Jaja, ich weiß, manche/r hätte gern mehr Fotos aus Shanghai und von unterwegs gesehen ... insgesamt sind in den vergangenen dreieinhalb Jahren ca. 45.000 Stück entstanden. Aber das hat man eben nur zum Teil meiner Faulheit zu verdanken - zu einem mindestens genau so großen Teil der chinesischen Regierung mit ihrer "great firewall". Hoch lebe das freie Internet!


Wer weiterhin meine Bemerkungen über Gott und die Welt lesen möchte, klickt bitte hier:
Das neue Jahr des Schweins

Wenn ich es schaffe, gibt es hier übrigens auch noch Updates, und zwar aus den bisher unveröffentlichten Reisetagebuchnotizen.

Posts mit dem Label Reisetagebuch Kambodscha werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reisetagebuch Kambodscha werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. März 2009

Der unvergleichliche Wat - Teil 2

"Bei Vollmond wird der Wat, sobald sich die Decke aus Dunkelheit ueber ihn gelegt hat, gleich wieder zu schauerlichem Leben erweckt. Wenn die Tuerme gerade in der Finsternis fast verschwunden sind, umreisst ein blasses ueberirdisches Licht hinter ihnen ihre Form aufs Neue, und dann steigt eine riesige leuchtende Scheibe langsam durch einen fedrigen Wolkenschleier empor, wobei sie veraechtlich einen schwachen Stern erstickt, der dem dunkler werdenden Himmel schuechtern einen winzigen Lichtpunkt aufgesetzt hatte. Und in den seltsamen, metallisch-gelblichen Strahlen des Mondes werfen Sie Ihren eigenen langen Schatten vor sich auf die steinernen Bodenplatten des Dammwegs, als Sie sich schliesslich widerstrebend vom Tempel abwenden und Ihnen durch den Kopf geht, dass Sie erst noch die dunkle Halle der aeusseren Fassade passieren muessen, bevor Sie sicher sein koennen, dass Sie die Gesellschaft der Geister, die den Ort nach Sonnenuntergang fuer sich beanspruchen, hinter sich gelassen haben.

Um einen von ihnen auszumachen, brauchen Sie keine gestoerte Fantasie; werfen Sie nur einen Blick auf eine der Vorhallen an einer Stelle, an der ein Teil des Daches eingestuerzt ist. Dort steht eine grosse menschliche Gestalt; durch das Loch im Dach faellt das Mondlicht voll auf die Krone auf seinem Haupt, mit dem er sachte nickt, als ob er mit jemandem plaudern wuerde, den die Schatten vor Ihren Augen verbergen. Am naechsten Morgen werden Sie die alte brahmanische Gottheit unbeweglich und teilnahmslos wie eh und je an ihrem angestammten Platz finden, und der gesunde Menschenverstand wird Ihnen sagen, dass die einzigen Dinge, die sich an seinem Zufluchtsort zu naechtlicher Stunde bewegen konnten, die Fledermaeuse waren ... aber seltsamerweise haben solche Argumente sehr wenig Ueberzeugungskraft, wenn Sie ihn um Mitternacht allein besuchen!

Man muss uebrigens nicht bis zum Einbruch der Nacht warten, um in Angkor Wat die Naehe der Geister zu spueren. Zu allen Zeiten ist der Wat voll von ihnen: Geister von Priestern und Prinzen in Prachtgewaendern, von Wallfahrern und Tempeldienern und Taenzerinnen, und vor allem von den Tausenden einfacher Arbeiter, die geschuftet haben, um ihn zu errichten und auszuschmuecken. Ihnen kommt es so vor, als saehen Sie sie ueberall in der heissen Sonne, wie sie sich abrackern und schwitzen, mit blutenden Haenden und gedehnten Sehnen, unter den Peitschen der Aufseher und dem Laerm der Antreiber-Musik, die ihre Schreie uebertoent; wie sie die riesigen Steinbloecke ziehen, schieben, rollen und mit einer Zauberkraft, die uns auf immer verborgen bleiben wird, aufrichten und in Position bringen, um dann ihre Oberflaeche so lange zu reiben, bis die Verbindungsstellen unsichtbar geworden sind. Ueberall in den Hoefen und Galerien, in denen die himmlischen Taenzerinnen von den Waenden herablaecheln und vergangene Schlachten in dem schwankenden Panorama aufs Neue ausgefochten werden, braucht es nur wenig Fantasie, um das Klopfen der geisterhaften Meissel zu hoeren oder das schwache Klirren, das entsteht, wenn einer beiseite gelegt und ein anderer zur Hand genommen wird. Und waehrend Sie gemaechlich die endlosen schattigen Galerien der Flachreliefs abschreiten, die vom grellen Licht draussen widerstrahlen, halten Sie instinktiv Abstand von den Rueckwaenden, aus Angst, die Bildhauer zu stoeren, die - so stellen Sie es sich jedenfalls vor - dort hocken oder stehen und kurz aufsehen, wenn Sie vorbeigehen, oder von ihren leichten Bambusgeruesten herunterschauen, mit demselben stummen, traurigen Blick, mit dem auch ihre Nachkommen Sie ansehen, wenn Sie ihnen auf den Strassen oder Waldpfaden des heutigen Kambodscha begegnen.

Die meiste Zeit ueber sind die am hoechsten gelegenen Hoefe des grossartigen Wat so friedlich und still wie ein Berggipfel und werden genau so selten gestoert. Sie koennen dort so einsam sein wie der, der 'allein auf einen Berg stieg, um zu beten'; und, seltsam genug, dieser luftige Horst ist nicht etwa in der Morgendaemmerung oder bei Sonnenuntergang am einsamsten, sondern zur Mittagszeit, wenn alle Welt im gleissenden Sonnenschein zu schlafen scheint. Der ganze riesige Tempel ist in eine heisse, atemlose Stille getaucht, in die hin und wieder das Pfeifen einer Fledermaus wie ein Tropfen in ein Wasserbecken faellt; oder vielleicht wird eine 'Tokek'-Eidechse die Stille mit ihrem eigenartigen heiseren Ruf aufschrecken, den sie noch ein paar Mal wiederholt, immer leiser, bis er schliesslich unbeendet erstirbt, ganz so, als ob auch sie in einen Traum abgedriftet waere."

Damit habe ich, wie bereits erwaehnt, meinen Vorrat an Sommer-Sonne-Farbe-Waerme-Geschichten aus Angkor Wat aufgebraucht. Diesen Text von H. G. Ponder findet man uebrigens auch in der englischen Fassung online. Und immerhin, so kann ich erfreut berichten, sah es heute draussen nicht mehr furchtbar aus, es war vielmehr ein ganz klein wenig blau und zeitweise auch sonnig.

Samstag, 7. März 2009

Der unvergleichliche Wat - Teil 1

Am vergangenen Mittwoch hat mir jemand gesagt, das graue, truebe, nasskalte da draussen (nennt sich das Wetter?) solle jetzt "nur" noch 12 Tage andauern. Was, noch fast zwei Wochen?! Wie soll ich mich denn da bei Laune halten? Schliesslich ist doch dieser Text, der jetzt gleich kommt, der dritte und letzte von den mitgebrachten literarischen Andenken an Angkor Wat, die seltsamerweise alle irgendwie mit Sonne, Licht, Farben und zum Teil auch Waerme zu tun haben und in meinem Kopf schoene Bilder "anklicken" und Erinnerungen an heisse Wintertage in Kambodscha. - Immerhin, ich muss es zugeben, habe ich heute am lichtgrauen Himmel eine Art grauweissen Fleck mit sehr unscharfen Raendern gesehen, und es hat nicht geregnet. Das andere Bild des Tages war der sehr frische Fischkopf im Supermarkt, der noch die Kiemen heftig oeffnete und schloss und wohl vergeblich zu atmen versuchte. Etwas makaber - deshalb will ich mich rasch von der ohnehin mit reichlich Eis allzu kalten Fischabteilung ab- und dem grossartigen Komplex von Angkor Wat zuwenden.

"Keiner, der je vom inneren Dammweg aus gesehen hat, wie die truebe graue Masse des riesigen Tempels nach und nach Gestalt annimmt und sich aus der Dunkelheit loest, wird diesen Anblick wohl so leicht vergessen. Lange nachdem all die anderen Sterne schon verschwunden sind, scheint der Morgenstern, immer schwaecher werdend, so lange, bis auch er im staerker werdenden Licht erstirbt. Unbestimmte Gestalten bewegen sich gespenstergleich durch die farblose Szenerie; sie nehmen diesen Weg zum Dorf, um einem der Tempelgoetter eine Blume oder eine Kerze darzubringen, alles in aeusserster Stille, die nur von dem gelegentlichen Klacken unterbrochen wird, das entsteht, wenn die Bambus-Wasserbehaelter zusammenschlagen, die an jemandes Tragstange hin und her schwingen.

Die Sonne scheint sich beim Aufgehen Zeit zu lassen. Aber schliesslich schickt sie in einer ersten morgendlichen Liebkosung langsam einen langen blassen Strahl, um die praechtigen Tuerme zu wecken, so, wie sie es Tausende Mal gemacht hat, seit die Tuerme zum ersten Mal ihrem entzueckten Blick enthuellt wurden. Und doch scheint dieser Strahl jeden Morgen mit derselben anbetenden Beruehrung auf ihnen zu verweilen, denn Angkor Wat ist ein Gebieter, dessen selbst meine Herrin, die Sonne, niemals muede werden kann.

Die Morgendaemmerung am Wat ist exquisit, der Sonnenuntergang aber ist spektakulaer. Im Zentrum seiner farbenpraechtigen Verwandlung scheint der enorme Steinhaufen ueberwaeltigend nah und doch maerchenhaft unwirklicher denn je. Die Wandreliefs in der aeusseren westlichen Galerie sind orange-rote, von lila Schatten gerahmte Bildplatten, abgeriegelt von der endlosen gleichfoermigen Reihe quadratischer Pfeiler, die weissgluehend in der Sonne liegen, und die Details der Reliefs, die an den Stellen, an denen die Haende ganzer Pilgergenerationen sie andaechtig beruehrt haben, wie poliertes Kupfer und Messing glaenzen, zeichnen sich in den suchenden Strahlen so scharf ab, dass Sie aus mehr als hundert Yards Entfernung noch die Details der Pferde und Streitwagen und Kaempfer aus den epischen Schlachten lang vergangener Zeiten ausmachen koennen. Das geschwungene, ueberhaengende Dach der Galerie erscheint in einem warmen, rosigen, lilastichigen Braun, in dem das Muster der verzierten Stein'fliesen' deutlich zu erkennen ist. Doch die zentrale Masse darueber scheint in dieser wunderlichen Beleuchtung zu ganz unmoeglichen Hoehen aufzusteigen, in denen sie alle Soliditaet verloren und die substanzlose Struktur einer Fata Morgana angenommen hat. Die Sonnenglut hat ihre Durchgaenge so gruendlich durchdrungen, dass nur hier und da ein Faden Dunkelheit das aetherische grau-goldene Spitzengewebe durchbricht, welches von den Daechern und Tuermen und mit feingliedrigen Saeulen versehenen Fenstern gebildet wird und das fast wie Wolken unmerklich mit dem gleissenden Dunst des Himmels verschmilzt.

Langsam, unter Ihren Augen, erstirbt der kupfrige Glanz der Reliefs in der Galerie, und die Kampfszenen verschwinden voellig, als ob sie in den Stein versunken waeren. Die Wand, jetzt leer und farblos, scheint sich weiter und weiter zurueckzuziehen, bis sie von der Dunkelheit vollstaendig verschluckt ist, abgeriegelt von duesternen grauen Pfeilern. Das rosa Dach nimmt erst ein kaltes Braun an und wird dann schwarz, waehrend die Sonnenstrahlen es verlassen; das goldene Licht verweilt aber noch auf den oberen Galerien, und waehrend die Sonne weiter sinkt, bahnt es sich seinen Weg immer tiefer unter die Vordaecher und Durchgaenge, bis am Ende jede Spur von Schatten in ihnen verjagt ist. Und so bleibt die Szenerie fuer die allzu kurze Zeit eines Atemzugs unveraendert, waehrend in Ihrem Ruecken der prachtvolle karminrote Sonnenball feurig hinter der aeusseren Fassade untergeht, wo er sich im stillen Wasser des heiligen Beckens spiegelt; ihre Hitze laesst die Sonne zurueck, gespeichert in dem Stein, auf dem Sie sitzen, und von wo aus sie Ihnen nun ein Leuchten mitten ins Herz sendet.

Nach und nach kriechen die flachen Strahlen, deren Licht sich zu Orange vertieft hat, hoeher und hoeher die Tuerme hinauf, wobei sie jede Ebene nur langsam zuruecklassen, als ob es ihnen widerstrebte, 'Gute Nacht' zu sagen. Sie verweilen ein oder zwei Augenblicke lang auf dem obersten von ihnen; die Spitze des hoechsten zentralen Punktes ueber dem Heiligtum flammt eine letzte Sekunde lang auf wie der Strahler eines Leuchtturms ... und verlischt ploetzlich ... Und dann nimmt der Mond, dreiviertel voll, den Schauplatz unter seine Obhut und verwandelt ihn im Handumdrehen von Gold in Silber, waehrend der Wat, eben noch erdrueckend nah, eine entfernte, geheimnisvolle Masse geworden ist, aus der alle Form und Farbe gewichen sind und die auf seltsame Weise den Eindruck eines ziemlich verschwommenen Fotos ihrer selbst erweckt."

Uebrigens habe ich den Text, der einem gewissen H. W. Ponder aus der Feder geflossen (und in einem Cambodian Glory betitelten Buch 1936 in London erschienen) ist, nicht geteilt, damit er noch fuer fast zwei Wochen reichen moege - sondern bloss, weil er mehr als doppelt so lang wie die beiden anderen ist.

Dienstag, 3. März 2009

Sonnenaufgang in Angkor

"Sonnenaufgang ueber Angkor Wat ... ein Hauch von Farbe auf der allerhoechsten Turmspitze, dann ein Lichtschein, der die Tuerme umreisst. Die Silhouette der Pyramide gegen einen Himmel, der in diesem kurzen Moment des Tages kalt und flach wie ein Silberblech ist ... Sonnenaufgang ueber Angkor - ein staendig wiederholtes Wunder ... Vor zwei Stunden hatte es noch so ausgesehen, als ob die Sonne hier niemals wieder aufgehen wuerde.

Jemand bewegt sich im Dunst, der aus den Graeben aufsteigt ... Yin ... Er hat die Nacht wie immer verbracht, schlafend am Rad seines Autos. Jetzt geht er ueber den Steindamm wie ein Nachtwandler, wie einer, der von Maechten zu einem heiligen Ritus getrieben wird, die er nicht kontrollieren kann.

