Jaja, ich weiß, manche/r hätte gern mehr Fotos aus Shanghai und von unterwegs gesehen ... insgesamt sind in den vergangenen dreieinhalb Jahren ca. 45.000 Stück entstanden. Aber das hat man eben nur zum Teil meiner Faulheit zu verdanken - zu einem mindestens genau so großen Teil der chinesischen Regierung mit ihrer "great firewall". Hoch lebe das freie Internet!


Wer weiterhin meine Bemerkungen über Gott und die Welt lesen möchte, klickt bitte hier:
Das neue Jahr des Schweins

Wenn ich es schaffe, gibt es hier übrigens auch noch Updates, und zwar aus den bisher unveröffentlichten Reisetagebuchnotizen.

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Sonntag, 20. Juli 2008

Mittwoch, 28. Mai 2008: Regendrachen

Unser letzter Tag, schaaade! Wir muessen also ein kleines bisschen frueher aufstehen, um unsere Sachen zu packen. Das erfordert diesmal besondere Denkleistung (und das auf nuechternen Magen! ;-)) ), muessen wir doch beruecksichtigen, dass alle nicht Handgepaeck-tauglichen Sachen schon gleich in den Koffern landen und dass wir noch trockene Sachen bereitlegen muessen, um uns nach der Flossfahrt umziehen zu koennen, denn laut Warnung im Programm koennte man wohl ein wenig Wasser abbekommen. Schliesslich gilt es, etwa ein Dutzend kleine Staustufen zu ueberwinden!

Das Wetter sieht, wir sind ja schon daran gewoehnt, ziemlich truebe aus. Na ja, gehen wir erst einmal fruehstuecken, vielleicht klart es ja noch auf. Waehrend wir das schon bekannte Pfannkuchenfruehstueck verzehren, klart es aber nicht auf, sondern ganz im Gegenteil: es beginnt zu schuetten! Wir sitzen skeptisch unter der Markise und ziehen uns auf die Plaetze an der Hauswand zurueck, weil der Regen vom Strassenpflaster auf unsere Beine spritzt. Und es ist keine Besserung abzusehen! Ping hat ihr Cape dabei und leiht uns daher ihren Schirm, damit wir erst einmal halbwegs trocken zum Zimmer gehen koennen. Aber auch waehrend des Zaehneputzens findet der Regen kein Ende; als wir wieder vor die Tuer treten, scheint sich der heftige Guss in einen gleichmaessig-ergiebigen Landregen gewandelt zu haben. Nun gut, ist ja letztlich egal, ob man von Fluss- oder Regenwasser oder beidem nass wird.

Mit dem sogenannten Elektroauto, einer Art offenem Minibus, werden wir auf Holperstrassen durch die regennasse laendliche Landschaft zu der Stelle am Yulong-Fluss gefahren, an der wir aufs Floss steigen sollen. Wir haben die Regencapes an, und eine Frau verkauft ganz normale duenne Plastiktueten "fuer um die Fuesse zu binden", wie dae Koelner an sisch sagen wuerde. Dann heisst es unsere Plaetze auf dem Bambusfloss einnehmen. Huch, da sind wir aber ganz schoen 'rumgeeiert … haben aber die Sitze ohne Unglueck erreicht. Die Floesse bestehen aus dicken Bambusstangen mit einem Durchmesser von vielleicht 15 Zentimetern, vorn sind sie etwas nach oben gebogen. Darauf montiert sind zwei Stuehlchen fuer die Fahrgaeste und ein grosser Sonnenschirm, der offenbar auch als Regenschirm Verwendung findet, fertig. Der Floesser steht mit einer Stakestange hinten und lenkt das Gefaehrt uebers Wasser. Wenn die Staustufen kommen, sollen wir uns am Sitz und unser Gepaeck an uns gut festhalten und die Beine anheben, gibt uns Ping noch mit auf den Weg, dann ueberlaesst sie uns in den Haenden des Floessers unserem Schicksal.

Es geht auch gleich los, und schon bald kommt die erste Staustufe. Das sieht aber ein bisschen bedenklich aus?!!! Die erste ist wohl auch die hoechste, wir fahren darauf zu, Beine hoch!, das Floss kippt vorn herunter und taucht ins Wasser, Hilfe!, dann kommt es aber wieder hoch, und die Fahrt kann ganz normal weitergehen. Nur dass es mehr so von hinten unten geschwappt hat: waehrend Fuesse, Ruecken und Vorderseite regenabweisend gewappnet sind, hat uns niemand gesagt, dass auch der Allerwerteste in Gefahr ist. Jetzt sind Hose, Rock und Slip nass. Na ja, egal, es ist ja nicht kalt.

Von den Staustufen abgesehen ist es eine ganz gemaechlich-gemuetliche Stakfahrt auf dem Fluss. Es ist wunderbar still, man hoert nur den Regen und das Geplaetscher der Staustufen. Wir sehen Wolkenfetzen zwischen den unechten Bergkulissen wabern. Das sieht schon toll aus! Auch (oder gerade?) im Regen ist die Landschaft sehr schoen.

Bald kommen wir an der ersten "Wasserbar" vorbei, einem etwas groesseren und besser ausgestatteten Floss, das irgendwo auf dem Fluss festgemacht ist und fuer die Touristen kalte Getraenke anbietet. Wir haben keinen Bedarf, kaufen aber ein Bier fuer den Fahrer. Heute geht das Geschaeft wohl nicht so gut.

Gestern hatte uns Ping auf blass-himbeerrosa Ballen von Schneckenlaich aufmerksam gemacht, die man an den Flussufern finden kann. Sogar am Teich bei unserem Hotel mitten in der Stadt uebrigens, wo wir am Abend zuvor auch eine Schnecke bei der Laichablage beobachtet hatten. Wenn man das einmal weiss, sieht die man Laichballen ueberall. Zu hunderten, zu tausenden, an Steinen und Pflanzen, ueberall! Wir sind umgeben von Abermillionen Schneckeneiern! Ein einzelner Ballen sieht eigentlich huebsch aus, wie gesagt, himbeerfarbig und –foermig, aber in dieser Menge ist es fast schon widerlich. Diese Schnecken scheinen einigermassen ungeniessbar zu sein, wo doch den Chinesen nachgesagt wird, dass sie alles essen. Diese aber wohl nicht, obwohl die Schnecken richtig ordentliche Happen abgeben wuerden, in der Groesse eines kleinen Huehnereis, wuerde ich sagen.

Nach einer guten Stunde sind wir am Ziel. Die Bruecke sieht heute von unten im Regen ganz anders aus als gestern von oben in der Abendsonne – aber kein Zweifel, das ist wohl die Stelle. Ping erwartet uns schon mit dem "Elektroauto". Auf der Regenseite sind die Fensteroeffnungen immer noch mit Planen zugehaengt: gucken nur auf einer Seite. Warum heissen die Dinger wohl Elektroautos, wenn's doch keine sind? Das ist doch Quatsch … Wir fahren auf demselben Weg zurueck in die Stadt wie gestern mit dem Rad. Ping liefert uns am Hotel ab, und wir verabschieden uns hier von ihr. Es hat schon Spass gemacht mit ihr, eine sehr nette und gute Fuehrerin ist das!

Wir muessen uns ein bisschen ranhalten, denn man muss um 12 Uhr auschecken und wir haben nur eine halbe Stunde Karenz bekommen, da unser Zimmer am selben Tag wieder belegt wird. Raus aus den nassen Klamotten, rein in die bereitliegenden trockenen Sachen – und dann haben wir die nassen Stuecke noch ein bisschen gefoent. Wir sind naemlich in Sorge, dass die Koffer zu schwer werden, wenn wir diese Sachen allzu feucht einpacken. Nicht dass wir wegen ein bisschen Flusswasser in der Kleidung extra zahlen muessen, wo doch die Preise fuer Uebergewicht meist fantastisch hoch sind!

Am Ende sind wir ein kleines bisschen vor der Zeit fertig und gehen auschecken und unsere Koffer an der Rezeption abstellen. Schon um 16:20 Uhr muessten wir losfahren, hatte uns schon Tony beim Abschied ans Herz gelegt. Zwar ist unser Flug erst um halb neun, aber die Fahrt wuerde ja dauern, und wegen "Olympiasicherheit" muesse man ja jetzt auch bei Inlandsfluegen schon zwei Stunden vorher da sein. Herrje! Bevor wir aber an Abflug denken, lenken wir unsere Schritte noch einmal durch die Weststrasse zur Schiffsankunft und gehen Touristen begruessen. Wir begruessen sie natuerlich nicht buchstaeblich, sondern gucken nur von oben zu, wie die Schiffe eins nach dem anderen ihre Ladung am Ufer "auskippen". Unglaublich, was das fuer Touristenstroeme sind!

Als sich die Stroeme zu einem Rinnsal verlaufen haben, suchen wir erst einmal ein geeignetes Etablissement zum Mittagessen. Wir finden eine crêperie bretonne – wer weiss, vielleicht klappt nordfranzoesisch in suedchinesisch besser als sueditalienisch in suedchinesisch? Wir sind die einzigen Gaeste, was ja normalerweise kein gutes Zeichen ist, aber hier irrt die Mehrheit: wie es sich gehoert, gibt es die salzigen Versionen als galettes aus Buchweizenmehl und die suessen als crêpes. Und alles schmeckt gut, ich bekomme tatsaechlich einen der Klassiker, mit caramel au beurre salé, also diesem – mjam! - leckeren Karamel mit gesalzener Butter. Dazu gibt's bretonischen Cidre zu trinken, alles stilecht. Gleich nebenan liegt ein franzoesisches Restaurant, das gehoert wohl demselben; vielleicht haetten wir gestern lieber dort dinieren sollen?!

Jetzt haben wir natuerlich noch ein bisschen, aber nicht allzu viel Zeit, der Regen hat nachgelassen, aber es sieht immer noch so aus, als koenne es jederzeit wieder loslegen mit dem Wasser von oben. Und zugegebenermassen sind wir jetzt auch ein bisschen faul, so dass wir beschliessen, noch einmal gemuetlich im Ming Yuan Café zu sitzen, in dem es uns schon am Montag so gut gefallen hat. Gesagt, getan. Wir geniessen die Kaffeespezialitaeten dort, auf dem Buechertisch im Innenraum entdecke ich die chinesische Ausgabe eines Klassikers von Antoine de Saint-Exupéry: Xiao Wangzi. (Bei diesem Link kann man ein paar Zeilen hoeren.)

Um kurz vor vier Uhr nachmittags machen wir uns auf den Weg zurueck zum Hotel. Wir kommen ein bisschen vor der vereinbarten Zeit an und Shi Shifu, derselbe, der uns auch in Guilin und nach Longji gefahren hat, ist sichtlich erleichtert, dass wir nicht verlorengegangen sind und er deshalb keine Suchaktion starten muss. Seine Frau und einige Tueten mit Obst- und Gemueseeinkaeufen sind auch dabei. Dann kann's also losgehen zum Flughafen. Fast eindreiviertel Stunden dauert die Fahrt, es geht ueber Schleichwege. So richtig leise kann man da aber auch nicht fahren, sie sind ziemlich holperig. Schleichen bezieht sich somit nur aufs Tempo. Unterwegs haben wir auf fast leerer Strasse noch einen Beinah-Unfall, weil ein anderer Verkehrsteilnehmer meint, er muesse unvermittelt Fahrkapriolen schlagen. Nicht zu fassen … aber es ist ja nichts passiert, und ganz ploetzlich sind wir aus dem Nichts am Flughafen angekommen, das war definitiv nicht der offizielle Zubringer. Wir verabschieden uns jetzt auch vom Fahrer, und nun heisst es nur noch einchecken, warten, fliegen, heimkommen.

Das Einchecken geht schnell, die Sicherheitskontrolle auch – somit duerfen wir besonders lange warten. Nachschlag gibt's noch, weil das Flugzeug, das uns nach Shanghai bringen soll, etwas verspaetet eintrifft und daher auch verspaetet abfliegt. Am Ende kommen wir ein bisschen verspaetet in Hongqiao an, von wo uns Ding Shifu in weniger als einer halben Stunde sicher nach Hause befoerdert. Gegen Mitternacht sind wir da. Morgen geh' ich dann einfach ein bisschen spaeter ins Buero.

Samstag, 19. Juli 2008

Dienstag, 27. Mai 2008: Paettkestour

Zum Fruehstueck im siebten Himmel bekommen wir genau das, was wir gestern bestellt haben: Joghurt mit frischem Obst (Apfel und Wassermelone), Eier (geruehrt oder gespiegelt) mit Speck, Toast mit Butter und Marmelade und Bananenpfannkuchen, dazu frischgepressten Orangensaft und Tee. Das Lustige ist, dass man auswaehlen konnte, ob man Toast mit Butter und Marmelade oder Bananenpfannkuchen moechte, und dass man beides bekommt, wenn man den Pfannkuchen angekreuzt hat … Ping ist schon da und leistet uns Gesellschaft. Sie macht einen sehr netten und patenten Eindruck, auch einen erfahrenen – blutjung ist sie nicht, bestimmt aelter, als sie aussieht.

Nach dem Fruehstueck gehen wir noch einmal "auf" unser Zimmer (sagt man wohl so "auf" Deutsch), um uns die Zaehne zu putzen und die natuerlich bereit liegende Ausruestung incl. Regencape zu greifen (der Wetterbericht verheisst nichts Gutes, heavy rain, sagt Ping … o je!), dann koennen wir uns bei einem der zahlreichen Fahrradverleiher einen Drahtesel aussuchen. Es gibt fuer mich i. W. die Auswahl zwischen einem Damenfahrrad und einem Mountainbike mit einer Stange wie beim Herrenfahrrad, also keine. Damit geht wenigstens die Fahrradwahl schnell, wir fahren ein paar Probemeter, ich auf meinem Damenfahrrad "mit nichts", Burkhard auf dem Mountainbike mit Gangschaltung. Noch rasch den Sattel auf die richtige Hoehe einstellen, Abfahrt!

Wir fahren zuegig aus der Stadt hinaus und kommen schon bald an den Yulong-Fluss (遇龙, sprich Ülong). Zwar habe ich irgendwo als Uebersetzung "Jadedrachenfluss" gesehen, aber das ist gar nicht richtig. Zwar heisst (eins der vielen) Yu Jade und Long heisst Drache, aber das erste Zeichen ist nicht das fuer Jade. Dieses Yu heisst vielmehr treffen. Ob man da Drachen treffen kann? Zunaechst ueberqueren wir aber diesen nicht sehr breiten und ganz sanft dahinfliessenden Fluss nur, um dann am Li entlang nach Liugong zu radeln, durch Felder, Wiesen und Auen, sozusagen. Es ist alles sehr laendlich. In manchem Wasserspiegel auf frisch bepflanzten Reisfeldern spiegeln sich die unechten Karstgipfel, die wirklich taeuschend echt aussehen …! Oder sollten die doch echt sein??!!

