"Bei Vollmond wird der Wat, sobald sich die Decke aus Dunkelheit ueber ihn gelegt hat, gleich wieder zu schauerlichem Leben erweckt. Wenn die Tuerme gerade in der Finsternis fast verschwunden sind, umreisst ein blasses ueberirdisches Licht hinter ihnen ihre Form aufs Neue, und dann steigt eine riesige leuchtende Scheibe langsam durch einen fedrigen Wolkenschleier empor, wobei sie veraechtlich einen schwachen Stern erstickt, der dem dunkler werdenden Himmel schuechtern einen winzigen Lichtpunkt aufgesetzt hatte. Und in den seltsamen, metallisch-gelblichen Strahlen des Mondes werfen Sie Ihren eigenen langen Schatten vor sich auf die steinernen Bodenplatten des Dammwegs, als Sie sich schliesslich widerstrebend vom Tempel abwenden und Ihnen durch den Kopf geht, dass Sie erst noch die dunkle Halle der aeusseren Fassade passieren muessen, bevor Sie sicher sein koennen, dass Sie die Gesellschaft der Geister, die den Ort nach Sonnenuntergang fuer sich beanspruchen, hinter sich gelassen haben.
Um einen von ihnen auszumachen, brauchen Sie keine gestoerte Fantasie; werfen Sie nur einen Blick auf eine der Vorhallen an einer Stelle, an der ein Teil des Daches eingestuerzt ist. Dort steht eine grosse menschliche Gestalt; durch das Loch im Dach faellt das Mondlicht voll auf die Krone auf seinem Haupt, mit dem er sachte nickt, als ob er mit jemandem plaudern wuerde, den die Schatten vor Ihren Augen verbergen. Am naechsten Morgen werden Sie die alte brahmanische Gottheit unbeweglich und teilnahmslos wie eh und je an ihrem angestammten Platz finden, und der gesunde Menschenverstand wird Ihnen sagen, dass die einzigen Dinge, die sich an seinem Zufluchtsort zu naechtlicher Stunde bewegen konnten, die Fledermaeuse waren ... aber seltsamerweise haben solche Argumente sehr wenig Ueberzeugungskraft, wenn Sie ihn um Mitternacht allein besuchen!
Man muss uebrigens nicht bis zum Einbruch der Nacht warten, um in Angkor Wat die Naehe der Geister zu spueren. Zu allen Zeiten ist der Wat voll von ihnen: Geister von Priestern und Prinzen in Prachtgewaendern, von Wallfahrern und Tempeldienern und Taenzerinnen, und vor allem von den Tausenden einfacher Arbeiter, die geschuftet haben, um ihn zu errichten und auszuschmuecken. Ihnen kommt es so vor, als saehen Sie sie ueberall in der heissen Sonne, wie sie sich abrackern und schwitzen, mit blutenden Haenden und gedehnten Sehnen, unter den Peitschen der Aufseher und dem Laerm der Antreiber-Musik, die ihre Schreie uebertoent; wie sie die riesigen Steinbloecke ziehen, schieben, rollen und mit einer Zauberkraft, die uns auf immer verborgen bleiben wird, aufrichten und in Position bringen, um dann ihre Oberflaeche so lange zu reiben, bis die Verbindungsstellen unsichtbar geworden sind. Ueberall in den Hoefen und Galerien, in denen die himmlischen Taenzerinnen von den Waenden herablaecheln und vergangene Schlachten in dem schwankenden Panorama aufs Neue ausgefochten werden, braucht es nur wenig Fantasie, um das Klopfen der geisterhaften Meissel zu hoeren oder das schwache Klirren, das entsteht, wenn einer beiseite gelegt und ein anderer zur Hand genommen wird. Und waehrend Sie gemaechlich die endlosen schattigen Galerien der Flachreliefs abschreiten, die vom grellen Licht draussen widerstrahlen, halten Sie instinktiv Abstand von den Rueckwaenden, aus Angst, die Bildhauer zu stoeren, die - so stellen Sie es sich jedenfalls vor - dort hocken oder stehen und kurz aufsehen, wenn Sie vorbeigehen, oder von ihren leichten Bambusgeruesten herunterschauen, mit demselben stummen, traurigen Blick, mit dem auch ihre Nachkommen Sie ansehen, wenn Sie ihnen auf den Strassen oder Waldpfaden des heutigen Kambodscha begegnen.
Die meiste Zeit ueber sind die am hoechsten gelegenen Hoefe des grossartigen Wat so friedlich und still wie ein Berggipfel und werden genau so selten gestoert. Sie koennen dort so einsam sein wie der, der 'allein auf einen Berg stieg, um zu beten'; und, seltsam genug, dieser luftige Horst ist nicht etwa in der Morgendaemmerung oder bei Sonnenuntergang am einsamsten, sondern zur Mittagszeit, wenn alle Welt im gleissenden Sonnenschein zu schlafen scheint. Der ganze riesige Tempel ist in eine heisse, atemlose Stille getaucht, in die hin und wieder das Pfeifen einer Fledermaus wie ein Tropfen in ein Wasserbecken faellt; oder vielleicht wird eine 'Tokek'-Eidechse die Stille mit ihrem eigenartigen heiseren Ruf aufschrecken, den sie noch ein paar Mal wiederholt, immer leiser, bis er schliesslich unbeendet erstirbt, ganz so, als ob auch sie in einen Traum abgedriftet waere."
Damit habe ich, wie bereits erwaehnt, meinen Vorrat an Sommer-Sonne-Farbe-Waerme-Geschichten aus Angkor Wat aufgebraucht. Diesen Text von H. G. Ponder findet man uebrigens auch in der englischen Fassung online. Und immerhin, so kann ich erfreut berichten, sah es heute draussen nicht mehr furchtbar aus, es war vielmehr ein ganz klein wenig blau und zeitweise auch sonnig.