Er ist eine unwirkliche Figur im grauen Sarong des Nebels ... das Gespenst einer grossen Trauer ... ein kambodschanischer Marius vor den Ruinen eines Karthago des Khmer-Volks. Und in der Zauberei der Morgendaemmerung ueberschaut er das Gestern, das Gewesene von sechs Jahrhunderten. Die fahlen kleinen Geister regen sich wieder, sie marschieren von der Zikkurat herunter, wohl auf dem Rueckweg zu den Aschewolken, aus denen sie gekommen sind ... die Koenige und ihre Elefanten, die Taenzerinnen und Konkubinen, die in Brokat gekleideten Priester und die halbnackten Angehoerigen des einfachen Volkes.

Ganze Horden von ihnen gleiten ueber die Dammstrasse - es ist ein Gedraenge, das bei aller Fuelle kein Licht schluckt, ein Gedraenge, von dem kein Geraeusch ausgeht. Die Strasse ist voll von ihnen - es sind nicht die Geister eines Tages, sondern die Geister der Jahrhunderte, in denen Maenner, Frauen und Krieger diesen Weg beschritten haben. Sie eilen vorbei - zu Shivas Tuermen in der Stadtmauer von Angkor Thom, nach Sueden auf die weite Ebene, auf der, einer unbestaetigten Theorie zufolge, das nationale Leben des Khmer-Volkes vergossen wurde.

Jetzt hat die Sonne die Altarfeuer angezuendet, und die Turmspitzen glosen. Aber im naechsten Augenblick werden diese Flammen geloescht werden, und Angkor Wat wird dastehen, wie es schon immer am fruehen Morgen dagestanden hat, eine schwarze Masse mit fliessenden lichten Schatten hinter dem Gitterwerk seiner Umgaenge. Zu der Zeit werden die Phantome sich bereits dorthin zurueckgezogen haben, wo tagsueber ihr Reich ist, und die langen Hallen werden wieder einmal in ihre raetselhafte Einsamkeit versunken sein.

Was ist mit all diesen Menschen geschehen?

Sechzig Jahre Studium und Forschung koennen bislang keine zufriedenstellende Antwort geben."

Dieser Text, eine weitere Gute-Nacht-Geschichte aus Siem Reap, stammt von Robert J. Casey, aus seinem Buch Four Faces of Siva: the Detective Story of a Vanished Race, Indianapolis, 1929. Waehrend ich mich hier so mit der Uebersetzung herumschlage, stelle ich fest, dass das Uebersetzerhandwerk eines der besonders frustreichen sein muss. Wie weit darf man sich in der Satzstruktur vom Original entfernen? Wie weit muss man sich entfernen? Welches Wort aus einer Bedeutungsgruppe trifft die Atmosphaere des Originals am besten? Alles unter der Annahme, man verstehe das Original restlos und erfasse seine Atmosphaere korrekt ... na, da bleib' ich ja als brave Schusterfrau lieber bei meinen eigenen Leisten, selbst wenn die auch schon mal zum Frust gereichen koennen. Ich halte mich auch nicht fuer entscheidungsschwach, aber die schiere Anzahl der Entscheidungen, die beim Uebersetzen jedes einzelnen Halb-, ja Viertelsatzes zu treffen sind, ist schon beeindruckend.

Sonntag, 1. März 2009

In der Nachmittagssonne

Was ich schon lange mal machen wollte ... damals, vor ungefaehr 100 Jahren, als wir ueber Weihnachten in Angkor Wat waren und uns dort im Raffles Grand Hotel d'Angkor eingemietet hatten, lag abends meist eine Gute-Nacht-Geschichte auf dem Bett, und zwar sinnigerweise jeweils ein Textstueck ueber - na was wohl - Angkor Wat. Auf Englisch, versteht sich. Und da der Titel einer dieser Geschichten etwas beschwoert, das mir heute und in den letzten Tagen dringend fehlt, will ich heute mal eine Uebersetzung davon anfertigen.

"Sie sollten den grossartigen Tempel nicht am Morgen besuchen, denn dann zeichnet er sich nur als dunkle Silhouette gegen den weissen Himmel ab; er verliert seine Pracht und den Reichtum seiner verschiedenen Ebenen. Wir muessen den Nachmittag waehlen, wenn wir die Sonne im Ruecken haben und sie uns folgt, wenn wir nach Osten gehen. Jede halbe Stunde wirft sie neue Lichter und Schatten auf ihn, bis zur Apotheose des Sonnenuntergangs. Diese Effekte sind so fesselnd und so voller Harmonie, dass man geneigt ist zu glauben, der Architekt habe sie selbst so konzipiert, er habe sie so vorhergesehen und Nutzen aus ihnen gezogen. Waehrend die beruehmtesten Heiligtuemer der Welt ihren Prunk gen Osten entfalten, einer kalten und blassen Morgensonne entgegen, bietet dieser aussergewoehnliche und einzigartige Khmer-Tempel seine fliessenden Schoenheiten dem roten Abendhimmel dar. So ist durch die Jahrhunderte hindurch das kambodschanische Zwielicht symbolisch mit der Abenddaemmerung verbunden.

Waehrend wir auf diesen herrlichen Hoehepunkt warten, einen der allerschoensten Anblicke, den der Mensch auf der Erde im Laufe seines kurzen Lebens zu sehen hoffen darf, wollen wir uns der gluehenden Zwei-Uhr-Sonne zuwenden. Lassen Sie uns die Ringgraeben ueberqueren, in denen das Wasser Jahr fuer Jahr weiter wegtrocknet, waehrend man vor kaum zehn Jahren noch darauf Boot fahren konnte. Die Pflastersteine des Strassendamms wollen unsere Fuesse schier versengen. Eine Naga-Balustrade bildet die Begrenzung. In der Mitte fuehren zwei Treppenfluchten zum Wasser hinunter. An der Westfront schafft die erste Einfriedung, deren drei uebrige Seiten von massiven Lateritwaenden gebildet werden, Raum fuer eine Galerie, die auf einer Mauer und Pfeilern ruht und auf der Aussenseite von einer Halbgalerie flankiert wird. In der Mitte liegt der grossartige Tempeleingang mit seinem dreifachen Tor, das von drei Tuermen ueberragt wird, denen mittlerweile die Spitzen fehlen. Im Norden und Sueden endet die Galerie in je einem weiteren Tor unter Kreuzgewoelben und ganz ohne Stufen, denn diese sind als Durchlass fuer Elefanten und Wagen gedacht.

Waehrend unsere Schritte im Schatten dieses maechtigen Eingangs widerhallen, entdecken wir das Werk der planmaessig vorgehenden Khmer und erkennen auch den steuernden Willen eines genialen Architekten. Wieder sehen wir die Bodensteine, das auskragende Gewoelbe, die soliden Pfeiler, die lotusblattgeschmueckten Kapitelle, die wir schon hundertemal gesehen haben. Der Plan des Torwegs ist unveraendert, und die Tuerme sind wie alle anderen. Die grundlegenden Proportionen sind die, die wir ueberall sonst auch antreffen, und wenn wir gruendlich danach suchen, werden wir ein paar kindische Konstruktionsfehler entdecken, die wir schon an frueheren Schreinen bemerkt hatten. Aber die Waende sind aufs Herrlichste bearbeitet, das ganze Ausmass ist gewachsen: die Proportionen der Eingaenge sind fast verdoppelt. Zum ersten Mal, seit wir uns im alten Kambodscha und seiner Hauptstadt bewegen, begegnen wir echten Architekten. Das fuehlen wir besonders dann, wenn wir auf der Ostseite des zentralen Eingangs stehen und zweihundert Yard entfernt, unter dem gluehenden Himmel, die ganze Tempelanlage gegen den Horizont vor uns liegen sehen. Die Architekten von Angkor Thom, wie sie uns an jedem seiner grossartigen Stadttore erwarteten, rufen 'Ich bin Leben, ich bin Kultur, ich bin Reichtum'. Aber sobald wir den Fuss in den Tempel von Angkor Wat setzen, hoeren wir seinen Schoepfergeist uns 'Ich bin Ordnung und Vernunft' entgegenrufen."

Der Text ist dem Buch Angkor von George Groslier entnommen, das 1933 in Paris veroeffentlicht wurde. Der Autor war Direktor der Kambodschanischen Kuenste und Kurator des Kambodschanischen Museums. Er wurde in Phnom Penh geboren und in Frankreich erzogen. Die englische Version des Textes gibt's auch hier.

Samstag, 23. Februar 2008

Donnerstag, 3. Januar 2008: Im Norden von Phnom Penh

Am Morgen fuehle ich mich nicht sehr gut ... hm. Aber ich hoffe, dass sich das im Lauf des Tages gibt, und da wir zunaechst ein gutes Stueck zu fahren haben, kann ich ja im Auto erst noch weiter ausruhen. Unser Ziel ist Udong, eine der zahlreichen ehemaligen Hauptstaedte Kambodschas. Diese hier war bis 1866 in Benutzung. Natuerlich liegt sie wieder an/auf einem Huegel, wo sonst. Man kann schon von weitem Stupaspitzen (ein echter Zungenbrecher, gell?) sehen und ein paar typische Daecher, die aus den Baeumen ragen. Als wir am Fuss des Huegels ankommen, stellen wir fest, dass das ein wichtiges Ausflugsziel sein muss. Es gibt lange Reihen von Parkplaetzen und Marktstaenden, von denen die meisten aber heute, an einem Wochentag, leer sind. Ausserdem gibt es viele offene Huetten, die man "fuer (relativ) kleines Geld" mieten kann, um dort mit der Familie den Tag zu verbringen.

Wir beginnen den Aufstieg und kommen zunaechst an einem riesigen goldenen Buddha vorbei, der offensichtlich gerade wieder aufgebaut wird. Auch einer von denen, die von den Roten Khmer zerstoert worden waren. Zu diesem Tempel erzaehlt Mony uns wieder eine von diesen Legenden, deren Pointe ich nicht verstehe … Diese beinhaltete ungefaehr, dass die Chinesen in Kambodscha irgendein offenbar seltenes Tier gefunden hatten, das sie nicht kannten und fuer einen (glueckbringenden und Macht verheissenden) Drachen hielten. Aber wie ihn den Kambodschanern vorenthalten, wo sie doch darauf bedacht waren, die Macht fuer sich zu behalten? Ihn irgendwo unterbringen, wo die Kambodschaner nie nachsehen wuerden! Und wo wuerden sie nie nachsehen? Unter einer grossen, heiligen Buddhafigur. Gesagt, getan - so kam es zu dem grossen Buddha. Ob das Tier da aber leben konnte, wage ich zu bezweifeln, aber solche Nebensaechlichkeiten sind fuer Legenden natuerlich nicht von Bedeutung. Dass Chinesen den Buddha errichtet haben, kann man auch daraus ableiten, dass er nach Norden - Richtung China - und nicht, wie sonst ueblich, nach Osten blickt. Jedenfalls ist das jetzt eine dicke, goldene Statue, die schon sitzend etwa 9 m hoch ist und zur Zeit noch auf ein Dach ueber dem Kopf wartet. Es ist in Arbeit.

Mit dem Buddha im Ruecken steigen wir auf dem Grat eines angrenzenden Bergrueckens hoch, auf dem noch mehrere Tempelchen liegen und vor allem grosse Stupas. Den groessten hat sich Koenig Sihanouk fuer seine ganz alten Tage (also die nach dem Tod) schon mal bauen lassen. Die ist jetzt schon so koeniglich-ehrwuerdig, dass man sich seiner Schuhe und etwaiger Kopfbedeckungen entledigen muss, bevor man die Plattform betritt. Von dieser Plattform aus hat man dafuer einen schoenen Blick auf das weite Land und auf die Dachspitzen einiger Gebaeude, die von "Udong-City" uebriggeblieben sind und jetzt durch den lichten Wald am Fusse des Berges schimmern. Die obligatorische Buddhasammlung, die zum Stupa gehoert, ist in einem Betonraum mit dem Charme eines Abstellkellers untergebracht, damit es nicht allzu schoen wird. Da mag keine Andacht aufkommen - bei mir jedenfalls nicht.

Fuer den Abstieg vom Berg gibt es wieder eine bequeme Treppe, auf der man aber wieder durch die Reihen zahlreicher Bettler "spiessrutenlaufen" muss. Mony verurteilt wieder einmal scharf diese schlechte Angewohnheit ihrer Landsleute. Sie erzaehlt, wie ihre eigene Mutter ihr Leben lang geschuftet hat, damit sie, Mony, zur Schule und zur Universitaet gehen konnte - sie brauchte die Ausbildung nicht abzubrechen, um Geld fuer die Familie mitzuverdienen, sagt sie. Waehrend das in Deutschland ja eher normal ist, ist das hier, besonders wenn die Kinder Toechter sind, doch eher immer noch etwas Besonderes.