Es ist ganz schoen warm, ich verliere unterwegs den Stoepsel meiner Wasserflasche, so was Dummes! Irgendwann hat sich dann auch noch die Sattelarretierung geloest und ich rutsche waehrend der Fahrt immer tiefer, zu Hilfe! Von den Bremsen des Fahrrads rede ich gar nicht, eine Ruecktrittbremse hat es nicht, und die Handbremsen kreischen zum Karstbergerweichen. Es ist auch besser, nicht allzu viel in der Landschaft herumzugucken, denn die "Strasse" ist nicht befestigt, und tiefe Schlagloecher und dicke Steine bedrohen den arglosen Radfahrer. Ansonsten laeuft aber alles gut, es ist heiter bis wolkig und wir sind fuer die Wolken im Grunde recht dankbar, denn es ist auch ohne volle Sonne ziemlich heiss.

Nach etwa zweieinhalb Stunden und 16 oder 17 Kilometern erreichen wir Liugong, ein kleines Bauerndorf am Li. Dort kehren wir bei einem Bauern zum Mittagessen ein, es gibt "chinesische Landkueche", nichts Besonderes, ganz lecker. Waehrend wir aufs Essen warten, viel trinken und uns in der schattigen Loggia oberhalb des Ufers ausruhen, waescht eine Frau nach alter Manier mit der Hand auf dem Treppenstein ihre Waesche im Fluss. O je – ich moechte definitiv nicht tauschen. Ping erzaehlt aus ihrer Jugend: als sie sechs Jahre alt war, musste sie die Waesche der Familie waschen. (Ihr Bruder hingegen durfte faulenzen, Jungen sind ja faul und keine grosse Hilfe …, sagt sie.) Sie berichtet, wie sie die grossen schweren nassen Waeschestuecke der Eltern kaum tragen und handhaben konnte und sich damit weinend abgeplagt hat. Offenbar eine nachhaltige Erinnerung.

Beim Essen ueberlegen wir erst, wie der Nachmittag weitergehen soll. Wollen wir zurueckradeln, ein Boot oder Auto anheuern und uns damit zurueckfahren lassen oder gar noch weiter fahren? Das Wetter sieht zwar ein bisschen bedrohlich aus, aber eben nur ein bisschen, nicht sehr. Nein, da sind wir uns einig: jetzt sofort zurueck wollen wir noch nicht – und auf demselben Weg schon gar nicht. Ausserdem hiess es ja, man koenne, wenn man wolle (oder koenne ;-)) ) noch zum Mondberg fahren. Wie weit das sei? Nochmal so weit? Gut, dann machen wir das, stillschweigend annehmend, dass wir uns ja dann bei Bedarf vom Mondberg abholen lassen koennen.

Bevor wir uns aber wieder auf den Sattel schwingen, machen wir erst noch einen Dorfrundgang. Ein altes Tempelchen ist stillgelegt, die alten, finsteren Haeuser sozusagen auch: wer es sich leisten kann, baut ein neues Haus mit grossen Fenstern und nutzt die alten "Hoehlen" als Speicher und Abstellraum. Und fuer den Hausaltar. Eine aeltere Frau laesst uns den Hof eines solchen alten Hauses betreten. Die Tueren von Haus und Hof sind mit chunlian aus rotem Papier geschmueckt. An der Aussenwand beherbergen ueberdachte Nischen unter anderem die Kueche (Feuerstelle, Spuelbecken). Den zentralen Eingangsraum, der wirklich hoehlenfinster ist, beherrscht jetzt – ein Fernseher. Na, der steht aber unguenstig, direkt gegenueber der Tuer … Aber vielleicht ist der ja nur fuer die Ahnen? Die winzigkleinen Fenster, je eins hoch oben neben der Tuer, sind im ansonsten recht rohen Mauerwerk ueberraschend fein aus Stein gearbeitet, in Form je einer glueckbringenden Fledermaus. Ohne Scheiben, versteht sich. Das neue Haus hat ein paar geflieste Waende und sieht gar nicht nach Dorfromantik aus – aber wenigstens ist es hell und bequem und trocken, wer wollte es den Bewohnern verdenken, dass sie es vorziehen? An einem anderen Haus entdecken wir feinst gearbeitete Stirnseiten von Balken ueber der Tuer, so gar nicht baeuerlich-derb. Ja, hier haetten die reicheren Bauern gewohnt ...

Dann machen wir uns aber doch auf den Weg weiter Richtung Mondberg. Wir haben ein Stueck Landstrasse dabei, das nicht viel besser ist als die bisher befahrenen Wege, nur mehr von Autos und LKWs befahren wird. Puuuh, ist das heiss! Wir sind jetzt doch ein bisschen angestrengt und Burkhard hat Probleme mit dem Fotoapparat, der einfach nicht richtig arbeiten will. Bad vibrations. Unterwegs begegnen uns Frauen, die mit Hilfe eines Jochs Kinder in Koerben herumtragen und sich fuer Geld fotografieren lassen wuerden. Bald darauf kommen wir durch eine Mini-Siedlung, in der jemand eine zahme Eule hat, die man am Strassenrand bestaunen kann. Das Beste an der Siedlung: sie gibt uns das Gefuehl, der Zivilisation wieder naeher zu kommen, ein Gefuehl, dass wir mittlerweile ganz beruhigend finden. Kurz darauf erreichen wir eine glatt asphaltierte und richtig stark befahrene Strasse. Ah, hier ist der Park mit dem Banyan-Baum. Ping meint, da koennten wir auf dem Rueckweg halten, wenn wir wollten. Burkhard hat gar keine Lust, ich moechte eigentlich lieber gleich … aber nun gut, fahren wir erst mal zum Mondberg. Das ist zum Glueck nur noch ein kurzes Stueck Wegs auf dieser Strasse. Zwar ist sie stark befahren, aber sie hat einen superbreiten Seitenstreifen, auf dem alle langsameren Fahrzeuge recht sicher (glaube/hoffe ich jedenfalls) fahren koennen. Es ist in meinen Augen ein echter Vorteil, eine glatte Asphaltpiste unter den Reifen zu haben, denn jetzt kann man den Blick auch mal ein bisschen schweifen lassen.

Bald sind wir da, jetzt doch ein bisschen kaputt. Wir machen erst einmal Rast im Mondbergcafé. Ah, was zu trinken! Wir bestellen ausser Wasser und Saft auch einen Kaffee mit Ingwer nach dem Prinzip, die Hitze mit Heissem zu vertreiben, denn Ingwer ist ein "warmes" Lebensmittel. Ah, hier in Ruhe am Tisch sitzen und den Mondberg von unten bewundern – das reicht uns fuer heute. Ihn besteigen? Nein, definitiv nicht, das jetzt nicht auch noch. Zwar erzaehlt Ping, dass man von oben einen wunderbaren Blick hat, aber dafuer hat man dann keinen wunderbaren Anblick. Schliesslich hat der Mondberg seinen Namen von einem kreissegmentfoermigen Loch, das zumindest den Eindruck erweckt, vollmondrund zu sein, und sich geradewegs in der Mitte des auch recht symmetrisch wirkenden Berges befindet. Natuerlich ist er nicht wirklich auch nur annaehernd symmetrisch, aber bei diesem Gebilde hat mein "inneres Fotoalbum" das Flag "automatisch stilisieren" gesetzt, und das scheint sich auch nicht loeschen zu lassen. Fuer manche Leute sei es ein Muss, oben auf dem Mondberg den Sonnenaufgang zu beobachten, das habe sie auch schon mit manchen Touristen gemacht, sagt Ping. Aijai, da muss man dann aber seeehr frueh aufstehen. Mitten in der Nacht hinradeln, im ersten Morgengrauen schon Berge besteigen? Fuer andere Leute mag das ein Muss sein, fuer mich nicht. Ping muss sich dann auch anstrengen, sagt sie doch, sie muesse jeden Tag 10 Stunden Schlaf haben. Wie macht man das denn???!! Halt um 9 Uhr abends ins Bett gehen und um 7 Uhr morgens aufstehen, sagt sie. Nein, das kann ich ja nun wirklich nicht … wahrscheinlich muss sie auch aus ihren Kindertagen noch Schlaf nachholen. Zur Zeit der Reisernte im August haetten sie damals mitten in der Nacht aufstehen und ab 2 Uhr (nachts) mit Fackeln auf dem Feld arbeiten muessen. Ich denke, dass sich Pings Leben, wie auch immer es genau jetzt sein mag, zum Besseren gewandelt hat. Wenn man seine Heimatlandschaft liebt, kann es ja nicht das Schlimmste sein, mit langnasigen Touristen Radtouren durch dieselbe zu machen – so schlimm koennen die gar nicht sein. Oder …?

Es ist jetzt gar nicht mehr die Rede davon, dass wir uns von hier mit dem Auto abholen lassen koennten – noch 7 Kilometer auf der asphaltierten Hauptstrasse, weiter seien wir nicht mehr von Yangshuo entfernt. Ja dann … mittlerweile entwickeln unsere Hintern einen eigenen Willen und wollen nicht mehr auf den Sattel … Als wir etwas ausgeruht wieder losfahren, kommen wir an einer riesigen Plakatwand vorbei, auf der Li Village als Modelldorf angepriesen wird. Als "das Mondbergdorf" sei ihr Heimatdorf ueberregional bekannt, sagt Ping - den Namen wuerde hingegen keiner kennen. Aehnliches gilt fuer die naechste Siedlung ganz in der Naehe - das Dorf ihrer Mutter, in dem sie selbst jede Menge Zeit bei den Grosseltern verbracht hat. Der Name ist auch hier Schall und Rauch: die Zhuang-Siedlung ist als das Dorf mit dem grossen Banyan-Baum bekannt. Wir naehern uns dem besagten Banyan-Baum-Park-Gelaende nun quasi durch den Lieferanteneingang, was es uns aber nicht erspart, das Eintrittsgeld (immerhin 18 RMB pro Person) zu bezahlen. Seit 1978 ist der Baum eine Touristenattraktion, die Ruhm und Geld ins Dorf bringt. Dabei hat der Baum schon ganz andere Zeiten gesehen, er soll sage und schreibe ueber 1400 Jahre alt sein! Alles ist nett angelegt, an einem kleinen Fluss steht der grosse – riesige! – Baum, es gibt ein paar Verkaufsbuden und Leute in bunten Trachten, zur Ausstattung des Flusses gehoeren Flosse (das ist jetzt mal ein Wort, bei dem das Eszett besonders bitterlich fehlt), auf denen man kostenlos uebersetzen kann (nicht eigentlich kostenlos – das ist im Eintrittspreis enthalten) zu einer "offenen Hoehle", die natuerlich ausser bizarren Felsen auch eingearbeitete Kalligraphien aufzuweisen hat. Den Fluss schmueckt hier ein funktionsloses Wasserrad. Auf einem breiten Damm, nur ein kleines Stueck hoeher als der Wasserspiegel, kann man wieder zurueckgehen. Frueher sei der Damm viel schmaler gewesen und bei schlechter Witterung ueberschwemmt, sagt Ping. Wir gehen all dies in umgekehrter Reihenfolge ab, so dass der Baum als Hoehepunkt zuletzt kommt. Der ist riesig, irgendwo habe ich gelesen, dass er eine Flaeche von etwa 1000 Quadratmetern bedeckt, also einen Kreis mit einem Durchmesser von etwa 35 Metern. Ob das stimmen kann? Scheint mir zuviel, die Haelfte erscheint mir plausibel. Aber ein Kreis mit 17 Metern Durchmesser ist immer noch ganz schoen gross, und der Banyan-Baum hat weit ausladende Aeste, von denen er vor langen Zeiten Luftwurzeln zu Boden gestreckt hat, die sich jetzt zu richtigen Staemmen entwickelt haben. Uebrigens mit einer anders aussehenden Rinde, so dass ich im ersten Moment dachte, es seien kuenstliche Stuetzen. (Davon hat er auch welche – aber die meisten sind echt.) Man moechte sich am liebsten in diese grosse lichte Laube setzen und den Spaetnachmittag geniessen, aber heutzutage ist der Baum natuerlich eingezaeunt, und damit der Zaun auch brav respektiert wird, stehen ein paar Wachleute herum und verbreiten Autoritaet. Ping erzaehlt, dass sie frueher mit den anderen Kindern auf den Aesten herumgeklettert sei, waehrend die Bueffel unter dem Baum angebunden wurden. Im Winter haetten sie sich mit Samen beworfen. Ich muss sagen, dass solche Erzaehlungen den Eindruck, den der Baumriese macht, deutlich verstaerken. Uebrigens wuerden die "Eingeborenen" den Banyan yao qian shu, etwa "Sieh-nach-und-es-ist-Geld-da-Baum", nennen.

Als wir uns genug umgesehen haben, machen wir uns auf zur Rueckfahrt nach Yangshuo ueber die Hauptverkehrsstrasse. Wenigstens gibt es keine Schlaglochschlaege mehr, es faehrt sich glatt, ruhig und bequem. Wir ueberqueren noch einmal den Yulongfluss, auf dem zig Floesse in der Abendsonne ein schoenes Bild abgeben. Hier werden wir dann morgen nach unserer Flossfahrt ankommen.

Jetzt kommen wir erst einmal nach nicht sehr langer Zeit wieder in Yangshuo an. Der Verkehr dort ist schon sehr gewoehnungsbeduerftig – ich bin froh, dass ich die Einfahrt in die Stadt heil ueberstehe und wir die Fahrraeder nach etwa 42 Kilometern (tapfer, gell? Fuer so super Trainierte wie uns war das gar nicht schlecht, finde ich!) unbeschadet zurueckgeben koennen. Uebrigens sind in der Stadt die Strassen zum Teil noch nass, und es gibt ein paar Pfuetzen - sieht aus, als haette es hier heute geregnet. Da haben wir wirklich richtig viel Glueck gehabt, denn richtig weit weg waren wir ja nicht, aber es war doch die ganze Zeit trocken. Aber ich hab' ja auf Reisen immer Schwein, weil dann die Reiseschweine dabei sind. ;-))

Nach einer kleinen Ruhepause im Hotel gehen wir abends noch einmal in die Weststrasse. Hier hatten doch so viele Schilder fuer Holzoffenpizza geworben, also wollen wir uns heute mal unchinesisch ernaehren. Das Etablissement, das wir am Ende auswaehlen, serviert aber nichts Tolles. Es gibt Erfolge und Erfahrungen – dies war also eher eine Erfahrung. Was soll man auch erwarten von sueditalienischen Spezialitaeten inmitten suedchinesischer Doerfer? Aber egal, wir sind jetzt satt und ein bisschen muede und mit dem Tag recht zufrieden, so dass wir ohne Groll zum Hotel zurueck und dort gleich ins Bett gehen. Nein, wir kaufen auf dem Rueckweg auch keins der etwas befremdlichen T-Shirts, die auf der Weststrasse feilgeboten werden. Wahrscheinlich hat da auch jemand gedacht, das T in T-Shirt stuende fuer Tourist, und dann die Woerter Tourist und Terrorist verwechselt. Jedenfalls prangt auf den besagten Baumwollhemden wahlweise ein Konterfei von Hitler, Saddam Hussein oder Osama bin Laden. Wer soll denn sowas anziehen??