Jaja, ich weiß, manche/r hätte gern mehr Fotos aus Shanghai und von unterwegs gesehen ... insgesamt sind in den vergangenen dreieinhalb Jahren ca. 45.000 Stück entstanden. Aber das hat man eben nur zum Teil meiner Faulheit zu verdanken - zu einem mindestens genau so großen Teil der chinesischen Regierung mit ihrer "great firewall". Hoch lebe das freie Internet!
Wer weiterhin meine Bemerkungen über Gott und die Welt lesen möchte, klickt bitte hier:
Das neue Jahr des Schweins
Wenn ich es schaffe, gibt es hier übrigens auch noch Updates, und zwar aus den bisher unveröffentlichten Reisetagebuchnotizen.
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Sonntag, 8. März 2009
Samstag, 7. März 2009
Der unvergleichliche Wat - Teil 1
Am vergangenen Mittwoch hat mir jemand gesagt, das graue, truebe, nasskalte da draussen (nennt sich das Wetter?) solle jetzt "nur" noch 12 Tage andauern. Was, noch fast zwei Wochen?! Wie soll ich mich denn da bei Laune halten? Schliesslich ist doch dieser Text, der jetzt gleich kommt, der dritte und letzte von den mitgebrachten literarischen Andenken an Angkor Wat, die seltsamerweise alle irgendwie mit Sonne, Licht, Farben und zum Teil auch Waerme zu tun haben und in meinem Kopf schoene Bilder "anklicken" und Erinnerungen an heisse Wintertage in Kambodscha. - Immerhin, ich muss es zugeben, habe ich heute am lichtgrauen Himmel eine Art grauweissen Fleck mit sehr unscharfen Raendern gesehen, und es hat nicht geregnet. Das andere Bild des Tages war der sehr frische Fischkopf im Supermarkt, der noch die Kiemen heftig oeffnete und schloss und wohl vergeblich zu atmen versuchte. Etwas makaber - deshalb will ich mich rasch von der ohnehin mit reichlich Eis allzu kalten Fischabteilung ab- und dem grossartigen Komplex von Angkor Wat zuwenden.
"Keiner, der je vom inneren Dammweg aus gesehen hat, wie die truebe graue Masse des riesigen Tempels nach und nach Gestalt annimmt und sich aus der Dunkelheit loest, wird diesen Anblick wohl so leicht vergessen. Lange nachdem all die anderen Sterne schon verschwunden sind, scheint der Morgenstern, immer schwaecher werdend, so lange, bis auch er im staerker werdenden Licht erstirbt. Unbestimmte Gestalten bewegen sich gespenstergleich durch die farblose Szenerie; sie nehmen diesen Weg zum Dorf, um einem der Tempelgoetter eine Blume oder eine Kerze darzubringen, alles in aeusserster Stille, die nur von dem gelegentlichen Klacken unterbrochen wird, das entsteht, wenn die Bambus-Wasserbehaelter zusammenschlagen, die an jemandes Tragstange hin und her schwingen.
Die Sonne scheint sich beim Aufgehen Zeit zu lassen. Aber schliesslich schickt sie in einer ersten morgendlichen Liebkosung langsam einen langen blassen Strahl, um die praechtigen Tuerme zu wecken, so, wie sie es Tausende Mal gemacht hat, seit die Tuerme zum ersten Mal ihrem entzueckten Blick enthuellt wurden. Und doch scheint dieser Strahl jeden Morgen mit derselben anbetenden Beruehrung auf ihnen zu verweilen, denn Angkor Wat ist ein Gebieter, dessen selbst meine Herrin, die Sonne, niemals muede werden kann.
Die Morgendaemmerung am Wat ist exquisit, der Sonnenuntergang aber ist spektakulaer. Im Zentrum seiner farbenpraechtigen Verwandlung scheint der enorme Steinhaufen ueberwaeltigend nah und doch maerchenhaft unwirklicher denn je. Die Wandreliefs in der aeusseren westlichen Galerie sind orange-rote, von lila Schatten gerahmte Bildplatten, abgeriegelt von der endlosen gleichfoermigen Reihe quadratischer Pfeiler, die weissgluehend in der Sonne liegen, und die Details der Reliefs, die an den Stellen, an denen die Haende ganzer Pilgergenerationen sie andaechtig beruehrt haben, wie poliertes Kupfer und Messing glaenzen, zeichnen sich in den suchenden Strahlen so scharf ab, dass Sie aus mehr als hundert Yards Entfernung noch die Details der Pferde und Streitwagen und Kaempfer aus den epischen Schlachten lang vergangener Zeiten ausmachen koennen. Das geschwungene, ueberhaengende Dach der Galerie erscheint in einem warmen, rosigen, lilastichigen Braun, in dem das Muster der verzierten Stein'fliesen' deutlich zu erkennen ist. Doch die zentrale Masse darueber scheint in dieser wunderlichen Beleuchtung zu ganz unmoeglichen Hoehen aufzusteigen, in denen sie alle Soliditaet verloren und die substanzlose Struktur einer Fata Morgana angenommen hat. Die Sonnenglut hat ihre Durchgaenge so gruendlich durchdrungen, dass nur hier und da ein Faden Dunkelheit das aetherische grau-goldene Spitzengewebe durchbricht, welches von den Daechern und Tuermen und mit feingliedrigen Saeulen versehenen Fenstern gebildet wird und das fast wie Wolken unmerklich mit dem gleissenden Dunst des Himmels verschmilzt.