Unten angekommen erwerben wir an einem der wenigen heute doch besetzten Verkaufsstaende eine Palmfrucht. Da ich mich ja immer noch nicht so richtig gut fuehle, ueberlasse ich das Probieren Burkhard. „Suess und saftig“ lautet der Befund. Bevor wir wieder abfahren, gibt es noch eine kleine Aufregung. Eine gruene, angeblich giftige Schlange hat sich an eine Haengematte in einer der offenen Huetten geschlaengelt. Dafuer muss sie gleich mit dem Leben bezahlen. Wahrscheinlich wollen die Benutzer vermeiden, dass sie sich von einer Schadschlange zu einer Problemschlange verwandelt, oder wie war das noch? ;-))

Auf dem Rueckweg machen wir in einem Cham-Dorf Halt. Die Cham sind eine ethnische Minderheit, die ueberwiegend dem Islam anhaengt. Deshalb hatten wir auch am Wegesrand schon mehr als eine Moschee gesehen. Traditionell arbeiten die Cham (unter anderem, denke ich) als Silberschmiede. In dem Dorf sieht es recht leer aus. Eine Huette ist mit einem Schild ausgestattet, auf dem etwas von Silberhandwerk und einer Kooperation der Handels- und Handwerkskammer von Koblenz steht – aber sie ist geschlossen. Mony laesst den Fahrer an einer anderen, offenen Huette halten. Kaum dass wir aussteigen, kommen eine ganze Reihe von Leuten herbeigeeilt, und eine Frau mit gelb-flitterig lackierten Fingernaegeln beginnt, einige der Stuecke weiterzubearbeiten, die an diesem Arbeitsplatz herumliegen. Eine Form wird mit einer teeraehnlichen Masse auf einen Stock geklebt und dann in liebe- oder muehevoller Feinarbeit bearbeitet. Heraus kommen vor allem Doeschen in Tier- oder anderen Formen oder Armreifen. Burkhard meint, wir muessten unbedingt so ein kleines Silberschweinchen erstehen, was wir dann auch machen. O je …

Dann kehren wir nach Phnom Penh zurueck. Es ist erst etwa ein Uhr nachmittags, wir sind auch nicht sehr hungrig, aber wollen doch eine Kleinigkeit essen und probieren eins dieser Lokale am Sisowath Quai aus. Eins, das Backwaren (nicht Bhagwan) anbietet. Ich bestelle ein Stueck Schokoladenkuchen, weil ich das fuer vertraeglich halte. Vertraeglich ist es auch, aber woher es die Bezeichnung hat, bleibt raetselhaft: Es handelt sich um schokoladenfarbenen Teig, der mit schokoladenfarbener „Schmiere“ gefuellt ist. Die Schmiere hat die Konsistenz von „verzaehter“ Spruehsahne, und der Geschmack erinnert entfernt an Kokos. Sowas passiert wahrscheinlich, wenn lokale Koeche oder Baecker die westlichen Spezialitaeten nicht nach einem Rezept, sondern nach einem Foto nachkochen bzw. –backen. [In Shanghai allerdings sind die Baecker noch kreativer. Wozu sich sklavisch an ein Foto halten? Neulich habe ich mit eigenen Augen eine Schwarzwaelder Kirschtorte gesehen, die mit frischen Erdbeeren verziert war! Kritische Geister moegen anmerken, dass es vermutlich keine Schwarzwaelder Kirsch war. Aber es stand Black Forest dran, und so heisst die beruehmte deutsche Kuchenspezialitaet nun mal auf Englisch. Aber was will man auch – Erdbeeren sind doch auch rot!]

Nach dem Essen „muessen“ wir laut dem heutigen Programm nur noch zum Central Market. Der heisst eigentlich Psar Thmei, „Neuer Markt“, und wurde 1935 seinem Namen gerecht. Das Frische daran war und ist der Jugendstil. Das Gebaeude besteht aus einem zentralen Kuppelbau und vier Fluegeln. Jetzt ist aber mindestens der Anstrich ein wenig in die Jahre gekommen. Die hellgelbe Farbe broeckelt mittlerweile ueberall. Unter der Kuppel gibt es Schmuck und Edelsteine, in den Fluegeln auch Elektro(klein)geraete, Textilien und allerhand anderen Kram. Fuer uns ist das nicht wirklich richtig interessant.

Weil ich ja immer so gern Boetchen fahre, ueberrede ich Burkhard anschliessend zu einer Chatomuk-Bootstour. Mony setzt uns am Ufer unweit des Koenigspalastes ab. Da liegen Ausflugsboote, die fuer mindestens 20 Personen ausgelegt sind, aber offenbar auch mit 2 Passagieren losfahren. Da niemand da ist, um uns die bequemsten Plaetze streitig zu machen, lassen wir uns auf Ledersofa und –sessel nieder. Wir fahren ueber die breite Flaeche des Sap- und/oder Bassacflusses, um irgendwo die unsichtbare Grenze zum Mekong zu ueberqueren. Dort sind allerhand Fischer zugange – sie werfen Netze aus, was wir aber erst nach und nach verstehen. Zuerst wundern wir uns ueber den Muell, der in recht regelmaessigen Abstaenden auf dem Fluss schwimmt: Leere Plastikflaschen werden hier einer Zweitverwendung als Schwimmer zugefuehrt.

Als wir wieder festen Boden unter den Fuessen haben, machen wir uns auf zum Nationalmuseum. Als wir dort ankommen, hat es leider schon so gut wie geschlossen: um fuenf Uhr nachmittags machen die schon Feierabend, schade! Es ist ungefaehr viertel vor, als wir ankommen – ich hatte eigentlich gehofft, dass wir noch ein bisschen im Hof herumsitzen und –gucken koennten, aber fuer 10 Minuten lohnt es sich wohl doch nicht, das Eintrittsgeld zu bezahlen. Wirklich schade.

Wir haben noch ein bisschen Zeit zu verbringen: Fuer den Abend haben wir im ueberaus renommierten FCC einen Tisch reserviert, dem Foreign Correspondents Club of Cambodia (alternativ daher auch manchmal als FCCC abgekuerzt). Nachdem wir die Filiale in Siem Reap nicht betreten haben, wollen wir die hiesige aber doch einmal besuchen. Die Zielgruppe der Auslandskorrespondenten ist wohl zu klein, so dass heute jedermann hingehen kann. Wir suchen also ein Café in der Naehe aus, das mit der unvermeidlichen „Haeppi Hauer“ lockt, wie mein Vater zu sagen pflegte. Aber Service und Getraenkeauswahl lassen sehr zu wuenschen uebrig, so dass wir noch kurzfristig beschliessen, uns eine Massage zu goennen. Gegenueber ist so ein Etablissement, in dem angeblich Blinde massieren. Sie sind auch wirklich mindestens stark sehbehindert, die Masseure, und muessen erst einmal hergeholt werden. Burkhard entscheidet sich fuer eine Hals- und Nackenmassage, ich fuer eine Fussmassage. Die Stunde kostet 6 oder 7 Dollar, aber ich muss leider sagen, dass die Massage nicht besonders gut war. Mir wurden vor allem die Waden massiert, dafuer reichte Burkhards Hals bis zu den Fuessen. Aber so wurde die Zeit bis zum Abendessen nicht lang.

Unser Reisefuehrer mag vielleicht Recht haben mit der Aussage, dass das FCC in Phnom Penh das Restaurant mit dem besten Ambiente sei. Die Kueche ist – na ja, ganz in Ordnung, es schmeckt schon, aber Hoehenfluege sind das nicht. Und der Service macht eher Tieffluege. Waehrend wir noch die Vorspeise verzehren (und nicht schon den letzten Bissen im Mund haben), wird schon das Hauptgericht serviert. Ich weise darauf hin, dass es zu frueh sei – egal. Da steht es auf unserem Tisch und kann nun in Ruhe abkuehlen. Zum Ausgleich laesst dafuer das Dessert auf sich warten. So lange, dass wir uns zwischendurch doch genoetigt sehen, uns vorsichtig nach seinem Verbleib zu erkundigen … Nein, den Vorschusslorbeeren und dem Preisniveau entspricht die Leistung nicht.

Mit dem Tuk-Tuk lassen wir uns zum Hotel zurueckfahren. Das gibt erst noch Streit unter den Fahrern, da hat sich wohl einer vorgedraengelt – das geht gar nicht. Uns kann es egal sein. Wir werden wohlbehalten am Sunway-Hotel abgesetzt.

Sonntag, 3. Februar 2008

Mittwoch, 2. Januar 2008: das duestere Kapitel

Nach lauter Hochkultur am Vormittag ist der Nachmittag den tiefen Abgruenden gewidmet: Auf dem Programm stehen die Voelkermord-Gedenkstaette Tuol Sleng sowie die Killing Fields von Chœung Ek. Wir fahren also erstmal in den Sueden der Stadt, zur ehemaligen Schule Tuol Sleng. Nachdem die Roten Khmer ohnehin Schulbildung fuer unnoetig bis verdaechtig erklaert hatten, war das Gebaeude ja leer und konnte einer anderen Verwendung zugefuehrt werden (davon abgesehen, dass alle Staedter ja sowieso vertrieben waren, s.u.). Also hatte das sogenannte "Sicherheitskomitee" S21 hier Quartier bezogen und die Raeume zu Zellen umgebaut. Die Schule besteht aus vier Bloecken, jeweils dreistoeckig, die wie ein breites U um den Schulhof herum angeordnet sind. In Block A, links, kann man die Zellen fuer die prominenten Inhaftierten sehen. Grosse Raeume, gelb getuencht, mit je einem eisernen Bettgestell in der Mitte und einem Foto, wie der Raum bei der Befreiung aussah. Schon makaber genug. Vor diesem Block befinden sich die Graeber der 14 Personen, deren Leichen hier bei der Befreiung noch aufgefunden wurden. An den Waenden haengen fuer die jetzigen Besucher "Lachen verboten"-Schilder. Nun, ich wuesste auch nicht, was es hier zu lachen gaebe. Aber vielleicht ist das fuer Schulklassen, Kegelclubs oder andere Gruppen, die so mit sich selbst beschaeftigt sind, dass sie um sich herum gar nichts sehen?? Aber ob sie dann das Schild bemerken?

Die beiden Bloecke an der Basis des U waren zu Zellen fuer die "normalen" Inhaftierten umgebaut worden. Im Erdgeschoss mit schlampig hingemauerten Waenden und ohne Tueren (die Inhaftierten waren angekettet), in den oberen Geschossen mit hoelzernen Kabinen. Bevor man das aber zu sehen bekommt, gibt es Raeume mit Hunderten von Fotos - Opfer und Taeter. Letztere alle sehr jung, was natuerlich Prinzip hatte - ein Prinzip, das ja leider heute auch noch in all den Laendern angewendet wird, die immer noch Kindersoldaten rekrutieren. Die Fotos sind schon bedrueckend. Sehr unterschiedlich auch die Gesichtsausdruecke der Opfer: von neutral ueber muede, bedrueckt, gequaelt bis resigniert, aber auch trotzig oder gar laechelnd. Man kann an den Fotos auch die fortschreitende Professionalisierung der Abwicklung sehen: Anfangs waren das nur einfach Bilder der Opfer, spaeter wurden zunehmend detailliertere Schilder mit Nummern und Daten mitfotografiert. Zynischerweise ist es hier wie ueberall: mit der Zeit kristallisieren sich "best practices" heraus. Noch schlimmer sind dann die Dokumentationsfotos derjenigen, die unter der Folter gestorben sind. Das musste naemlich alles genauestens dokumentiert werden, damit die Anfuehrer sicher sein konnten, dass auch wirklich niemand entkommen waere. Was ich nicht verstanden habe: Es hiess, die Leute seien ziemlich lange hier im Tuol Sleng-Gefaengnis gewesen, bevor sie am Ende unweigerlich zu den Killing Fields transportiert und dort umgebracht wurden. Warum nur? Ich will ja nicht zynisch sein, aber aus Sicht der Roten Khmer ist eine lange Inhaftierung vor der Ermordung nicht zweckmaessig gewesen. Oder ob sie ihre Landsleute wirklich erst umbringen wollten, nachdem sie hinreichend lange versucht hatten, sie zu ihrer Meinung nach "guten Menschen" umzuformen, was aber in keinem einzigen Fall geglueckt ist? Die Verhoerregeln, die auf einer grossen Tafel dokumentiert sind, besagen ohnehin, dass der Haeftling stets im Unrecht ist, spaetestens wenn er irgendetwas anderes sagt als (sinngemaess) Yes Sir!! … Ein perfides System. Ueberhaupt war Sprechen zur Zeit der Roten Khmer etwas, was man offenbar am besten unterliess - die Gefahr war zu gross, dass irgendjemand irgendwas irgendwie verdaechtig finden koennte, und dann war man bei dem offensichtlichen Verfolgungswahn der Regierenden gleich ein Kandidat fuers Untersuchungsgefaengnis - mit eigentlich immer toedlichem Ausgang.

Es gibt noch ein paar weitere Raeume mit schauerlichen Exponaten. Die Ausstellung der Folterwerkzeuge zeigt, dass sie sich wenig von den mittelalterlichen Geraetschaften unterscheiden, die man in Europa in den Museen finden kann. Zusaetzlich wurden allerdings auch neuzeitliche Elektroschocks verwendet - sonst haette man wirklich denken koennen, es sei just wie zu den Zeiten der Hexenverbrennungen gewesen. Neben den Geraeten haengen naiv gemalte Bilder an den Waenden, die ihre Anwendung zeigen. Im Stil von Kinderlexikon-Illustrationen, ich weiss nicht so recht, was ich davon halten soll.

Ich bin auch von den drei Landkarten beeindruckt, die an einer Wand haengen. Die ersten beiden zeigen die erste und zweite Umsiedlungswelle. Es scheint wirklich so gewesen zu sein, dass niemand bleiben durfte, wo er/sie war. Die Staedter mussten aufs Land, das ist ja sowieso klar, aber die Bevoelkerung je eines Landstrichs musste auch in einen anderen umsiedeln. Warum nur? Ich kann es mir nur als Bestandteil einer allgemeinen Entwurzelungs- und somit Verunsicherungstaktik denken. Damit man nirgendwo die ganz besonderen gens d'ici (also die Leute von hier) vorfand, die in diesem (gleichnamigen??*) Lied von Julien Clerc besungen werden. Und zum Thema Staedter aufs Land: das wurde ja wohl nie und nirgends so radikal ausgefuehrt wie hier. So wie ich es verstanden habe, mussten binnen weniger Tage alle - alle! - Leute weg aus Phnom Penh, danach stand die Stadt leer! - Auf der dritten Karte sind die verschiedenen Staetten des Grauens verzeichnet. Es gab ja nicht nur bei Phnom Penh Killing Fields - um so viele Landsleute zu ermorden, brauchte man sie dezentral. In der Legende steht, dass es 343 Stueck gab - ueber das ganze Land verteilt. In den 3 Jahren, 8 Monaten, 20 Tagen ihrer Herrschaft hatten die Roten Khmer schon ein Viertel der Kambodschaner umgebracht, unvorstellbar - haette ihr Reich so lange gedauert wie unser drittes, waere wohl niemand mehr uebrig gewesen??!!

Im dritten Obergeschoss gibt es noch Fotoausstellungen. Nummer eins: Die Folterknechte von damals heute befragt. Die meisten sind jetzt erst um die 50, ueberwiegend sagen sie "ich hatte keine Wahl". Da ist sicher noch einiges an Aufarbeitung zu leisten. Aber das ist bekanntlich ein langer und schwieriger und schmerzhafter Prozess, wie z.B. wir Deutschen ja wissen. - Nummer zwei zeigt Bilder von Schaedeln mit Einschuessen. In der Ausstellung steht, dass man die Schaedel eigentlich habe ausstellen wollen, aber dass der Koenig sich dagegen ausgesprochen habe, weshalb man davon abgesehen habe. Das Komische ist nur, dass sie eben doch in einem der Raeume unten zu sehen sind. Es steht auch geschrieben, wie sie unter Plexihauben praesentiert werden sollten, die sie sowohl schuetzen als auch den Geistern (spirits, nicht ghosts) freies "Hin- und Herumfliessen" erlauben.