Mittwoch, 16. Juli 2008

Montag, 26. Mai 2008: Und noch 'ne Kreuzfahrt

Warum muss man Touristen eigentlich immer schon fruehmorgens irgendwo hin befoerdern? Heute heisst es wieder frueh aufstehen, denn um 8:30 Uhr werden wir abgeholt und zum Bootsanleger in Zhujiang gefahren. Immerhin 40 Minuten Fahrzeit. Vorher staerke ich mich (unter anderem) mit der Spezialitaet von Guilin: Reisnudeln. Schmecken halt wie Nudeln, sind aus Reismehl gemacht. O.k., aber dafuer braucht man nicht hinzufahren. :-))

Als wir am internationalen Anleger ankommen, wartet da schon eine Armada von Li-Flussschiffen, von denen mindestens die Haelfte um 9:30 Uhr ablegen wird. Tony sagt, es gaebe auch einen chinesischen Anleger fuer die heimischen Touristen - wie der wohl ist? Fuer uns ist ein Platz in der kleinen 12-Personen-Kabine auf dem Oberdeck unseres Schiffes reserviert. Wir haben Guilin ja gestern schon in einem etwas komischen Licht kennengelernt, und dieser Eindruck wird heute nicht ausgebuegelt, sondern verstaerkt: diesmal muss Tony fuer uns diskutieren, damit wir nach oben gelassen werden - das Personal will uns doch wirklich einen Platz unten in der Hauptkabine anweisen. Was soll denn das?!! Selbst Tony ist perplex.

Dann legen wir ab, mittlerweile hat sich eine kleine Reisegruppe unbekannter Nationalitaet (vermutlich orig. ung. wie die vielzitierte Salami) zu uns gesellt. Der Reiseleiter macht auf mich den Eindruck eines Zynikers, der der Welt schon hundert Jahre ueberdruessig ist - hoffentlich (im Interesse der Gruppe) ist der Eindruck falsch. Waehrend die Fahrt sonst wohl manchmal wegen Wassermangels etwas schwierig und langwierig ist (mindestens 4-5 Stunden), ist das nicht unser Problem. Der Fluss ist voll (wie gestern Abend schon bemerkt) und fliesst schnell und reisst allerhand Teilchen mit sich, so dass das Wasser trueb gelbbraungraugruen aussieht (fuer Loriotfreunde: ohne Stich ins Roetliche). Das ist vermutlich die Kehrseite der Medaille, habe ich doch gehoert, dass sich die fantastischen Landschaften, die immer noch so unecht aussehen wie zuvor, im blauen Flusswasser spiegeln koennten. Jetzt spiegelt sich gar nichts.

Unterwegs wird Mittagessen serviert - das ist o.k., aber keine kulinarische Erleuchtung - und vor allem stoert es!! Man muss doch dauernd "rumkucken" und sich eine Felsformation nach der anderen angucken, den Schreibpinsel, die Bambussprossen, die Wand der neun Pferde, den Katzenkopfberg, die beruehmte "Yangdi Scenery" und wie sie alle heissen. Und natuerlich die Ansicht von der Rueckseite des 20-Yuan-Scheines. Wenn das Schiff so schnell faehrt wie heute, hat man nicht lange Zeit, diesen Anblick zu identifizieren. Mein Tipp also: Banknote bereithalten und Mittagessen gar nicht erst buchen!

Nach gut drei Stunden erreichen wir schon Yangshuo, brauchen aber noch eine halbe Stunde, bis wir schliesslich an Land gehen koennen, denn da die ganze Armada ungefaehr zur gleichen Zeit los"gesegelt" ist, kommen alle ungefaehr zur gleichen Zeit an - und muessen sozusagen "Schlange treiben". Am Anleger erwarten uns Kormoranfischer, mit denen man sich (fuer Geld, versteht sich) fotografieren lassen kann, auf Wunsch auch ohne Fischer, nur mit Kormoranen. Und dann muss man durch das Souvenirbudenspalier spiessrutenlaufen. Danach lustwandeln wir durch die Weststrasse (Xi Jie), die extrem touristisch ist: Cafés, Restaurants, Souvenirbuden dicht an dicht, dazu fliegende Haendler und reichlich Laerm - aus den Etablissements dringt das Gesaeusel oder Gebruell der Beschallungsanlagen, und der Kuerbisdudelpfeifenverkaeufer spielt Jingle Bells. Dabei kann man hier gar nicht Schlittenfahren! Aber es ist eine Fussgaengerstrasse, so dass man wenigstens von anderen Gefaehrten unbelaestigt bummeln kann.

Am Ende der Weststrasse liegt unser Hotel, das "Paradesa Resort". Weil hier offenbar nicht so hoch gebaut wird, ist das ein Komplex, der mindestens ein halbes Dutzend Gebaeude umfasst. Mit den Hoefen und langen Gaengen mit Terrakottafliesenfussboden und weiss getuenchten Waenden muss ich, ohne mir das bewusst zu machen (es faellt mir tatsaechlich erst beim Schreiben explizit auf), an ein altes Kloster denken. Das wird vermutlich stark von dem vermeintlichen Weihrauchduft unterstuetzt. In Wirklichkeit handelt es sich um Raeucherspiralen, die die Muecken in Schach halten sollen.

Bevor wir aber ueberhaupt einchecken, treffen wir unsere lokale Fuehrerin Ping in William's Seventh Heaven Café, in dem wir auch schon gleich bestellen, was wir morgen gern zum Fruehstueck haetten - denn unser Programm sieht vor, dass wir nicht im Hotel, sondern eben hier im siebten Himmel fruehstuecken. Ping informiert uns ueber die noetige Ausstattung (Hut und Wasser und Sonnenschutzcreme vor allem), Tony informiert Ping schon gleich auf Chinesisch, dass wir Langschlaefer sind, wir wollen doch tatsaechlich erst um 9 Uhr zum Fruehstueck kommen!

Wir checken frueh ein (offiziell erst ab drei Uhr nachmittags, aber man laesst uns schon um halb zwei); der Koffertraeger oeffnet uns die Tuer zum Zimmer 6209 mit den Worten "das schoenste Zimmer", was vielleicht sogar sein kann, denn es ist ein Eckzimmer mit Fenstern auf zwei Seiten. Auf einer Seite befindet sich ein flacher Fenstererker mit bequemem Sessel und Beistelltischchen, auf der anderen geht es auf einen Balkon hinaus. Wir haben zwar keinen Blick auf den Fluss, aber doch auf Wasser in Form des Pools, an dem sich sogar einige Gaeste aufhalten.

Wir sortieren unsere Sachen ein und wollen die Stadt erkunden - das Programm sieht heute nichts weiter vor. Als wir uns auf den Weg machen, sehen wir einen Wegweiser zum rooftop, also einer Dachterrasse. Wir gehen gleich neugierig gucken. Der Blick ueber die Stadt ist ganz nett, aber nicht spektakulaer; und wir muessen leider die Diagnose "Reesche wer'mer kriesche" stellen. Also ruesten wir unser Stadtspaziergangsgepaeck noch mit dem Schirm nach und machen uns dann auf den Weg.

Die West Street sieht, wenn man sie in umgekehrter Richtung geht, auch nicht anders aus. Meine "Lieblingsgeschaefte" kann ich ohne Weiteres identifizieren: das sind die, aus denen lautstark die (von mir so genannte) Tempelmusik quillt und sich mit dem sonstigen Laerm vermischt. Wir sind ein bisschen faul und wollen gern im Café sitzen, am liebsten mit Flussblick. Wir finden an der Strasse, die parallel zum Fluss verlaeuft, das Mian Yuan Café, das einen guten Eindruck macht. Der Flussblick ist allerdings eingeschraenkt durch ein paar Souvenirstaende, die Ufermauer und Baeume – egal. Ich trinke Osmanthus-Caffè Latte, Hommage an den Osmanthuswald (=Guilin), nicht nur originell, sondern gar nicht uebel! Wir sitzen gemuetlich da und beobachten das bunte Treiben auf der Strasse, als ploetzlich der Holzstaender mit dem Menu umkippt und auf der Strasse zerschellt. Ooops! Was ist passiert? Die Katze, die leichtfuessig ueber den Sockel des Staenders gelaufen war, hatte nicht beachtet, dass der Staender zu breit fuer die Treppenstufe war, auf der er stand, und dass sie nicht auf die in der Luft haengende Seite haette treten duerfen. Dummes Tier! Aber sie laeuft einfach ungeniert weiter. Dummdreistes Tier!

Dann faengt es an zu regnen, oder nein, zu schuetten. Erst sitzen wir ja noch gemuetlich auf der ueberdachten Terrasse im Trockenen und das ficht uns nicht an, aber irgendwie will der Regen gar nicht aufhoeren. Wir beschliessen, uns eine Fussmassage zu goennen – bis wir das gesuchte Etablissement auf halbem Rueckweg gefunden haben, sind wir trotz Schirm schon halb nass, igitt! Obwohl es nur eine Fussmassage werden soll, reicht man uns Hemd und Hose, alles 100% Plastik, wie ich zu sagen pflege, noch mal igitt! Aber wenigstens sind die Sachen trocken. Nach 90 Minuten sind wir gut durchgeknetet, und es regnet kaum noch. Jetzt muessen wir uns umziehen und uns fuer unser Abendprogramm vorbereiten: "Sister Liu - Impressionen" (zwei verschiedene Links, beide englischsprachig) heisst die Show, entwickelt von Zhang Yimou, dem Regisseur von Filmen wie Hero oder Rote Laterne – oder von Olympia-Eroeffnungsfeiern. In Frankreich wuerde diese Veranstaltung in der Kategorie "Son et Lumières" laufen. Seit 2004 laeuft das Stueck taeglich (!). Unglaublich. Angeblich hat ein grosser Teil der Einwohner von Yangshuo auf diese Weise zwei Einnahmequellen: tagsueber in einem normalen Beruf als Bauer, Haendler, Handwerker und was weiss ich nicht, abends als Schauspieler.

Wir muessen ein Stueck aus dem Ort hinausfahren. Am Eingang werden Regenmaentel ausgeteilt … zwar ziehe ich ihn schon vorbeugend an, aber dann (bzw. deswegen) bleibt es zum Glueck doch trocken. Hinter den Karstbergen zucken noch vereinzelt Blitze durch den grauen Himmel, bevor die Berge weitgehend im Dunkeln verschwinden, sofern sie nicht speziell angestrahlt werden. Um acht Uhr geht's los: die ganze Show besteht aus einer Abfolge recht bombastischer Massenszenen mit Licht und Farbe und Musik. (Wer einmal ein paar Eindruecke von den Eindruecken sehen moechte, wird bei den obigen Links fuendig oder kann einfach Bilder googeln.) Ich find's nicht schlecht, muss aber sagen, dass ich es mir irgendwie noch toller vorgestellt hatte.

Nach der Show sind wir doch noch ein bisschen "appetitlich" (hungrig waere halt zuviel gesagt) und gehen ins Mei You Café, das trotz seines Namens erstens kein Café ist, sondern ein Restaurant, und zweitens gar nicht nichts hat (mei you heisst naemlich "hamwer nich'"), sondern eine grosse Auswahl. Wir essen Bierfisch, die lokale Spezialitaet, ausserdem fritierte Shrimps mit Teeblaettern und Aubergine aus dem Alupaeckchen. Alles sehr lecker! Wir lassen den Abend mit einem Espresso in einem der zahlreichen anderen Etablissements ausklingen und hoffen, uns dann gleich ins Bett fallen lassen zu koennen, doch nein! Erst heisst es Muecken jagen. Davon gibt's hier nicht zu knapp. Auf dem Weg hatten wir einen Frosch ertappt, der ueber das Hotelgelaende huepfte – statt erschreckt im Lampenlicht zu sitzen und zu glotzen, soll der mal lieber tuechtig Muecken fressen!

Sonntag, 8. Juni 2008

Sonntag, 25. Mai 2008: Guilin

Und wieder graut der Morgen - wann blaut er denn hier mal?! Damit nicht genug, es regnet auch noch. Bis nach dem Fruehstueck hat es ja noch Zeit, sich auszuregnen. Fruehstueck gibt es auf der dritten Etage, mit Ausblick in die Hotelhalle. Im Hinblick auf den Energieverbrauch ist es vermutlich sehr guenstig, dass diese riesige Hotelinnenhalle weitgehend in der Finsternis liegt, aber das drueckt schon ein bisschen aufs Gemuet.

Nach dem Fruehstueck regnet es immer noch. Egal, wir muessen ja erstmal nur ins Auto steigen und danach ein paar Meter zum Eingang der Schilfrohrfloetenhoehle gehen, die innen zwar auch feucht ist (denn das ist eine Tropfsteinhoehle), aber in der es dennoch nicht regnet. Oh, Ueberraschung: das ist eine so internationale Sehenswuerdigkeit hier, dass die Wegweiser sogar auf Deutsch beschriftet sind!! Mein Lieblingsschild, leicht makaber, ist der Wegweiser zum "Fuehrer-Ausruheraum", auf dem jemand das Ausruhe-E mit einem Kaugummi "weggeklebt" hat. Ich habe nicht nachgesehen, wer da ruht.

Tony hat uns schon erzaehlt, dass das die VIP-Hoehle sei: Jeder offizielle Gast muss diesen Ort besichtigen. Na, hoffentlich nicht gerade heute, sonst duerfen wir bestimmt nicht hinein - wie damals in Dresden, als das Gruene Gewoelbe fuer uns wegen VIP-Besuchs verschlossen blieb. Anders als ueblich legt sich hier der Souvenirladen nicht wie eine Wucherung um den Ausgang, sondern schon um den Eingang, er ist zugleich Wartesaal mit Stuhlreihen.

Lange muessen wir aber nicht warten, bevor wir die Hoehle betreten koennen. Sie ist sehr geraeumig und die Wege sind mindestens so gut hergerichtet wie alle anderen Flaniermeilen dieser Welt. Die Tropfsteinformationen haben blumige chinesische Namen (obwohl in europaeischen Hoehlen ja auch immer hoechst fantasievoll Dinge gesehen und entsprechend benannt werden, die prosaischere Gemueter fuer Kalziumkarbonatknuddel halten) und sind zwar farbig angeleuchtet, aber nicht kitschig - ich finde die Illumination recht gelungen, hilft sie doch, die verschiedenen Ebenen und Formen hervorzuheben oder gar erst vernuenftig sichtbar zu machen. Es gibt Loewen, Pilze und eine reiche Gemueseernte sowie eine drachenumschlungene Pagode. Aha! Das ist der Unterschied zwischen Asien und Europa: in Europa waere das unzweifelhaft eine Madonna mit dem Kind gewesen, ich zeige Tony genau, wo sie steht und wo das Kind ist. In der grossen Haupthalle gibt es alle paar Minuten eine Ton- und-Licht-Show. Hm, die finde ich weniger gelungen. Das ist recht bunt, und die Laserfiguren (tanzende Strahlen, wandernde Kreise etc.) sind irgendwie unzwingend. Und dann werden auch noch tuechtig Seifenblasen produziert - wenn ich das jetzt so aufschreibe, frage ich mich, ob der Boden davon nicht doch auf Dauer ein bisschen rutschig wird?