Langsam, unter Ihren Augen, erstirbt der kupfrige Glanz der Reliefs in der Galerie, und die Kampfszenen verschwinden voellig, als ob sie in den Stein versunken waeren. Die Wand, jetzt leer und farblos, scheint sich weiter und weiter zurueckzuziehen, bis sie von der Dunkelheit vollstaendig verschluckt ist, abgeriegelt von duesternen grauen Pfeilern. Das rosa Dach nimmt erst ein kaltes Braun an und wird dann schwarz, waehrend die Sonnenstrahlen es verlassen; das goldene Licht verweilt aber noch auf den oberen Galerien, und waehrend die Sonne weiter sinkt, bahnt es sich seinen Weg immer tiefer unter die Vordaecher und Durchgaenge, bis am Ende jede Spur von Schatten in ihnen verjagt ist. Und so bleibt die Szenerie fuer die allzu kurze Zeit eines Atemzugs unveraendert, waehrend in Ihrem Ruecken der prachtvolle karminrote Sonnenball feurig hinter der aeusseren Fassade untergeht, wo er sich im stillen Wasser des heiligen Beckens spiegelt; ihre Hitze laesst die Sonne zurueck, gespeichert in dem Stein, auf dem Sie sitzen, und von wo aus sie Ihnen nun ein Leuchten mitten ins Herz sendet.
Nach und nach kriechen die flachen Strahlen, deren Licht sich zu Orange vertieft hat, hoeher und hoeher die Tuerme hinauf, wobei sie jede Ebene nur langsam zuruecklassen, als ob es ihnen widerstrebte, 'Gute Nacht' zu sagen. Sie verweilen ein oder zwei Augenblicke lang auf dem obersten von ihnen; die Spitze des hoechsten zentralen Punktes ueber dem Heiligtum flammt eine letzte Sekunde lang auf wie der Strahler eines Leuchtturms ... und verlischt ploetzlich ... Und dann nimmt der Mond, dreiviertel voll, den Schauplatz unter seine Obhut und verwandelt ihn im Handumdrehen von Gold in Silber, waehrend der Wat, eben noch erdrueckend nah, eine entfernte, geheimnisvolle Masse geworden ist, aus der alle Form und Farbe gewichen sind und die auf seltsame Weise den Eindruck eines ziemlich verschwommenen Fotos ihrer selbst erweckt."
Uebrigens habe ich den Text, der einem gewissen H. W. Ponder aus der Feder geflossen (und in einem Cambodian Glory betitelten Buch 1936 in London erschienen) ist, nicht geteilt, damit er noch fuer fast zwei Wochen reichen moege - sondern bloss, weil er mehr als doppelt so lang wie die beiden anderen ist.
"Keiner, der je vom inneren Dammweg aus gesehen hat, wie die truebe graue Masse des riesigen Tempels nach und nach Gestalt annimmt und sich aus der Dunkelheit loest, wird diesen Anblick wohl so leicht vergessen. Lange nachdem all die anderen Sterne schon verschwunden sind, scheint der Morgenstern, immer schwaecher werdend, so lange, bis auch er im staerker werdenden Licht erstirbt. Unbestimmte Gestalten bewegen sich gespenstergleich durch die farblose Szenerie; sie nehmen diesen Weg zum Dorf, um einem der Tempelgoetter eine Blume oder eine Kerze darzubringen, alles in aeusserster Stille, die nur von dem gelegentlichen Klacken unterbrochen wird, das entsteht, wenn die Bambus-Wasserbehaelter zusammenschlagen, die an jemandes Tragstange hin und her schwingen.
Die Sonne scheint sich beim Aufgehen Zeit zu lassen. Aber schliesslich schickt sie in einer ersten morgendlichen Liebkosung langsam einen langen blassen Strahl, um die praechtigen Tuerme zu wecken, so, wie sie es Tausende Mal gemacht hat, seit die Tuerme zum ersten Mal ihrem entzueckten Blick enthuellt wurden. Und doch scheint dieser Strahl jeden Morgen mit derselben anbetenden Beruehrung auf ihnen zu verweilen, denn Angkor Wat ist ein Gebieter, dessen selbst meine Herrin, die Sonne, niemals muede werden kann.
Die Morgendaemmerung am Wat ist exquisit, der Sonnenuntergang aber ist spektakulaer. Im Zentrum seiner farbenpraechtigen Verwandlung scheint der enorme Steinhaufen ueberwaeltigend nah und doch maerchenhaft unwirklicher denn je. Die Wandreliefs in der aeusseren westlichen Galerie sind orange-rote, von lila Schatten gerahmte Bildplatten, abgeriegelt von der endlosen gleichfoermigen Reihe quadratischer Pfeiler, die weissgluehend in der Sonne liegen, und die Details der Reliefs, die an den Stellen, an denen die Haende ganzer Pilgergenerationen sie andaechtig beruehrt haben, wie poliertes Kupfer und Messing glaenzen, zeichnen sich in den suchenden Strahlen so scharf ab, dass Sie aus mehr als hundert Yards Entfernung noch die Details der Pferde und Streitwagen und Kaempfer aus den epischen Schlachten lang vergangener Zeiten ausmachen koennen. Das geschwungene, ueberhaengende Dach der Galerie erscheint in einem warmen, rosigen, lilastichigen Braun, in dem das Muster der verzierten Stein'fliesen' deutlich zu erkennen ist. Doch die zentrale Masse darueber scheint in dieser wunderlichen Beleuchtung zu ganz unmoeglichen Hoehen aufzusteigen, in denen sie alle Soliditaet verloren und die substanzlose Struktur einer Fata Morgana angenommen hat. Die Sonnenglut hat ihre Durchgaenge so gruendlich durchdrungen, dass nur hier und da ein Faden Dunkelheit das aetherische grau-goldene Spitzengewebe durchbricht, welches von den Daechern und Tuermen und mit feingliedrigen Saeulen versehenen Fenstern gebildet wird und das fast wie Wolken unmerklich mit dem gleissenden Dunst des Himmels verschmilzt.