Danach gibt es erst einmal Kontrastprogramm: einen Abstecher zum so genannten Russenmarkt: Eine von diesen relativ finsteren Markthallen, in denen es - nein, keine Russen, aber fast alles andere Kaeufliche zu erwerben gibt. Hm - einer wie der andere. Irgendwie sind die alle gleich, die Maerkte. War es in diesem, wo uns die Auto- bzw. Motorradersatzteile so besonders aufgefallen waren? Es gibt auch Gongs, aber wir koennen uns nicht durchringen, einen zu kaufen … Der Markt hat seinen inoffiziellen Namen (offiziell heisst er naemlich Psar Tuol Tom Pong) uebrigens daher, dass die besagten Landsleute zur Zeit der vietnamesischen Besatzung bevorzugt hier einkauften.

Nach dieser Erholungspause steigen wir wieder ins Auto. Die Killing Fields von Chœung Ek liegen etwa 15 km ausserhalb, was, wie wir ja mittlerweile wissen, eine zumindest ernstzunehmende Strecke ist. Wir kommen an, als sich schon fast eine Abendstimmung breit macht. Das grosse oder besser hohe Mausoleum, aus dem etwa 9000 Schaedel den Besucher ansehen, dominiert das Gelaende heute. Dort faellt ansonsten erst einmal nichts besonders ins Auge. Die "Betriebsgebaeude" sind wohl nicht sehr lang nach dem Ende des Schreckensregimes abgerissen worden. Heute erklaeren Tafeln, wie der Ermordungsbetrieb (anders kann man es ja wohl nicht nennen) funktionierte. Die Opfer wurden per LKW antransportiert und nach Moeglichkeit noch am selben Tag umgebracht; wenn das nicht klappte, gab es ein fensterloses Gebaeude, in dem sie bis zum naechsten Tag eingesperrt wurden. Die Geraete zum Umbringen waren in einem Schuppen gelagert - keine Schusswaffen, die Roten Khmer fanden, die Opfer seien keinen Schuss Munition wert. Sie wurden einfach am Rand der Grube zusammengeknueppelt. Kleinere Kinder wurden hingegen gegen einen dicken Baum geschmettert, es ist unfassbar. Kleinere (und auch groessere) Kinder waren natuerlich nicht wegen ihrer eigenen vermeintlichen "Untaten" hier, sondern wegen der ihrer Eltern. Wenn irgendeine/r verdaechtig war, wurde automatisch die ganze Familie mit verhaftet. In Tuol Sleng hatte die S21 fuer die Angehoerigen lange Eisenstangen vorgesehen, an die sie gekettet wurden. Die Idee in den perversen Gehirnen war natuerlich, die "schlechte Saat mit der Wurzel auszurotten". Ich habe ja zusaetzlich den Eindruck, dass man moegliche "Nachfrager" gleich von vornherein ausschalten wollte …

Aber zurueck zum Moerderhandwerk: Um sicherzustellen, dass auch jede/r wirklich tot sei, ging einer in der Grube herum und schnitt den Toten noch die Halsschlagadern auf. Die Leichen in den Gruben wurden gegen ueblen Geruch mit DDT (oder war es irgendein anderes Gift?) bestreut, das im Chemikalienhaeuschen lagerte. Und damit nicht etwa irgendwelche Schreie zu hoeren waeren, hatte man an einem Baum grosse Lautsprecher angebracht, die das Gelaende mit Parteihymnen bedroehnten. Infam. Die Massengrab-Gruben, jede fuer gut 100 Menschen, sind so ganz anders, als ich von Bildern deutscher Massengraeber aus dem zweiten Weltkrieg in Erinnerung habe. Das sind, so jedenfalls meine Erinnerung, grosse tiefe Ausschachtungen, rechteckig mit geraden Kanten und Waenden - hier sind es etwas unregelmaessig geformte Gruben, die ueberraschend klein wirken. Aber wenn ich mir vorstelle, dass man 100 ausgemergelte Leiber neben- und aufeinander schichtet, nehmen die auch wirklich nicht sehr viel Platz ein. Sicher traegt zur Milderung der Eindruecke auch bei, dass buchstaeblich Gras ueber die Sache gewachsen ist. Heute sind die Killing Fields ein relativ kleines, friedlich wirkendes Stueck Land mit Gras, Baeumen und einem kleinen See am Rand …

Man hat 1980, also bereits kurz nach dem Ende der Herrschaft der Roten Khmer, die vom 17. April 1975 bis zum 7. Januar 1979 gedauert hatte, zwei Drittel der 129 Massengraeber geoeffnet und darin die besagten fast 9000, genau 8985 Toten gefunden. Deren Schaedel hatten wohl zunaechst lange in Holzschuppen gelagert, bis die Gedenk-Stupa errichtet worden war. 43 Massengraeber sind hier in Chœung Ek also noch ungeoeffnet. Mony erzaehlt, man wisse ueber alles hier so genau Bescheid, weil man die Henker von damals ja genauestens befragen konnte.

Wir diskutieren dann noch eine Weile auch ueber die deutsche Geschichte, bevor wir die Rueckfahrt nach Phnom Penh antreten. Bis wir in der Stadt sind, ist es schon dunkel. Ueber den voellig verstopften Monivong-Boulevard brauchen wir noch eine halbe Ewigkeit bis zum Hotel. Unterwegs halten wir noch an einem Fotoladen - ich habe schon wieder meine Speicherchips voll, o je …

Als wir spaeter schon im Bett liegen, klingelt das Telefon - die Rezeption teilt mit, dass wir in einem Zimmer untergebracht seien, das nicht der gebuchten Preiskategorie entspreche (aha?! schlimm genug!) - wir koennten aber in ein "richtiges" mit Balkon umziehen. Wann? Jetzt, schlaegt der Herr am anderen Ende der Leitung vor. Bloedmann, um kurz vor 10 Uhr abends! Ich lehne dankend ab und verschiebe den Umzug auf den naechsten Morgen.

* Nein - einmal googeln zeigt sofort, dass das besagte Stueck "This melody" heisst.

Dienstag, 22. Januar 2008

Mittwoch, 2. Januar 2008: Penhs Berg

Hm, ist ja doch irgendwie schoener, wenn es ein grosses Fruehstuecksbuffet gibt statt bloss Baguette und Marmelade! Das versuesst das zeitige Aufstehen, hat Mony doch heute Abfahrt um 8:30 Uhr angeordnet. Zu arbeiten beginne ich ja immer erst um 9 Uhr, das ist eben der Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit!

Als erstes fahren wir zum Koenigspalast. Den kennen wir ja schon vom Modell im cultural village … aber in Lebensgroesse ist es doch beeindruckender. Wir beginnen am Fluss bzw. am Chaktomuk ("vier Gesichter"), der Stelle, an der sich vier Fluesse treffen: der Sap-Fluss, vom Tonlé Sap kommend, der Bassac sowie der Mekong. Nein, ich bin NICHT zu dumm, bis drei oder eben vier zu zaehlen. Der Mekong zaehlt doppelt, sein Ober- und Unterlauf werden als zwei Fluesse betrachtet. An dieser Stelle findet ein Phaenomen statt, das es nur hier gibt: In der Regenzeit fuehrt der Oberlauf des Mekong sehr viel Wasser. So viel, dass die Fluten in den Sap-Fluss mit solcher Macht hineindruecken, dass sich dessen Fliessrichtung umkehrt: nicht mehr Richtung Meer, sondern landeinwaerts Richtung Tonlé Sap fliesst er dann. (Wie heisst es noch in dem alten neuen Lied "Wenn das rote Meer gruene Welle hat"? Ich meine, mich an die Zeile "Wenn die Fluesse rueckwaerts fliessen, dann bleiben wir hier …" zu erinnern. Man muss vorsichtig sein mit seinen Konditionalsaetzen …) Auf dem Palastgelaende steht auf dieser Hoehe ein wand- und fensterloses Gebaeude, der Mondlichtpavillon. Es heisst, der hiesse so, weil das Mondlicht ungehindert hineinfallen kann. Direkt am Fluss steht ein weiterer kleinerer Pavillon, in dem der Koenig die traditionelle Regatta auf dem Sap oder das Feuerwerk anlaesslich des Bon Om Tuk (Wasserfest) beobachten kann.

Mony hat den Koenigspalast als ersten Punkt aufs Programm gesetzt, weil die Morgensonne ihn am schoensten in Szene setzt, sagt sie. Das Problem ist nur, dass es heute gar keine Morgensonne gibt: eine geschlossene hellgraue Wolkendecke sorgt fuer schattenfreie Ausleuchtung, aber das koenigliche Gelb kann so natuerlich nicht strahlen. Uebrigens gibt es am Touristen-Eingang eine Broschuere mit Erlaeuterungen zum Palastgelaende und einem separaten Uebersichtsplan im Kleinposterformat, auf dessen Rueckseite die wichtigsten Vorschriften fuer die Besucher im Bild dargestellt sind, damit keiner mit der Ausrede kommen kann, er habe die Regeln nicht lesen koennen. Keine Shorts, keine aermellosen Oberteile, keine grossen Rucksaecke (oha! Burkhards Fotorucksack IST gross … aber Fotorucksaecke waren nicht gemeint, was Mony dem Wachpersonal in Erinnerung ruft) und noch einiges mehr, was man nicht darf. Aha, jetzt verstehe ich, warum Mony, bisher in engen Jeans und mit bunten Pullovern unterwegs, heute eine ganz brave cremefarbene Rueschenbluse und dazu einen knoechellangen dunkelblauen Rock traegt: Uniform fuer Tourifuehrer. Und im Koenigspalast gibt es sicher keine Entschuldigung.

Gleich als erstes stoesst man auf eine Galerie mit Staatsgeschenken. Anders als Mitterrands Staatsgeschenke-Museum, das uns hierzu sofort einfaellt, ist die Galerie aber fuer die Oeffentlichkeit nicht zugaenglich. Schade, ich haette ja gern mal wieder so eine schoene Auswahl groesstenteils grauenhaft kitschiger, aber sicher teurer nutzloser Herumsteh-und-Verstaubobjekte gesehen. ;-))

Links liegt dann die offene Festivitaetenhalle, in der der Koenig seine Geburtstagsparties stattfinden laesst. Es war wohl auch hier, wo der alte Koenig Sihanouk, der sich gern mal als Regisseur versuchte (oder war's als Schauspieler??), vor erlesenem Publikum seine Werke zur Auffuehrung brachte.

Weitere Gebaeude sind der farblich herausfallende, da hellgraue Napoleon-Pavillon mit lauter Ns auf den aetzdekorierten Scheiben, der urspruenglich bei den Festlichkeiten anlaesslich der Eroeffnung des Suezkanals als Behausung fuer seine Kaiserin Eugénie diente und spaeter als Geschenk fuer den Vasallen nach Kambodscha "entsorgt" wurde, das Arbeitsgebaeude (fuer einen Koenig reicht halt ein Arbeitszimmer nicht), das Haus zur Aufbewahrung der koeniglichen Insignien, in dessen Untergeschoss der gemeine Besucher eine Sammlung gemischter Objekte betrachten kann, der Thronsaal, das "Jagdhaus" mit Elefantenterminal und ein bisschen abseits die koenigliche Residenz mit den Privatraeumen und noch ein separates Gebaeude fuer irgendeine Koenigin, die nach dem Tod ihres Mannes als Nonne lebte - in ebendiesem Gebaeude. Mir faellt vor allem ein Baum vor dem "Jagdhaus" auf. Der hat ueberall Blueten, aber nur auf einer Seite Blaetter - Burkhard behauptet, das seien drei Baeume, von denen nur einer gruene. Wie prosaisch.

Den Thronsaal darf man nur barfuss oder in Socken betreten. Waehrend ich solche Etablissements in Malaysia immer als relativ sauber in Erinnerung habe, kann man hier feststellen, dass der koenigliche Saal voller Prunk und Pracht eine ruehmliche Ausnahme macht. So was richtig Erwaehnenswertes gibt es darin nicht, ausser vielleicht der Tatsache, dass der eigentliche Thron je Koenig nur ein einziges Mal "besessen" werden darf, naemlich bei seiner Kroenung. Fuer alle spaeteren Gelegenheiten gibt es daher noch einen koeniglichen Sessel. Genau betrachtet zwei, die Koenigin darf auch sitzen. Das Problem mit dem derzeitigen Koenig ist nur, dass er keine Frau und folglich auch keine Erben hat, tststs … und weder das eine noch das andere ist auch nur entfernt in Sicht.

Danach wechseln wir in den suedlichen "religioesen" Bereich, der von einer Galerie umgeben ist, die Anfang des 20. Jahrhunderts in buchstaeblich epischer Breite mit Szenen aus dem Ramayana-Mythos geschmueckt wurde. Dieser erzaehlt die Geschichten, die Vishnu in seiner Inkarnation als Prinz Rama erlebte. (Rama war also Vishnus Avatar in dem Leben, das wir fuer das erste halten - ich habe in diesem Zusammenhang gelernt, dass das Wort Avatar nicht erst im Zusammenhang mit der virtuellen Welt Second Life kreiert wurde.) Damit es nicht zu einfach wird, heisst Ramayana in der Sprache der Khmer Reamker - und nicht genug mit einer eigenen Bezeichnung, es gibt auch lokale Besonderheiten der Khmer-Version. (Und aller lokalen Versionen, weiss Mony.) Ein grosser Unterschied besteht darin, dass die Liebesgeschichte im Ramayana gluecklich, im Reamker aber ungluecklich ausgeht, was Mony uns ausfuehrlich darlegt. Sie scheint von diesem Unglueck persoenlich mitgenommen zu sein …

Das wichtigste Gebaeude auf dem Palastgelaende ist die Silberpagode. Nun stellt man sich ja vermutlich als durchschnittlicher Europaeer unter Silberpagode ein silbernes, turmfoermiges Gebilde mit geschwungenen Daechern vor - oder? Aber so ist es nicht - es handelt sich um eine rechteckige, einstoeckige, ockergelbe Halle, deren Name daher ruehrt, dass der Fussboden mit Silberfliesen ausgelegt ist. Jede wiegt eineinachtel Kilogramm, heisst es. Macht bei 5329 Platten zusammen 5995,125 kg, also knapp 6 t aus. Die Sache hat Gewicht! Bis auf einige kleine "Belegstellen" ist der Raum aber komplett mit Teppichen ausgelegt, so dass man die Wirkung des edlen Bodens gar nicht einschaetzen kann. Der Raum beherbergt eine grosse Buddhasammlung. Die zwei Glanzstuecke sind ein sogenannter Smaragdbuddha aus gruenem Glas und ein goldener, fast lebensgrosser, mit einem Gewicht von 90 kg (bei sehr schlanker Statur) und besetzt mit Tausenden von Edelsteinen, incl. einem 25-karaetigen Brillanten auf der Stirn. Zu seinem Schutz steht er in einem glaesernen Schrank, der mit einem winzigen Vorhaengeschloss verschlossen ist. Na, dann kann ja nichts passieren!! Auf und vor den Statuen und Vitrinen liegen duftende "Armbaender" aus Jasminknospen.