Danach steht der Besuch von Mineralienhaendlern auf dem Programm. Wir halten an der Perlenfabrik. Was, Perlen? Wollen wir nicht - naeh, nich' schon wieder Perlen, maulten die Schweine. ;-) Neinnein, beruhigt uns Tony, hier gaebe es auch Mineralien. Eine lokale Fuehrerin nimmt uns in Empfang und fuehrt uns erst einmal durch das Jade"museum". Es beginnt mit antiker Jade und reicht bis zu zeitgenoessischem chinesischen Kunsthandwerk (modern wuerde ich es nicht unbedingt nennen). Waehrend man sich international gibt, ist das Fotografieren nur auf Chinesisch verboten. Toll, das habe ich zwar halb erraten, aber zu einem Viertel gelesen. Besonders nachhaltig ist mir eigentlich nur ein riesiges Stueck durchwachsener Speck in Erinnerung - naturbelassener Stein, nur die Oberseite ist gelblich-rotbraun eingefaerbt, wie es sich fuer eine ordentliche Schwarte gehoert. Und dann kommt die Verkaufsausstellung - da gibt's natuerlich auch nur so'n Jadekram. Burkhard erklaert Tony, das das nicht das ist, was er sucht, aber waehrend Tony ansonsten recht gut ist, uebersteigen Burkhards Ideen hier sein Vorstellungsvermoegen. Das ist wohl mehr ein interkulturelles Missverstaendnis … na egal, dann eben keine Mineralienhaendler. Wir fahren noch zu einem anderen Laden, der ausser Jadewaren auch Wurzelskulpturen und Schnitzarbeiten und sogar ein paar Stuecke mit Kalzitkristallen und aehnlich Langweiligem hat - aber so sind wir mit diesem Programmpunkt schnell fertig.

Der zweite Laden liegt bei dem Elefantenruesselberg, der NICHT so heisst, aber den wir auch von unserem Hotelfenster aus gut sehen koennen und der unserer Meinung nach viel elefantenfoermiger ist als der andere. Wir klettern nicht hinauf, sondern begnuegen uns damit, ihn von diesseits und jenseits des Flusses zu wuerdigen und die Pagode zu bewundern, die auf einer Felsnadel vor der Elefantennase vermutlich fuer das richtige Fengshui sorgt. Den Fluss kann man hier auf zwei recht chinesischen Brueckchen ueberqueren - kleine genuegen, weil ein Inselchen den Fluss teilt. Am jenseitigen Ufer gibt es lauter offene, ueberdachte Restaurantterrassen, die auch schon gut besucht sind. Wir muessen jetzt aber zum Guilin Park Hotel fahren, aus voellig obskuren Gruenden ist der "Loentsch", den wir bekommen sollen, heute im Programm enthalten. Es gibt Gongbaojiding und andere chinesische Gerichte aus der Kategorie "fuer Anfaenger", also weder Huehnerfuesse noch Seegurken oder Quallen oder 1000jaehrige Eier. Viel zu viel, aber nicht schlecht. Aber auch nichts Besonderes.

Nach dem Mittagessen steht der Palast der Jinjiang-Prinzen auf dem Programm. "Palast" sagen wir auf Deutsch, das steht aber mehr fuer ein Gelaende mit Gebaeuden und Landschaft, eingeschlossen den Berg der solitaeren Schoenheit und den (kuenstlich angelegten) Mondsichelsee an seinem Fuss. Auf den englischen Schildern steht auch, glaube ich mich zu erinnern, "City of the Jinjiang Princes". Die Gebaeude sind weniger beeindruckend, eins ist zu einem kleinen Museum umgestaltet, die anderen sind Raeumlichkeiten der Universitaet. Die Fachgebiete Geschichte und Kunst sind hier ansaessig, wie sinnig. Waehrend die lokale Fuehrerin uns die glueckbringenden kleinen aberglaeubischen Handlungen erlaeutert, die man hier machen kann, bin ich ganz angetan von den vier Maedels, die ihre Promotion dokumentieren wollen und in schwarzen Roben und Doktorhut, aber mit bunten Sandalen an den Fuessen vor einem Fotografierbuerschchen in verschiedenen Konstellationen posieren. Glueckbringende Handlungen: zum Beispiel Kopf und Schwanz des "Drachen" beruehren, der sich um den Mann-und-Frau-Baum schlingt. Dieser Baum ist einer, der von einer Wuergefeige umschlungen ist und das nun schon seit 100 Jahren aushaelt, waehrend er normalerweise schon abgestorben sein muesste. Stutz … Der Drache besteht uebrigens aus fantasieanregenden Stuecken der Feige. Glueckbringende Handlungen zum Zweiten: die Reichtum verheissende Steinvase im Treppengelaender anfassen und dann die Hand in die Tasche stecken - dann ist allzeit "Jelld in de Taesch", angeblich.

Wem das mit dem Glueck noch nicht reicht, der kann die Hoehle mit den 60 Jahresgottheiten besuchen und den Zustaendigen belabern, beschimpfen oder anbeten. Meiner hatte irgendwie ein Schwert, alles andere incl. Namen habe ich vergessen. Gut, dass ich mir vorher schon ein Stueck Glueck gesichert hatte - ohne das waeren wir sicher den Verkaeufern nicht entkommen, die einem unbedingt "Abreibungen" der Felsbilder verkaufen wollen und die man natuerlich nicht umgehen kann, weil der Weg an ihnen vorbei fuehrt. Die besagte Hoehle liegt uebrigens schon im Fels der solitaeren Schoenheit, an dessen Seite auch die groesste Kalligraphie der Gegend zu bewundern ist: nan tian yi zhu steht da, ein Pfeiler, der den ganzen suedlichen Himmel traegt. Direkt neben dieser wahrhaft staatstragenden Rieseninschrift (relativ dezent, gruen auf felsgrauem Grund) liegt dann gleich die "Weinkellerhoehle" - ob das zur Schwere der Verantwortung passt? Die Jinjiang-Prinzen waren naemlich Brueder, die der (ein) Kaiser von China gluecklich hierher entsorgt hatte und die dann 13 (?) Generationen lang hier residiert haben. Sie durften fast soviel wie der Kaiser selbst, zum Beispiel ihre rotlackierten Tueren mit 7x9 Messingbuckeln bestuecken, waehrend dem Kaiser 9x9 zustanden. In Beijing wuerden wir die 81 Buckel sehen koennen, versichert uns die lokale Fuehrerin.

Aber zurueck zum Berg der solitaeren Schoenheit. Ausser der Riesenkalligraphie gibt es noch viele in kleinerem Format, darunter auch eine indische. Unsere Fuehrerin verabschiedet sich von uns - wenn man den Berg besteigen will, muss man das ungefuehrt tun. Nicht dass man sich verirren koennte oder eine Seilschaft braeuchte - nein, es gibt schon eine ordentliche Steintreppe. Aber die ist zum Teil recht steil und nicht ueberall beschattet, will sagen, die knapp 300 Stufen sind ein bisschen anstrengend. Aber eigentlich ein Wunder, dass es trotzdem so vergleichsweise bequem ist. Immerhin ragt der Fels - bei grober Abstraktion - wie eine aufrecht gestellte Streichholzschachtel auf, will sagen, fast quaderfoermig (es ist also kein Kegel) mit einer breiten und einer schmalen Seite. Die Blicke von oben entschaedigen fuer die Strapazen, auch wenn es jetzt sonnig, aber nicht ganz klar ist. Auf dem Li-Fluss trainieren diverse Mannschaften mit dem Drachenboot, denn das gleichnamige Fest naht (8. Juni). Jenseits des Flusses kann man eine interessante Konstruktion sehen, eine Mischung aus Pyramide und Schieferdach-Weihnachtsbaum, sozusagen (wahrscheinlich ist es eher ein Holzdach). Das sei ein Trommelturm der Dong-Minderheit, erklaert Tony. Der habe als Versammlungsraum gedient.

Nachdem wir so lange den Ausblick genossen haben, bis wir uns vom Aufstieg erholt hatten, geht's an den Abstieg, den ich genau so unangenehm finde. Unten goennen wir uns erst mal ein Eis am Stiel und fahren dann zum Mausoleum der Jinjiang-Prinzen. Die Strasse dahin ist ganz schoen schlecht - ueberraschend schlecht dafuer, dass sie zu einer der Sehenswuerdigkeiten fuehrt, die in fast jedem Reisefuehrer steht. Zugegeben, sie steht zwar im Reisefuehrer, aber nur in den wenigsten Reisegruppenprogrammen. Trotzdem. Unterwegs kommen wir an einem riesigen Friedhof vorbei, als Einstimmung auf das Thema Mausoleum, sozusagen. Das ist der oeffentliche Friedhof von Guilin (man erinnere sich: einer Kleinstadt). In China wird traditionell erdbestattet, auch wenn die Regierung mittlerweile versucht, die Urnenbestattung zu "promovieren" - wie heisst das nochmal auf Deutsch? Schliesslich will ich ja nicht sagen, dass demnaechst Dr. Urnenbestattung der Vorzug gegeben werden soll. ;-))

Bevor wir das Mausoleum erreichen, kommen wir durch bluehende Landschaften. Nicht dass ich Blueten saehe, aber die Luft ist schwer von suessem Bluetenduft (die Poeten pflegten nicht immer zu uebertreiben, ich empfinde es wirklich so). Insofern ist es wenig ueberraschend, dass man reihenweise Bienenstoecke am Wegesrand zu sehen bekommt. Wenn es fuer mich schon koestlich duftet, muss es fuer die Bienen ja wohl paradiesisch sein.

Ob fuer den Prinzenfriedhof "Mausoleum" das richtige Wort ist, sei dahingestellt. Es handelt sich um ein recht grosses Areal, in dem jede Prinzen-Grabanlage aus einer aeusseren und einer inneren Mauer besteht, mit zwei Hallen und einer Prozessionsstrasse, deren mittlerer Teil den Prinzen vorbehalten war (und der rechte den Militaers, der linke den zivilen Wuerdentraegern - oder war's umgekehrt?). Die Prozessionsstrasse wird von Paaren steinerner Figuren bewacht, die rechts und links Spalier stehen. Insgesamt soll das hier eine Art Miniaturausgabe der Ming-Graeber in Beijing sein - Bilder von dort kennt man ja, wobei ich mich immer ueber die Verschiedenartigkeit der Figuren wundere. Ein "echter Waechter", ein Schaf, ein PiXiu - so ein Sammelsurium!

Die erste Halle wird leider zur Zeit renoviert, was nicht nur das Fotografieren, sondern auch den Frieden des Ortes empfindlich stoert. Zwar ist Sonntag, aber der wird ja auf chinesischen Baustellen nicht anders behandelt als andere Wochentage. Statt himmlischer Ruhe und Bienengesumm in warmer, bluetenduftgesaettigter Sommernachmittagsatmosphaere kreischen Saegen, und es stinkt nach Lackloesemitteln, die vermutlich nicht sehr gesund sind. Schade - sonst waere es richtig toll hier, zumal nicht viele Besucher da sind.

Hinter der letzten Halle befindet sich das Grab unter einem riesigen Erdhuegel, nicht kleiner oder anders als die alten Tumuli in den westlichen Regionen Frankreichs. Hier "tobt das Bio" - wir stoebern einige interessante Raupen auf und einen bunt metallisch schillernden Kaefer. Schmetterlinge gibt es auch reichlich. (Bei der Gelegenheit fallen mir Wolf Schneiders Ausfuehrungen ueber das Wort Schmetterling ein - ja, da hat er Recht, es ist schon komisch, dass diese zarten, unstet flatternden Wesen mit einem Wort bezeichnet werden, das womoeglich fuer einen kraftvoll die Trompete blasenden Musikanten viel passender gewesen waere.)

Tony geraet ins Philosophieren - warum wir wohl den Palast und die Graeber der Jinjiang-Prinzen auf dem Programm haetten. Das wuerden wir ja doch alles gar nicht verstehen. Stutz?! Na ja, dafuer haben wir ihn ja: dass er es uns erklaert, so dass am Ende selbst so unwissende Langnasen wie wir einen kleinen Einblick in die Wunder der chinesischen Hochkultur erlangen koennen. Ich glaube nicht, dass meine Erklaerung ihn ueberzeugt, aber sei's drum.

Im Hintergrund liegt der Berg Yao, auf den - gut sichtbar - eine Seilbahn fuehrt. Aber es ist ja diesig; wir fahren also direkt zurueck in die Stadt und lassen uns in der Naehe des Dong-Turms absetzen. Ganz so nah nicht - Tony ist wohl besorgt, dass wir nicht zum Hotel zurueckkommen, wir sind ja schliesslich auf der anderen Seite des Flusses. Deshalb wirft er uns am 5-Sterne-Hotel der Amerikaner heraus, da gaebe es immer eins. Wir muessen also an der Uferpromenade promenieren, um zu diesem Park zu kommen, in dem der Turm sich befindet. Wir kommen an Haufen von abgebrannten Boellern vorbei - die hatten wir auf dem Berg der solitaeren Schoenheit schon von weitem gehoert. Und an provisorischen Tempeln in Zelten. Das sind die Ruderertempel, in denen jede Mannschaft beim zustaendigen Gott oder Geist fuer den Sieg des eigenen Bootes wirbt, unter anderem mit Boellern. Oder ob jedes Team einen eigenen Gott/Geist hat?

Schliesslich finden wir den Eingang zum Minderheitenpark. Die Ticketbuden sehen so aus, als seien sie schon "hundert" Jahre nicht mehr in Benutzung gewesen, aber das Tor steht offen, und auf den Schildern an den Buden steht ein langes Programm geschrieben, was hier jeden Tag von vormittags bis abends um zehn passiert. Aber der Kontrolleur will uns nicht einlassen. So ein Frust. Ich aergere mich ein bisschen vor mich hin, aber es hilft ja nix. Wir beschliessen also, ein Taxi zum richtigen Elefantenruesselberg zu nehmen. Zum Glueck biegt gleich eins um die Ecke, so dass wir nicht bis zu dem besagten Hotel zuruecklaufen muessen. Die Taxifahrerin behauptet implizit, sie sei "multi-tasking", und uns beschleicht der Verdacht, dass wir gar nicht in ein Taxi, sondern in ein fahrendes Buero eingestiegen sind. Sie telefoniert ununterbrochen mit dem "Hendl" am Ohr, was zwar auch in China verboten ist - aber wer will so kleinlich sein. Zwischendurch guckt sie Telefonnummern auf einem klein und eng bedruckten, laminierten DIN A4-Blatt nach - das sind wohl die Stammdaten ihres Geschaefts … und vielleicht zugleich das wichtigste Betriebskapital. Trotzdem erreichen wir heil unser Ziel fuer kleines Geld - die Grundgebuehr betraegt in Guilin 7 RMB und ist damit zwar schon deutlich hoeher als in Chongqing (5), aber ein Klacks im Vergleich zu Shanghai (11).