Langsam, unter Ihren Augen, erstirbt der kupfrige Glanz der Reliefs in der Galerie, und die Kampfszenen verschwinden voellig, als ob sie in den Stein versunken waeren. Die Wand, jetzt leer und farblos, scheint sich weiter und weiter zurueckzuziehen, bis sie von der Dunkelheit vollstaendig verschluckt ist, abgeriegelt von duesternen grauen Pfeilern. Das rosa Dach nimmt erst ein kaltes Braun an und wird dann schwarz, waehrend die Sonnenstrahlen es verlassen; das goldene Licht verweilt aber noch auf den oberen Galerien, und waehrend die Sonne weiter sinkt, bahnt es sich seinen Weg immer tiefer unter die Vordaecher und Durchgaenge, bis am Ende jede Spur von Schatten in ihnen verjagt ist. Und so bleibt die Szenerie fuer die allzu kurze Zeit eines Atemzugs unveraendert, waehrend in Ihrem Ruecken der prachtvolle karminrote Sonnenball feurig hinter der aeusseren Fassade untergeht, wo er sich im stillen Wasser des heiligen Beckens spiegelt; ihre Hitze laesst die Sonne zurueck, gespeichert in dem Stein, auf dem Sie sitzen, und von wo aus sie Ihnen nun ein Leuchten mitten ins Herz sendet.
Nach und nach kriechen die flachen Strahlen, deren Licht sich zu Orange vertieft hat, hoeher und hoeher die Tuerme hinauf, wobei sie jede Ebene nur langsam zuruecklassen, als ob es ihnen widerstrebte, 'Gute Nacht' zu sagen. Sie verweilen ein oder zwei Augenblicke lang auf dem obersten von ihnen; die Spitze des hoechsten zentralen Punktes ueber dem Heiligtum flammt eine letzte Sekunde lang auf wie der Strahler eines Leuchtturms ... und verlischt ploetzlich ... Und dann nimmt der Mond, dreiviertel voll, den Schauplatz unter seine Obhut und verwandelt ihn im Handumdrehen von Gold in Silber, waehrend der Wat, eben noch erdrueckend nah, eine entfernte, geheimnisvolle Masse geworden ist, aus der alle Form und Farbe gewichen sind und die auf seltsame Weise den Eindruck eines ziemlich verschwommenen Fotos ihrer selbst erweckt."
Uebrigens habe ich den Text, der einem gewissen H. W. Ponder aus der Feder geflossen (und in einem Cambodian Glory betitelten Buch 1936 in London erschienen) ist, nicht geteilt, damit er noch fuer fast zwei Wochen reichen moege - sondern bloss, weil er mehr als doppelt so lang wie die beiden anderen ist.
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Freitag, 6. März 2009
Chinesische Reiseplanung
Wenn man gegen Mittag abfaehrt und die Fahrt 18 Stunden dauert, ist man nach Adam Riese am naechsten Morgen gegen 6 Uhr am Ziel. Aber Lisi Ahda, wie der Name vermutlich auf Chinesisch heissen wuerde, hat's nicht so mit dem Kalkulieren, scheint's. Burkhard berichtete heute telefonisch, sie seien schon nach vierzehneinhalb Stunden angekommen. Im Schlafwagen, der zum Schlafen wohl relativ komfortabler war als zum Herumsitzen am Tage ... Und daher haetten sie also gegen 3 Uhr nachts das Hotel erreicht. Aber warum vorher buchen? Damit genau das nicht passiert, was nun passierte: Keine Zimmer frei. So dass die beiden dann mitten in der Nacht noch herumsuchen mussten. Aber sonst war wohl alles noch in Ordnung.
Mittwoch, 4. März 2009
Nach Chenzhou - oder: die Gestensammlung
So, nach einer Woche peniblen Einpackens (wie kann ich ca. zweieinhalbtausend Dinge in einem gar nicht sehr grossen Rucksack verstauen?) ist jetzt fast alles fertig gepackt, und Burkhard bereit fuer seine 18stuendige Bahnfahrt (viel Vergnuegen!) von Shanghai nach Chenzhou. Das liegt, grob betrachtet, im Suedosten, und zwar nicht sehr weit vom Dreilaender-aeh-provinzeneck aus Hunan, Jiangxi und Guangdong entfernt. Als Langnase sind einem diese vermutlich meistenteils unbekannt, am ehesten hat man vielleicht schon mal von Guangdong gehoert, und sei es in der deutschen Form Kanton. Die Hauptstadt der Provinz rund ums Perlflussdelta ist Guangzhou, und vor der Kueste liegt Hong Kong. Aber das ist dann alles immer noch ziemlich weit weg - das Ziel der Reise ist, wie gesagt, Chenzhou.
Anlaesslich der "Verstauungsdiskussionen" habe ich von Burkhard wieder eine neue Geste fuer meine Gestensammlung bekommen. Wo will er das Geld und die Bankkarte udglm. aufbewahren? Im (streich-mit-der-flachen-Hand-von-oben-nach-unten-ueber-das-Brustbein) Brustbeutel. Eine der Gesten aus der Kategorie "ohne haette ich gar nicht gewusst, was du meinst" ... ;-))
Leider habe ich noch keine richtige Verstaumoeglichkeit fuer die gesammelten Gesten und weiss nicht mehr genau, welche Stuecke ich noch in der Sammlung habe. Aber jetzt habe ich ja einen Blog, der koennte sich zum Sammeln eignen. Ein weiteres Prachtexemplar ist sicher die (Ellbogen angewinkelt, Hand auf Huefthoehe und nach oben geoeffnet: schliess-die-Hand-fast-und-beweg-den-Ellbogen-ein-Stueck-nach-hinten) Schublade. Kommt von Leuten, die Schubladen mit einer nach unten offenen Griffrille haben.