Die restlichen Dinge im Palastareal lassen sich mit "Sammelsurium" hinreichend beschreiben. Ein Modell von Angkor Wat, Plattformen, auf denen kambodschanisch musiziert wird, ein Tempelchen mit einem grossen goldenen Buddhafussabdruck, ein Webstuhl, an dem mit Hilfe speziell zweifarbig gefaerbter Schussfaeden traditionelle geometrische Muster gewebt werden, und eine Fotoausstellung ueber die 7 oder 8 Tage waehrende Zeremonie der Koenigskroenung - aber am Ende haben wir das alles geschafft und koennen uns neuen Programmpunkten zuwenden. Wir verlassen das Palastareal, ohne zu suendigen - die speziell hier lockende Versuchung bestuende darin, eine Bluete vom Kanonenkugelbaum zu pfluecken. Auf einem Schild am Baum heisst es daher extra: "Picking flower is sinful" - Achtung, falscher Freund: sinful heisst eben nicht sinnvoll! ;-)) Es sind aber auch in Pflueckreichweite gar keine Blueten zu sehen.

Wir haben es nicht sehr weit zum Nationalmuseum, das praktisch direkt nebenan liegt, wir muessen nur ganz um den Palast herum. Die typischen Daecher sehen genauso aus wie die der Palastgebaeude, der dunkelrote Anstrich ganz anders. Durchs Museum fuehrt ein lokaler Fuehrer, der brav sein Programm abspult - aber irgendwie ist das nicht sehr befriedigend. Und fotografieren darf man auch nicht. Wir gehen nach dem Ende der nicht sehr langen Fuehrung noch einmal herum und halten uns dann noch ein wenig im Innenhof auf - schoene Atmosphaere. Den "Leprakoenig", also die Statue, nach der die Terrasse in Angkor Thom benannt ist, finden wir aber nicht, obwohl er da sein sollte. Vielleicht ruht er sich noch in seiner Kiste aus - eine Auswahl von Stuecken ist gerade von einer Europareise zurueckgekehrt. Wie wir auf den Transportkisten lesen konnten, waren sie in der Bundeskunsthalle zu Gast und noch anderswo. Stark! So ein Pech aber auch, dass ich nicht da war!

Nach einer Weile reissen wir uns im Hinblick auf das volle Tagesprogramm los. Als naechstes geht es zum Wat Phnom, neben dem unser "Sonnenweg"-Hotel liegt. (Ich kann ja auch nichts dafuer, dass es so heisst.) Hier werden die Auslaender auch mal wieder diskriminiert: "Foreigners pay $1 here". Auf dem Huegel gibt es einen chinesischen Tempel mit vielen streunenden Hunden, Leute, die mit Kaefigen voller Voegel herumlaufen, welche man "als gute Tat" freikaufen kann (vermutlich damit sie sich auf der naechsten Mauerkante niederlassen und wieder eingesammelt werden koennen), einen Vihear mit einer weiteren Buddhasammlung und einen kleinen Schrein zur Verehrung von Frau Penh. Es war mal eine Witwe. Und wie hiess die? Penh. Und es war nicht irgendwer, sondern Witwe Penh, die in einem angeschwemmten Baumstamm fuenf Buddhafiguren gefunden hatte (ein Wunder! ein Wunder!). Und daraufhin begonnen hatte, Geld zu sammeln. Und nicht eher geruht hatte, als bis sie genug zusammen hatte, um das besagte Heiligtum, eben den Wat Phnom, zu erbauen, um den 5 Kumpels eine angemessene Heimstatt bieten zu koennen. Und so kam die ganze Stadt zu ihrem Namen: der Berg der Frau Penh. Die Figur sieht recht naiv aus, scheint sich aber, der Vielzahl der Opfergaben nach zu urteilen, grosser Beliebtheit zu erfreuen.

Beim Abstieg vom Huegel kommen wir am Denkmal fuer die Rueckgabe dreier Provinzen von Thailand an Kambodscha Anfang des 20. Jahrhunderts vorbei. Darunter war auch Siem Reap - da das heute wegen des Tourismus wohl eine der "profitabelsten" Provinzen ist, war die Rueckgabe fuer Kambodscha sicher noch viel besser, als man damals vermutlich glaubte … - Die grosse "Blumenbeetuhr" gleich unterhalb des Denkmals ist weniger interessant als die Tatsache, dass die Baeume gegenueber voller Flughunde haengen - und das mitten in der Stadt!

Dann ist es aber schon Zeit fuers Mittagessen. Mony liefert uns in einem Restaurant namens Bopha mit Terrasse ueber dem Fluss ab. Ganz aussen wollen wir aber nicht sitzen, denn es ist ziemlich windig. Das Restaurant ist zum Fluss hin sowieso wandlos, so dass fuer genuegend frische Luft gesorgt ist. Auf der Karte steht hier unter anderem Bueffelfleisch, das wir dann auch gleich probieren. Im Vergleich zu Rindfleisch soll es ja noch weniger Kalorien haben und ganz fettarm (obwohl doch die Bueffel hier im Schnitt deutlich wohler genaehrt aussehen als die Kuehe) und voellig cholesterinfrei sein (ja dann!). Und gut schmecken soll es auch noch! Und es ist wirklich ganz lecker zubereitet, was wahrscheinlich bei diesem Fleisch besonders wichtig ist, denn wegen der grossen Fettarmut ist es natuerlich ein bisschen trocken und auch nicht superzart. Aber der Koch oder die Koechin hier weiss damit umzugehen - und mit den uebrigen Lebensmitteln auch. Ausser gutem Essen gibt es hier auch noch tolle Brunnen. Es handelt sich dabei um viergesichtige Koepfe à la Bayon. Der besondere Reiz ruehrt daher, dass sie bewachsen und vor allem bemoost sind. Das Wasser laeuft tropfenweise ueber die moosigen Gesichter, und die Tropfen glitzern im Licht.

Gestaerkt koennen wir uns jetzt an das Nachmittagsprogramm wagen.

Sonntag, 20. Januar 2008

Dienstag, 1. Januar 2008: Flussfahrt und Verkostungsreise nach Phnom Penh

Durch unser Gitterfenster blicken wir heute Morgen, am ersten Morgen 2008, auf einen leicht aufgewuehlten Mekong. Der Himmel haelt sich mit dichten Schaefchenwolken bedeckt, und der grosse Baum am Ufer wird vom Wind gezaust. Im Moment denke ich mir dabei noch nichts - die Gedanken kreisen mehr um Fragen wie "Wie mag das jetzt mit dem Duschen funktionieren?" und "Was gibt es zum Fruehstueck?". Duschen kann man, sogar mit warmem Wasser, aber die Wasserstrahlen sind sehr fein, so dass es schon eine ganze Weile braucht, bis man ueberall nass ist. Wie erwartet ist dafuer der Spruehnebel gut geeignet, fast das ganze Bad in eine Nasszelle zu verwandeln.

Fruehstueck gibt es in der Hotellobby, und es besteht im Prinzip aus dem Gleichen wie gestern. Der halbe Stern Unterschied hat zur Folge, dass es nicht gesalzene und ungesalzene Butter sowie zwei Sorten Marmelade zur Auswahl gibt: ungesalzene Butter und Erdbeermarmelade, fertig. Wir bestellen das Ei als Omelett und verstehen den Hinweis der Bedienung nicht, dass es nur Ei gebe - ach so, wahrscheinlich wollen Langnasen Omeletts mit Kaese, Schinken, Tomaten, Schnittlauch, Paprika udglm ... Nein, nein, nur Ei ist schon in Ordnung fuer uns. :-)) Was hingegen mehr nervt, sind die unendlich vielen Fliegen, die dauert auf den wenigen Lebensmitteln oder auf uns landen wollen. Die Haelfte der Zeit bin ich also beschaeftigt, ueberall leicht hektisch herumzuwedeln.

Wir beginnen das Tagesprogramm dann mit einem Besuch des Marktes in Kompong Cham. Eine Betonhalle mit parabel(?)foermigem Querschnitt, durch mehrere Reihen von Oberlichtern vergleichsweise hell, beherbergt ein Gewirr von Staenden, mit furchtbar engen Gaengen dazwischen. Hier im Innenbereich gibt es vor allem die Dinge des taeglichen Bedarfs, die keine frischen Lebensmittel sind. Wasch- und Putzmittel, Koerperpflegemittel, Schreibwaren, Kleinelektrogeraete, Bekleidung, aber auch trockene Lebensmittel wie getrocknete Fruechte, Fische, Meeresfruechte, und die Dinge, die man fuer die nicht ganz alltaeglichen Zeremonien oder fuers Darbringen im Tempel benoetigt. Und vieles mehr. Laut Mony wird fuer alles der Preis ausgehandelt (also auch fuer 'ne Tube Zahnpasta oder ein Paket Waschpulver). Da stell' ich mir den taeglichen Einkauf aber ein bisschen aufreibend vor ... Aussen scharen sich die Staende mit Obst und Gemuese, Fisch und Fleisch um die Markthalle. Es gibt rohe Waren zu kaufen, aber zum Teil auch halb oder ganz zubereitete Lebensmittel. Und natuerlich die kurzen Baguettes, zu grossen Haufen aufgestapelt.

Dann kehren wir wieder zum Hotel zurueck bzw. eigentlich zur Uferpromenade. Heute Vormittag steht eine Flussfahrt auf dem Programm: Mit dem Schnellboot in einer Stunde zum 20 km flussaufwaerts gelegenen Prasat Han Chey. In Anbetracht des Windes lasse ich meinen Hut im Auto und freue mich, dass wegen der Schaefchenwolken die Sonne nicht so herunterbrennt. Das Schnellboot ist eine Nussschale aus Plastik, mit einer Sitzbank mit Kissen fuer die Passagiere und einem Aussenbordmotor. Zur weiteren Ausstattung gehoeren der Kraftstofftank und ein schmales hoelzernes Paddel, das war's. Die Schwimmwesten hat Mony fuer uns mitgebracht. Unsere Expedition besteht aus zwei Booten mit insgesamt 7 Leuten: wir beiden, Mony, ihr Verlobter, unser Fahrer und je ein Bootsfuehrer. Die Boote sind an einem groesseren Boot festgemacht, das man ueber zwei Planken erreichen kann, die ans Ufer unterhalb der Ufermauer gelegt wurden. Das eine Brett liegt schoen fest, entpuppt sich aber als sehr weich und biegsam und daher als fuer ausgewachsene Menschen wenig geeignet, das andere wackelt ein bisschen herum, ist dafuer aber dick und stabil, wenn man von seinem ausgefransten Ende mal absieht. Mittlerweile bin ich ja schon sehr mutig geworden ... frueher waere dies ein ernstes Hindernis gewesen. Dann vom grossen Boot ins kleine ... auch nicht viel ueberzeugender. Aber alle landen ohne Unglueck im Boot, und gleich geht's los.

Ui, jetzt merkt man, dass der Wind nicht ohne Auswirkungen bleibt. Der Mekong ist ziemlich breit, und die kleinen Schaumkroenchen auf der Wasseroberflaeche sehen viel harmloser aus, als sie sich anfuehlen. Das ist richtig heftig - ich weiss schon, warum ich den "fun sport", im Schnellboot laermig vor dem Strand zu kreuzen, gern anderen ueberlasse. Nach jeder Welle knallt das Boot auf die harte Wasseroberflaeche auf, und man kann sich in dieser Nussschale ja nicht mal richtig festhalten - die Sitzbank ist nur eingestellt, eine "Reling" oder sonstige Griffe gibt es nicht. Ich klammere eine Hand auf die Bootskante, das ist weder bequem noch ein echter Halt. Burkhard hat mit seinem 8kg-Fotorucksack auf dem Ruecken noch sein Extra-Paeckchen zu tragen. Irgendwann kippt er nach hinten vom Sitz wie ein Kaefer, der dann Schwierigkeiten hat, wieder auf die Beine zu kommen, bzw. genau betrachtet kippelt irgendwie die Sitzbank. Gut, dass das Kissen draufliegt, es ist auch so schon hart genug fuer die Beckenknochen ... Und wenn der Bootsfuehrer eine Welle "schraeg anschneidet", gibt es eine heftige Dusche. Viel mehr Wasser als aus der Hoteldusche, interessanterweise fast genau so warm. Die Feuchtigkeit ist wirklich kein Problem - der Rumpf bleibt in der Schwimmweste warm und trocken, der erste Guss ist warm, und der Wind foent uns rasch wieder trocken. Nach etwa 10 Minuten halten wir erst einmal im Windschatten am Ufer einer Insel: Mony checkt, ob wir weiterfahren wollen. Ich find's eigentlich recht cool, und deshalb fahren wir weiter. Dafuer angle ich uns das Seil, das vorn am Bug befestigt ist, um das Boot anzubinden. Damit haben wir jetzt was zum Festhalten, da geht's.

Nach mehr als einer Stunde (wir fuhren nicht nur flussaufwaerts, sondern auch gegen den Wind) erreichen wir die Stelle, an der der Prasat Han Chey oberhalb des Flusses liegt. Einen Anleger gibt es hier auch nicht, man faehrt halt einfach mit dem Boot bis ans Ufer und klettert dann die Boeschung hoch, um sich am Fuss einer Treppe mit 291 Stufen wiederzufinden, die im unteren Teil stueckweise ganz zerbrochen sind. Das sieht recht malerisch aus - ein bisschen wie auf Caspar David Friedrichs Bild "Das Eismeer", wenn auch nicht ganz so spitzig - und niemanden scheint's zu stoeren. Von oben hat man einen Blick ueber die Flusslandschaft des Mekong. Das Tempelareal ist wieder so ein "Disneyland" aus zig verschiedenen Gebaeuden in verschiedenen Stilen und aus verschiedenen Epochen; die aeltesten Tempelreste stammen auch hier etwa aus dem 7. Jahrhundert. Mony erzaehlt uns, dass es heute voll sei, weil ja Feiertag sei und die Leute deshalb Ausfluege hierher machten. Aber ich finde es nicht sehr belebt ... sieht man einmal von der Terrasse ab, auf der aus einigen Lautsprechern Hip-Hop droehnt. Das klingt nicht sehr buddhistisch und ist es auch nicht. Und so richtig voll ist es da auch nicht. Die Moenche, die hier oben leben, scheint es nicht zu stoeren.