Das Spaetnachmittagslicht ist gerade gut und wir wollen rasch hinein in den Park rund um die Ikone von einem Berg - da faengt die "Besatzung" der Ticketbude (mindestens 4 oder 5 Leute) mit einer langen Diskussion an. Wir sollten bitte eine halbe Stunde warten. Waaas?! Dann ist doch das Licht weg. Die Diskussion wird immer laenger und lauter, wir mit etwas Chinesisch, zwischendurch englische Brocken … da ist auch ein junges Paerchen aus der spanischen Gruppe, das auch hinein moechte … am Ende holt Burkhard das Mobtel hervor und beginnt, die Beschwerde-Hotline anzurufen. Solche Nummern stehen hier naemlich an allen Touristenattraktionseingaengen (die vom Minderheitenpark hatte ich mir aufgeschrieben). Aha, daraufhinkoennen wir alle vier hinein. Bald darauf kommt einer angerannt und drueckt Burkhard zwei Tickets in die Hand. Das also war des Pudels Kern: die Eintrittskarten waren ausgegangen. Na ja, wenn man zu mehreren da ist, haette ja wohl schon laengst einer ausziehen koennen, neue Kartenbloecke zu besorgen, als der alte zur Neige ging. Stattdessen mit auslaendischen Touristen 'rumdiskutieren, so dass die im Zweifelsfall frustriert und unverrichteter Dinge abziehen, scheint mir fuer eine Stadt, die im Wesentlichen vom Tourismus lebt, wenig angebracht. Das ist mir auch noch nie passiert, dass ich binnen einer halben Stunde an zwei Sehenswuerdigkeiten abgewiesen werde.

Wie auch immer, das Licht ist gut und Burkhard kann die Fotos vom Ruesselberg wie gewuenscht einfangen. Dann besteigen wir auch diesen Huegel mit noch einmal an die 200 Stufen. Oben steht eine Pagode, die aber gar nicht so aussieht, wie Langnasen sich Pagoden vorstellen. Dies ist einfach ein Ziegelgebaeude ohne Zugang, das schnoerkellos vermutlich als Wachturm gedient hat.

Auf der Aussichtsplattform nach Westen wollen wir den Sonnenuntergang ueber den Karstbergen beobachten. Es sieht schon gut aus, als wir dort ankommen - das "gelbe Ding" ist noch ein Stueck oberhalb der unwirklich aussehenden Pappkulissen (denn echt koennen die ja wohl nicht sein, diese Berge) in einem leichten Dunst, der dadurch zart gelb-orange eingefaerbt wird. Wie auf kitschigen Bildern. Aber was macht sie dann, die Sonne?! Noch bevor sie die Berge erreicht, verschwindet sie einfach sang- und klanglos in Wolken, von denen man vorher gar nicht gesehen hat, dass sie da waren. Nae, nae, das hat die hiesige Tourismusbehoerde aber schlecht organisiert.

Wir beschliessen, jetzt erst einmal zum Hotel zurueckzugehen, das ist ja nicht weit. Wir muessen wieder ueber den Fluss - oha, was ist das? Das Wasser fliesst jetzt wenige Zentimeter unterhalb des Steges, der vorhin noch in einiger Hoehe ueber der Wasseroberflaeche lag. Und wo ist die kleine Landzunge, auf der ein Angler gesessen hatte? Und die Plattform, auf der ich vorhin gestanden hatte, um den "Ausblick auf den Durchblick" zwischen Ruessel und Vorderbeinen des Elefanten zu betrachten, ist jetzt ueberschwemmt. Huch! Schnell weg! Der besagte Durchblick ist jetzt auch deutlich kleiner als vorher, denn der Wasserspiegel ist in so kurzer Zeit recht stark angestiegen.

Bald erreichen wir das Hotel und sind ein bisschen muede und koennen uns nicht recht durchringen, noch herumzulaufen - die Fuesse sind das Muedeste. Hungrig sind wir auch nicht wirklich, so dass wir uns am Ende mit dem "Begruessungsobst" und ein paar Keksen begnuegen. So versaeumen wir auch, uns den Hotel-Wasserfall von innen anzusehen - aber es wird sowieso nicht viel anders aussehen als in einer Autowaschanlage. ;-))

Sonntag, 1. Juni 2008

Samstag, 24. Mai 2008: Himmel, Pfannkuchen und Wolkenbruch

Ich habe recht gut geschlafen in dieser "Bretterbude", muss ich sagen, es war (zugegeben: auch dank Klimaanlage) nicht zu warm - und selbst blutsaugende Plagegeister wurden nicht gesichtet, die durch die (wenigen) Loecher in den Fliegengittern haetten hereinkommen koennen. Hier in den suedlicheren Gefilden von China scheint zum Glueck die "Lakenmethode" weitgehend unbekannt zu sein, statt dessen gibt es richtige Bettdecken in einem Bettbezug. Seeehr vernuenftig!! Wenn ich bloss nicht den Wecker eine Stunde zu frueh gestellt haette! So weckte er arg uebertrieben frueh. Kaum bin ich mit dem Duschen fertig, faellt der Strom aus - maafi kachraba, wie die Araber sagen - und bleibt weg. Da muss Burkhard im Schein einer Taschenlampe duschen. Seiner Taschenlampe. Dies ist ungefaehr die einzige Unterkunft auf unserer ganzen Reise, in der eine Taschenlampe nicht zur Zimmerausstattung gehoert.

Vermutlich ist der Stromausfall auf das Morgengewitter zurueckzufuehren, das sich hier in den Bergen mit Blitz, Donner und Waberwolken ueber den Reisterrassen festgesetzt zu haben scheint. So ein Mist! Wir wollen doch heute noch in der Landschaft herumstreunen! Trotz oder wegen des Wetters ist der Blick aus unserem Zimmerfenster auf die sieben Mondbegleiter mindestens so schoen wie gestern und wegen der schnell ziehenden, tiefliegenden Wolkenfetzen viel abwechslungsreicher.

Vielleicht hoert das Gewitter ja noch auf; wir gehen erst einmal fruehstuecken. Wir bekommen ungefragt "western breakfast", was mit Cowboyfilmen nichts zu tun hat. Apropos Cowboys: hatte ich schon mal erwaehnt, dass die auf Chinesisch auch woertlich "Kuhjunge" heissen? Und was tragen Kuhjungen? Kuhjungenhosen, natuerlich, niu-zai-ku. Wir nennen die Jeans. Aber zurueck zum Fruehstueck: es gibt 4 Scheiben Waberweissbrot (passend zu den Waberwolken), dazu 1 kaltes, durchgebratenes Spiegelei, 1 Glas quietschorangefarbenen Zuckerbrei mit Geschmack, aber ohne einen Hauch von Saeure (soll vermutlich Marmelade darstellen), 1 Banane, 1 Pfannkuchen und die Auswahl "coffee or juice". Gut, dass wir Tee trinken, so koennen wir Tee UND Saft bekommen. Nach dem Fruehstueck beratschlagen wir mit Tony. Da das Gewitter vorbei zu sein scheint und der Regen zumindest nachlaesst, wollen wir gern zum alten Zhuang-Dorf gehen. Alternativ koennen wir direkt abreisen - das geht gar nicht, wir haben doch noch nicht genug gesehen!! Mit Schirm und Regencape und Wanderstock bewaffnet gehen wir gegen halb zehn Uhr los. Die Aussichten auf die sieben Sterne, die den Mond begleiten, bleiben faszinierend. Nach einer Weile erreichen wir noch eine alte Wind- und Regenbruecke - die heissen alle so, lerne ich bei der Gelegenheit, das ist also kein Eigenname, sondern eine "Typenbezeichnung" fuer ueberdachte Bruecken. Sie hat Sitzbaenke an den offenen Galerien, auf denen man Platz nehmen kann, waehrend man das Ende des Regens abwartet. Aber im Moment faellt so gut wie kein Regen, so dass Tony uns nur die grosse Steintafel erklaert und wir dann gleich weitergehen. Auf der besagten Steintafel ist verzeichnet, was jeder Dorfbewohner in den Bau der Bruecke investiert hat: Soundsoviel Geld und soundsoviele Arbeitstage, jeder ist namentlich aufgefuehrt.

Unterwegs findet Burkhard eine kleine Schlange mit rotem Bauch, von der Groesse eines besseren Regenwurms - aber sie ist tot. Was wir hingegen gar nicht antreffen, sind Touris. Heute koennten ja alle ein bisschen wasserscheu sein, aber schon gestern Nachmittag waren kaum welche unterwegs. Tony meint, die meisten kaemen als Tagesausfluegler von Guilin und wuerden daher erst am spaeten Vormittag eintrudeln - aber andererseits, faellt mir spaeter auf, gibt es doch diese zahlreichen Hotels und Gaestehaeuser?! Wie auch immer, mir soll's recht sein, wenn wir heute Vormittag die tolle Landschaft fuer uns haben. Irgendwann erreichen wir das alte Zhuang-Dorf. Ein steinerner Tuerrahmen samt Holztuer markiert die Dorfgrenze. Das Dorf sieht nicht viel anders aus als PingAn, nur dass es nichts fuer Touristen gibt, sondern bloss die "normalen" Einrichtungen des Dorfes. Auch hier sind die Haeuser aus Holz, und es gibt relativ viele Hunde. Als erstes stossen wir auf einen Brunnen aus der Qing-Zeit: ein vielleicht 1,5 Quadratmeter grosser, rechteckiger Steintrog mit ein paar Schriftzeichen auf der Vorderwand sowie je zwei steinernen Froeschen und Krebsen auf den vier Eckpfosten. Frueher habe der das Dorf mit Trinkwasser versorgt.

Im Zentrum des Dorfes liegt eine weitere Wind- und Regenbruecke, wobei diese noch einen dritten Eingang an einer Seite hat. Auf dem Boden ist ein rundes Medaillon in den Steinboden gearbeitet. Sein Drei-Fische-Motiv stehe fuer das "harmonische Miteinander" von Han, Zhuang und Yao. Ein paar Meter vom Seiteneingang der Bruecke entfernt liegt ein Drachenbrunnen unter einem einfachen Dach. In den mehr oder weniger offenen Erdgeschossen der Haeuser hier an der Gasse sitzen einige Dorfbewohnerinnen und beaeugen uns im Vorbeigehen. Eine hantiert mit Speck, auch wenn nur Huehner und Enten zu sehen sind. Wir inspizieren den Brunnen: Das Wasser quillt hier aus dem Berg, es ergiesst sich von einem kurzen, drachenfoermig gestalteten Stueck steinerner Wasserleitung in ein flaches, laengliches Auffangbecken, woraus es mit einem deutlichen Strudeltrichter abfliesst. Auf der anderen Seite der Gasse verrottet ein altes Wasserrad vor sich hin - Tony sagt, die Wassermenge, die aus den Bergen kaeme, sei zuletzt nicht mehr ausreichend gewesen, das Rad anzutreiben. Klimawandel? Im Moment gibt es aber genug Wasser, denn die Wolken haben soeben zu brechen begonnen, oder wie sagt man bei einem Wolkenbruch?

Wie gut, dass hier ja gleich die Wind- und Regenbruecke ist! (Fengyu qiao uebrigens, sprich feng-ü tschjao, mit dem bekannten unbetonten e, das damit irgendwo zwischen e und ö landet.) Wir warten zusammen mit dem aelteren Herrn, der schon die ganze Zeit da sitzt. Ob das der Dorfvorsteher oder sowas ist oder bloss ein ganz gewoehnlicher Buerger? Ich versuche, ein bisschen was vom schwarzen Brett des Dorfes zu entziffern: Wer in den Wald geht, zuerst Feuer anzuenden! Hm. Das kann doch nicht sein, oder? Tatsaechlich heisst "setzen, stellen" und "verhindern" beides "fang", wenn auch mit unterschiedlichem Ton und abweichendem Schriftzeichen (aber mit gemeinsamer Komponente). Also ist es doch auch hier erste Buergerpflicht, Waldbraende zu verhindern statt sie zu legen. Das ist mir vielleicht eine Sprache …

Es dauert eine ganze Weile, bis der Regen wenigstens nachlaesst - leider hoert er nicht auf, da hilft jetzt nichts: da muessen wir durch. Auf dem Rueckweg gucke ich dementsprechend viel zu Boden; vielfach ist der Weg mit Steinen befestigt, die, wenn nass, blau-gruen gebaendert erscheinen. Die sind ja richtig schoen, und jetzt verstehe ich auch die Sprachen, in denen es fuer blau und gruen EIN Wort gibt, wie zum Beispiel Chinesisch: diese Steinplatten sind qing (sprich: tsching). (Jaja, es gibt jetzt auch separate Woerter.)

Gegen ein Uhr mittags sind wir schliesslich zurueck. Da in unserem Programm ja extra auf die Pfannkuchen des Hauses hingewiesen wird, essen wir noch Apfel- und Bananenpfannkuchen, auch wenn wir sie schon vom Fruehstueck kennen. Salzige Belaege gibt es leider nicht, schade. Dafuer landet vor dem Essen eine fliegende Schabe auf dem Tisch, das ist ja nun nicht schoen … am Vorabend hatten schon welche das Licht sehr attraktiv gefunden. Nur nicht weiter drueber nachdenken …

Dann machen wir uns wieder auf den Weg. Das Dorf ist jetzt tatsaechlich schon voller, das sind dann wohl die Tagesausfluegler. Die haben aber wirklich kein Glueck, denn der Regen hat jetzt wieder zugenommen. Beim Abstieg zum Parkplatz will ich einen Haufen getrockneter Eidechsen fotografieren, die eine Frau da zum Kauf anbietet, aber sie laesst mich nicht, nicht einmal gegen Geld. Das ist ja bloed!

Dann koennen wir uns erst einmal buchstaeblich zuruecklehnen, waehrend Shi Shifu uns nach Guilin zurueckfaehrt. Unterwegs machen wir an der Teeplantage halt, die nach der dritten Schwester Liu benannt ist: Liu San Jie (Link in englischer Sprache mit einer Kurzfassung der zugehoerigen Legende). Eine singende Nationalheldin ist das hier sozusagen in der autonomen Region Guangxi, in der Guilin liegt. In der Teeplantage wird sie uns gar als eine Fee dargestellt von einer staendig kichernden lokalen Fuehrerin. Was hatte die bloss??