Anlaesslich der "Verstauungsdiskussionen" habe ich von Burkhard wieder eine neue Geste fuer meine Gestensammlung bekommen. Wo will er das Geld und die Bankkarte udglm. aufbewahren? Im (streich-mit-der-flachen-Hand-von-oben-nach-unten-ueber-das-Brustbein) Brustbeutel. Eine der Gesten aus der Kategorie "ohne haette ich gar nicht gewusst, was du meinst" ... ;-))
Leider habe ich noch keine richtige Verstaumoeglichkeit fuer die gesammelten Gesten und weiss nicht mehr genau, welche Stuecke ich noch in der Sammlung habe. Aber jetzt habe ich ja einen Blog, der koennte sich zum Sammeln eignen. Ein weiteres Prachtexemplar ist sicher die (Ellbogen angewinkelt, Hand auf Huefthoehe und nach oben geoeffnet: schliess-die-Hand-fast-und-beweg-den-Ellbogen-ein-Stueck-nach-hinten) Schublade. Kommt von Leuten, die Schubladen mit einer nach unten offenen Griffrille haben.
Dienstag, 3. März 2009
Sonnenaufgang in Angkor
"Sonnenaufgang ueber Angkor Wat ... ein Hauch von Farbe auf der allerhoechsten Turmspitze, dann ein Lichtschein, der die Tuerme umreisst. Die Silhouette der Pyramide gegen einen Himmel, der in diesem kurzen Moment des Tages kalt und flach wie ein Silberblech ist ... Sonnenaufgang ueber Angkor - ein staendig wiederholtes Wunder ... Vor zwei Stunden hatte es noch so ausgesehen, als ob die Sonne hier niemals wieder aufgehen wuerde.
Jemand bewegt sich im Dunst, der aus den Graeben aufsteigt ... Yin ... Er hat die Nacht wie immer verbracht, schlafend am Rad seines Autos. Jetzt geht er ueber den Steindamm wie ein Nachtwandler, wie einer, der von Maechten zu einem heiligen Ritus getrieben wird, die er nicht kontrollieren kann.
Er ist eine unwirkliche Figur im grauen Sarong des Nebels ... das Gespenst einer grossen Trauer ... ein kambodschanischer Marius vor den Ruinen eines Karthago des Khmer-Volks. Und in der Zauberei der Morgendaemmerung ueberschaut er das Gestern, das Gewesene von sechs Jahrhunderten. Die fahlen kleinen Geister regen sich wieder, sie marschieren von der Zikkurat herunter, wohl auf dem Rueckweg zu den Aschewolken, aus denen sie gekommen sind ... die Koenige und ihre Elefanten, die Taenzerinnen und Konkubinen, die in Brokat gekleideten Priester und die halbnackten Angehoerigen des einfachen Volkes.
Ganze Horden von ihnen gleiten ueber die Dammstrasse - es ist ein Gedraenge, das bei aller Fuelle kein Licht schluckt, ein Gedraenge, von dem kein Geraeusch ausgeht. Die Strasse ist voll von ihnen - es sind nicht die Geister eines Tages, sondern die Geister der Jahrhunderte, in denen Maenner, Frauen und Krieger diesen Weg beschritten haben. Sie eilen vorbei - zu Shivas Tuermen in der Stadtmauer von Angkor Thom, nach Sueden auf die weite Ebene, auf der, einer unbestaetigten Theorie zufolge, das nationale Leben des Khmer-Volkes vergossen wurde.
Jetzt hat die Sonne die Altarfeuer angezuendet, und die Turmspitzen glosen. Aber im naechsten Augenblick werden diese Flammen geloescht werden, und Angkor Wat wird dastehen, wie es schon immer am fruehen Morgen dagestanden hat, eine schwarze Masse mit fliessenden lichten Schatten hinter dem Gitterwerk seiner Umgaenge. Zu der Zeit werden die Phantome sich bereits dorthin zurueckgezogen haben, wo tagsueber ihr Reich ist, und die langen Hallen werden wieder einmal in ihre raetselhafte Einsamkeit versunken sein.
Was ist mit all diesen Menschen geschehen?
Sechzig Jahre Studium und Forschung koennen bislang keine zufriedenstellende Antwort geben."
Dieser Text, eine weitere Gute-Nacht-Geschichte aus Siem Reap, stammt von Robert J. Casey, aus seinem Buch Four Faces of Siva: the Detective Story of a Vanished Race, Indianapolis, 1929. Waehrend ich mich hier so mit der Uebersetzung herumschlage, stelle ich fest, dass das Uebersetzerhandwerk eines der besonders frustreichen sein muss. Wie weit darf man sich in der Satzstruktur vom Original entfernen? Wie weit muss man sich entfernen? Welches Wort aus einer Bedeutungsgruppe trifft die Atmosphaere des Originals am besten? Alles unter der Annahme, man verstehe das Original restlos und erfasse seine Atmosphaere korrekt ... na, da bleib' ich ja als brave Schusterfrau lieber bei meinen eigenen Leisten, selbst wenn die auch schon mal zum Frust gereichen koennen. Ich halte mich auch nicht fuer entscheidungsschwach, aber die schiere Anzahl der Entscheidungen, die beim Uebersetzen jedes einzelnen Halb-, ja Viertelsatzes zu treffen sind, ist schon beeindruckend.