Unterhalb des Tempelberges sehen wir uns noch den Arbeitsplatz einiger Archaeologen an. Hier werden gerade einige kleine alte Tempelchen wieder aufgebaut. Das finanziere der Abt des Klosters, heisst es - warum auch nicht. Man kann hier schoen sehen, wie die Steine mit Buckeln und Dellen gearbeitet sind, um moertellos zu mauern und trotzdem fuer ein gewisses Mass an Stabilitaet zu sorgen.

Dann fassen wir uns ein Herz und treten die Rueckfahrt mit dem Boot an. Das mit dem Herz waere gar nicht noetig gewesen. Mit dem Wind ist es deutlich weniger unsanft, ausserdem dauert es nur etwa 40 Minuten, da wir ja jetzt flussabwaerts fahren. Insbesondere hat man jetzt auch gar nicht mehr richtig frischen Fahrtwind, so dass es fast ein wenig zu warm wird. Am Ende gelingt es auch noch, unfallfrei wieder von der Nussschale auf das Boot des Nussschalenbesitzers und von dort ueber die "schwanken Planken" wieder an Land zu gehen. Ich trage nur wenige Blessuren davon: zwei Blasen an der Innenseite des Daumens vom Bootskantenumklammern und einen leichten Sonnenbrand auf den Knien. War die Strahlung doch noch so intensiv ... das ist jedenfalls definitiv der erste Sonnenbrand, den ich mir an Neujahr geholt habe!

Auf dem Mekong ist hier uebrigens ueberraschend wenig los. Auf der Hinfahrt haben wir hoechstens ein oder zwei kleine Boote gesehen, von der Faehre unterhalb von Prasat Han Chey abgesehen. Darauf wurden Autos verladen ... uchudduchudd! Und selbst um die Mittagszeit jetzt gibt es kaum Schiffsverkehr. (Oder ob das am Neujahrsfeiertag liegen sollte?) Die wenigen Schiffe, die uns entgegenkommen, sehen aus wie hoelzerne Seelenverkaeufer ...

Nun ist es ja schon Zeit zum Mittagessen, das wir wieder im Hao An einnehmen. Vorher zeigt Mony uns aber noch rasch eine Bambusbruecke, die in weitem Bogen auf eine der zahlreichen Flussinseln fuehrt. Interessante Konstruktion aus Bambus, wie der Name schon sagt. Zahlreiche Bambusstangen tragen eine Fahrbahn etwa in der Breite eines einspurigen Fahrstreifens. Diese Bambusstrasse ist geflochten und federt unter den Fuessen - ein bisschen gewoehnungsbeduerftig ist das schon. Maut muss man dafuer auch bezahlen. Die Bruecke haelt jeweils nur eine Saison lang und wird dann neu gebaut.

Fuer den Nachmittag steht nur noch die Fahrt nach Phnom Penh an. Man kommt dabei durch den Ort Skuon. Das ist der Ort, der fuer die fritierten Spinnen beruehmt ist (guckst du hier - Fotos und englischer Text, oder selber googeln ...). Ich will die unbedingt probieren. In Skuon selber sehe ich den ersten Teller, der vors Autofenster gehalten wird, aber Mony meint, wir sollten noch ein Stueckchen weiter fahren. Irgendwo hinter Skuon gibt es dann an der Strasse ein paar Gebaeude und ein Menschengewimmel, hier halten wir an und steigen aus. Hier gibt es sie, die Spinnen, die mit Knoblauch und etwas Salz fritiert werden. Insofern habe ich keine hygienischen Bedenken. Die Leckerbissen sind etwa handtellergross - schwarze Taranteln. Man kann sie auch lebend kaufen und selber fritieren, aber wir haben gerade unsere Friteuse nicht dabei ... Die Verkaeufer bieten einem an, mal eine auf die Hand zu nehmen, aber da sie giftig sind (im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, ob dem auch wirklich so ist) und nicht deutsch sprechen, sehe ich lieber davon ab. Als eine Verkaeuferin in ihren Eimer greift, um fuer einen Kunden ein paar frische Exemplare einzupacken, wird sie auch gebissen - aber die ist vermutlich an das Gift gewoehnt. Ausserdem kann man ebenfalls fritierte Grashuepfer sowie weniger Gewoehnungsbeduerftiges wie frische Ananas, Zuckerrohr und Cashewkerne kaufen. Aber ich will jetzt meine Spinne! Wir kaufen eine - 1500 Riel, etwa 0,38 US$. Ich glaube, das war ein etwas betruegerischer Preis, aber egal ... Wie jetzt essen? Ich probiere erst mal ein Bein. Hm, knusprig, wie Fritiertes eben, mit nicht sehr viel Fleisch drin und nicht sehr viel Geschmack. Man isst sie jedenfalls komplett, braucht also nicht, wie zum Beispiel bei Krebsbeinen, lange herumzuzutzeln und mit den Schalen zu kaempfen. Mony guckt nicht begeistert, Burkhard auch nicht. Letzterer probiert aber doch ein Bein, scheint aber nicht recht ueberzeugt zu sein. Dann versuche ich mal den Koerper, da ist wenigstens was dran! Oder eigentlich drin. Weisses Fleisch, das ein bisschen wie Krebsfleisch schmeckt, finde ich. Gar nicht uebel! Davon koennte ich freiwillig mehr essen - wuerde ich bei naechster Gelegenheit auch machen. Zum Mitnehmen kaufen wir aber lieber zwei Toepfchen mit Cashewkernen. Die sind hier frisch und sehr lecker, uebrigens auch verhaeltnismaessig teuer. Am Strassenrand stehen die Cashewbaeume einer Plantage, Burkhard geht die Blueten fotografieren.

Dann fahren wir weiter und machen den naechsten Halt bei einem Milchfruchtverkaeufer am Strassenrand. Die Milchfruechte (guckst du hier - Foto und englischer Text, oder selber googeln ...) haengen reichlich am Baum. Der Fahrer will ohnehin welche einkaufen, um sie seinen Lieben mitzubringen, so dass wir bei der Gelegenheit eine probieren. In der Konsistenz ein bisschen wie Mangostane, suess und sehr saftig. Der Saft ist milchig-weiss, daher vermutlich der englische Name, sagt Mony. Auf der Suche nach einem schoenen Milchfruchtbaum fuers Foto gehen wir ein paar Schritte in die Mini-Siedlung hinein, und was finden wir da gleich unter dem schoenen Baum? Einen offenen Schweinestall, mit Einwohnern verschiedener Groessen und Farben! Das aktivste ist rot wie die roten Mangalitzas (aber natuerlich ist es kein Wollschwein, das waere ja fuer das hiesige Klima extrem unangemessen). Dahinter befindet sich ein Entengehege - hier wird offenbar Gefluegel gezuechtet.

Danach setzen wir die Fahrt ohne weitere Unterbrechungen fort. Eine weitere Frucht, die noch probiert werden soll, wird dann nicht angeboten, so dass der geplante Halt ausfaellt. Die Ankunft in Phnom Penh ist mehr ein osmotischer Uebergang von weniger in mehr besiedeltes Land. Am Stadtrand faellt eine grosse Zahl von Ziegeleien auf. Am Ende wird die Haeuserdichte so gross, wie es sich fuer eine Stadt gehoert. Ein paar mehrstoeckige Gebaeude gibt es hier jetzt auch (in Siem Reap hatte ich schon ganz vergessen, wie sowas aussieht), aber Wolkenkratzer? Nein, die gibt's hier nicht. Es ist offenbar auch so Platz genug fuer die nur etwa 2 Millionen Leute. Ein Nest ...

Das sei unser Hotel, sagt Mony und weist auf einen hellen Klotz. Noch um einen kleinen Huegel herum (das ist Wat Phnom auf Penhs Berg, wie sich spaeter herausstellt), und wir sind da. Gegenueber vom "Sunway" liegt die amerikanische Botschaft, ein ganz schoen grosser Klotz. Mony uebernimmt fuer uns den Check-in. Na, das ist aber langwierig hier, bis wir am Ende einen Schluessel ausgehaendigt bekommen. Leider ist es, wie sich herausstellt, kein Zimmerschluessel, sondern ein Kuehlschrankschluessel. Es ist eisig in diesem Raum, der zumindest technisch die Anforderungen an ein Vier-Sterne-Hotel erfuellt. Ach ja, ich werde wohl alt ... drunter mag ich nicht mehr gern naechtigen.

Leider finden wir auch nicht heraus, wie man die Temperatur irgendwie angenehmer gestalten kann. Wir richten uns ein und werden dann von einem Anfall akuter Faulheit heimgesucht - jetzt noch irgendwo hingehen und ein Restaurant suchen? Och nooooeeeee ... wir probieren mal das Restaurant des Hotels aus. Die Karte ist "international" (es gibt auch ein paar lokal inspirierte Speisen) und das Essen ist ja auch nicht direkt schlecht. Aber insgesamt hat das Etablissement (eigentlich wenig ueberraschend) genau so viel Atmosphaere wie ein Hotelrestaurant fuer Geschaeftsreisende. Die Hotelbar ist noch schlimmer - eine Wand ist von einer Leinwand ausgefuellt, auf der Sportfernsehen laeuft. Das will aber definitiv niemand sehen, keiner, nobody, personne - die gemuetlichen Clubsessel sind ausnahmslos leer. Wir gehen also lieber auf unser Zimmer (warum heisst das eigentlich "auf"??), aber da kann man auch nicht sitzen, ohne Anfluege von Schuettelfrost zu bekommen - also muessen wir notgedrungen ins Bett gehen.

Montag, 14. Januar 2008

Montag, 31. Dezember 2007: Transfer nach Kompong Cham und Wat Nokor Ba Chey

Heute kommt zuerst die bange Frage: was mag es hier zum Fruehstueck geben? Fisch-Congee, das waere ein duenner salz- (und auch zucker-)loser Reisbrei mit verdaechtigen undefinierbaren Zutaten? Oder eine Art Currygericht mit richtigem gedaempftenReis? Oder gar fritierte Heuschrecken?? Ich denke schon sehnsuechtig an das bekannte, nicht gerade tolle franzoesische Fruehstueck mit Baguette, Butter und Marmelade zurueck - und manchmal werden Wuensche eben doch wahr: als Ueberbleibsel aus der franzoesischen Kolonialzeit gibt es genau das, dazu ein Glas schwarzen Beuteltee und sogar frische Ananas, die wir aber wg. Hygienebedenken vorsichtshalber verschmaehen, obwohl sie lecker aussieht. Eine weitere Abweichung zum franzoesischen Fruehstueck ist ein ueberaus fettes Omelett, offenbar aus dem Oelbad. Beim Verlassen des Restaurants lernen wir auch Monys deutschen Verlobten aus Karlsruhe kennen, der extra angereist ist, um den Jahreswechsel und ihren heutigen Geburtstag wenigstens teilweise mit ihr zu verbringen. So, so.

Das Programm sieht heute die Fahrt nach Kompong Cham und die Besichtigung diverser Staetten "am Wegesrand" vor. Und mit einem Halt ganz buchstaeblich am Wegesrand faengt es auch an. Gar nicht weit hinter Kompong Thom liegen Steinmetz-Werkstaetten an der Strasse. Eine neben der anderen, wie das hier so ueblich ist. Buddhas in allen moeglichen Groessen und Fertigstellungsgraden meditieren am Strassenrand, vom Laerm der sie umgebenden Handwerker bei der Arbeit voellig ungeruehrt. Gearbeitet wird einfach "im Gelaende" unter freiem Himmel. Im Hintergrund sieht man ein paar Schuppen, aber die sind vermutlich nur zum Unterstellen der Werkzeuge und vielleicht zum Wegsperren der kleinformatigen Arbeiten ueber Nacht. Es gibt natuerlich eine Vielzahl an Skulpturen, aber Buddhas und vielleicht noch die klassischen Waechterloewenpaare machen bei weitem den groessten Anteil aus. Man kann aber auch anderes, z.B. Portraetbuesten, arbeiten lassen. Bald darauf erreichen wir den Phnom Santuk, der eigentlich schon gestern auf dem Programm stand. Jaja, man merkt's, das Programm war etwas lieblos zusammengezimmert, mit dem Textbaustein fuer die (sicher viel haeufigere) Variante, dass die Leute von Phnom Penh nach Siem Reap reisen und nicht umgekehrt … Aber egal, so koennen wir uns die 810 Stufen, die auf den Berg fuehren, in der relativen Morgenfruehe vornehmen. Schoen hier, uebrigens – zu den Tempeln auf den Bergen fuehrt immer eine Treppe, man braucht also nicht durch unwegsames Gelaende zu klettern, sondern nur an Scharen von Bettlern vorbei. Dass viele Leute hier Betteln zu ihrem Beruf gemacht haben, ist laut Mony eine weitere schlechte Angewohnheit ihrer Landsleute. Unterwegs gibt es einen Pavillon, in dem man ein bisschen ausruhen kann, aber am Ende sind wir, wie ich finde, ueberraschend schnell oben. Ich kann gar nicht glauben, dass das wirklich 810 Stufen gewesen sein sollen! Vielleicht entstand dieser Eindruck aber auch, weil Programm und Reisefuehrer uebereinstimmend von 980 Stufen schrieben? Das uebernimmt auch wohl jeder ungeprueft … obwohl die Treppenstufen hier in beiden Richtungen gezaehlt und entsprechend beschriftet sind. Von (fast) oben hat man einen Blick ins weite flache Land, allerdings ist es insgesamt etwas dunstig, so dass der Horizont sich irgendwo im Gewaber versteckt. Man kommt an einem weiss getuenchten Tempel mit kreuzfoermigem Grundriss und viel Rot und Gelb und Gold an, der vor dem blauen Himmel und von Baeumen und bluehenden Bougainvilleen umgeben sehr malerisch und edel aussieht. Jenseits der gelb-gruen gestrichenen steinernen Umfriedung beginnt dann aber so ein Gewusel von lauter verschiedenen Tempelchen und Statuen und Pavillons und kuenstlichen wie echten Hoehlen. Die Gebaeude und die Figuren sind teilweise grellbunt und recht naiv gestaltet, ein bisschen à la Disneyland - das ist dann nicht mehr so edel. In den (Halb-)Hoehlen liegen mehrere tote Buddhas herum, die man daran erkennt, dass die Fuesse nicht bequem gekreuzt sind, sondern streng parallel uebereinander liegen. Es gibt auch noch ein zweites Erkennungszeichen, aber das habe ich leider wieder vergessen. Besonders erwaehnenswert ist noch "Mr. Baumarkt": so habe ich eine buntbemalte Goetterstatue mit 8 Armen (viele Haende machen bekanntlich schnell ein Ende) getauft, die verschiedene Werkzeuge in den Haenden haelt, darunter eine neumodische Saege à la Fuchsschwanz und eine Kneifzange. Ich glaube nicht, dass die Werkzeuge der alten Goetter oder auch Handwerker so ausgesehen haben. ;-))

Insgesamt ist es noch recht leer da oben. Vereinzelt turnen ein paar Affen herum, vor denen Mony jedesmal warnt, auch wenn sie noch kilometerweit weg sind. Irgendwie muss sie wohl mal schlechte Erfahrungen gemacht haben … In einer Halbgrotte ist in sehr naiver Malerei eine von diesen vielen seltsamen Legenden dargestellt. Diese Geschichte geht so: Es waren einmal zwei Brueder. (Nei-en! Wir haben eben NICHT "Und wie hiiieeessen die??" gefragt!) Ein guter und ein boeser. Als der gute Bruder die Taten des boesen nicht laenger mit ansehen mochte, schlug er vor, die Koepfe zu tauschen (tolle Idee!), woraufhin sich beide die Koepfe abschlugen (noch besser!). Es fand sich ein Wesen (Mensch? Geist? Ich weiss es nicht.), das den Kopf des guten Bruders trug, um ihn auf den Leib des boesen zu setzen. Den Kopf des boesen Bruders aber wollte niemand tragen. (Genau das ist gemalt: zwei Kopflose, ein Kopftraeger, ein herumliegender Kopf.) Daraufhin musste der boese Bruder sterben. Und wenn der gute nicht gestorben ist - ja, was dann? So lebet er noch heute in staendigem Konflikt zwischen gutem Kopf und boesem Koerper, vermutlich, und ist irgendwann nach Palaestina gereist, um die Bibelschreiber zu dem beruehmten Satz "Der Geist ist willig …" zu inspirieren. Ja, so muss es gewesen sein!