Jedenfalls fuehrt sie uns durch den Teegarten, laesst uns zwei Blattspitzen Tee essen (schmeckt vor allem nach Blatt), erklaert ein paar Standarddinge ueber die Herstellung von Tee (nichts wirklich Neues) und erlaeutert die zahllosen positiven Wirkungen des Tees auf die Gesundheit. Dann koennen wir uns eine Teezeremonie angedeihen lassen, um verschiedene Sorten zu probieren. Darunter meinen Standard-Buerotee: Oolong mit Osmanthusblueten. Das sei hier eine Spezialitaet in Guilin, was nicht weiter verwundert, heisst Gui doch nichts anderes als Osmanthusbaum (und Lin Wald). Die kleinen gelblichen, suess duftenden Blueten, die die Baeume im September tragen, parfuemieren nicht nur Tee, sondern auch Kuchen und Suessspeisen. Auch hier wird der Ginseng-Oolong serviert, den wir schon in Chongqing kennengelernt haben und der ebenfalls wieder gut schmeckt. Der gruene Tee, den wir probieren, ist nicht schlecht, der weisse aber nicht so mein Fall.

Dann fahren wir weiter, es ist nicht mehr sehr weit bis "Guilin-City". Fuer chinesische Verhaeltnisse ist das eine Kleinstadt mit nur etwa 750.000 Einwohnern. Aber diese unglaubwuerdigen Berge, die da ueberall herumstehen … sogar mitten in der Stadt. Man kann die Stadt selbst trotzdem nicht als bergig bezeichnen, die Karstkegel ragen einfach zwischen den Haeusern auf. Wir checken im Li-Fluss-Wasserfall-Hotel ein, eins der groessten und besten Haeuser am Platz, versteht sich. Waehrend der Klotz nicht gerade besonders toll aussieht, haben wir ein schoenes grosses Zimmer im 12. Stock (das ist die oberste Zimmer-Etage) mit Blick auf den Li-Fluss, den Elefantenruesselberg und den See mit den zwei Pagoden. Allerdings liegt unser Zimmer so, dass wir nur eine sehen koennen – die andere versteckt sich vollstaendig dahinter. Trotzdem: der Blick ist gar nicht uebel. Waeren da nur nicht im Hintergrund die Pappkulissen von diesen unechten Bergspitzen. ;-))

Fuer den Abend haben wir die Bootsfahrt "2 Fluesse und 4 Seen" gebucht, Tony hat das schon gleich per MobTel von unterwegs erledigt. Aber bis dahin ist noch Zeit. Weil der Regen jetzt wieder aufgehoert hat, beschliessen wir, einen Gang um den See zu machen. Die Pagoden sind auch keine Zwillingstuerme, sondern deutlich unterschiedlich. Die, die wir von unserem Zimmer aus sehen koennen, ist goldfarben und hoeher und schlanker als die andere, die bunt bemalt ist. Und jetzt kommt sogar die Sonne ein wenig hervor!

Als wir etwa zwei Drittel des recht kleinen Sees umrundet haben, finden wir den Zugang zu den Pagoden, die Sonnen- und Mondpagode genannt werden. Was, 30 RMB pro Nase? Na gut … Ausser den zwei Tuermen gibt es auch eine huebsche, sehr chinesische Gartenanlage mit Felslabyrinth und Wasserfall und Kalligraphien, die man dafuer besichtigen darf. Wir steigen zuerst auf die Mondpagode. Die ist reichlich mit Schnitzwerk geschmueckt, jede der sieben Etagen hat ein anderes Thema. Auf der sechsten Etage geht es zum Beispiel um spielende Kinder, auf der dritten um die Landschaft von Guilin. Auf der obersten Etage wartet ein "Pagodenheiliger" auf uns, der einen weissen Bart hat und einen roten Mantel traegt. Ich kann mir nicht helfen – das muss doch ein chinesischer Nikolaus sein?!! Wir sehen eine Gruppe eintrudeln und beeilen uns daher, schnell wieder herunterzukommen und "den Massen" auf der Sonnenpagode zuvor zu kommen. Wir hatten uns schon gefragt, wie man ueberhaupt zur Sonnenpagode kommt, ist doch vom See aus kein Zugang erkennbar. Mit einem Boetchen uebersetzen? Kann irgendwie auch nicht sein, es gibt nicht einmal einen Anleger. Des Raetsels Loesung finden wir im Keller der Mondpagode: es gibt einen Tunnel, der hinueberfuehrt. Der ist ganz psychedelisch ausgeleuchtet und damit ein kleiner Bruder des sogenannten "Fussgaengertunnels" unter dem Huangpu in Shanghai, scheint mir.

Wir nehmen dankbar den Aufzug an, der uns auf die siebte der neun Etagen der Sonnenpagode bringt. Die letzten beiden Stockwerke muss man auf steilen, engen Messingtreppen selber erklimmen, um oben Buddha-Altaere zu finden. Der Blick unterscheidet sich nicht wirklich von dem aus der Mondpagode, die insofern bequemer war, als sie aussen einen Umgang hatte. Dann wird es langsam Zeit, dass wir uns auf den Rueckweg zum Hotel machen, ein Drittel des Sees haben wir ja noch vor uns.

Um zwanzig nach sieben treffen wir Tony in der Lobby. Er fuehrt uns wieder zum See zurueck – ach so, das ist hier auch der Anleger fuer die abendlichen Bootsfahrten. Die sind so beliebt, das mindestens drei oder vier Schiffe zur gleichen Zeit ablegen, und immerhin gibt es drei Touren pro Abend. Wir teilen das Schiff mit einer Gruppe Spanier – aha, die reisen jetzt also auch schon in China herum. Die Sitzplaetze unter dem Glasdach sind nummeriert, aber wir wollen natuerlich sowieso lieber an Deck gehen. Als wir um 19:25 Uhr ablegen, ist soeben die Beleuchtung der Pagoden angeschaltet worden. Wenn es blau waere, waere das jetzt gleich die blaue Stunde – sieht schoen aus. Die Sonnenpagode wird mit gelblichem Licht beleuchtet, die Mondpagode mit weissem, wie sich das gehoert. Wir fahren ueber vier Seen und die beiden Fluesse, die in der Stadt zusammenfliessen: den Li-Fluss und den Pfirsichbluetenfluss. Alle diese Gewaesser gehen irgendwie ineinander ueber, und es ist schon ganz schoen beeindruckend, wie die Stadtvaeter oder -muetter ihre Stadt in Szene setzen fuer die Touristen. Bruecken, Berge, Ufer, Pagoden, Baeume, ein Wasserfall - alles wird angeleuchtet. Was die Bruecken betrifft, waren die Stadteltern aber weniger kreativ als bei der Beleuchtung: wir fahren unter der Bruecke her, die vom Sommerpalast in Beijing kopiert ist, unter der Budapester Bruecke (oder war's die Prager Karlsbruecke?), unter einer Kleinausgabe der Golden Gate Bridge … Die brauchen hier auch mal was Eigenes, ein Jodeldiplom oder so! Aber halt, haben sie ja: eine Bruecke ganz aus Glas. Wobei die Gestaltung ansonsten europaeisch inspiriert ist.

Unterwegs muessen wir uns natuerlich noch eine Kormoranfischergruppe ansehen. Fischen mit Kormoranen, das geht so: man nehme ein Bambusfloss, eine Lampe, einen Eimer, einen Kabelbinder und natuerlich einen Kormoran. Mit dem Kabelbinder schnuere man den Hals des armen Vogels ein wenig ein, so dass keine Fische hinuntergehen. Dann zuende man die Lampe an, fahre aufs Wasser hinaus und scheuche den Vogel vom Boot. Der taucht dann und faengt die vom Licht angelockten Fische. Theoretisch. Hier sind das ziemlich dicke Brocken – damit es auch genug zu sehen gibt, werden die Fische von jemandem auf dem Ausflugsboot an der Touri-abgewandten Seite ins Wasser geworfen, und meist schnappen die Kormorane sie, noch bevor sie sich ueberhaupt vom Licht angezogen fuehlen koennen. Der Vogel will seinen Fang herunterschlucken, was natuerlich nicht geht, wegen des Kabelbinders. Der Fisch bleibt also im oberen Teil des Halses stecken. Weil der Kormoran gut abgerichtet ist, kommt er dann zum Fischer zurueck, unter dessen Anleitung er den Fisch wieder hervor- und in den Eimer wuergt. Irgendwie gemein, finde ich!

Als wir nach etwa einer Stunde wieder anlegen, ist es schon fast Zeit fuer den kuenstlichen Wasserfall an der Fassade unseres Wasserfall-Hotels. Dafuer steht das Hotel sogar im Guinness-Buch der Rekorde – na ja, so viele Fassadenwasserfaelle wird es ja nicht geben auf der Welt. Um 20:30 Uhr faellt das Wasser, und schon vorher versammeln sich schaulustige Massen auf dem Platz hinter dem Hotel. Wie durch ein Wunder steht wenige Meter vor uns niemand anderes als die amerikanische Reisegruppe von OAT. Jetzt ist das Hallooo! schon groesser, und am Ende nimmt der glatzkoepfige Hobby-Fotograf, der allerdings noch einiges zu lernen hat uebers Fotografieren, doch noch unsere Visitenkarte mit. Er will uns mal ein Mail schreiben nach der Heimkehr (bis zum 4. Juni sind sie allerdings noch unterwegs). Da bin ich aber gespannt, ob er das tut. Erstmal will er wissen, wo wir wohnen - hinter dem Wasserfall?! Wow! Dafuer hat er keine Ahnung, wo sie selber untergebracht sind, aber man braucht ja auch keine Ahnung, sondern bloss eine Visitenkarte des Hotels, und die hat er. Ausserdem hat die Gruppe schliesslich ihren Reisefuehrer dabei.

Was den Wasserfall betrifft, ist das ja zwar eine ganz lustige Idee, aber so wirklich verstehe ich nicht, was der Gag daran sein soll. Als das Schauspiel, fuer das ich definitiv keinen Eintritt bezahlen wuerde, vorbei ist, ist es schon fast neun Uhr. Wir gehen rasch zum "Congee-Koenig", einem Restaurant ganz in der Naehe, das uns Tony empfiehlt. Spezialitaet ist, wie der Name schon vermuten laesst, Congee, waessriger Reisbrei. Hier schmeckt er nicht so ploerrig wie schon mal auf den Fruehstuecksbuffets (ist halt nur Reis und Wasser mit gar nichts in der Grundform), sondern wie eine schmackhafte Reissuppe, aber mein Leibgericht wird das sicher nicht. Die Kartoffelnudeln schmecken ganz gut, riechen aber irgendwie scheusslich. Aber wir werden satt, und es ist nicht teuer. Danach sind es zum Glueck nur wenige Meter bis zum Hotel, so dass wir schon bald in unsere schoenen breiten Betten fallen koennen.

Samstag, 31. Mai 2008

Freitag, 23. Mai 2008: Das Rueckgrat des Drachens

Das Fruehstuecksbuffet im Intercontinental ist recht unuebersichtlich, aber nicht das beste, das ich je gesehen habe. Trotzdem war wohl fuer jede/n was dabei. Wir sind gegen 10 vor 9 Uhr morgens in der Lobby, unser Fahrer ist auch da - unsere Fuehrerin ist nicht da. Der Fahrer ruft sie an - sie steckt im Stau. Kurz nach neun kommt sie, wir fahren gleich ab. Das sei alles kein Problem, meint sie - nun gut, ist ja ihre Verantwortung, uns puenktlich am Flughafen von Chongqing abzuliefern. Es regnet immer noch, und zumindest in der Stadt ist ganz schoen viel Verkehr. Aber sie behaelt Recht, wir sind am Ende sehr puenktlich da.

Im Auto gibt sie uns noch einmal eine Zusammenfassung unserer "drei" Tage in Chongqing und Dazu. Als sie damit anfaengt, versteht Burkhard gar nichts mehr - guckt mich grimmig-fragend an: Was soll das denn jetzt?! Alles noch einmal Revue passieren lassen, sage ich. Und das samt Anleitung, was das mit uns zu machen hat: "we should enjoy" - "we should like". Derart praepariert muessen wir den Kundenzufriedenheitsfragebogen ausfuellen. Normalerweise halte ich ja nicht hinter dem Berg mit Kritik, hier habe ich aber ein bisschen Sorge, ob die "in den richtigen Hals" geraet. Sie hat ja fleissig auswendig gelernt, was man den Touris erzaehlen muss. Manchmal merkte man das sehr deutlich, wenn sie sich ein bisschen verhedderte und die Nadel wieder neu auf die Rille setzen musste. Aber was das alles bedeutet, was sie da erzaehlt, hat sie wohl nicht selber nachempfunden, und dass sie sich auf uns eingestellt hat, kann man wirklich nicht sagen. Erstmal zuhoeren!! Auch wenn hier deutlicher Verbesserungsbedarf besteht, will ich ihr aber nicht gleich "einen 'reinwuergen".

Ach ja, hatte ich ja ganz vergessen zu berichten: Gestern Abend gegen zehn klingelt unser Telefon. Unsere Fuehrerin ist dran. Wir seien ja ausgegangen. Ob alles in Ordnung sei?! Irgendwie kann ich mir nicht helfen: das klingt nicht wie freundliche Fuersorge, sondern wie Ueberwachung. Davon ganz abgesehen haette sie uns ja ein Abendprogramm organisieren koennen, aber sie hatte ja selbst befunden, dass es sicher am einfachsten waere, wenn wir ein Taxi naehmen. Hat wohl erwartet, dass das Wetter uns schon im Haus halten wuerde … Sehr seltsam hier, das alles.

Auf dem Flughafen kennt sie sich aber besser aus als wir und muss nicht erst nach dem Schalter von Xiamen Airlines suchen, wo wir ohne Warten direkt einchecken koennen. Sie erklaert uns noch, dass wir da drueben durch die Sicherheitskontrolle gehen muessen, als haetten wir noch nie einen Flughafen gesehen, dann ueberlaesst sie uns unserem Schicksal. An der Kontrolle streitet ein Chinese lautstark und an der Handgreiflichkeitengrenze mit den Sicherheitsbeamten - so wuerd' ich's auch machen. Wir beeilen uns, uns aus dem "Krisengebiet" zu entfernen, um an Ausgang 21 zum Flug nach Guilin niemand anderen zu treffen als die amerikanische Reisegruppe von OAT. Kein grosses, aber doch ein kleines Hallooo! Waehrend wir noch gemuetlich einen Caffè Latte trinken, erfahren wir, dass die Amerikaner von Chongqing aus urspruenglich nach Tibet weiterreisen wollten. Fuer die ist Guilin sozusagen auch nur zweite Wahl.