Jemand bewegt sich im Dunst, der aus den Graeben aufsteigt ... Yin ... Er hat die Nacht wie immer verbracht, schlafend am Rad seines Autos. Jetzt geht er ueber den Steindamm wie ein Nachtwandler, wie einer, der von Maechten zu einem heiligen Ritus getrieben wird, die er nicht kontrollieren kann.
Er ist eine unwirkliche Figur im grauen Sarong des Nebels ... das Gespenst einer grossen Trauer ... ein kambodschanischer Marius vor den Ruinen eines Karthago des Khmer-Volks. Und in der Zauberei der Morgendaemmerung ueberschaut er das Gestern, das Gewesene von sechs Jahrhunderten. Die fahlen kleinen Geister regen sich wieder, sie marschieren von der Zikkurat herunter, wohl auf dem Rueckweg zu den Aschewolken, aus denen sie gekommen sind ... die Koenige und ihre Elefanten, die Taenzerinnen und Konkubinen, die in Brokat gekleideten Priester und die halbnackten Angehoerigen des einfachen Volkes.
Ganze Horden von ihnen gleiten ueber die Dammstrasse - es ist ein Gedraenge, das bei aller Fuelle kein Licht schluckt, ein Gedraenge, von dem kein Geraeusch ausgeht. Die Strasse ist voll von ihnen - es sind nicht die Geister eines Tages, sondern die Geister der Jahrhunderte, in denen Maenner, Frauen und Krieger diesen Weg beschritten haben. Sie eilen vorbei - zu Shivas Tuermen in der Stadtmauer von Angkor Thom, nach Sueden auf die weite Ebene, auf der, einer unbestaetigten Theorie zufolge, das nationale Leben des Khmer-Volkes vergossen wurde.
Jetzt hat die Sonne die Altarfeuer angezuendet, und die Turmspitzen glosen. Aber im naechsten Augenblick werden diese Flammen geloescht werden, und Angkor Wat wird dastehen, wie es schon immer am fruehen Morgen dagestanden hat, eine schwarze Masse mit fliessenden lichten Schatten hinter dem Gitterwerk seiner Umgaenge. Zu der Zeit werden die Phantome sich bereits dorthin zurueckgezogen haben, wo tagsueber ihr Reich ist, und die langen Hallen werden wieder einmal in ihre raetselhafte Einsamkeit versunken sein.
Was ist mit all diesen Menschen geschehen?
Sechzig Jahre Studium und Forschung koennen bislang keine zufriedenstellende Antwort geben."
Dieser Text, eine weitere Gute-Nacht-Geschichte aus Siem Reap, stammt von Robert J. Casey, aus seinem Buch Four Faces of Siva: the Detective Story of a Vanished Race, Indianapolis, 1929. Waehrend ich mich hier so mit der Uebersetzung herumschlage, stelle ich fest, dass das Uebersetzerhandwerk eines der besonders frustreichen sein muss. Wie weit darf man sich in der Satzstruktur vom Original entfernen? Wie weit muss man sich entfernen? Welches Wort aus einer Bedeutungsgruppe trifft die Atmosphaere des Originals am besten? Alles unter der Annahme, man verstehe das Original restlos und erfasse seine Atmosphaere korrekt ... na, da bleib' ich ja als brave Schusterfrau lieber bei meinen eigenen Leisten, selbst wenn die auch schon mal zum Frust gereichen koennen. Ich halte mich auch nicht fuer entscheidungsschwach, aber die schiere Anzahl der Entscheidungen, die beim Uebersetzen jedes einzelnen Halb-, ja Viertelsatzes zu treffen sind, ist schon beeindruckend.
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Montag, 2. März 2009
Escrita do Sudoeste
Sieht ganz so aus, als ob ich zufaellig Portugalwochen haette. Ich hab' ja mal gehoert, dass es da an der Algarve und anderswo auch schoenes Wetter geben soll, mit Sonnenschein und blauem Himmel ... schmacht ... sich verzehr ... Und die Protagonistin des "Concise Chinese-English Dictionary for Lovers" machte zwei sehr richtige Bemerkungen in und ueber Portugal: erstens "Die haben hier eine richtige Sonne in ihrem Himmel, nicht wie in England. Englische Sonne ist eine unechte Sonne, eine Literatursonne" und zweitens "Ich frage mich, ob die Traurigkeit in einem Menschen manchmal bloss von einem Mangel an Sonnenlicht kommt."
Und heute steht doch ein grosser Artikel in der Shanghai Daily, den diese wiederum nur einfach von Associated Press uebernommen hat, in dem es um die "Schrift des Suedwestens" geht. Ein bisschen was dazu (auf Deutsch) habe ich in einem anderen Blog gefunden, wo es natuerlich - ganz wie bei mir - nach dem Prinzip "alle Angaben ohne Gewaehr" zugeht. Und wenn man dann ein bisschen lossurft, stoesst man auf ein Portal fuer das "Southwest Script", in dem unter anderem die Buchstaben der besagten Schrift fein saeuberlich aufgelistet sind. Mich erinnern die ja eher an Runen als an Hieroglyphen, aber das werden die Sprach- bzw. Schriftwissenschaftler wohl besser wissen als ich. Zwar wissen sie offenbar besser als ich, aber auch "nix Genaues", denn die Escrita do Sudoeste verhaelt sich zu den "Schriftgelehrten" wie Chinesisch zu mir. Wird doch in dem AP-Artikel einer von ihnen so schoen wie folgt zitiert: "Wir koennen Buchstaben lesen und die 'Phonetik in Aktion' sehen ... aber wenn wir versuchen zu verstehen, was sie bedeuten, haben wir eine Menge Probleme." So isses!