Nach dem Abstieg vom Santuk-Berg fahren wir weiter Richtung Sueden. Ich denke, dass wir einen Abstecher zum Prasat Kuhak Nokor machen sollten; das (der?) liegt einigermassen auf halbem Weg und bietet sich deshalb m. E. fuer einen Zwischenstopp an. Das gibt erst mal eine Diskussion, weil es nicht auf dem Reiseplan steht und mal wieder ca. 30 km Umweg bedeutet. Diesmal lenkt der Fahrer rasch ein, immerhin - buchstaeblich in diesem Fall nach rechts. Es ist nur ein kurzes Stueck "Marterstrecke", dann sind wir da. Der Prasat Kuhak Nokor befindet sich auf einem dieser Tempelgelaende, das offenbar schon lange in Gebrauch ist und wo neue Bauwerke bei Bedarf gleich neben den alten errichtet werden. Man verspuert hier wohl nicht das Beduerfnis, Altes durch Neues zu ersetzen. Daher steht zwischen mehr oder weniger zeitgenoessischen, weiss oder in hellem Ocker getuenchten Gebaeuden einer dieser alten Tempel, hauptsaechlich aus ohnehin schon recht dunklem Laterit, das hier so aussieht, als haetten die Waende durch Feuer teilweise eine schwarze Patina bekommen. Die architektonische Struktur gleicht der der Tempel von Angkor, es ist nur alles viel kleiner. Das Areal ist zwar offenbar (wohl von Moenchen?!) bewohnt, wirkt aber gottverlassen leer, bevor wie aus dem Nichts ein Mann mit einer grossen blauen Wahlurne und einem DIN A4-Notizbuch auftaucht, der in Nullkommanichts von einer Horde von Kindern verschiedener Groessen umringt ist. Die Wahlurne wird uns natuerlich nicht zum Einwerfen eines Stimmzettels praesentiert, sondern zum Einwerfen einer Dollarnote, bevor wir den alten Tempel betreten duerfen. Nach der Besichtigung duerfen wir auch nicht einfach gehen, jetzt kommt das erwaehnte Notizbuch zum Einsatz. Jede Seite ist schon beschriftet, unsere hat die Ueberschrift "585ième impression". Parlez-vous français? Ach herrje, was soll man denn da hinschreiben, verfolgt von reichlich neugierigen Augenpaaren? Ich schreibe irgendwas Nettes (in Englisch), dann muss ich noch meinen Namen eintragen und Mony ihren, dann duerfen wir weiterfahren.

Bei Kompong Cham gibt es zwei Huegel, den Phnom Srei (Berg der Frauen) und den Phnom Proh (Berg der - alle mal raten!). Der erste ist hoeher, der zweite protziger. Hierzu gibt es auch eine Legende (hier in der Version von Mony wiedergegeben): Die Frauen waren damals diejenigen, die den Maennern vorschlugen zu heiraten - und eben auch manchmal einen Korb bekamen. Sie waren es daher leid, um die Maenner werben zu muessen, und schlugen einen Wettbewerb vor. Wer bis Tagesanbruch den hoeheren Berg bauen koenne, habe gewonnen und duerfe fortan um sich werben lassen. Maenner und Frauen machten sich an die Arbeit. Zur Zeitmessung wurde mangels Uhr das Sonnenlicht herangezogen. Mitten in der Nacht zuendeten die Frauen dann ein helles Licht an, so dass die Maenner (nicht die hellsten, scheint mir) glaubten, der naechste Tag sei schon angebrochen. Mangelnde Fairness kann man ihnen aber nicht vorwerfen: Immerhin hielten sie sich an die Regeln und stellten daraufhin die Arbeit ein, waehrend die Frauen noch (regelkonform) fleissig weiterarbeiteten, so dass ihr Berg am Morgen hoeher war. Gewonnen! Und meine Moral von der Geschicht': trau niemals Maenneraugen nicht. Ich hab's gewusst: die gucken einfach nicht richtig hin! Burkhard eiert dann noch 'rum, der Maennerhuegel waere ja viel solider und mit einer vernuenftigen breiten Auffahrt statt einer unbequemen Treppe, und viel geraeumiger, weshalb auch mehr, groessere und schoenere Gebaeude darauf stuenden- nicht ziel- bzw. ergebnisorientiert! ;-))

Nach der Bergbesteigung fahren wir nach Kompong Cham hinein. Es ist schon zwei Uhr durch, aber das macht nichts. Hier bekommt man offenbar zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas zu essen, weshalb wir jetzt zum Lunch im Hao An einkehren. Klingt chinesisch, aber es gibt auch Khmer-Kueche. Als "Leckerli" bestellen wir Cashew-Kerne, die daraufhin offenbar frisch geroestet auf den Tisch kommen. Allerdings sind sie mit Zucker bestreut, nicht mit Salz, aber trotzdem lecker. Dann checken wir im Hotel "Mekong" ein, das am Ufer desselben liegt. Auch ein "Einsterne-Etablissement", aber ein bisschen schlechter als das Royal Garden in Kompong Thom, finde ich. Unser Zimmer hat Flussblick (durch ein vergittertes Fenster), keine Nachttische, keine Sitzecke: es ist relativ klein. Im Bad gibt es keine Badewanne oder Duschtasse oder auch nur einen Vorhang - da kommen irgendwo zwei Duschschlaeuche aus der Wand (einer fuer kaltes Wasser und einer, der durch einen Durchlauferhitzer fuehrt) "unn joot is'". Na, das wird eine echte Nasszelle, wenn man da duscht! Die Entlueftung dieser Zelle wird durch ein paar durchbrochene Steine, die in Oberlichthoehe auf den Flur hinaus gehen, sichergestellt. Apropos Flur: Was in den Zimmern an Platz gespart wurde, kommt dem Flur zugute. Der ist bestimmt mindestens 7 oder 8 m breit und kann ohne Probleme als Versammlungshalle benutzt werden. Aber so wie es aussieht, finden jedenfalls heute und morgen keine Versammlungen statt.

Der letzte Programmpunkt fuer dieses Jahr (es ist jetzt auch schon etwa vier Uhr nachmittags) ist der Wat Nokor Ba Chey, am Stadtrand gelegen. Das ist wieder so ein Gelaende mit alten und neuen Gebaeuden, aber hier sozusagen in einer "verschaerften" Version. Das alte Zentralheiligtum war schon damals buddhistisch, mit vielarmigen Lokeshvara-Figuren ueber den Eingaengen, die man daran erkennen kann, dass auf dem Kopf noch ein kleiner Buddha sitzt – ansonsten sehen die [fuer mich] auch nicht anders aus als Shivas oder Vishnus. Dieses Heiligtum mit seinen 4 reich dekorierten Eingaengen bildet jetzt die Stirnseite eines "modernen", offenen Vihear, wobei die Reliefs der Ostseite im Innern des Vihear liegen und den anzubetenden Buddha zeigen. Hier wurde also nicht nur nebeneinander, sondern heftig ineinander gebaut. Und der Kontrast ist hier ebenso gross wie z.B. am Prasat Kuhak Nokor: das alte, dunkle Lateritgemaeuer mit der groben Oberflaeche und die glatten, (fast grell-)bunt bemalten Waende des Vihear zeigen keinerlei Gemeinsamkeit. Und doch bilden sie ein Ganzes, das nicht einmal unharmonisch wirkt. – Uebrigens sind im Zentrum des Zentralheiligtums bunt bemalte Buddha-Figuren aufgestellt, die man schon von weitem erkennen kann, wenn man sich dem Tempel auf einer seiner Achsen naehert: alle Durchbrueche und Eingaenge sind auf diesen Achsen so praezise ausgerichtet, dass man geradewegs bis ins Zentrum schaut.

In der naeheren Umgebung des Tempelbereichs gibt es reichlich Stupas in vielen Groessen und Formen, vom "Taschenformat", Schutz suchend an eine Mauerbasis geschmiegt, bis zu recht monumentalen Gebilden, die dann auch frei stehen. Eine Art Friedhof ist das also, denn ein Stupa (oder erwaehnte ich das schon?) ist ein Grabdenkmal, in dem eine oder auch mehrere Urnen aufbewahrt werden. Groesse und Ausschmueckung richten sich, wie ueberall, nach dem Geldbeutel. Ueblicherweise werden Tote hier eingeaeschert, wobei das in den meisten Faellen direkt erfolgt. Einige Bevoelkerungsgruppen aber, so hat uns Mony erklaert, bestatten ihre Toten zunaechst fuer maximal 5 Jahre in der Erde. Danach buddeln sie die Knochen wieder aus, um diese einzuaeschern und dann dem Verstorbenen bzw. der Asche seiner Knochen den endgueltigen Ruheplatz anzuweisen.

Und wo wir gerade bei Bestattungsriten sind: Innerhalb der Tempelmauer zeigt Mony uns eine gut einen Meter grosse Pflanze mit grossen rundlichen, silbrig behaarten Blaettern und etwas pelzig wirkenden weissen Blueten, die mich ein wenig an Edelweiss erinnern. Die Pflanze wuerde bei Begraebnissen verwendet, da wuerden die Blueten zu Girlanden verarbeitet.

Im "vorletzten" Spaetnachmittagslicht kehren wir zum Hotel zurueck. Zwar ist heute Silvester, aber erstens ist weit und breit kein Etablissement in Sicht, das ein festliches Dinner anbieten wuerde, und zweitens sind wir auch in Anbetracht des noch nicht lange zurueckliegenden Mittagessens gar nicht "appetitlich", wie ich zu sagen pflege. Stattdessen machen wir einen Abendspaziergang am Mekong. Wir gehen noch gerade bei Tageslicht los. Die haben hier eine irgendwie unpassend breite Uferpromenade fuer Fussgaenger, auf der es relativ belebt zugeht. Mobile Strassencafés bestehen aus ein paar Plastiktischen und Stuehlen, einer Kuehlbox, die hierzulande im Handumdrehen, dafuer auch jeden Morgen neu aus einer Isolierkiste und einem oder mehreren grossen Eiskloetzen hergestellt wird, und einem kleinen Rollwagen, auf dem Getraenkedosen huebsch ordentlich in ein paar Reihen uebereinander aufgestapelt werden. Einige Gruppen junger Leute spielen Volleyball oder so ein aehnliches Spiel, bei dem das Objekt (kein Ball) mit dem Koerper gespielt wird. Auf der Boeschung unterhalb der niedrigen Ufermauer wird auf einigen Stuecken Land Gemuese angebaut. Auf der anderen Strassenseite liegen reihenweise Gaestehaeuser - ich wuesste ja zu gern, wie die wohl sind, speziell im Vergleich zu unserem besternten Hotel … Bis wir etwa auf Hoehe der grossen, ebenfalls von den Japanern gestifteten Bruecke ueber den Fluss angekommen sind, ist es dunkel. Hier findet ein Minirummel statt: zwei Karussells und ein Luftballonverkaeufer. Die Karussell-Anlage bedroehnt die Umgebung mit den bekannten traditionellen kambodschanischen Volksweisen "Lambada" und "Hey Macarena". Auf dem Rueckweg kehren wir noch kurz in einer Bar ein (genau betrachtet bleiben wir draussen sitzen) und trinken so was Spektakulaeres wie ein Tonic Water, bevor wir in unserem Hotelzimmer nichts Besseres zu tun wissen, als uns hinzulegen, die letzten Stunden von 2007 fuer den beruehmten Schoenheitsschlaf vor Mitternacht zu nutzen und den Jahreswechsel ganz einfach zu verschlafen.

Sonntag, 13. Januar 2008

Sonntag, 30. Dezember 2007: Transfer nach Kompong Thom und Sambor Prei Kuk

Heute Morgen lassen wir uns Zeit. Sam hat uns gesagt, dass unser neues Fuehrer/Fahrer-Duo uns um 12 Uhr mittags abholt. Wir wundern uns - wie sollen wir da das Programm schaffen? Das ist viel zu spaet! Aber da die beiden angeblich erst aus Phnom Penh kommen muessen, waere es eben nicht frueher. Als wir uns gerade um halb neun anschicken, zum Fruehstueck gehen zu wollen, klingelt das Telefon. Unser Fuehrer, der diesmal eine Fuehrerin namens Mony ist, meldet sich am anderen Ende. Man sei schon da, die Firma haette sie fuer 8 Uhr morgens bestellt. Na, das nenne ich doch eine gute Koordination ... Mit etwas Gehuddel schaffen wir es also, um kurz nach 10 Uhr loszufahren. Wir verlassen Siem Reap in suedlicher Richtung auf der Nationalstrasse 6 mit dem Ziel Kompong Thom. Dabei kommen wir am Ortsausgang an dieser wunderbaren Stelle auf der Strasse vorbei, an der links in der Reihe der "Garagenlaeden" ein Verkaeufer traditioneller Geisterhaeuser (spirit houses) seine hauptsaechlich in Rot, Gelb und Gold gehaltene Ware feilbietet, die sich gegenueber in den Schaufenstern eines modernen mehrstoeckigen Zweckbaus mit einer Huelle aus gruenem Glas und graeulich-beigefarbenem Kunststein spiegelt: MODERN HOMEMART CENTER prangt in roten Lettern ueber dem Eingang. Moebel fuer moderne Geister? ;-))

Oha, bei Reisefuehrerin Mony weht ein ganz anderer Wind! Das ist eine ernsthafte junge Frau, nett und freundlich, vielleicht ein bisschen zu ernsthaft. Waehrend uns Sam brav das in der Ausbildung gelernte Wissen weitererzaehlt hat und er sonst der liebe Junge von nebenan war, stehen jetzt soziale Themen auf der Tagesordnung. Auf den fast drei Stunden Fahrt erfahren wir ueber verschiedene soziale Probleme, die fuer Mony bad habits, also schlechte Angewohnheiten ihrer Landsleute sind. Dazu gehoeren die Korruption, haeusliche Gewalt, schlechte Ausbildung der Kinder, besonders der Frauen, aber auch so (vergleichsweise) harmlose Themen wie der Umgang mit Muell, der hier meistens einfach in der Landschaft landet.