Der Flug ist sehr puenktlich, unser Gepaeck ist diesmal auch sehr schnell da, und Reiseleiter "Tony" Li Hu nimmt uns in Empfang. Vor dem Flughafen warten bunte Blechpalmen und ein silberfarbener Kleinbus samt Fahrer Shi Shifu. Wir verstauen das Gepaeck, steigen ein und sind gespannt: laut Programm haben wir jetzt einen "scenic drive" vor uns und am Ende sogar noch eine Serpentinenstrecke, es scheint also richtig in die Berge zu gehen! Aber zuerst sehen wir mal erste Karstberge, diese ganz unecht aussehenden rundlichen oder spitzen oder schmalen, flachen Berge, die unvermittelt in der ansonsten recht platt wirkenden Landschaft aufragen, teilweise mit senkrechten Waenden. Wenn diese Berge auch nur ein bisschen entfernt liegen, sehen sie gleich aus wie Kulissen, die in unterschiedlichen Grautoenen angestrichen sind, um den Eindruck von Tiefe zu erwecken.

Zuerst bleiben wir in den besagten breiten, flachen Taelern, in denen Reis und Obst und andere Dinge angebaut werden. Meistenteils offenbar in Handarbeit, wir sehen Leute und reichlich Vogelscheuchen auf den Feldern arbeiten. Wir kommen an einer Teeplantage vorbei, die wir auf dem Rueckweg besuchen koennen. Entenzucht ist auch sehr beliebt. Bevor die Strasse in die Berge fuehrt, machen wir noch an einer Tankstelle halt. Ah ja, wir entfernen uns langsam ein bisschen von dem, was ich Zivilisation nennen wuerde - die Toiletten sind hier ohne Tuer.

Ja, und dann wird es bergiger und die Strasse kurviger; wir fahren jetzt wohl auf den Drachen hinauf, dessen Rueckgrat dem Bezirk den Namen gibt: LongJi. Am Strassenrand und an den Berghaengen sieht man recht grosse Holzhaeuser stehen. Hier wohnen die Zhuang – sie bilden mit mehr als 15 Millionen die groesste der ueber 50 ethnischen Minderheiten, die es in China gibt. Insgesamt machen alle Minderheiten zusammen aber gerade mal 5% der Bevoelkerung aus; die Mehrheit der Han-Chinesen ist also ueberwaeltigend.

Schliesslich erreichen wir eine Strassensperre in einem Dorf in einem Flusstal - ai, was ist das? Verkehrskontrolle? Terroristenfahndung? Nein, eher Touristenfahndung: hier muss man eine Eintrittskarte fuer die Landschaft kaufen! Das Dorf liegt, wie gesagt, in einem Gebirgsflusstal. Der Fluss hat ein relativ breites, steiniges Bett und fliesst um diese Jahreszeit relativ rasch, aber seicht dahin. Bestimmt verwandelt er sich auch manchmal in einen reissenden Strom … Nach nicht allzu langer Strecke im Flusstal und einem Stueck mit echten Haarnadelkurven hangaufwaerts erreichen wir den Parkplatz unterhalb des Dorfes PingAn. Das Dorf ist autofrei, aber nicht etwa, um den Touristen etwas Gutes zu tun, sondern weil es keine Strassen hinauf gibt (und weil die Wege im Dorf ohnehin zu eng waeren, wie wir spaeter sehen). Ja dann: Wanderschuhe und -stoecke auspacken und auf Schusters Rappen weiter. Wieso heissen die eigentlich Rappen? Sind doch gar nicht schwarz. 20 Minuten soll es dauern, so ist es auch ungefaehr. Wir duerfen ohne Gepaeck gehen, dafuer gibt es Gepaecktraeger, die mit grossen Strohkiepen die Befoerderung uebernehmen, fuer 20 RMB pro Stueck. Unser Koffer geht zwar nicht hinein, aber mei wenti - kein Problem, der wird dann oben drauf befestigt. Die Gepaecktraeger entpuppen sich aber nicht als kraeftige junge Maenner, sondern als kleine duenne, schon recht alt aussehende Frauen. Als Adjektiv faellt mir zu ihnen eher zaeh als stark ein. Am peinlichsten ist ja, dass wir uns "im Schweisse unseres Angesichts" selbst hinaufschleppen, waehrend die Gepaecktraegerinnen mit ueber 20 kg auf dem Ruecken keine grossen Anzeichen von Anstrengung zeigen. Auf halbem Weg passieren wir die Wind- und Regenbruecke. Im Moment benoetigen wir ihren Schutz vor Wind und Regen nicht, hoechstens ihren Schatten: sie ist ueberdacht. Ich hatte ja erwartet, dass es hier in den Bergen etwas kuehler sei, aber Tony sagt, mehr als 1-2 °C Unterschied gaebe es nicht.

Wir erreichen das Gaestehaus gegen viertel nach drei. Als "basic, but nice" ist es in unserem Programm beschrieben, da bin ich ja gespannt. Wir beziehen Zimmer 307 am Ende des Ganges mit Fenstern auf zwei Seiten, schon mal gut. Boden, Waende, Decken - alles ist aus Holz mit reichlich Astloechern, es wuerde mich nicht wundern, wenn gleich einer einen Aufguss macht, oder bin ich doch nicht in der Sauna? Die "Nasszelle" ist natuerlich nicht soo toll, Toilette und Dusche liegen auf ca. 2 m Wand gleich nebeneinander, ohne Vorhang oder sonstige Trennung. Wenn da erst einer geduscht hat, muss das Toepfchen wohl nass sein – das ist unvermeidlich. Aber sauber isses, dann wollen wir ja nicht maulen. An den Fenstern sind moderne Mueckengitter im Schiebe-Alurahmen - bestimmt gibt's hier reichlich von den blutsaugenden Plagegeistern. Also bewerfe ich mich mit "Antimueck", denn um vier Uhr ist Abmarsch.

Unterwegs haben wir schon die ersten Reisterrassenfelder gesehen, deretwegen die Touristenstroeme die Gegend durchfliessen. Weil die Berge ein bisschen steil sind und Reisfelder nun mal eben sein muessen, damit das Wasser auf ihnen stehen kann, haben die Zhuang hier in und seit Jahrhunderten eine faszinierende Kulturlandschaft geschaffen: Terrassenfelder, bei denen die einzelnen Stufen oft nur wenige Meter breit sind, manchmal nur einen einzigen Meter. An der breitesten Stelle. Mittlerweile wuerden die Zhuang hier nicht mehr unbedingt Reis anpflanzen, aber die Regierung gibt ihnen dafuer Geld, so dass Kulturlandschaft und Touristenattraktion erhalten werden koennen. Die Feldarbeit bleibt muehsam - manuell und "bovinell", will sagen mit Bueffeln. Aber zusaetzlich dazu koennen jetzt alle Familien des Dorfes aus dem Tourismus Geld schlagen. Es gibt so viele Gaestehaeuser und Restaurants und Krambuden … 'tschuldigung, Kunsthandwerkslaeden, meine ich. Wer ueber all dem keine Zeit mehr hat, auf dem Feld zu arbeiten, heuert dafuer eben einen Arbeiter an, sagt Tony.

Unser Wanderweg fuehrt uns in typisch chinesischer Sachlichkeit zu Aussichtspunkt Nr. 1 und Aussichtspunkt Nr. 2. Nix ach was, die heissen wirklich so und werden auf Wegweisern so bezeichnet! Aber wer darueber enttaeuscht ist, kann aufatmen: NATUERLICH haben diese Aussichtspunkte auch Namen voller typisch chinesischer Blumigkeit. Seven Stars Accompanying the Moon, so heisst Nr. 1, also sieben Sterne, die den Mond begleiten. Nicht vergessen: es geht um Reisfelder. Ich bemerke erst spaeter, dass diese sieben Sterne ja genau die sind, auf die wir von unserem Zimmer aus einen schoenen Blick haben. Die sehen aber auch wirklich toll aus!

Um diese Jahreszeit besteht der Reiz der Felder darin, dass das Wasser auf ihnen steht und sie so vielfaeltig den Himmel spiegeln. Spaeter werden es dichte, saftig-gruene Pelze und noch spaeter, zur "Golden Week" Anfang Oktober, goldgelbe Strohmatten werden. Damit das Gold Anfang Oktober noch da ist, wenn der Touristenstrom noch einmal besonders anschwillt, wird hier spaet gepflanzt, erklaert Tony. Ach so, jetzt verstehe ich das. Auf der Fahrt hierher hatten einige der Reisfelder ja schliesslich schon das Gruene-Pelze-Stadium erreicht. Das ist also gar nicht auf klimatische Differenzen zurueckzufuehren, sondern bloss darauf, dass man frueher angefangen hat.

Kurz hinter den 7 Sternen wartet eine Gruppe von Yao-Frauen auf die Touris. Die Yao sind eine weitere ethnische Minderheit hier in der Gegend (insgesamt zweieinhalb Millionen). Die eintrittskartenpflichtige Landschaft umfasst zwei Huegel: den von PingAn, auf dem wir uns befinden, und den von JinKeng. Der erste gehoert den Zhuang, der zweite den Yao. Die Zhuang sehen es nicht gerne, wenn die Yao in ihrem Gebiet Geschaefte machen, ausser vielleicht hier am Wegesrand, sagt Tony. Umgekehrt genauso, versteht sich. Auch ansonsten hat er uns gebrieft: Die Maedels stehen da und wollen sich fuer Geld fotografieren lassen. Sie wuerden mit 10 RMB fuer eine anfangen, aber da muessten wir handeln. Schliesslich werden wir bei "alle fuer 25" handelseinig. Alle - das sind 9 oder 10. Daraufhin stellen sie sich auf und lassen - Rapunzel, Rapunzel! - ihr Haar herunter. Und das ist mindestens knielang. Jede hat drei lange, schwarze "Schwaenze". Davon zwei lose in der Hand; ich wittere schon Betrug, aber nein: wenn die Yao-Frauen 18 Jahre alt sind, werden einmal im Leben die Haare abgeschnitten, danach nie wieder. Den 18-Jahre-Pferdeschwanz (denn sie flechten ihn nicht etwa zu einem Zopf, sondern binden ihn nur oben zusammen) halten sie ihr Leben lang in Ehren. Den zweiten losen Schwanz sammelt frau ihr Leben lang auf, aus dem Kamm und vom Fussboden oder ich weiss nicht woher. Und der dritte ist eben "noch dran". Und was macht man mit diesen Haaren? Etwas zusammendrehen zu einem langen Strang und diesen um den Kopf drapieren wie einen Turban, dabei oben auf der Stirn einen Dutt produzieren. Solange frau unverheiratet ist, traegt frau ein schwarzes Tuch auf dem schwarzen Haar, das den Dutt auch bedeckt, nach der Hochzeit bleibt der Dutt frei. Bescheid, da weiss mann gleich, woran mann ist. Unsere Maedels hier sind natuerlich alle verheiratet und aus dem Maedelalter auch schon laengst heraus. Tony ueberredet sie noch, ein Lied fuer uns zu singen, was sie dann auch tun. Danach gehen wir weiter und haben noch lange Begleitung von zweien, die uns an jeder Ecke neu bunt bestickte Baender und Etuis udglm aus ihren grossen Kiepenkoerben zum Kauf anbieten. Die sind ganz schoen hartnaeckig, aber am Ende kaufen wir trotzdem nichts. Der Wanderweg ist uebrigens schmal (man muss schon im Gaensemarsch gehen), aber prima aufbereitet und meist eben, verlaeuft er doch offenbar auf einer Isohypse, einer Linie gleicher Hoehe.

Zum Aussichtspunkt 2 muss man dann noch einmal ein bisschen nach oben. Dieser heisst Nine Dragons and Five Tigers. Ich lasse mir von Tony erklaeren, wo diese Tiere denn nun sind. Die fuenf Tiger sind fuenf eher kleinere, rundliche terrassierte Berge. Man stelle sich die Berge also vor wie aus duennen, mehr oder weniger rundlichen Scheiben aufgeschichtet, jede Scheibe immer etwas kleiner als die darunterliegende. Das, was nicht von der darueberliegenden Scheibe bedeckt ist, ist das Reisfeld. Die oberste Terrasse ist daher ein mehr oder weniger rundes Feld. Soweit klar? Dann kann ich jetzt auch die neun Drachen erklaeren bzw. erst mal einen: die imaginaeren Scheiben sind jetzt nicht rundlich, sondern ein bisschen "zungenfoermig" und werden nach oben hin zwar schmaler, aber nicht unbedingt kuerzer, denn man muss es sich ja so vorstellen, dass die "Zungenspitze" ins Tal weist und das andere Ende an einem schraeg abfallenden Berghang anliegt. Ich hoffe, dass meine werte Leserschaft es sich jetzt einigermassen vorstellen kann. Und die neun "Zungenstapel" kann man sich jetzt als neun Drachen vorstellen, die die Koepfe im Tal zusammenstecken.

Am Aussichtspunkt will mir wieder eine der Yao-Frauen was verkaufen und packt mich am Arm und laesst mich gar nicht wieder los, was mir ein bisschen unangenehm ist, vor allem, wo sie trotz warmen Wetters eine eiskalte Hand hat, brrr! Nicht dass es sich um ein Gespenst handelt?!

Ich beschaeftige mich alldieweil weiter mit Insektenfotografie. Es gibt hier eine Menge Krabbeltiere, und nachdem Tony mitbekommen hat, dass wir uns auch dafuer interessieren, weist er uns auf besondere Exemplare hin (Pluspunkt!), zum Beispiel auf zwei grosse, bunte Wespen (?) bei der Paarung. Er erklaert uns auch, dass der gebrochene Bambus, den wir zum Teil an den Haengen sehen, im letzten Winter unter den Schneelasten geborsten ist. Bambus! Geborsten! Wo Bambus doch ein Inbegriff von flexibler Staerke ist! Das muss schon sehr heftig gewesen sein. Jaja, wir erinnern uns an das Schneechaos zum chinesischen Neujahr … Aber jetzt sieht alles ganz idyllisch aus, und am Wegesrand wachsen ein paar Walderdbeeren, sogar ganz ohne Wald.

Irgendwann zwischen sechs und sieben erreichen wir wieder das Dorf: Holzhaeuser ohne Naegel gibt es da, viele Baustellen auch - aber da wird auch schon mal getackert, die nagelfreie Bauweise war halt auch frueher wohl nicht auf ein Beduerfnis nach handwerklicher Exzellenz zurueckzufuehren, sondern auf einen Mangel an Metall. Insofern ist man nicht dogmatisch hier, auch wenn immer noch allerhand verzapft wird. Ausserdem gibt es dicke Schweine im Stall (leider kein grosser geraeumiger, und ganz ohne Auslauf, arme Schweine!) sowie dicke Spinnen im Netz. Wer unter Arachnophobie leidet, ist hier schlecht aufgehoben. Es gibt ziemlich viele.