Und heute steht doch ein grosser Artikel in der Shanghai Daily, den diese wiederum nur einfach von Associated Press uebernommen hat, in dem es um die "Schrift des Suedwestens" geht. Ein bisschen was dazu (auf Deutsch) habe ich in einem anderen Blog gefunden, wo es natuerlich - ganz wie bei mir - nach dem Prinzip "alle Angaben ohne Gewaehr" zugeht. Und wenn man dann ein bisschen lossurft, stoesst man auf ein Portal fuer das "Southwest Script", in dem unter anderem die Buchstaben der besagten Schrift fein saeuberlich aufgelistet sind. Mich erinnern die ja eher an Runen als an Hieroglyphen, aber das werden die Sprach- bzw. Schriftwissenschaftler wohl besser wissen als ich. Zwar wissen sie offenbar besser als ich, aber auch "nix Genaues", denn die Escrita do Sudoeste verhaelt sich zu den "Schriftgelehrten" wie Chinesisch zu mir. Wird doch in dem AP-Artikel einer von ihnen so schoen wie folgt zitiert: "Wir koennen Buchstaben lesen und die 'Phonetik in Aktion' sehen ... aber wenn wir versuchen zu verstehen, was sie bedeuten, haben wir eine Menge Probleme." So isses!
Sonntag, 1. März 2009
In der Nachmittagssonne
Was ich schon lange mal machen wollte ... damals, vor ungefaehr 100 Jahren, als wir ueber Weihnachten in Angkor Wat waren und uns dort im Raffles Grand Hotel d'Angkor eingemietet hatten, lag abends meist eine Gute-Nacht-Geschichte auf dem Bett, und zwar sinnigerweise jeweils ein Textstueck ueber - na was wohl - Angkor Wat. Auf Englisch, versteht sich. Und da der Titel einer dieser Geschichten etwas beschwoert, das mir heute und in den letzten Tagen dringend fehlt, will ich heute mal eine Uebersetzung davon anfertigen.
"Sie sollten den grossartigen Tempel nicht am Morgen besuchen, denn dann zeichnet er sich nur als dunkle Silhouette gegen den weissen Himmel ab; er verliert seine Pracht und den Reichtum seiner verschiedenen Ebenen. Wir muessen den Nachmittag waehlen, wenn wir die Sonne im Ruecken haben und sie uns folgt, wenn wir nach Osten gehen. Jede halbe Stunde wirft sie neue Lichter und Schatten auf ihn, bis zur Apotheose des Sonnenuntergangs. Diese Effekte sind so fesselnd und so voller Harmonie, dass man geneigt ist zu glauben, der Architekt habe sie selbst so konzipiert, er habe sie so vorhergesehen und Nutzen aus ihnen gezogen. Waehrend die beruehmtesten Heiligtuemer der Welt ihren Prunk gen Osten entfalten, einer kalten und blassen Morgensonne entgegen, bietet dieser aussergewoehnliche und einzigartige Khmer-Tempel seine fliessenden Schoenheiten dem roten Abendhimmel dar. So ist durch die Jahrhunderte hindurch das kambodschanische Zwielicht symbolisch mit der Abenddaemmerung verbunden.
Waehrend wir auf diesen herrlichen Hoehepunkt warten, einen der allerschoensten Anblicke, den der Mensch auf der Erde im Laufe seines kurzen Lebens zu sehen hoffen darf, wollen wir uns der gluehenden Zwei-Uhr-Sonne zuwenden. Lassen Sie uns die Ringgraeben ueberqueren, in denen das Wasser Jahr fuer Jahr weiter wegtrocknet, waehrend man vor kaum zehn Jahren noch darauf Boot fahren konnte. Die Pflastersteine des Strassendamms wollen unsere Fuesse schier versengen. Eine Naga-Balustrade bildet die Begrenzung. In der Mitte fuehren zwei Treppenfluchten zum Wasser hinunter. An der Westfront schafft die erste Einfriedung, deren drei uebrige Seiten von massiven Lateritwaenden gebildet werden, Raum fuer eine Galerie, die auf einer Mauer und Pfeilern ruht und auf der Aussenseite von einer Halbgalerie flankiert wird. In der Mitte liegt der grossartige Tempeleingang mit seinem dreifachen Tor, das von drei Tuermen ueberragt wird, denen mittlerweile die Spitzen fehlen. Im Norden und Sueden endet die Galerie in je einem weiteren Tor unter Kreuzgewoelben und ganz ohne Stufen, denn diese sind als Durchlass fuer Elefanten und Wagen gedacht.
Waehrend unsere Schritte im Schatten dieses maechtigen Eingangs widerhallen, entdecken wir das Werk der planmaessig vorgehenden Khmer und erkennen auch den steuernden Willen eines genialen Architekten. Wieder sehen wir die Bodensteine, das auskragende Gewoelbe, die soliden Pfeiler, die lotusblattgeschmueckten Kapitelle, die wir schon hundertemal gesehen haben. Der Plan des Torwegs ist unveraendert, und die Tuerme sind wie alle anderen. Die grundlegenden Proportionen sind die, die wir ueberall sonst auch antreffen, und wenn wir gruendlich danach suchen, werden wir ein paar kindische Konstruktionsfehler entdecken, die wir schon an frueheren Schreinen bemerkt hatten. Aber die Waende sind aufs Herrlichste bearbeitet, das ganze Ausmass ist gewachsen: die Proportionen der Eingaenge sind fast verdoppelt. Zum ersten Mal, seit wir uns im alten Kambodscha und seiner Hauptstadt bewegen, begegnen wir echten Architekten. Das fuehlen wir besonders dann, wenn wir auf der Ostseite des zentralen Eingangs stehen und zweihundert Yard entfernt, unter dem gluehenden Himmel, die ganze Tempelanlage gegen den Horizont vor uns liegen sehen. Die Architekten von Angkor Thom, wie sie uns an jedem seiner grossartigen Stadttore erwarteten, rufen 'Ich bin Leben, ich bin Kultur, ich bin Reichtum'. Aber sobald wir den Fuss in den Tempel von Angkor Wat setzen, hoeren wir seinen Schoepfergeist uns 'Ich bin Ordnung und Vernunft' entgegenrufen."