Ja, fast drei Stunden - so lange braucht man fuer die 140 km. Das, was hier Nationalstrasse heisst und von "Geberlaendern", in diesem Fall Japan, gebaut wurde, waere in Deutschland eine bessere Landstrasse. Darauf kann man meist nicht sehr schnell fahren. Zum Beispiel, weil Kuehe oder Huehner oder Hunde (oder, viel seltener, Leute) darauf herumlaufen, die man nicht ueberfahren will, oder weil zu viele Zweiraeder, motorisierte oder (wenn eine der beiden "Schulschichten" aufhoert oder anfaengt) unmotorisierte, sich darauf breitmachen. Dann gibt es noch dahinschleichende "Ell-Ke-i-Dabbleju:s" (also LKWs) oder die noch langsameren Ochsenkarren, die immer noch in betraechtlicher Anzahl existieren.

"Gefuehlt kurz vor" Kompong Thom machen wir halt am buddhistischen Kloster Wat Andri. Hier lebt irgendein "Obermoench" aus der Hierarchie der buddhistischen Organisation, man frage mich nicht nach Details, ich muss mich jetzt sowieso als voellig ahnungslos in Sachen Buddhismus bekennen. Die Gebaeude sind zum Teil grellbunt ausgemalt, hier hoere ich zuerst die Sache mit den fuenf Buddhas, von denen vier schon da waren, so dass wir jetzt alle auf den fuenften warten, der aber erst im (buddhistischen) Jahr 5000 kommen wird. Das ist noch so ungefaehr 2500 Jahre hin. Insofern finde ich eigentlich, dass es sich fuer mich persoenlich nicht besonders lohnt zu warten ... Aber im Ernst: hier sehen wir erstmalig so einen Vihear (allgemein eine Versammlungsstaette, in diesem Kontext eine Bethalle zur Verehrung einer Buddhafigur) in der typischen traditionellen Architektur mit "mehrfachen" Daechern und den geschwungenen Dachspitzen darauf. Mit dem hellen (weiss/ockerfarbenen) Anstrich vor dem blauen Himmel sieht das so ganz anders aus als die Tempel von Angkor - auch schoen!

Dann checken wir erst einmal im Stung Sen Royal Garden Hotel ein. Das hatte auch schon mal bessere Tage gesehen, scheint mir - es begnuegt sich mit altem Luxus, der mittlerweile nur noch fuer einen Stern reicht. Hm. Da ist der Kontrast zum renovierten Luxus in Siem Reap unangenehm scharf. Aber unser Zimmer ist gross und einigermassen sauber. Das wird also schon gehen fuer eine Nacht. Den meisten Spass habe ich an der Hausordnung. Da ist es wie bei der Janosch'schen Brieftraegertruppe von Hasen mit schnellen Schuhen. Bei denen lautet die Dienstanweisung zum Briefgeheimnis bekanntlich "Ihr duerft die Briefe nicht lesen und niemandem sagen, was darin steht." Hier im Hotel heisst das "Wir sind nicht verantwortlich fuer Diebstaehle, die durch Prostituierte veruebt werden, und gewaehren Prostituierten keinen Zugang zum Hotel." (Englische Fassung: We are not responsible for any thing stolen by prostitutes (asid not allow prostitutes in).) Auch schoen: Please be careful all cash valuables ETC, Hotel will not be responsible for any thing missing or stolen in room this service is provide free of charge. (sic) Aeh, Moment, was genau war jetzt der Service??

Aber genug gelaestert. Nachdem wir Ananas und Mango aus dem zweiten Obstkorb, den wir im Grand Hotel d'Angkor als freundliche Ueberraschung vorgefunden hatten, verzehrt haben, geht es auf zur grossen Fahrt nach Sambor Prei Kuk. Das ist ein recht altes Tempelareal in etwa 20 km Entfernung. Mony eroeffnet uns als erstes, dass die Fahrt dorthin eine Stunde in Anspruch nehmen wird. Ups! Ich kann mir das gar nicht vorstellen ... die ersten paar hundert Meter sind dann noch asphaltiert, die naechsten schon nicht mehr. Die Fahrt hier ist jetzt eine staubige Angelegenheit, aber man kann immer noch ein bisschen fahren. Dann beginnen die Schlagloecher groesser zu werden - macht bestimmt keinen Spass, hier Fahrer zu sein und sich muehsam und zum Teil zentimeterweise durch die Kraterlandschaft zu schlaengeln. Zumal ein Camry bekanntlich kein Gelaendewagen ist. Das Gerumpel ist stark genug, in den hinteren Reihen leichte Seekrankheit hervorzurufen - zum Bloggen kann ich die Zeit jedenfalls nicht nutzen. Statt dessen gibt es auch hier immer wieder lang an der Strasse entlang gezogene Doerfer, so dass sich eine andere Beschaeftigung anbietet: Pigspotting. Von to spot, etwas ausfindig machen, also das gezielte Ausschauhalten nach Schweinen. Und es gibt sie: die gluecklichen Schweine, die in relativer Freiheit wuehlen und suhlen koennen. Gefleckte oder rosafarbene, schwarze habe ich nicht gesehen. Und hier sieht man auch mal wieder, dass Schweine einfach schlauer sind: Waehrend die viel zahlreicheren Rinder meist mit Kuhhaut behaengte Knochengestelle sind, sind die Schweine immer recht wohlgenaehrt. Nicht uebermaessig fett, aber schoen tonnenfoermig, wie es sich gehoert. Und schliesslich ist das hier ein Land, in dem auch in der Trockenzeit keineswegs grosse Duerre herrscht, sondern, von abgeernteten Reisfeldern mal abgesehen, ueppige Vegetation zu bewundern ist.

Damit das Pigspotting nicht zu leicht wird, stehen an allen Haeusern grosse bauchige Keramikkuebel, die zur Aufbewahrung von Trinkwasser dienen. Wenn man die so aus dem Augenwinkel sieht, sind die meist auch undefinierbar graubraun und irgendwie rundlich und insofern leicht mit Schweinen zu verwechseln ... :-)) Und wo ich gerade ueber die Huetten schreibe: die stehen hier, wie auch in Malaysia, auf Stelzen, wobei es die unterschiedlichsten Stelzenhoehen gibt. Die Stelzen sind meist noch aus Holz, vor allem natuerlich bei den recht aermlichen Flechthuetten, bei neueren und groesseren Holzhaeusern aber eher aus Beton, der mittlerweile wohl auch billiger ist als zur Herstellung starker Pfeiler geeignetes Holz. Ab einer Stelzenhoehe von vielleicht 1,40 m - 1,50 m wird der Raum darunter fleissig mitbenutzt. Vermutlich ist er in der Mittagshitze vergleichsweise kuehl, weshalb sehr oft Haengematten dort zu sehen sind - wie eigentlich ueberall auf unserer Reise. Und die werden auch benutzt, versteht sich.

Speziell hier auf der Fahrt nach Sambor Prei Kuk fallen uns die Dachfirste auf, auf denen oft in der Mitte die Jahreszahl (der Fertigstellung des Daches) befestigt ist, die manchmal von einem Tierpaar bewacht wird (vielleicht das chinesische Tierkreiszeichen des Besitzers?). Am Wegesrand kann man sehr sporadisch auch Graeber sehen, wie uns Mony erklaert. Ein Gedenkstein mit einem kleinen Holzdach ist das dann zum Beispiel - hier stehen keine richtigen Stupas. Zwar sind die Graeber meist in kleinen Gruppen von 2-4 zu finden, aber von einem speziellen Friedhof kann nicht die Rede sein.

Nach langem Gerumpel und der Fahrt vorbei an einer Schule, die die Eltern eines japanischen Soldaten gestiftet haben, der hier in einem Minenfeld umgekommen ist, kommen wir endlich in Sambor Prei Kuk an (hier gibt's einen begeisterten englischsprachigen Reisetipp). Wir werden von einem lokalen Fuehrer durch den Wald begleitet, der allerdings kein Englisch spricht. Vermutlich auch ein Minenopfer, ihm fehlt ein Arm ... das sieht man hier traurigerweise, wenn auch wenig ueberraschend, recht haeufig. Wir erfahren, dass dieses etwas "undurchsichtige" Waldgelaende eins der Rueckzugsgebiete der Roten Khmer gewesen ist, was den Erhaltungszustand der ziemlich alten Ruinen, die aus der Zeit vor dem Angkor-Reich stammen (die aeltesten aus dem 7. Jahrhundert), auch nicht verbessert hat. Es sind alles Backstein-Bauten, zig einzelne Tempeltuerme, die in mehreren Gruppen jeweils mit eigener Umfassungsmauer heute ganz friedlich im Wald liegen. Den Frieden der Besucher stoeren nur die Muecken (ab 5 Uhr nachmittags, sagt Mony) und reichlich Schlangen (nur in der feuchten Jahreszeit, sagt Mony) - unseren Frieden stoert also nichts. Eine der Besonderheiten, die man hier bewundern koennen soll, sind die sogenannten "Fliegenden Palaeste", Reliefs an den Waenden der Tempel. Aber so richtig sehen konnte ich die gar nicht - die offenbar am besten erhaltenen lagen ein bisschen abseits des Weges, so dass ich sie nur aus der Ferne bemerkte, ausserdem hat uns weder der Fuehrer noch Mony irgendwas dazu erzaehlt, so dass ich zu Beginn immer dachte, die guten Exemplare kaemen noch ... Der Begriff stand naemlich (ohne weitere Erklaerung, so was Bloedes) in unserem Reisefuehrer und regt irgendwie meine Phantasie an. Erst im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass diese Darstellungen so genannt werden, weil sie Gebaeudefassaden zeigen, die von gefluegelten Wesen getragen werden. In den Fassadenoeffnungen sind Menschen abgebildet. Das geht natuerlich auch wieder auf eine Legende zurueck, in diesem Fall auf eine, die besagt, dass die Goetter einem Menschen, der aus ihrem Reich wieder ins Reich der Menschen zurueckgeschickt wurde, als Abschiedsgeschenk seinen himmlischen Palast mitgegeben haben. Und der wurde eben von Fluegelwesen getragen, Goetter brauchen sowas nicht Stein fuer Stein abtragen und wieder neu zusammensetzen zu lassen.

Ausser den fliegenden Palaesten gibt es noch zum Teil recht gut erhaltene reliefierte Tuerstuerze. Wenn man das Alter bedenkt ... Weitere Erinnerungsfetzen: die Loewen vor dem nach ihnen benannten Loewentempel sehen aus, als haetten sie Verdauungsprobleme - ein namenloses Mini-Tempelchen ist besonders eindrucksvoll von einem Baum umklammert (siehe auch das Bild von Prasat N18 auf dieser Seite, auf der es uebrigens gute Fotos nicht nur von Sambor Prei Kuk gibt, sondern von den meisten Orten, die wir besucht haben) - der kleine Tempel Asram Isey (N17 fuer die Archaeologen) ist, anders als alle anderen, kein Backsteinbau, sondern besteht aus grossen Steinplatten und wirkt nicht sehr asiatisch, sondern ueberraschenderweise etwas roemisch; an seiner Wand erinnern Beschaedigungen an Beschuss zu Zeiten der Roten Khmer.

Mony draengt mit Hinweis auf die Muecken ein bisschen zur Eile, im Nachhinein weiss ich gar nicht warum - wir haben uns gehetzt gefuehlt und fahren dann doch schon gegen 16:20 Uhr wieder ab. Na ja. Die Rueckfahrt ist natuerlich genau so holprig wie die Hinfahrt. Im Spaetnachmittagslicht bekommt die flache Landschaft mit ihren Tuempeln und den Palmen im Gegenlicht einen etwas melancholischen Anstrich.

In Kompong Thom gehen wir in der Daemmerung noch kurz in den kleinen "Stadtpark" am Stung Sen-Fluss. Hier gibt es verschiedene Denkmaeler, vielleicht soll das in Wirklichkeit ein Skulpturenpark sein? Jedenfalls kann man hier eine Skulptur sehen, die Wale zeigt, welche eine Weltkugel auf der Schnauze balancieren - und die ist wieder aus dem vermutlich am einfachsten verfuegbaren Metall hergestellt: Gewehrschrott. Erwaehnenswert - erschreckend! - ist, was man auf der Erlaeuterungstafel lesen kann: "The Monument was created with weapons collected from the residents in Kompong Thom Province under the 'Peace Building and Comprehensive Small Arms Management Programme in Cambodia' from Sep 2005 to Sep 2007, funded by the Government of Japan. The weapons were destroyed in public destruction ceremonies held in this Province." Zu deutsch: Das Monument wurde aus Waffen geschaffen, die in der Zeit von September 2005 bis September 2007 von den Bewohnern der Provinz Kompong Thom im Rahmen des von der japanischen Regierung finanzierten Programms 'Frieden Schaffen und umfassendes Management von Kleinwaffen' eingesammelt wurden. Die Waffen wurden in oeffentlichen Zerstoerungszeremonien, die in dieser Provinz abgehalten wurden, zerstoert." Das ist ja noch ganz frisch! Deshalb wohl auch Neider dryings (sic) nor weapons are allowed in hotel.

Das Abendessen nehmen wir auf Monys Empfehlung hin im Restaurant des Arunras-Gaestehauses ein. Irgendwie haben die Restaurants hier meist Kantinenatmosphaere ... aber das Essen ist ganz in Ordnung. Danach wissen wir hier nicht sehr viel anzufangen - gute Gelegenheit zum Ausschlafen!