Unterwegs sehen wir, wie jemand Froesche fuers Abendessen vorbereitet: mit einer kleinen spitzen Schere wird ihnen bei lebendigem Leib der Bauch aufgeschlitzt. So kleine Dinger … nicht nett. Dann schon lieber Bambusreis: wir sehen, wie jemand schon ganz verkohlte Bambusrohrstuecke noch weiter im Feuer hin- und herdreht. Tony klaert uns auf: man nehme Reis, ein bisschen Gemuese und Wasser, fuelle alles in ein hohles Bambusstueck, das auf einer Seite durch einen Bambusknoten verschlossen ist, stopfe die andere Seite mit einer Scheibe von einem Maiskolben zu und gare alles im Feuer, bis der Reis fertig ist. Aha! Das muss ich natuerlich probieren!

Wir kommen noch an einem Etablissement vorbei, das fuer "Foot Message" ;-)) wirbt - meine Fuesse geben mir die Nachricht, dass sie gern an der frischen Luft spielen moechten, insofern brauche ich keine fremden Fussbotschaften. Aber wir sind ja nun auch fast da. Wir essen in der Gaststube unseres Gaestehauses; es gibt Haehnchen suess-sauer (ohne Knochen, wird uns schon gleich versichert), frische gebratene Pilze, Auberginen und Bambusreis. Nicht der Wahnsinn, aber auch nicht richtig schlecht. Am schlechtesten ist das Haehnchen. Zum Nachtisch bestellen wir fritierte Banane, sehr lecker. Dazu gibt uns jemand einen Fragebogen vom Tourismus-Buero Guilin. Als Belohnung fuers Ausfuellen bekommen wir eine DVD in die Hand gedrueckt.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Donnerstag, 22. Mai 2008: In Grossem Fuss

Die meisten Haeuser hier auf dem Land sind weiss oder jedenfalls hell und haben rote oder rotbraune Kanten, selbst Neubauten mit Plattenbaucharme (nein, nicht Bauch-Arme, sondern Bau-Charme! ;-)) ) oder gefliesten Fassaden folgen diesem Muster. Meine Frage, ob das hier typisch sei, wurde aber gestern verneint. Vielleicht ist das ueberall in China so?

Wir sind jedenfalls in Grossem Fuss unterwegs, oder heisst das nach koelscher Manier ("auf dem Alter Markt") in Grosser Fuss? Oder auf? Auf Chinesisch nennt sich das DaZu, und in der Umgebung dieses Ortes finden sich tausende Felsskulpturen. 50.000, meint der DuMont - wie man die wohl zaehlt? Unsere Fuehrerin will uns zum Baodingshan, Schatzberg, fuehren. Nur dahin. Gut, dass ich noch vom Nordberg (Beishan) gelesen hatte, ohne Extra-Aufforderung waere der glatt an uns vorbei gegangen bzw. wir an ihm vorbeigefahren. Das war keine tolle Leistung.

Der Wettergott ist mit dem Leben auf grossem Fuss irgendwie nicht einverstanden; er scheint uns wegspuelen zu wollen und sendet Bindfadenregen. Buchstaeblich, man kann die Faeden auf den Fotos sehen, so ein Mist!

Die Skulpturen am Baodingshan sind in recht verschiedenen Gruppen angeordnet, die eine Abfolge bilden, deren innerer Zusammenhang sich mir leider nicht erschliesst - sind halt alle buddhistisch. Es beginnt mit einer Steintafel, auf der die UNESCO bestaetigt, dass diese Skulpturen in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden sind. Ein grosser Buddhatorso begruesst die Besucher - mit stoischer Gelassenheit? Wohl kaum. Gleich daneben befindet sich der Eingang zur Hoehle der vollkommenen Erleuchtung, aber die ist seit dem Erdbeben fuer Besucher geschlossen. Uh-oh … unsere Fuehrerin meint, das sei kein Problem - so nach dem Motto "hier sind noch genuegend andere Sachen". Hm. Das ist ja nun kein Argument.

Das Relief von der Bueffelerziehung soll ein Gleichnis fuer den Weg des Buddhismus sein. Danach kommt der Daemon mit dem grossen Rad des Lebens. Der aeussere Kreis zeigt, wie man sich von der Schlange ueber den Fisch und vierbeinige Tiere bis zum Erleuchteten entwickeln kann. An der Nabe des Rades ist - ja, wer eigentlich? Buddha? - von den drei Grunduebeln umgeben: Dummheit, Habgier und Falschheit, verkoerpert durch Taube, Schwein (buuuhh!) und Schlange. Unsere Fuehrerin verwechselt Taube mit Schwein, nochmal buuuhh! Und wer oder was haelt das Rad des Lebens in Bewegung? Lust, Caution, haette der gleichnamige Film geantwortet, in korrekter Weise erklaert heisst das Macht und Lust, personifiziert durch Mann und Frau. Gegenueber wird das Steingelaender von einem naschhaften Rabenvogel gekroent, den der Bildhauer just in dem Moment zeigt, in dem … "nicht uebel, und er taucht schon wieder den Schnabel in die Tiefe nieder". Ganz klar: wie Papier, Schiffahrt, Nudeln und Fussball haben die Chinesen auch Hans Huckebein, den Ungluecksraben, lange vor Wilhelm Busch erfunden!

Als naechstes kommen drei riesenhafte Figuren, die leicht vorgebeugt und geduckt unter einem Ueberhang stehen - das hat den Vorteil, dass man sie ohne die sonst uebliche Verzerrung wuerdigen kann - und der leichte Ueberhang haelt wenigstens teilweise die Bindfaeden ab, wenn auch nicht genug. Da ist die naechste Halle schon besser, weil es eben eine Halle ist. Die Rueckwand wird von Avalokiteshvara mit 1000 Haenden und Augen eingenommen, ein Gott oder Buddha der Barmherzigkeit. So viele Haende nehmen natuerlich ganz schoen Platz weg: 88 Quadratmeter, wenn ich mich recht erinnere. Und meistenteils vergoldet. Dann muessen wir die Halle leider schon wieder verlassen, draussen wartet der ueber 30 m lange liegende Buddha - hier in China nennt man den nicht tot, sondern "ins Nirvana eingehend". Den stoert das Wetter nicht, er hat einen gelassen-entrueckten Gesichtsausdruck. Ich schreite die Galerie der halben Bodhisattvas ab (Damen und Herren ohne Unterleib), die vor seinem Koerper aufgestellt sind. Nur nicht in den kleinen Wasserlauf treten, der sich davor entlangschlaengelt, fein saeuberlich in einem steinernen Bachbett gefasst - die Fuesse werden ja schon von oben nass. Gegenueber steht der bei den Chinesen beliebte Pfauenkoenig, der sein Leben schlecht begonnen, aber gut beendet hat und so doch noch erleuchtet werden konnte. Es ist nie zu spaet …!!

Dann kommen die beiden Hauptwaende, die den Glaeubigen und Unglaeubigen vor Augen fuehren, wie es in Himmel und Hoelle so ist. Kurzzusammenfassung: Himmel gut, Hoelle schlecht, weshalb man versuchen sollte, letztere zu vermeiden. Unsere Fuehrerin erklaert Himmel wie folgt: unbegrenzt Essen, unbegrenzt Geld, unbegrenzt Macht. Ooops! Wenn das mal gut geht … Was die Bildwerke betrifft, erinnere ich mich vor allem an den ungewoehnlichen Engelsbuddha mit Fluegeln, der auf westliche Einfluesse zurueckzufuehren sei - im Buddhismus haben nur Voegel Fluegel.

Dann fahren wir zum Beishan. Unterwegs kommt uns ein Bauer mit einer richtigen Prachtsau entgegen, gross und rosa. Hoffentlich muss sie nicht schon zum Schlachter. Sollen die Leute doch ihre Perlen weiterhin den Huehnern vorwerfen - Perlhuehner seien die lokale Gefluegelspezialitaet, erklaert uns unsere Fuehrerin angesichts der vielen Exemplare, die in kleinen Kaefigen vor jedem Restaurant ganz frisch warten.

Der Beishan hat einen ganz anderen Charakter als der Baodingshan. Es faengt damit an, dass die ganze Anlage seeehr ordentlich hergerichtet ist. Auf dem riesigen Parkplatz steht nur ein Bus. Ganz allein werden wir also auch bei diesem Wetter nicht sein - natuerlich eine deutsche Gruppe, stellt sich dann heraus, wir sind ja ein kulturbeflissenes Voelkchen. Waehrend wir uns etwa 140 Stufen herauf durch den Regen schleppen, ruft uns ein Vogel immer wieder aufmunternd seine abfallende 4-Ton-Sequenz zu. Als wir oben sind, stellen wir erfreulicherweise fest, dass der Raum vor den Skulpturen und Reliefs ueberdacht ist (und auch vergittert). Schon mal gut!

Das Bildprogramm ist weniger abwechslungsreich - hier liegt im Wesentlichen eine Nische neben der anderen, und da ist entweder irgendein Buddha oder ein Bodhisattva oder eine Tie Guan Yin oder so aehnlich drin. Waehrend die Skulpturen am Schatzberg vielfach recht bunt gefasst waren, sind diese hier nicht sehr farbig, vielfach naturbelassen, teilweise mit einem blassroten Erdton hervorgehoben. Das "Mittelstueck", die Gebetsmuehlenhalle, ist leider mit einem Gitter geschlossen, dabei sind an den Seiten ausgezeichnet gearbeitete Reliefs. Schade. Die Halle hat ihren Namen von einer riesenhaften polygonalen Saeule, die den Berg ueber ihr traegt. Riesenhaft bezieht sich auf den Durchmesser - die Hoehlen oder Nischen sind meist nicht viel hoeher als 3 Meter. Um diesem massiven Gebilde ein bisschen Leichtigkeit zu verleihen, ist ein Teil in der oberen Mitte so weit weggearbeitet worden, dass nur 6 Saeulchen auf den Ecken in Form von eleganten Drachen uebrig geblieben sind. Damit wirkt die Saeule wie eine grosse Laterne - oder eben eine grosse Gebetsmuehle.

Es gibt auch einige Kalligraphien in verschiedenen Schriftstilen zu bewundern, aber viel weniger, als ich nach der Lektuere des Reisefuehrers erwartet hatte.

Dann geht's die etwas rutschigen (und natuerlich gelaenderlosen) Treppen wieder hinunter. Das Konzept "Gelaender" scheint hier vielfach unbekannt zu sein; wir kommen trotzdem heil herunter und treten gleich die Rueckfahrt nach Chongqing an, wo wir irgendwann zwischen drei und vier Uhr nachmittags am Hotel Intercontinental ankommen. Hier weist man uns das Zimmer 2018 an. Ich betrete es und denke, das ist die Raeucherkammer - so ein voellig verrauchtes Hotelzimmer hatte ich ja schon ewig nicht mehr! Schlecht fuer einen 5-Sterne-Laden: man hatte uns beim Einchecken nicht gefragt, ob wir gern ein Nichtraucherzimmer haetten. Also frage ich jetzt den Koffertraeger, ob wir eins bekommen koennen, dies hier sei doch gar zu rauchig. Der junge Mann ist nicht etwa nicht zustaendig, sondern regelt das in Nullkommanix per Fernsprech, und es dauert nur die Zeit, dass er mit dem Aufzug hinunterfaehrt, zur Rezeption geht und wieder herauffaehrt, da haben wir die Schluesselkarte fuer das Nichtraucherzimmer 2319 in der Hand. Das war jetzt, wie es sich fuer 5 Sterne gehoert.

Wir sind ein bisschen faul und schlapp nach dem verregneten Vormittag in Dazu und dem einschlaefernden Transfer und koennen uns zu nichts Rechtem entschliessen, zumal es immer noch regnet. Schliesslich lacht mir die Badewanne im Prunkmarmorbad mit Riesenfenster zum Zimmer einladend zu - ja, wenn ich schon so freundlich aufgefordert werde, dann nehme ich doch gern ein heisses Bad. :-))

Um kurz vor sechs machen wir uns dann auf die Suche nach den Guenstigen Winden 123, so der Name des Restaurants, das nicht zu weit entfernt sein und gute Sichuan-Kueche anbieten soll. Irgendwie finden wir es auch, ich moechte fast sagen "trotz" des Stadtplans. Es liegt recht steil oberhalb des Flusses, wie steil, sehen wir erst spaeter wirklich. Das Bronzedenkmal fuer die haengenden Haeuser, auf das wir kurz vorher stossen, ist naemlich weniger uebertrieben, als ich denke. Gluecklicherweise hat der Regen mittlerweile - endlich! - aufgehoert.

Wie auch immer, wir essen reichlich, haben ein bisschen zu viel bestellt. Schmeckt aber gut! Vor allem die Chili-Shrimps, nach denen man erst einmal in einem Meer von Chilischoten fischen muss. Da ziehen wir mit der Schaumkelle viel mehr an Land, als wir gedacht hatten.

Nach dem Abendessen nehmen wir ein Taxi zur grossen Halle des Volkes. Es ist noch fast ganz hell (so hell, wie es heute eben war) - wenn es nicht so grau waere, waere das jetzt die blaue Stunde. Wir haben gerade den Volksplatz betreten, da geht Schlag auf Schlag die Beleuchtung an. Sauber abgepasst! Innerhalb von etwa 20 Minuten bricht die Nacht herein, man kann also schoene Fotos machen. Auf dem hinteren Ende des Platzes ist eine grosse Gruppe mit Taiji zugange; hier tun auch ein paar Gaeste zaghaft am Rande mit. Soviel haette ich jetzt auch schon gekonnt! Den Rhythmus gibt laute Musik vor. Das ist nicht weiter schlimm - bis eine zweite Gruppe mit einer offenbar anderen Taiji-Richtung und anderer Musik dagegen zu halten beginnt. Wir nehmen ein Taxi und entfliehen zu einem unbekannten Ziel - unsere Reisefuehrerin hatte uns einen Ort fuer eine gute Nachtansicht aufgeschrieben. Der Fahrer setzt uns an einer Bruecke unterhalb der haengenden Haeuser ab. Waas??! Da oben ist unser Restaurant?

Burkhard macht ein paar Fotos, wir sehen uns die Illumination weit hinten jenseits des Flusses an. Ob das an einer Bruecke oder am Ufer ist, kann ich nicht entscheiden. Dann versuchen wir, die Treppe nach oben zu finden, um zu Fuss zum Hotel zurueckzugehen. Gar nicht so einfach, aber schliesslich finden wir nicht nur die Treppe, sondern auch so ein typisch chinesisches Laden- und Gassengewirr mit Haeusern, die zumindest hoelzern aussehen. Ich denke aber, dass das Holz meistenteils nur Beton verkleidet, das ist naemlich alles ziemlich neu, und der Aufzug, der uns schliesslich nach ganz oben bringt, ist ganz modern. Vom Sortiment der Laedchen her zu urteilen interessieren sich die Leute in Chongqing und ihre Gaeste uebrigens vor allem fuer eins: Essen. Wir interessieren uns jetzt mehr fuers Schlafen, aber vorher geluestet es mich noch nach einem Espresso oder aehnlichem. Den nehmen wir in der Hotelbar ein, zu Live-Musik. Très chic!