Der Text ist dem Buch Angkor von George Groslier entnommen, das 1933 in Paris veroeffentlicht wurde. Der Autor war Direktor der Kambodschanischen Kuenste und Kurator des Kambodschanischen Museums. Er wurde in Phnom Penh geboren und in Frankreich erzogen. Die englische Version des Textes gibt's auch hier.
"Sie sollten den grossartigen Tempel nicht am Morgen besuchen, denn dann zeichnet er sich nur als dunkle Silhouette gegen den weissen Himmel ab; er verliert seine Pracht und den Reichtum seiner verschiedenen Ebenen. Wir muessen den Nachmittag waehlen, wenn wir die Sonne im Ruecken haben und sie uns folgt, wenn wir nach Osten gehen. Jede halbe Stunde wirft sie neue Lichter und Schatten auf ihn, bis zur Apotheose des Sonnenuntergangs. Diese Effekte sind so fesselnd und so voller Harmonie, dass man geneigt ist zu glauben, der Architekt habe sie selbst so konzipiert, er habe sie so vorhergesehen und Nutzen aus ihnen gezogen. Waehrend die beruehmtesten Heiligtuemer der Welt ihren Prunk gen Osten entfalten, einer kalten und blassen Morgensonne entgegen, bietet dieser aussergewoehnliche und einzigartige Khmer-Tempel seine fliessenden Schoenheiten dem roten Abendhimmel dar. So ist durch die Jahrhunderte hindurch das kambodschanische Zwielicht symbolisch mit der Abenddaemmerung verbunden.
Waehrend wir auf diesen herrlichen Hoehepunkt warten, einen der allerschoensten Anblicke, den der Mensch auf der Erde im Laufe seines kurzen Lebens zu sehen hoffen darf, wollen wir uns der gluehenden Zwei-Uhr-Sonne zuwenden. Lassen Sie uns die Ringgraeben ueberqueren, in denen das Wasser Jahr fuer Jahr weiter wegtrocknet, waehrend man vor kaum zehn Jahren noch darauf Boot fahren konnte. Die Pflastersteine des Strassendamms wollen unsere Fuesse schier versengen. Eine Naga-Balustrade bildet die Begrenzung. In der Mitte fuehren zwei Treppenfluchten zum Wasser hinunter. An der Westfront schafft die erste Einfriedung, deren drei uebrige Seiten von massiven Lateritwaenden gebildet werden, Raum fuer eine Galerie, die auf einer Mauer und Pfeilern ruht und auf der Aussenseite von einer Halbgalerie flankiert wird. In der Mitte liegt der grossartige Tempeleingang mit seinem dreifachen Tor, das von drei Tuermen ueberragt wird, denen mittlerweile die Spitzen fehlen. Im Norden und Sueden endet die Galerie in je einem weiteren Tor unter Kreuzgewoelben und ganz ohne Stufen, denn diese sind als Durchlass fuer Elefanten und Wagen gedacht.
Waehrend unsere Schritte im Schatten dieses maechtigen Eingangs widerhallen, entdecken wir das Werk der planmaessig vorgehenden Khmer und erkennen auch den steuernden Willen eines genialen Architekten. Wieder sehen wir die Bodensteine, das auskragende Gewoelbe, die soliden Pfeiler, die lotusblattgeschmueckten Kapitelle, die wir schon hundertemal gesehen haben. Der Plan des Torwegs ist unveraendert, und die Tuerme sind wie alle anderen. Die grundlegenden Proportionen sind die, die wir ueberall sonst auch antreffen, und wenn wir gruendlich danach suchen, werden wir ein paar kindische Konstruktionsfehler entdecken, die wir schon an frueheren Schreinen bemerkt hatten. Aber die Waende sind aufs Herrlichste bearbeitet, das ganze Ausmass ist gewachsen: die Proportionen der Eingaenge sind fast verdoppelt. Zum ersten Mal, seit wir uns im alten Kambodscha und seiner Hauptstadt bewegen, begegnen wir echten Architekten. Das fuehlen wir besonders dann, wenn wir auf der Ostseite des zentralen Eingangs stehen und zweihundert Yard entfernt, unter dem gluehenden Himmel, die ganze Tempelanlage gegen den Horizont vor uns liegen sehen. Die Architekten von Angkor Thom, wie sie uns an jedem seiner grossartigen Stadttore erwarteten, rufen 'Ich bin Leben, ich bin Kultur, ich bin Reichtum'. Aber sobald wir den Fuss in den Tempel von Angkor Wat setzen, hoeren wir seinen Schoepfergeist uns 'Ich bin Ordnung und Vernunft' entgegenrufen."
Der Text ist dem Buch Angkor von George Groslier entnommen, das 1933 in Paris veroeffentlicht wurde. Der Autor war Direktor der Kambodschanischen Kuenste und Kurator des Kambodschanischen Museums. Er wurde in Phnom Penh geboren und in Frankreich erzogen. Die englische Version des Textes gibt's auch hier.
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