pardon fuer Schlafmuetzen und Bummelanten, wie Wattfuehrer Heino, Alfreds Sohn, sagen wuerde!
Donnerstag, 31. Juli 2008
Donnerstag, 31. Juli 2008: Zwischenlandung in Xi'an
Ich ueberlege - das scheint mir der erste Flug mit Zwischenlandung zu sein, den ich je gehabt habe. Fluege mit Umsteigen sind natuerlich nicht gemeint: hier heisst es raus aus dem Flugzeug und hinterher zurueck in dasselbe mit derselben Flugnummer. Das Einsammeln der Bordkarten, Aushaendigen einer "Transitkarte" und Zuruecktauschen gegen die urspruengliche Bordkarte beim Wiedereinstieg ist ein zauberhafter kleiner manueller Prozess mit der Eleganz eines
Taschenspielertricks. Erst werden alle Bordkarten fein saeuberlich eingesammelt und gestapelt. Auf dem Schalter am Ausgang werden sie dann fuer den Wiedereinstieg wie bei einer Patience sehr ordentlich ausgelegt, in der Mitte laengs leicht angeknickt, so dass sie etwas dachfoermig aufliegen, und mit der oberen rechten Ecke zu einem leichten Eselsohr hochgebogen, natuerlich bei allen Bordkarten ganz gleich. Die einzelnen Karten sind schuppenfoermig uebereinander gelegt, sonst wuerde der Platz ja nicht ausreichen. Mit traumwandlerischer Sicherheit greift die junge Frau ohne Ueberlegung aus den bestimmt an die hundert Bordkarten die jeweils zur nummerierten Transitkarte passende und zieht sie hervor, ohne dass die Ordnung der Reihen gestoert wuerde und alles chaotisch durcheinanderpurzelt - klasse.
Unsere Reisefuehrerin vom Veranstalter Eclipse City hat sich als eine Ivy geoutet, traegt aber trotzdem keine efeugruenen Sachen, sondern ein knallorangefarbenes T-Shirt. Als Erkennungszeichen hat sie ein Poster mit dem Bild einer Sonnenfinsternis dabei. Davon haben sich so an die 40-50 Leute angezogen gefuehlt.